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Jüdisch-liberale Zeitung · 1934-07-06 · 54 (6.7.1934) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
14 (1934)
Issue
54 (6.7.1934)
Date
1934-07-06
Page
– (sequence 2)
Language
German
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abgelehnt hätten, sie wünschten nicht die Stellung als Minderheit, sie suchten vielmehr und fänden auch den vollen Anschluß an das deutsche Volk. ^Was ist nun das objektiv gültige Kennzeichen einer „Minderheit“ im Sinne der modernen Schutzverträge? ' - Man spricht in den Verträgen von „minorites de religion, de race ou de langue“, auch von „minorites ethniques“, und das „Deutsch-polnische Abkommen über Oberschlesien“ vom 15. Mai 1922 schützt „alle Einwohner ohne Unterschied der Geburt, der Staatszugehörigkeit, der Sprache, des Volkstums und der Religion“. .. . Einigermaßen klar ist von allen diesen Begriffen eigentlich nur der der Religion. „Rasse“, „Sprache“ und auch „Volkstum“ sind in den Grenzgebieten — und um solche handelt es sich ja vorwiegend bei dem -Schutz der Minderheiten — nicht objektiv gültige Merkmale der Zugehörigkeitzu einer - „nationalen Minderheit“.’ Es sei darauf hingewiesen, daß sich im obcrschlesischen Abstimmungsgebiet beim Plebiszit des' Jahres 1921 die’jüdische Bevölkerung zu hundert Prozent für Deutschland entschied und große Opfer an Gut und Blut für ihr deutsches Vaterland brachte. Aber auch die polnisch sprechende und sich teilweise sogar als „polnisch“ bezeichnende Einwohnerschaft Oberschlesiens hat zu einem sehr erheblichen Teile Deutschland die Stimme gegeben,' so daß _trotz der gewaltigen, mit einem Riesenaufwand dlirchgefüh’rten Propaganda des Polenführers Korfanty damals für Polen nur 4S351-1 Stimmer, abgegeben wurden gegenüber 717 122 Stimmen für Deutschland. ' Jeder deutsche Jude muß die Beitragskarte für Hilfe und Aufbau erwerben! Für das jüdische Kleinkind Die Beitragskartenaktion für „Hilfe und Aufbau“ hat einen außerordentlich starken Widerhall im deutschen Judentum gefunden, aber noch lange ist das Ziel nicht erreicht. Jededeutsche Jude muß im Besitz der Beitragskarte sein. Die Werbung für die Beitragskarte, aus deren. Eingängen alle Gebiete von Hilfe und Aufbau gleichmäßig bedacht werden, steht für jeden Monat unter einem besonderen Motto. Erste Voraussetzung für einen Neuaufbau des deutschen Judentums, der wirklich Hilfe bringen soll, ist die Sicherheit von Gesundheit und ungestörter Entwicklung unserer heranwachsenden Generation. Deshalb steht die Sammlung des Monats Juli unter dem Motto „Für das jüdische-Kleinkind“. Alle Aufgaben, die auf diesem Gebiete schon immer zu lösen waren, sind durch die wirtschaftliche Krise des deutschen Judentums ins Riesige gestiegen. In unzählige jüdische Elternhäuser, die früher ihren Kindern ein sorgloses Heim bieten konnten, ist Kummer und Not eingezogen. Rachitis und Tuberkulose sind gerade in den Häusern zu Gast, in denen Kinder ohne ausreichende Ernährung, ohne Luft und Sonne und ohne liebevolle Pflege aufwachsen. Durch ein Netz von Fürsorgestellen wird durch Rat und Hilfe vorbeugende Arbeit geleistet, die wichtiger als andere Therapie ist. Erkrankte Kinder werden ärztlich beraten, ihre Ernährung aufgebessert, Kinderheime mit Sonnengärten und Luftbädern, Kinderlager in gesunder Umgegend — die Vorbedingung für wirkliche Heilung —werden geschaffen. Unzählige Eltern sind izji - Kumpf’ um das tägliche Brot nicht mehr imstande, sich um ihre Kinder betreuend und erziehend zu kümmern, ln Kindertagesheimen verwandeln sich schlecht gekleidete, vernachlässigte Kinder in fröhliche Geschöpfe, die in hellen Räumen fröhlich spielen. Helft, durch Erhaltung aller dieser lebenswichtigen Einrichtungen eine Generation junger, deutscher Juden heranzuziehen, die den Aufgaben, die die Zeit an sie stellen wird, körperlich und seelisch gewachsen sind. Bedenkt, daß jedes jüdische Kleinkind zur großen Familie der deutschen Juden gehört. Die blaue Beitragskärte für Hilfe und Aufbau ist ein Ausdrück des jüdischen Lebens- und Gemeinschaftswillens, der Verantwortung und des Opfers! Das Elternhilfswerk für die jüdische Jugend In einer Mitgliederversammlung des Elternhilfswerks für die jüdische -Jugend wurde über das bisherige Wirken dieser Organisation Bericht erstattet. Die bisherige Tätigkeit hat sich auf praktische Hilfeleistung h’auptsädhlich durcl: Gewährung von Schulgeldbeihilfe an Sdhüler, die an öffentlichen Schulen die FreisChulstellen verloren haben, und an solche, die an jüdische Schulen übergegangen sind, erstreckt Außerdem wurde materielle Hilfe zum Berufsübergang in Handwerk, Landwirtschaft, Hauswirtschaft, Kinderpflege, Wohlfahrtspflege, Volksschullehrerausbildung, Ver- / waltungsdienst und kaufmännische Berufe geleistet. In Schul- . fragen sowie in Fragen der jüdischen und allgemeinen Erziehung wurden mehrere . 100 Eltern sorgfältig beraten. In der Versammlung wurde auch eine Neuwahl der Leitung vorgenommen. Anstelle des scheidenden Dr. Helft wurde Rechtsanwalt Fritz Schwarz zum ersten Vorsitzenden gewählt. Stellvertretender Vorsitzender wurde Direktor Dr. H. Stern. Ferner gehören dem Vorstand an: Direktor Arthur Berger, Studienassessor Heinz Cohn, Frau Clara Freyhan, Frau Margarete Fried, Frau Jettka Levy-Stein. Frau Lilly Midas, Rabbiner Dr. Joachim Prinz, Rechtsanwalt Schäfer, Rabbiner Dr. Swarsensky und Fräulein Erna Zwirnferner Dr. Helft, Frau Hedwig Witkowski und Frau Margarete Moses. Die Ausführungen des scheidenden ersten Vorsitzenden gipfelten in dem Appell an die Eltern, dafür zu sorgen, daß durch eine von tiefstem sittlichen Ernst erfüllte Haltung das volle Vertrauen der Jugend zur Eltern-Generation wieder erstarken könne. Wie wenig Sprache und Abkunft für die Zugehörigkeit zu einer Minderheit im Sinne der Verträge bestimmend sein können, möge schließlich an dem Beispiel des „Memellandes“ gezeigt werden. — Im Memelgebiet wird in vielen Familien litauisch gesprochen; aber als 1921 eine Elternbefragung durchgeführt wurde, haben nicht weniger als 98,2o/o .der Eltern für ihre Kinder deutsche Schulen gewünscht. Hier mögen auch wirtschaftliche Gesichtspunkte mitbestimmend gewesen sein, ln den weitaus meisten Fällen war'aber sicher entscheidend der Wille trotz Abstammung, Volkstum, Sprache dem deutschen Volke selbst und in Kindern und Kiudeskindern verbunden zu bleiben. Der — jederzeit widerrufliche — Wille zur Volksgemeinschaft war bisher in der Tat das entscheidende Merkmal der Zugehörigkeit zu einer Minderheit, die den Staaten dann als schutzbedürftig erscheint, wenn die sich zu ihr Bekennenden in größerer Anzahl vorhanden sind, so in Deutschland die Polen, Dänen und Wenden. - Wie sehr als entscheidend. der Wille angesehen wird, einer Minderheit anzugehören oder nicht anzugehören, ergibt sich auch daraus, daß bei Abtretung von Gebieten an andere Staaten dem Einzelnen durch die Vertrage ein Selhstbestimmungsrecht zugebilligt wird. Er kann für den Heimatstaat „optieren“ und muß, falls er dies tut, das Land innerhalb einer bestimmten Frist verlassen. Tausende deutscher Juden, besonders aus den Ostgebieten — Posen, Westpreußen, Oberschlesien —; haben von diesem Optionsrecht auch Gebrauch gemacht. Sie haben glänzende Praxen und gutgehende Geschäfte aufgegeben und sind um ihres deutschen Vaterlandes willen in das Reich gewandert und..einer ungewissen Zukunft entgegengegangen. Die deutschen Juden in ihrer' erdrückenden Majorität haben nie ihre Konstituierung als „nationale Minderheit“ betrieben. Der polnische Delegierte beim Völkerbund, Graf Raczynsky, hat namens seiner Regierung einen Antrag des Inhalts gestellt, der nächsten Völkerbundsversammlung möge eine Entschließung vorgelegt werden, in der die Ausdehnung des Prinzips des'Minderheitenschutzes auf alle Völkerbundsmitglieder verlangt wird. Eine Annahme der Entschließung würde formell auch Deutschland verpflichten, das trotz seines Austritts aus dem Völkerbund statutgemäß ja noch fast zwei Jahre lang als Mitglied geführt wird. Darüber hinaus würde Rechtsverbindlichkeif für diejenigen Staaten geschaffen werden, die dem Völkerbund erst beitreten oder wieder beitreten. würden wie etwa Sowjet-Rußland. Die deutschen Juden werden sich jedenfalls, gleichgültig, wie man hierzulande oder in Genf über sie entscheidet, stets als Deutsche fühlen. Sie haben in guten wie in bösen Tagen ihrem Vaterlande die Treue gehalten und diese Treue durch Hingabe von Gut und Blut besiegelt. Und wenn man sie als „nationale Minderheit“ konstituieren sollte, so werden sie unter den Minoritäten eben eine eigenartige Stellung einnehmen müssen, die nämlich einer „Minderheit wider Willen“. In stolzer Zurückhaltung gehen Deutschlands Juden ihren Weg, stolz auf ihre jüdische Vergangenheit, stolz aber auch auf ihre und ihrer Väter und Mütter Arbeit für das Land ihrer Geburt und ihrer Liebe. Es wird gemeldet: Im Gebiet von Bern kastei wurden, einer Mitteilung der Frankfurter Zeitung zufolge, Flugblätter verteilt, die sich in schärfsten Worten gegen Einkäufe in jüdischen Geschäften wenden. * Die Nationalsozialistische Schlesische Tageszeitung teilt ■ mit, daß die J ulius-Schottländer-Straße in Breslau, deren Umbenennung vor einiger Zeit gefordert wurde, jetzt den Namen Waldenburger Straße trägt. * Der Sicherheitsdirektor von Wien, Polizeipräsident Dr. Seydel, hat den Kommandanten des Freiwilligen Schutzkorps des Wiener Heimatschutzes, Oberstleutnant Pol- 1 aczek-Wittek , zum Kommandanten des gesamten freiwilligen Schutzkorps ernannt. Pollaczek ist jüdischer Abstammung. , . * Wie aus Istanbul gemeldet wird, sind auf Anordnung der türkischen Militärbehörden Hunderte von Juden aus dem Dardanellengebiet, den Schwarzmeerküsten und Thrazien ausgewiesen worden. Die Ausweisung wird mit dem Plan der Befestigung der Dardanellen und Thraziens in Verbindung gebracht. . Anläßlich der Verteilung von Preisen an Siegergruppen der National Cadet Association im Garten des St. James- Palastes in London überreichte der Prinz von Wales dem 15. Kadettenbataillon des Londoner Regiments der Jewish Lads Brigade seinen eigenen Schild und seine Boxmedaillen, wobei er die Leistungen der jungen Juden im Boxsport rühmend hervorhob. In einer Pressebesprechung erklärte der rumänisch« Ministerpräsident Tatarescu, die Regierung werde stets bestrebt sein, die Interessen <l-er Minderheiten im Rahmen der bestehenden Verträge und internationalen Verpflichtungen zu schützen. Eine politische Richtung wie die der Eisernen Garde, deren Bedeutung im Ausland vielfäEfi überschätzt werde, könne weitere Kreise des rumänischen Volkes nicht erfassen. Nach Meldungen aus Wien nehmen die Bestrebungen, die jüdischen Kinder in den österreichischen Mittelschulen unter ein Sonderregime zu stellen, ihren Fortgang. Man will reinkatholische und sogenannte akatholische .Klassen erricäiten; in letzteren sollen Juden und Protestanten zusammengefaßt werden, wobei einzelnen Protestanten die Möglichkeit eingeräumt werden soll, ihre Kinder in der katholischen Klasse zu belassen. Da die Zahl der Protestanten in Österreich verhältnismäßig gering ist, würden auf diese Weise „J u - d e il k 1 a s s e n“ geschaffen. *. ■ I ’ Ernst Ewald Gebert, früher an der Berliner Staats-,- oper und Funkstunde als Kapellmeister. tätig, wurde vom ■ holländischen Rundfunk zu einer Reifie von Dirigiergastspielen für die nächste Saison verpflichtet. Rassenpolitik in Deutschland und englisches Rassenempfinden Deutsche und Engländer, die sich in mancher Beziehung ihrer „Vettemschaft“ rühmen, stehen sich in ihrer Einstellung zur Rassenfrage scharf gegenüber. Das hat seine besonderen Gründe und liegt — wie in der letzten Ausgabe des Deutschen Ärzteblattes ausgeführt wird — au der Verschiede nartigkeit des Rasseempfind ens beider Völker. Der Engländer — so heißt es in dem ärztlichen Organ — zeigt alles in allem wenig Verständnis für die Rassenpolitik, wie sie in Deutschland unter dem nationalsozialistischen Regime den Juden gegenüber eingeschlagen vvird. Nicht etwa, daß der Engländer jegliches Rassegefühl leugnet oder be-1 denkenlos einer Rassenmischung zustimmt — er versteht anscheinend überhaupt nicht, weihalb in Deutschland „so viel Aufhebens“ von dem Rasseproblem gemacht wird. Zweifellos besitzt der Engländer von Hause_aus ein viel stärkeres Rassegefühl als der Kontinentaleuropäer, der Jahrhunderte lang von allen Seiten durch fremde Rassen bedrängt wurde, deren er sich nicht völlig. erwehren konnte. Und so setzte eine Überfremdung ein, die heute eine Reaktion hervorruft. Die Söhne Albions als Bewohner eines Inselreiches können — schreibt das Ärzteblatt — die Notwendigkeit einer .solchen Reaktion vielleicht nicht verstehen, weil sie fremden Einflüssen niemals so unterlagen. Splendid isolation auch hier! Die deutsche Rassenpolitik richtet sich hauptsächlich gegen die Juden „als die Rassefremden, die uns von Osten her überschwemmt und sich einen Einfluß auf das politische Leben angemaßt hatten, der weit größer war als ihr zahlenmäßiger Anteil am deutschen Volke. Diese Juden trieben aber niemals eine deutsche Politik — im Gegensatz zu England, wo die Juden, unter ihnen zahlreiche Staatsmänner, wirklich nationale, britische Politik machten und vollkommen „anglisiert“ waren“. Das Deutsche Ärzteblatt erinnert in diesem Zusammenhänge an den Juden Lord Reading, der sogar Vizekönig von Indien wurde ... es vergißt leider auf deutscher Seite Männer wie Haber, Ballin, die in ihrem Wirken und Handeln glühende Patrioten waren. Und weiter weist das Ärzteblatt darauf hin, daß die Engländer sich trotz der jüdischen Anglisierung nie. mit den Judengemischt haben — weder gesellschaftlich noCIi biologisch.' Es gibt in London sogar — trotz politischer Gleichstellung — Ghettos für die Juden, allerdings „ohne Ketten“ (Whitechapel). Die „instinktive“ Reserviertheit der Engländer hat den Kontinentaleuropäem gefehlt, und deshalb sind jetzt besondere Methoden notwendig, um das fremde Joch abzusohütteln. Die Verschiedenheit des Gebahrens der Juden ihrem Gaststaate gegenüber verlangt eine Verschiedenheit der Bell an dlungs weise. „Die Rassenpolitik des neuen Deutschland beruht nicht auf einem Haß den Juden gegenüber, nicht auf der Anschauung von der Höherwertigkeit unseres Volkes schlechthin, sondern auf der ’ Erkenntnis der Andersartigkeit, die es weder gestattet, uns mit den Juden zu vermischen, nooh uns von einer Minderheit, die nur ein Prozent beträgt, beherrschen und führen zu lassen.“ Am 9. Juli, abends 8.30 Uhr, findet im Rahmen der fädlschen Studentenseelsorge ein \ gesellige/' Unterhaltungsabend mit musikalischen und ’rezitatörischen Vorträgen, sowie einer Ansprache des iStudentenfabbiners, Dr. M. Wiener, statt. Zu dieser Veranstaltung, im Vo'ftragssaal des Jugendheims der Jüdischen Gemeinde, N 24, Oranienburger Straße 31 pt., sind alle jüdischen Studierenden Berlins eingeladen. Vftoabtt, Xumftr. 42 BEKANNT DURCH QUALITÄTS-WAREN

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