Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 14 (1934)
- Issue
- 46 (8.6.1934)
- Date
- 1934-06-08
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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I der Talmud und dessen Kommentaxe, der Schulchan Aruch und dessen Kommentare, die Werke des Maimonides und deren Kommentare und noch hunderte von theologischen und historischen und philosophischen Schriften — alle wieder mit Kommentaren. Welcher Richter könnte sich durch diese Akten durcharbeiten, alle Beweis- und Gegenbeweisanträge prüfen und ein wahrhaft gerechtes Urteil fällen? Das könnte nur Gott, der aber von allen als Z e u g e angerufen wird und darum'nicht Richter sein will.. . Den echten jüdischen Ring — wer hat ihn? Das Judentum war seit Jahrtausenden eine Religion, die religiöse Pflichten auferlegte: 613 Gebete und Verbote, nicht mehr, und nicht weniger müssen beobachtet werden, um, nach der Meinung der Strenggläubigen, den Besitz des echten Ringes zu erweisen: . wer auch nur eines dieser strengen Gesetze Übertritt, ist nicht „mehr fromm, er hat nicht mehr die wahre Religion. Es gibt jedoch ein Aber^ Rabbi Simlai lehrte: Die Thora enthält 613 Gebote und Verbote: 248 Gebote: „Du sollst!“, den damals angenommenen 248 menschlichen Gliedern entsprechend, und 365 Verbote: „Du sollst nicht!“, entsprechend den 365 Tagen des Jahres. Im Psalm 15 sind alle Vorschriften in nur elf Ermahnungen zusammengefaßt: „Ewiger, wer darf in Deinem Zelte weilen, wer darf wohnen auf deinem heiligen Berge? Wer unsträflich , wandelt, Recht übt und Wahrheit spricht in seinem Herzen. Nicht verleumdet er mit seiner Zunge, tut nichts Böses seinem Nächsten, bringt nicht Schande über seinen Freund.: — Verächtlich ist in seinen Augen der Verworfene, aber die Gottesfürchtigen ehrt er, er schwört recht, auch wenn es ihm zum Schaden gereicht,, ändert er es nicht. Er leiht sein Geld nicht um Zinsen, nimmt keine Bestechung an wider Unschuldige, und so handelnd wankt er nicht in aller Ewigkeit.“ Das also ist Frömmigkeit — denn war der Psaimist kein frommer Mann? Der Prophet Jesaja formulierte die Frömmigkeit noch kürzer: „Wer.in Gerechtigkeit wandelt und aufrichtig, redet, wer Gewinn durch Bedrückung verschmäht, wer mit den Händen Bestechung abwehrt, seine Ohren verschließt, daß sie auf Blutrat nicht hören, seine Augen zudrückt, um nicht das Böse, schauen zu müssen, der wird auf Höhen wohnen, felsenfest sind seine Burgen. Seih Brot wird ihm gegeben und sein .Wasserquell nicht versiegen?' (Kap. 33, V. 15—16). Dem Propheten Micha genügten zur. Frömmigkeit drei Gebete: „Was will der Ewige von dir? Er liat dir kundgetan, o Mensch, was gut ist: doch nur das Rechte zu tun, das. Gute zu Heben und in Demut zu wandeln mit Deinem. Gotte (Kap. 6, V. 8). Jesaja begnügte sich an anderer Stelle mit zwei Forderungen: „Wahret Recht und übet Gerechtigkeit, darin isDnahe Meine Hilfe und Mein Heil, Mich zu offenbaren. (Kap. 56, V. 1); -Der Prophet Habakuk faßt. alles _in dem einen Satz zusammen: „Der Gerechte lebt in "seiner Treue.“ (Kap. 2, V. 4). Wenn wir uns mit Michas doch etwas zu stenographischem Religionsgesetz allein nicht begnügen wollen und uns an den 15. Psalm halten, dazu noch Jesaja, und Micha nehmen, dann gibt das schon einigermaßen einen Begriff von Religion plus Frömmigkeit; und wer diese Vorschriften wirklich streng und mit ganzem Herzen befolgt, würde zweifellos in den Augen des Psalmisten und der Propheten als ein frommer. Mann gelten, sogar trotz des Einspruches derjenigen, die auf die 613 Gebote und .yerbot'e bestehen — soweit ein Teil nicht bereits aufgehoben ist. Die Strenggläubigen verlangen viel,: aber alle verlangen auch nicht alles. Es gibt zwischen .dem •einen.Satz des Habakuk und den 613 anderen Sätzen genau 613 Ringe — derjenige, der den 613 karätigen •Ring zu tragen glaubt, er hält sich für den Allerfrömmsten, und hier wird dann Religion zur Illusion. Es läßt sich nicht bestreiten, daß die Zahl der Orthodoxen, trotz, aller Anstrengungen, die sie — von ihrem Standpunkte aus ganz gerechterweisemachen, im Abnehmen ist. Warum das? Das liegt daran, weil das Rituale leider allzufest illusionszerstörend wirkt. Man nehme nur als ein Beispiel das Gebet. Inhalt und Form entsprechen nicht immer der Gedankenwelt der Gegenwart. Möchten das doch diejenigen zugeben, die im Hundertkilometer-Tempo ihre Gebete herunterrasen. Wo bleibt die Andacht, das Versenken in Gott, in die eigene Seele, wo bleibt der Zweck des Gebetes? Soll es aber in der Religion etwas Zweckloses geben? Darf es etwas Zweckloses geben? An Formen und -Worten zu hängen, die heute, tatsächlich jedes Zwecksinnes entbehren, ist das noch Religion? Vor allem anderen aber: hat das noch etwas mit Frömmigkeit " zu tun? Hatte es überhaupt jemals mit Frömmigkeit etwas zu tun? Die Tradition heiligt vieles — aber nicht alles. Die Tradition ist-aber dennoch von höchstem Werte für jede Volksgemeinschaft, sie ist also von noch höherem Werte für jede Religionsgemeinschaft. Die Sitten der Väter — eine tiefe Verbeugung vor ihnen, soweit sie geeignet sind, die Mauern des Glaubens gegen überstiegenen Rationalismus zu stützen. Die Sitten der Väter — eine tiefe Verbeugung vor ihnen, soweit sie zur Stärkung des Familienlebens beitragen, die Freude am Gotteshause erhöhen, dem religiösen Poesiebedürfnis des Menschen Rechnung tragen. Und hier sei denen, die altes Religionsgut als'unmodern und nicht zeitgemäß abtun wollen, ein kräftiges Halt zugerufen, wenn sie Blüten vernichten, weil, sie nicht zum essen oder zu sonstigen praktischen Zwecken zu gebrauchen sind. Religion ist eine ideale Sache — Rationalismus hat nichts in ihr zu suchen. Religion ist Gefühlssache — Gefühl ist etwas lebendiges, es stirbt, Wenn es dem Seziermesser kritisch-wissenschaftlicher Untersuchungen ausgeliefert wird. Frömmigkeit ist aber nicht das Monopol der 613 Prozentigen. Es müßte endlich gewußt werden, daß Frömmigkeit auch bei Habakuk lag. Man muß aufhören, Religion wie einen Teetisch anzusehen, den man dorthin schiebt, wo man ihn gerade am bequemsten gebrauchen kann. Es muß der himmlische Berg der Religion aber auch erreichbar sein für jeden, der sich einige Mühe gibt, ihn zu besteigen, um seinem Gotte nahe-zu kommen. Das böse Witzwort: „Jeder macht sich seinen eigenen Schulchan Aruch“, es muß verschwinden. Im Judentum ist kein Platz für Sekten — den Beweis liefern der Psalmist, Jesaja und Habakuk. Sie verstanden, was Religion ist, sie waren fromme Männer, und ihnen nachzueifern ist nicht schwer. Aber das schlichte Religionskleid dieser großen Männer bedarf auch des Schmuckes des Kultus, des Rituales in der Synagoge, viel mehr aber noch im Hause. Judentum kann nicht nur philosophisch und ethisch durchdacht, es muß auch freudig 'erlebt werden. Die Kinder müssen wieder lernen, sich an Sabbath und Festtagen zu freuen und diese Freude für später in das Buch ihrer schönsten Jugenderinnerungen aufzuzeichnen: im Geiste und im Herzen. Und diese Freude fortzuvererben an ihre Kinder und Enkel. Frömmigkeit braucht Kinderglauben auch noch in weißen Haaren und diesen Kinderglauben zu wecken und zu erhalten, ist Frömmigkeit. Darum gilt es, dazu einen für alle gangbaren Weg zu finden. Dr. B. Sch. Für die Maranen in' Braganzä: ■ : - ' ’ Berliner Thorarolle für Spanien Im Anschlufl ah den letzten FreitagäBeadgöttesdieijst fand in der Alten Synagoge in der Heidereutergasse: die feierliche Übergabe einer Thorarolle für die Maranengemeinde in Braganza statt, an der Vertreter des Berliner Gemeindevorstandes, der Repräsentantenversammlung, der Reichsvertretung, des Preußischen Landesverbandes, des’ Berliner Rabbinats sowie zahlreiche jüdische Persönlichkeiten teilnahmen. Die Feier leitete der Chor der Synagoge mit dem 150. Psalm ein. Rabbiner Dr. Freimann richtete sodann zu Herzen gehende Worte an die Erschienenen, denen sich Glückwünsche für die Juden Braganzas anschlossen. Hierauf nahm der Vorsitzende der Berliner Jüdischen Gemeinde, Direktor Heinrich Stahl, das Wort, der ebenfalls die herzlichsten Wünsche für die Jüdische Gemeinde Braganza zum Ausdruck brachte. Gemeindevorsteher Rechtsanwalt Dr. Klee berichtete hierauf von seiner Spanienreise und dem dort neüaufblühenden jüdischen Leben. Dem Wunsche der. Braganzaer Juden nach einer Thorarolle habe der Gemeindevorstand entsprochen. Nach den Ansprachen der Gemeindevertreter wurde die Heilige Lade geöffnet und die auf der Kanzel liegende, blumengeschmückte Thorarolle, aus der am morgigen Sabbat noch einmal gelesen wird, eingehoben. Unter den Erschienenen sah man neben den bereits genannten Gemeindevorstehern als Vertreter der Reichsvertretung Dr. Julius L. Seligsohn, vom Berliner Rabbinat die Herren Gemeinderabbiner Dr. Blumenthal, Dr. Emil Lewy, Dr. Freier, Dr. Emil Cohn, die Repräsentanten Emil Pincus, Ehrenreich und Garbaty-Rosenthal, ferner als Vertreter der Synagoge Kaiserstraße Herrn Struck. /. W. Antisemitischer Terror in Polen dauert an' Warschau. Der antijüdische Terror der National-Radikalen nimmt immer weitere Ausdehnung an. In verschiedenen Stadtteilen Warschaus wurden jüdische Passanten überfallen und mißhandelt. Zahlreiche Personen wurden verletzt. Die Polizei nahm eine Reihe von Verhaftungen vor. In einem Fall wurden auch christliche Arbeiter verletzt, die den Juden zu Hilfe eilten. Verhaftete Exzedenten wurden sofort durch ein Polizeigericht abgeurteilt, ebenso mitverhaftete Juden, die sich bei den. Überfällen verteidigt hatten. Es wird gemeldet: Bei den Wahlen zum Bukarester Stadtirat wurden auf der Liste der Liberalen im Wahlbezirk Negru, der eine starke -jüdische Bevölkerung aufweist, auch vier Juden zu Stadträten gewählt, darunter der Präsident der Jüdischen Gemeinde Bukarest, Senator S. Birman. *' Im Saale des österreichisch-ausländischen Studentenklubs erklärte Bundesminister Dr. Schuchnigg, Österreichs Aufgabe werde es sein, auch für das Recht der Minderheiten, wo es immer nottiit, seine Stimme zu erheben. Der verdienstvolle Gründer der Theaterwissenschaft, der Berliner Universitätsprofessor Max Herrmann, der im . vergangenen Jahre infolge des Arierparagraphen seine Lehrtätigkeit niederlegte, ist jetzt auch aus der Gesellschaft für Theatergeschichte als erster Vorsitzender ausgeschiedeh. Seine Nachfolger wurde der Geschäftsführer des Deutschen Bühnenvereins, Staatsminister a. D. Dr. Leers. — * Nach einem Bericht aus New York hat der jüdische Boxchampion im Leichtgewicht Roß den amerikanischen Boxmeister Mc Larnin in der 15. Runde besiegt und ist damit Meister im Weltergewicht geworden. * In Paris ist der bekannte Bildhauer Einanuel Hannaux im Alter von 79 Jahren gestorben. Haiinaux, dessen Skulpturen Plätze in Paris und anderen Städten zieren, wurde im Jahre 1903 zum Ritter der Ehrenlegion ernannt. An der Außenseite der Synagoge in der Rue de la Victoire in Paris steht das von ihm geschaffene Denkmal für die im Weltkrieg Gefallenen. * ■ Aus Sofia wird gemeldet: Eine Abordnung des Zentralkonsistoriums der Juden Bulgariens hat dem neuen bulgarischen Ministerpräsidenten Kimön Georgieff einen Besuch abgestattet, um die Wünsche der gesamten jüdischen Bevölkerung Bulgariens anläßlich des Regierungswechsels zu überbringen. Der Ministerpräsident betonte, die Juden könnten auf ihn rechnen, ihre S i ch e r h ei t im Lande werde unvermindert gewährleistet bleiben, die Regierung werde keinerlei Hetze gegen irgendeinen Teil der Bevölkerung dulden. ■ * Der Senat der Universität Dorpat hat den Antrag einiger antisemitischer Professoren, den Numerus clausus für Juden einzuführen, abgelehnt. * ' In einer Anordnung an die städtischen Dienststellen, . weist der Nürnberger Oberbürgermeister Liebel darauf hin, daß bei der Unterscheidung von deutschen und n ich fdeuts eben Geschäften usw. die Bezeichnung „christlich“ als durchaus unangebracht, grundsätzlich zu vermeiden sei. Es gebe keine „christlichen“ Geschäfte, Ärzte, Viehhändler, Rechtsanwälte usw., im Gegensatz zu den „jüdischen“, sondern nur deutsche und jüdische Geschäfte, deutsche und jüdische Ärzte, deutsche und jüdische Viehhändler und deutsche und jüdische Rechtsanwälte. Dabei sei es zumindest für die nationalsozialistische Stadtverwaltung und ihren Geschäftsbereich durchaus belanglos, ob der eine oder andere der in Frage kommenden Juden katholisch, protestantisch oder sonstwie getauft ist, er ist und bleibt Jude. Im Hause der jüdischen Kultürgesellschaft wurde, wie aus New York berichtet wird, eine Ausstellung der jüdischen Presse in Amerika veranstaltet. Ausgestellt sind etwa 1000 Tages-, Wochen- und Monatsblätter, die in den letzten 64 Jahren, seitdem in New York die erste jüdische Zeitung zu erscheinen begonnen hat, herausgegeben worden, sind. Nach einer Meldung aus Saloniki hat der griechisch e M i n i s t e r p r ä s i d e n t Tsaldaris, der in Saloniki zu kurzem Aufenthalt aus Athen eingetroffen. ist, Mitgliedern einer Abordnung der jüdischen Gemeinde erklärt, daß er die Fähigkeiten und hingebungsvolle Arbeit der Juden im Dienste des Fortschritts hoch einschätze, sie seien ein loyales Bevölkerungselement, dessen Arbeiten und Leistungen für die Entwicklung Griechenlands von hohem Wert sei. * Wie aus Warschau gemeldet wird, hat das dortige Schulkuratorium der Mädchenfaschschule der Gesellschaft ORT in Warschau Öffentlichkeitsrecht. verliehen, so daß die D i - plome der Absolventinnen Staatsgültigkeit haben.' Die Nichtarier auf der Olympiade Amerika hat Bedenken Wie sich die „B. Z. am. Mittag“ aus New York berichten läßt, hat das Amerikanische Olympische Comitee die Entscheidung über die Teilnahme der Vereinigten Staaten an den Olympischen Spielen 1936 in Berlin abermals vertagt. Man beschloß, den Vorsitzenden des Ausschusses, Avery Brundage, nach Deutschland zu entsenden, um sich an Ort und Stelle zu orientieren, obdie bezüglich der Behandlung n i ch t a r is c h e r Sportsleute gemachten Zusicherungen von Deutschland ein gehalten worden sind. - Die Stellungnahme des Komitees .hat in New York in weiten Kreisen großes Befremden hervorgerufen, weil nicht nur der Vorsitzende des Internationalen Olympischen Komitees, sondern auch seine amerikanischen Mitglieder aus Brüssel wie aus Athen telegrafisch dringend geraten hatten, Deutschlands Einladung anzunehmen, da alle im Vorjahre von Deutschland in Wien gegebenen Zusicherungen auf das gewissenhafteste erfüllt worden seien. * Der amerikanische Beschluß berührt in der Tat überaus merkwürdig, zumal, Wie die „J.-l. Z.“ meldete, deutsche Sportführer erst in letzter Zeit wieder die Zusicherung1 gegeben haben, daß Juden bei der Olympiade starten dürfen. Keine Herabsetzung „Rasse“ ist der Titei einer neuen, seit kurzem erscheinenden Zeitschrift. Diese „Monatsschrift der Nordischen Bewegung“ veröffentlicht in Heft 1 einen Aufsatz „Rasse und Gesittung“ von Prof. Dr. Otto Reche, Leipzig. Darin heißt es: . . Je reiner nordisch das deutsche Volk wird, desto stilreiner und höher in-unserem Sinne wird seine Kultur [grüner Teppichladen] Gardinen. Keine Aufmachung — niedrige Preise Teppiche Jeder Art. Eäufer. Vorlagen. Steppdecken, *1. f ’