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Jüdisch-liberale Zeitung · 1934-06-08 · 46 (8.6.1934) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
14 (1934)
Issue
46 (8.6.1934)
Date
1934-06-08
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Berlin Preis 20 Pfg. Freitag, 8. Juni 1934 _ Nr. 46 — 14. Jahrgang HerausgeberHanns Loewenstein „ 5\u6lfc^ffbera(e3eifu(ur 3fflr Deutfdjes gubcittum mtD relifliöfcw 3hifbtm Die „jüdisch-liberale Zeitung“ erscheint zweimal wöchentlich: Dienstags und Freitags 613 Ringe — und der echte? Der Geist von Worms Die 900-Jahrfeier der Synagoge - Eine erhebende Weihestunde — Dr. Baecks Ansprache „Ein Weiteres noch“, fuhr Dr. Baeck fort, „ist das Sinnbildhafte aus dieser Stunde. Worms, jüdisches Worms, das hat die Bedeutung erlangt: Sinn für die Gemeinschaft, Sinn für Einordnung und Unterordnung. Ein deutscher Jude, dem eine Partei, eine Genossenschaft mehr gilt als das große Ganze, als dieses Gemeinsame, das die Zeit der Not doppelt und dreifach fordert, das ist kein deutscher Jude, der ist dem Geist von Worms untreu geworden. Einheit, Gemeinschaft, die Kraft, sich einzuordnen, sich unterzuordnen, das Kleine als klein' erkennen, das Kleinliche damit überwinden und sich einfügen in das Große, das gemeinsame Ganze .— das ist der Geist von Worms. Darum haben die Wünsche voller Dankbarkeit und Verehrung, die die Reichsvertretung der deutschen Juden der Gemeinde Worms, der Hüterin dieser Stätte, der Hüterin ihres Symbolhaften, der Hüterin ihres Geistes darbringen will, ihr ganz Persönliches und ihr Eigenes. Denn das soll und will ja die Reichsvertretung'"der deutschen Juden sein: Verwirklichung des Geistes des jüdischen Worms, des Geistes von Worms und Mainz und Speyer, dieses Adelsstolzes der deutschen Juden.“ Dr. Baeck schloß: „Es ist eine eigene Stimmung, die aus diesen Tagen an dieser Stätte uns ergreift. Wie mag wohl die Stimmung vor einem Jahrhundert, als das neue einige Deutschland als Hoffnung vor dem Gemüte stand, wie mag sie wohl vor zwei Jahrhunderten, als Aufklärung und Menschenfreundlichkeit ihre Lehren kündeten, gewesen sein! Wie anders ist sie heute. Aber wenn diese Stätte zu uns spricht, dieses Gotteshaus zu uns deutschen Juden, dann sind wir in der Seele gewiß,, gewiß im Bewußtsein unseres' Adels, gewiß im Bewußtsein des Bundes von Geist und Boden, gewiß in unserenr Willen zur Einheit und zur Gemeinschaft. Dann werden wir auch das Wort eines unserer Weisen sprechen dürfen, das vielleicht so stolz klingt, aber doch-t i e f s te Dem u t ist, diese Demut, die aus dem Wissen um die Lebenspflicht, die für den Juden eine Pflicht zu den Jahrtausenden ist, zu uns spricht: Worms. Ein großes Ereignis im einfachen Gewand,.das war die Jubiläumsfeier der Wormser Synagoge, der ältesten in Deutschland. Groß durch den Anlaß, die Seltenheit solchen Festes, war es doch ein Fest des gesamten ■ Judentums. ■ Große Ereignisse werfen ihren Schatten voraus. So war es auch hier. Waren es auch nur zwei Stunden, so war doch eine Unmasse von Arbeit zu bewältigen, um einen glatten und würdigen Verlauf der Feier möglich zu machen. Schon die Platzfrage machte Schwierigkeiten, da mußte so vielen, die sich von überallher angemeldet hatten, abgeschrieben werden, um Platz für die Ehrengäste und die, die es doch schließlich am meisten anging, die Mitglieder der Wormser •Gemeinde, zu haben. Bereits, lange vor Beginn war das alte Gotteshaus und die Levysche Synagoge, die mit ihm durch eine Lautsprecheranlage verbunden war, überfüllt. Pünktlich dann erschienen die sechs Redner durch das Spalier der Sportgruppe des R.j.F. und gaben damit das Zeichen zum Anfang. Wenn sich der Vorstand der Wormser Gemeinde trotz des schweren Ernstes der Zeit zur Abhaltung dieser Feier entschlossen hatte, so geschah es aus der Erkenntnis heraus, daß nicht nur die Gemeinde Worms, sondern das gesamte deutsche Judentum in diesen Tagen mehr denn je das Bedürfnis empfindet, in ehrfürchtigem Rückblick auf die jahrhundertelange jüdische Geschichte in Deutschland der vergangenen Geschlechter würdig zu gedenken. Leuchtende Vorbilder der jüdischen Welt Nach dem Verklingen des Larghettovon Händel und des Chorgesangs Ma towu hielt Gemeinderabbiner Dr. Holzer die Festrede, in der er die alle Lebensbezirke erfassende religiöse Erfülltheit der Wormser Judenschaft vergangener Jahrhunderte hervorhob, eine religiöse Durchdringung, die ihnen Kraft zu heroischem Martyrium verlieh, und aus ihrer Mitte Männer hervorgehen ließ, die leuchtende Vorbilder der jüdischen Welt wurden. Der Redner schilderte dann die Bedeutung der Wormser Synagoge als Pflegestätte jüdischer Wissenschaft, die schon um die Mitte des elften Jahrhunderts Schüler aus weiter Feme anzog, unter ihnen den größten jüdischen Gelehrten des. Mittelalters im deutsch-romanischen Kulturkreis, Rasch i. Der Adelsstolz der deutschen Juden Rabbiner Dr. Leo Baeck, der Vorsitzende der Reichsvertretung der deutschen Juden, führte in seiner Ansprache u. a. aus: „Wenn eine Stätte, die neun Jahrhunderte besteht, zu uns spricht, dann hört diese Stätte auf, ein bloßes Bild, ein bloßer Anblick zu sein, dann wird diese Stätte vielmehr ein Symbol, ein Sinnbild. Neun Jahrhunderte, das bedeutet Adel. Adel ist kein Äußerliches, Adel ist immer ein Geistiges. In jedem Land und in jeder Zeit und Geschichte hat es Auseinandersetzungen gegeben, Auseinandersetzungen und Kämpfe zwischen Menschen verschiedener Art und verschiedenen Gepräges. Jede Auseinandersetzung ist schließlich zum Segen geworden, wenn sie erfüllt und belebt war von Adel, von Noblesse, wenn Adelswille und Adelsfähigkeit aus ihr sprachen. Wir deutschen Juden, wir sollten es auch uns in diesen Tagen so gesagt sein lassen. Bleiben wir Adlige, bleiben wir voller Noblesse, vergessen wir nicht, was das bedeutet, daß Generationsreihen eines Adels,' der verpflichtet,. Adel aus neun Jahrhunderten und vielleicht von den Funda menten her von längerer Dauer der Tage zu ims sprich Deutscher Boden und jüdischer Geist Und neun Jahrhunderte des Gotteshauses, sie bedeuten Heimat, Das ist es, was auch uns deutschen Juden als Eigenes gegeben ist und uns bleiben wird, wohin immer ein Schicksalsweg uns führen möge: diese Verbindung von deutschem Boden und jüdischem Geist; was bleiben wird, so Gott es fügt, zum Segen des deutschen Landes, uns bleiben wird, wohin immer Gott uns schickt, als Erbe, Adelserbe deutschen Bodens.“ Ein Geschlecht geht und ein Geschlecht kommt, aber das Volk, das auf dem Boden der Ewigkeit steht, Israel, wird immer bleiben. ' Das ist das Wort aus den neun Jahrhunderten, die aus dieser Stunde zu uns sprechen.“ Eine Ehrenurkunde Die Bedeutung der Feier wurde sodann von Vertretern jüdischer Gemeindeverbände gewürdigt. In den Ansprachen kam,auch der Wunsch zum Ausdruck, daß der alten Gemeinde Worms eine neue Blüte beschert sein möge. Der Vorsitzende des Landesverbands der Israelitischen Religionsgemeinden Hessens, Kommerzienrat B. A. Mayer, überreichte-der Gemeinde Worms eine Ehrenurkunde und dem Vorstandsmitglied der Wormser Gemeinde, Sanitätsrat Dr. Nickelsburg, der gleichzeitig das 25jährige Jubiläum seiner Tätigkeit für. die Gemeinde feierte, ein Ehrendiplom. Als Letzter sprach der Vorsitzende des Vorstands der Wormser Gemeinde, Sanitätsrat Dr. Nickelsburg, Worte des Dankes an die Redner und auswärtigen Gäste. Erspreche nicht nur im Namen der gegenwärtigen Gemeinde, sondern lenke den Blick auch auf-die vergangenen Geschlechter zurück, denen die Erhaltung des Gotteshauses zu verdanken sei. Dieser Dank werde am besten ausgedrückt durch das Gelöbnis, es den Altvordern gleichtun zu wollen in der Treue zum Glauben, zum Judentum und zu ^diesem Gotteshause. In das ergriffene Schweigen der Gemeinde, das seinen Worten folgte, klang der Bariton des 1. Kantors Hohenemser in einer Reinheit, die bei der Jugend des Sängers überraschte, in einem Solo von Sulzer. Dann sprach Herr Rabbiner. Dr. Holzer das Schlußgebet und den Segen. Ein Chor folgte, und dann klang der Weihegottesdienst in Mendelssohns Allegro maestoso e vivace aus der Orgelsonäte Nr. 2 — gespielt von der Organistin Lotte Honig — aus. Ein einfaches Mahl im Gemeindehause, gewürzt von Tischreden . bekanntester Rabbiner und Gelehrter, schloß sich an. Würdiger Abschluß eines großen Tages. Freud, der Psychoanalytiker, hat die Religion eine Hlusion genannt und deren Ende prophezeit _ es gibt nicht wenige,. die ihm recht geben. Charles Dickens, Englands bester und gemütvollster Romandichter des vorigen' Jahrhunderts, hat . einen Roman geschrieben, „Hard Times“, in dem ein. reicher Fabrikbesitzer verlangt, daß der ihm unterstehende Schullehrer die Kinder nur „Tatsachen" lehren solle und keinerlei Illusionen. * Der Fabrikant erleidet durch seine Anschauung im Leben Schiffbruch und so jeder, der sich von allen „Illusionen“ frei macht. Absolut nüchterne, rationalistisch denkende Menschen werden sicher von vielem Seelenleid nichts erfahren, aber auch niemals seelische Freuden und auch niemals seelischen Trost -kennen lernen. Gewiß — eine Illusion ist eine Täuschung?- eine Selbsttäuschung, die jedoch über die absolute Wahrheit seelisch hinwegzuhelfen vermag. Auf die .Täuschung folgt — leider — allzuoft die Enttäuschung, die sehr bitter ist. Dennoch: Ijlusionen können sehr ' lange währen und sehr viel Glück, bringen. Nur vorgetäuschtes Glück: zugegeben. Aber es. gibt ein kleines Sprüchlein, das sehr viel Weisheit enthält, mehr Weisheit als tiefgründige Untersuchungen mancher gelehrter' Philosophen: Sieh — das Glück ist-nur ein Schein: ' Und so ist es! , Bilde dir ein, glücklich zu sein ■ . Und du.bist es! Deshalb: verachtet nicht die Illusionen! Ist Religion aber auch wirklich zu den Illusionen zu rechnen? Für manche Menschen ja, für manche Menschen nicht, für manche Menschen bedingt. Religion, wird meist mit Konfession, verwechselt, oft mit Strenggläubigkeit. Religion hat mit beiden 'nicht immer etwas zu tun. 'Es gibt durchaus religiöse Menschen, die sich zu keiner Konfession bekennen. War Schiller ein unreligiöser Mensch, als er schrieb?: Welche Religion ich'bekenne? Keine von allen, die du mir nennst. Und warum? Aus Religion. War Lessing ein unfrommer Mensch, als er in; „Nathan der Weise'lin der unsterblichen Ringerzählung den weisen Nathan sagen läßt: Betrogene Betrüger! Eure Ringe Sind alle drei nicht echt. Der echte Ring Vermutlich ging verloren... Unser jüdischer Glaube, unsere jüdische Religionist für uns keine Illusion, sondern absolute Realität. Sollte es wenigstens sein und würde es sein, wenn nicht... . Es gibt nicht wenige Juden, die es hinsichtlich des Glaubens und der Glaubenstreue nur dem Namen nach sind — Rassenfragen sollen hier nicht behandelt werden.- Die jüdische Religion solcher Juden erschöpft sich darin, daß sie als Kinder als Juden, in ein amtliches Register eingetragen wurden und als Juden’ auf. einem jüdischen Friedhof begraben werden. Zuweilen werden sie auch noch bei einer Einsegnungsfeier und bei einer, Trauungszeremonie in der SynT agoge an ihr Judentum erinnert: man hat ihnen zu der einen Feier den Segensspruch vor der Thora und das „Schma Jißroel“ eingepaukt und bei def^ Trauung gelingt es ihnen, dem vorsprechenden Rabbiner die paar Worte der hebräischen Trauungsformer nachzu-- sprechen. Aber zuweilen wurde man auch nicht eingesegnet, und zum Heiraten genügt das Standesamt — das ist einfacher.; Doch innerhalb des Judentums selbst wogt der' Streit um den echten Ring hin und her: von der radikalsten Reform bis zur strengsten Orthodoxie gibt es nicht nur drei" — .gibt es einige Dutzende . von Ringen, und jeder Besitzer glaubt .— doch, das wäre zu viel gesagt, richtiger also: er bildet sich ein, — er nenne den echten, ihm von Gott vererbten Ring sein-eigen. . Als Beweismittel gelten die Bibel und deren Kommentare, die Propheten und deren Kommenta toren,

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