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Jüdisch-liberale Zeitung · 1934-05-29 · 43 (29.5.1934) · page 3

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
14 (1934)
Issue
43 (29.5.1934)
Date
1934-05-29
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Wer in der letzten Zeit der Diskussion in den Blättern des deutschen Judentums mit Sorgfalt gefolgt ist, den überrascht die Fülle der religiös-philosophischen Aufsatzliteratur, die da erwächst, und er ist geneigt, diese Entwicklung für das Zeichen einer unerhörten Vitalität zu nehmen, die in den deutschen Juden lebt. Denn während noch die Zeit ihr Dasein täglich bedrängt, finden sie zurück zu der suchenden Haltung des Betrachters, wagen sie es, zu jenen Grundwahrheiten sich zurückzutasten, die ins Zentrum ihres deutschen und jüdischen Wesens führen und die ihr künftig erneuertes Leben tragen können. Zu dieser Diskussion, die sich erhoben hat, und deren Ausgang das Gesicht der Judenheit in Deutschland bestimmen wird, sollen auch meine Gedanken einen Beitrag liefern. Mit einem persönlichen Erlebnis will ich beginnen, das mir den Weg wies.. In wissenschaftlicher Arbeit, nicht aus religiösem 'Antrieb, habe ich in 'diesen letzten Monaten zur Bibel gegriffen, mit dem ganzen Apparat moderner Forschung bin ich Proble-' men, um die ich-genauer wissen wollte, zu Leibe gerückt, kritisch bin ich vorgegangen und skeptisch habe ich hin und her geblättert. Und es; geschah ein Wunderbares, daß ich als scheinfromme Redensart nicht hätte glauben mögen, wenn es ein anderer mir von sich berichtet hätte. Ich schob die Kommentare beiseite, die dicken Folianten und die schmalrückigen, scharfsinnigen Einzeluntersuchungen, ich las ganz einfach und fand in diesem Les”en für mich die Bibel auf eine höchst sonderbare Weise. Ich sah vor mir die bildkräftigen, holzschnittartigen. Figuren der biblischen Männer und Frauen, aus Kindertagen noch seltsam vertraut, und nun hineingehoben in die Sphäre des Erkennens, "den langen Weg ihres schmerzlichen Lebenskampfes zwischen Hoffnung und Vergeblichkeit um das Gesetz und um die Verheißung. Ich verstand mit einem Mal, wie das ist: so einfach glauben und hoffen können auf das allmächtige Wort, wie diese taten. Und icherkannte,. symbolhaft klar, wie wir nichts sind als Glieder einer Kette, die aus Bibeltagen in unsere Zeit herabreicht. Dennoch — zu sehr habe ich und haben viele von uns im Trommelfeuer des neuzeitlichen Intellektualismus gestanden, als daß ein halb religiöses, halb schon übersinnlich-traumhaftes Erlebnis-uns die Klarheit geben könnte, deren wir bedürfen, um als geistige Deutsche Kultur — jüdische Religiosität Von Dr. Kurt Julius Riegner schichte wieder ins Zeitbewußtsein zu rücken. Das Bewußtsein, mit dem wir uns bisher in der geistigen Welt bewegten, war nicht oder nur höchst schemenhaft vertraut mit dem Wesens-Element unserer Besonderung gegenüber dem Allgemeinen, das uns umgab, das Bewußtsein dieser Besonderung war verflacht, wenn nicht völlig geschwunden. Es ist, um nur ein Beweisstück hervorzusuchen, weit mehrals ein Zufall, auch weit mehr als eine stilistische Nuance, wenn die „Richtlinien zu einem Programm für das liberale Judentum“ von 1012 das Wesen der „jüdischen Religion“, nicht aber das des Judentums zu bestimmen suchen. Nur im Konfessionellen fand man den Gegensatz zur übrigen Welt und verkannte so den geistigen Gesamtanspruch, den das Judentum erhebt. Man vergaß die Abgrenzung gegenüber einer Welt, deren Wesenselemente das deutsche Judentum, historisch gesehen, keineswegs vollständig, sondern nur bruchstückweise in sich aufgenommen, aber freilich aus Eigenem ergänzt hat: denn der Weg des Judentums vom Altertum in die Neuzeit führte, um eine Redeweise von Franz . Rosenzweig zu gebrauchen, kaum an Hellas vorüber und gewiß nicht nach Rom. Erst seit den Tagen der Aufklärung hat das deutsche Judentum an der Gesamtheit des europäischen Lebens vollgültig Anteil gehabt." Alles Vorherige war Reflex. Die Emanzipation war ein Einschnitt von ungeheurer Tragweite. Auch sie kam von außen, aber sie gab dem Juden erstmals das Gefühl der Weite und der Wirkung in ihr. Manche wollen es heute so sehen, als sei damals ein Verrat begangen worden: aber wer so spricht, vergißt, daß gerade dem echten Geschichtsbewußtsein 150 Jahre jüdischer Leistung in der deutschen Welt ein unauslöschliches Faktum bedeuten müssen. Auch vor der Emanzipation kannte die Geschichte Gestalten, die in der: Zerstreuung fruchtbar wurden, die der außerjüdischen Welt begegneten und aus dieser Begegnung zu eigener und eigenwilliger Größe emporwuchsen — Philo und Flavius Josephus etwa im sinkenden Altertum, Maimonides im frühen Mittelalter. Niemals aber war der Schritt des Judentums aus der Enge in die Weite entscheidender, verheißungsvoller, wirkungsträchtiger als in der Emanzipation, die namentlich in Deutschland ungeahnte Früchte trug. Nirgendwo sonst in der Welt sind Juden stärker, eingewurzelt, nirgendwo sonst ist ihr Heimaterlebnis tiefer und inniger geworden als gerade hier. Aber auch nirgends sonst ist der Rückweg der- Juden zu ihrem Eigensten, zum Judentum," gefahrvoller und problemreicher gewesen als in Deutschland und als in der Jetztzeit, die jener breiten und blühenden Entwicklung des Emanzipationszeitalters-ein Ende gesetzt hat. j) Das neue Leben, das die deutschen Juden nun führen werden, ist ein Leben der Enge, die aus der Weite kam; die neue Haltung, zu der sie finden müssen, ist weniger weltlich und mehr nach innen gewandt. Aber die Wandlung, in der sie stehen, die Umschichtung ihres Daseins und Denkens in so ganz andere Bezirke, ist ein geschichtlich großer Vorgang, der neueste Ausdruck jener Gegensätzlichkeit zwischen innen und außen, zwischen Judentum und Welt, in die die Juden sich gestellt sehen, seit der Tempel fiel, und die jedes Geschlecht für sich und seine Zeitwird lösen müssen. Existenz aus der Geschichte bedeutet so E'x i - stenz aus j ü d i s c li e m Sein. Das Bewußtseinder Besonderung, wie sie geschichtlich wurde und neu lebendig ist, wird unseren- Weg auf deutscher Erde* von nun an begleiten. Um wieder mit Franz Rosenzweig zu sprechen: nach eigenen Gesetzen sind wir angetreten, vor ihnen werden wir uns in der Welt zu bewähren haben.- Aber die Brücken hinter uns und zur Umwelt sind nicht abgebrochen. Ist es nicht fast symbolisch — jene Wendung zur Bibel mit dem mephistophe-- lischcn Rüstzeug moderner Wissenschaft und diese Weisung zum einfachen Glauben und Schauen? Die innere.Möglichkeit des Juden in dieser Zeit ist gewaltig.. Die Lelirstättc des Rationalismusliegt hinter ihm und vor ihm die Feierstunde des Erlebnisses, in der ihn das Judentum und seine Offenbarung neu ergreift. Dieses Rätsel der Offenbarung, in der die Kinder Israels am Sinai ihr Gesetz empfingen, auch heute noch ein Urerlebnis unserer Religiosität, wird von den Gelehrten niemals, völlig geklärt werden können. 'Einzigartig auch für uns Heutige, wie in dem öden Raum zwischen Asien und Afrika, in der Mitte barbarischer Völkerstämme, aus einer Horde von Wüstenwanderern diese -Gemeinschaft wurde. Die jüdische Lehre begütigt alles Fragen nach dem Woher mit einem einzigen 'Wort: tora min haschamajim, die Thora -ist göttlich. Dieser- Satz steht im Anbeginn des jüdischen Leidensweges, er prägte seine zeitlosüberzeitliche Form. So löst sich der Wink der Geschichte zu neuer Wirklichkeit, so erscheint alles Geschehen dem Schicksal geschuldet und von unausweichlicher Gesetzlichkeit, die an der Wende zwischen Gestern und Morgen ihr Geheimnis enthüllt. Menschen fortzuleben. Wir wissen, und die Schule des westlichen Rationalismus, ln 'die wir gingen, hat es uns gelehrt, daß Erlebnisse uri'd Gefühle erst geistigen und seelischen Wert gewinnen, wenn wir sie mit Verstandeskräften bis zur Grenze des Möglichen ausgeschöpft haben. Es stellt sich die Frage: wie gliedern wir als Menschen deutscher Kultur und jüdischer Re 1 igiosität das religionsgebundene, das jüdische Element in uns in unser geistiges Weltbild wesenskräftig ein? Wie finden wir. von unserem zwiefachen Urerlebnis als europäischdeutsche und als jüdische Menschen zur Einheit des Wesens, zu einer deutlichen Beziehung zwischen Deutschtum und Judentum,' die uns das Dasein in diesem Lande als natürlich und geistig unerschüttert erscheinen läßt? Mit einer fast primitiven Einsicht muß jede Antwort beginnen.’ Als Einzelmenschen erfahren wir, jeder für sich, mit schmerzhafter Deutlichkeit die Schwere unseres Geschicks, das Ungeheuerliche darin, das Einmalige und auch wieder keineswegs Einmalige im Laufe der Geschichte. Das. ist tröstlich auf eine eigene Art. Denn es läßt erkennen, daß eine eigene Gesetzlichkeit, das jüdische Gemeinschaftsschicksal durch die Jahrhunderte geformt haben muß. Irgendwie, so empfinden wir, ist auch das Geschehen der Gegenwart Ausprägung dieses Schicksalsgesetzes. Und so scheint sich die Aufgabe, aus dem brodelnden Ungefähr der Meinungen über das jüdische Sein auf deutscher Erde zu neuer Klarheit zu finden, zu nicht mehr und nicht weniger als zu der einen Frage zu verdichten, wie es möglich sei für das deutsche Juden-, •tum, geschichtlich, d. h. in der Geschichte und aus der Geschichte zu existieren. Die Geschichte aber, die dem deutschen Judentum seine gegenwärtige geistige Gestalt gab, ist nicht die jüdische Geschichte allein. Es ist freilich auch nicht mit Ausschließlichkeit die deutsche Geschichte. Die Zeit, die hinter uns liegt, war eine Zeit voll tätigen Oberschauens, voll von der Wirksamkeit in das Allgemeine des deutschen und europäischen Geisteslebens. Es war eine Zeit der Weite. Aber die- Tiefe und Breite des Horizonts, vor dem das emanzipierte deutsche Judentum zu leben wußte, hat uns das Gefühl dafür verlieren lassen, wer wir sind, und woher wir kamen. An dieser Stelle liegt die Wurzel aller seelischen und geistigen Schwierigkeiten, vor die sich der deutsche Jude heute gegenüber seinem Judentum gestellt sieht. Es geht ihm um Abgrenzung und Anteil in zweierlei Bezirken — in . dem Bezirk des „Allgemeinen“, des Deutsch-Europäischen, aus dem er herkommt und in dem er'heimisch war, und dem Bezirk der „Besonderung“, dem seiner jüdischen Eigenart, ' auf den ihn der äußere Zwäng so nachdrücklich hinwies. Hier müssen Lösungen gefunden werden, aber sie werden sich erst finden lassen, wenn man darangeht, gewisse Grundtatsachen unserer Ge- Diesseits und Jenseits Von David Kolgen Vor einem Jahr ist der Philosoph David Koigen, Nachkomme. eines uralten, vom berühmten Frankfurter Rabbi Naftali ben Isaak ha-Kohen, dem unglücklichen Urheber des . Gheilobrandes vom 14. Januar 1711, abstammenden Kabbalistengeschlechts, in Berlin gestorben. Der Schocken-Verlag bringt jetzt unter dem Titel „Das liau-s Israel“ eine von Ernst Hoffmann besorgte Auswahl seiner Schriften heraus, der wir den nachstehenden Aufsatz entnehmen. Noch deutlicher als im Christentum tritt die Macht des Ethos in der Religion des Judentums hervor. Das Hebräerbewußtsein braucht nicht zum hellenisch-christlichen Mysterium seine Zuflucht 2u nehmen. In ihm ist das große Mysterium vollzogen, die kosmische Tragödie überwunden schon zur Zeit, als ,Gott, der Einzige, die Himmel und die Erde und alles, was in ihr lebt und webt, aus dem Nichts schuf. Der Bestand der Welt wird da dem Nichts und aller Nihilität gegenübergestellt und auch übergeordnet. Das Schaffen, der Weltgedanke Gottes - selbst, ist die Garantie für diese Welt. Gott zuzumuten, ein zweites Mal und in eigenster Person das Weltmysterium zu bewerkstelligen, geht nicht an, verträgt sich nicht mit dem Prinzip der göttlichen Unfehlbarkeit. An Stelle des Mysteriums ist es das Drama, das dem Menschen, einem jeglichen Menschen und der gesamten Menschheit als Träger des Gottesgedankens, zuteil wird. So wird auch das moralische Dranja, die Tat des Ethos, und nicht das Drama eines einzigen Gottmenschen, zum Mittelpunkt des Lebens. Der Sinn des israelitischen Religionskultus besteht vornehmlich darin, den Glauben des Menschen an die Schöpfung Gottes, an seinen Weltgedanken, an den Logos? zu bestärken. Und. der Logos, das ihm innewohnende Ethos und das moralische Tun und Bilden sind berufen, den Menschen, seine Seele des göttlichen Weltgedankens würdig zu machen. Der Sinn Gottes, der ein moralischer, gerechter Gott'ist, geht für uns Menschen darauf hinaus, mit unserem Leben, Tun und Trachten tagtäglich den Beweis zu liefern, daß nicht wir, sondern Gott es ist, der stets recht behält. Und wo die sehlechte Wirklichkeit das Gegenteil beweist und so unseren Glauben an Gott zu bedrohen scheint, da gilt es, die Welt umzuändem, umzubildcn, zu verklären, damit es wiederum Gott zur Ehre und zum Ruhme gereiche, recht zu behalten. So zu verfahren, nach dieser Richtung hin ständig den Blick offen zu halten, heißt in der Tat, das Ethos, seine logischen und sonstigen Ordnungsweisen als Voraussetzung des Weltbestandes, als Gedanken Gottes zu denken - und zu verstehen. Instinktiv fühlt und glaubt es jeder, echte Jude. In dieser Beziehung gleicht der Jude; einem Wissenschaftler, dem jedoch der ethische Ursprung und Sinn des Logischen noch nicht abhanden gekommen, ist. Die logische Ordnung und Wahrheit des Wissenschaftlers genügt ihm nicht, sie ist bloß eine Teilwahrheit, ein Moment im Prozesse der Entfaltung der Welt, in der Offenbarung des Ethos. Ob dieser Verwandtschaft mit dem Wissenschaftlich-Gläubigen zieh man das Judentum oft des seichten Optimismus. Allem ganz und gar mit Unrecht. - In der Seele des Juden lebt auch die Et mnerung an die vorweltllche, noch jenseits des Ethos sich abspielende kosmische Tragödie, die im Kampfe der Nihilität, des Nichts, mit der Welt sich vollzog.. Sein Optimismus ist -Sn ethischer, und als solcher ist er auch der gerade angetroffenen Begebenheit fremd. - , Nicht nur „im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen“, sondern im Schweiße deines Angesichts -sollst du dem Leben, dem Weltgedanken Gottes dienen, — ist‘das Oebot dieses Judentums. Vorausgesetzt, daß der moralische Gott-und die von ihm geforderte gerechte Wcltordnung kein Spuk-und Schemen ist. Nicht los von der Welt, sondern hin zur Welt und mit der Welt. Ganz in Eintracht mit der semitischen Ureinstellung, wie sie oben hervorgetreten ist. Und in diesem Sinne muß man Pascal recht geben, wenn er sagt: ,,Während das Heidentum die diesseitige Welt bejaht und die jenseitige verabscheut, und das Christentum dagegen diese Welt verabscheut, um die jenseitige zu bejahen, neißt das Judentum das~Diesseits und das Jenseits gleich gut.“ Das Ethos, das „an der Grenze zwischen dem göttlichen Mysterium und dem menschlichen Drama steht, ließ das- Judentum diesen Weg betreten. 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