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Jüdisch-liberale Zeitung · 1934-05-18 · 40 (18.5.1934) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
14 (1934)
Issue
40 (18.5.1934)
Date
1934-05-18
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Dr. Kurt Singer und Hanns Brodnitz äußern sich hier über Die Zukunft des Kulturbundes Das Programm für die nächsten Monate 1 Wir sind gerüstet Von Dr. Kurt Singer Eine Arbeit von 7 Monaten liegt hinter uns. Wir sind stolz darauf, Erfolge erzieh zu haben; wir sind; bescheiden genug, uns zu sagen: es muß noch aufwärts gehen, wieder und immer wieder neu' . aufwärts. An Eifer fehlt es uns nicht, und was unsere; Musiker, Schauspieler, Sänger Choristen, Angestellten ' und Arbeiter in diesen schweren Monaten des Anlaufs geleistet haben, wäre nicht zu bewältigen gewesen, wenn zur Tagesarbeit sich nicht die der Nächte gesellt; hätte. Hier hat auch keiner der leitenden Herren, kein Vorstand des Hauses versagt. Gestützt durch das Vertrauen der jüdischen Organisationen, gefördert I durch den Beifall ihrer Führer, die im Vorstand des Kulturbundes Sitz und Stimme haben, gemahnt, getadelt,- gelobt und angespornt durch Urteil der Presse,; durch Kundgebungen unseres Publikums, so haben wir nicht nur den Kampf um künstlerische Geltung gej führt, sondern fühlten uns auch imstande, den wirtschaftliclien Boden zu bereiten, auf dem dieWeiter- J arbeit vor "sich gehen soll. Der Sommer steht vor der Tür. 200 Menschen warten ’ auf die Verlängerung ihrer Verträge. Das Vertrauen auf die Gefolgschaft unserer Mitgli eder allein ist es, das es uns ermöglicht, allen sozialen! Verpflichtungen im Zusammenhang mit den geistigkulturellen Anforderungen, die wir an unser Haus und! seine Veranstaltungen stellen, auch ganz nachzukomj men. Wir arbeiten nicht für eine Saison, sondern für!" die Dauer unserer gemeinschaftlichen Interessen und i -Bedürfnisse. Wir wollen neben dem Dank einer An-; erkennung für die Idee des Kulturbundes und seiner latenten Werte von allen, die mit uns gingen, nun noch den Dank der Zukunfts-Bereitschaft. Keiner, der den - kleinen Betrag von 2,50 RM. noch für geistige oder kulturelle Dinge locker machen kann, darf uns heute, wo die Not an die Türen der jüdischen Künstler besonders hart anklopft, im Stich lassen. Es ist ethische Pflicht jedes Juden, hier sein Scherflein b e.izu t r a gen, damit wir unseren Willen zu jüdischer Verbundenheit auch im künstlerischen Werkweiter manifestieren können. Gewiß: nicht jeder Wunsch wurde bisher erfüllt. Nicht .alles, was wir säen wollten, wurde Frucht in dieser kurzen Zeit der Ernte. Nicht alles auch ist Weltweiten, des erhabenen Schreitens. Dehnt sich nicht unwillkürlich unsere Seele beim Einatmen dieses : Geistes? Wird nicht der Blick unseres eigenen Geistes größer und freier — bergweiter?. Wird nicht unser I ganzes Innere selber ein einziger Lobpsalm, ein einziger Harfengesang bei diesen wundersamen Liedern?“ „Seit Jahrtausenden schon erklingt" ein Menschheitslied, so großartig und gewaltig, so zart und , tief, so alle Höhen und Abgründe der Seele um- 1 fassend, daß es wohl niemals mehr von irgend einer Zeit, irgend einer noch so hochstehenden Kultur und Literatur auch nur annähernd erreicht, geschweige denn überboten werden kann.“ Ferner: „Denn den _ Psalmen ist nichts Menschliches fremd. Und solange - Menschen auf Erden leben, werden sie tiefergriffen vor jenen Liedern beben, in ihnen erschauern und jubeln und weinen, werden immer wieder zu jenem Buche greifen, in dem wie in keinem anderen das Herz der Menschheit schlägt.“ In dem Buch der Psalmen stoßen wir nun auf ein Gedicht, das völlig herausfällt aus dem Rahmen der andern Lieder des Buches: es ist der 110. Psalm. Mit seinen 176 Sätzen ist er der weitaus umfangreichste unter allen Psalmen. Was seinen rein künstlerischen Wert betrifft, so hält er den Vergleich mit den meisten der anderen Lieder nicht aus; um so wertvoller ist sein Inhalt. Eine Überschrift besitzt das Gedicht nicht. Wollten wir ihm eine Überschrift geben, sie würde etwa lauten: „Bekenntnis e i n e^r j ü d i s c h - g 1 ä u b i g e n" S e e 1 e.“ Und zwar ist es die Seele eines jugendlichen Menschen, der sich umgeben sieht von einer . Welt von Feinden und Widersachern, die ihm das Leben verbittern und seinen Untergang wünschen. Er aber bekennt in ' unzähligen Variationen, daß er einen festen Halt besitzt, der ihn "nicht zugrunde gehen läßt. Es ist die - Thoraxes ist sein Judentum, an das er sich klammert mit der ganzen Leidenschaft seines gläu-; bigen Gemüts. Die Thora ist sein Trost, seine Stütze,; seine Lieblingsbeschäftigung, sein Ergötzen. Und so ruft er aus: „Wäre nicht deine Lehre mein Ergötzen, dann wäre ich vergangen in m e i hem L e i d.“ . Das Leid, unter dem einst jener uns unbekannte jugendliche Verfasser des 119. Psalms' so bitter seufzte, es ist auch unser Leid. -Auch wir fühlen uns schwer bedrängt in unserm äußern und unserm l seelischen Dasein. In dieser bitteren Lage suchen; Wir nach einem festen Halt, an den'wir uns Lesezirkel ausländischer Zeitungen Wien Prag Zürich Basel London Paris Manchester Franz Scheitel, Schöneberg, Beiziger Straße S, O 1 Stephan S663 erfüllbar an Wünschen, die eine öffentliche und private Meinung uns zuträgt. Aber keine Anregung fällt unter den Tisch, es gibt keine Winke; die wir nicht prüfen und beachten. Das nächste Jahr wird uns in noch gebesserter, reiferer, festerer Form finden. Der Aufstieg soll sich langsam und zielsicher vollenden. Die Sommer-Monate tragen uns Aufgaben zu, die abseits der gewöhnlichen Arbeit liegen. Der Sommer darf den im Winter abgearbeiteten und angespannten Menschen, keine geistige Anstrengung mehr auferlegen. Es schien uns Pflicht, hier einmal dem Unterhaltungsbedürfnis der Mitglieder entgegenzukommen. Daß auch dieses Niveau haben wird — dafür bürgt der Name einer Künstlerin vom Rang der Rosa Valetti. In den Monaten Juli und August wird sie uns als attraktiver Gast neben dem Ensemble unserer' bewährten Schauspieler zur Verfügung stehen. Der Juni soll neben dem Einakter „Ein Heiratsantrag“:, dargestellt von der jüngsten Garde des Ensembles, die entzückende Spieloper „La serva pari rona“ von Pergolese und das Ballett „Die Schießbude“ von Jaap Kool bringen. In den Konzerten soll der Chor des Kulturbundes jüdische, italienische, deutsche Volkslieder ernsten und heiteren Inhalts singen, sollen Instrumental- und Gesangssolisten zu Gruppen vereint Abwechslung in unser Repertoire bringen. Und im September wird als programmatischer Auftakt für die kommende Saison eine der inhaltsschwersten Dichtungen der Neuzeit, Stefan Zweigs „Jeremias“ auf unserer, Bühne den Beweis für den theatralischen sowie den inner-jüdischen Aufstieg unserer künstlerischen Arbeit erbringen. Kurze Zeit darauf soll diese Linie fortgesetzt werden mit den „Troerinnen“ des Euripides in der Nach- Dichtung des jüdischen Meisters Werfel; die Verhandlungen über die Aufführung von „Jaakobs Traum“ von Beer-Hofmann stehen vor dem Abschluß. Nachdem die Erlaubnis der Regierung da ist, wird der letzte zustimmende Bescheid des Dichters nicht mehr ausbleiben können. Werke von Shakespeare, Tolstoi, Goethe u. a. sollen im Winter das Repertoire verdichten und vergrößern. Darüber, sowie über die Opern, die unter der Leitung von Joseph Rosenstock aufgeführt werden, wird ein Bericht in der September-Nummer der Mitteilungs-Blätter nähere Details geben. Die Pläne stehen vor dem entscheidenden Abschluß. Vor den Aufführungen problematischer Werke klammern können. Und er bietet sich uns dar in unserer Thora, deren Geburtstag wir am Fest der Offenbarung begehen. Er bietet sich uns dar in unserm Judentum, dessen gewaltige kulturelle Bedeutung uns am Offenbarungsfest vor Augen geführt wird. So wie jener innig gläubige jugendliche Jude in seinem Leid nicht vergangen ist, weil sein Judentum sein Ergötzen war, so werden auch wir nicht verloren sein, wenn wir unsere Herzen erfüllen mit inniger Freude an unserm Judentum. Und hier nun sei ein kurzes Wort gestattet zu einem besonderen Punkt unserer augenblicklichen Lage. Seit einem Jahr zittern in unserm Land die jüdischen Eltern um die Zukunft ihrer Kinder. Sie zittern nicht nur um deren wirtschaftliches Fortkommen, sondern ebenso sehr um deren geistigeAusbildung. Voller Besorgnis fragen sie: „Wird'es in Zukunft noch möglich sein, daß unsere Kinder sich In unserm Land in der bisher üblichen Weise Bildung aneignen? Und wenn nicht, welche Schritte können unternommen werden, um ihnen auf einem anderen Wege Bildung zukommen zu lassen?“ Diese sorgenvolle Frage zeigt uns in erfreulicher .Weise, wie hoch die geistige Bildung in jüdischen Kreisen bewertet wird. Eine endgültige Beantwortung kann die Frage darum noch nicht finden, weil wir in einem Schwebezustand leben, weil noch alles im Fluß begriffen ist. Eins aber wollen wir uns doch jetzt schon sagen, und gerade am Offenbarungsfest verdient es, mit besonderem Nachdruck gesagt zuwerden: So hoch wir auch die Allgemeinbildung bewerten, mag es sich nun handeln um die Sprachen der Völker oder um die mathematischen und die naturwissenschaftlichen Kenntnisse: es gibt eine Bildung, die über die genannten Bildungselemente hinausgeht. Es gibt eine höchste Bildung; es gibt über die wissenschaftliche Bildung hinaus eine religiöse Bildung; es gibt über die Geistesbildung hinaus eine Herzensbildung. Die Tore zu dieser höchsten Bildung stehen uns weit geöffnet seit jener erhabenen Stunde der sinaitischen Offenbarung. Kein Gegner versucht es, uns den Eingang in diese Tore zu versperren. Sollten wir nun etwa freiwillig darauf verzichten, in die Tore einzuziehen, die uns zur höchsten Bildung führen? Dann freilich müßten wir vergehen in unserm Leid. Darum erneuern wir am Schowuaus-Fest, am Fest der Offenbarung,, den Treuschwur zu unserer Thora, zu unserm Judentum. Wir geloben es dem Gott unseres Heils mit den Worten des 119. Psalms: "„In Ewigkeit will ich deine Satzungen nicht vergessen, denn durch sie hast du mich am Leben erhalten.“ soll in einem möglichst allen Mitgliedern zugänglichen Vortrag querschnittartig Idee, Gehalt, Form der Stücke erläutert werden. Ein Opern-Studio, in dem auch unbekannte junge Kräfte sich regen dürfen, ist im Werden. Die Idee musikalischer Arbeitsgemeinschaften reift. Das Häridel-Jubiläums-Jahr (250. Geburtstag) soll mit einer repräsentativen Aufführung eines Oratoriums aus der jüdischen Geschichte begangen werden. Den Veranstaltungen für die Jugend, die kindliche wie die heranwachsende soll erhöhtes Interesse zugewandt werden. Das sind alfe und neue Forderungen, die wir an uns selbst stellen, erfüllt von der Verantwortung für eine große Kultur-Aufgabe, die nicht mehr eine lokale Berliner, sondern eine Angelegenheit aller in Deutschland lebenden Juden schlechthin ist. Wir sind gerüstet. Helft uns alle, daß wir in unserer Entwicklung nicht stille stehen! * Wenn wir nachstehend Hanns Brodnitz mit beachtenswerten Ausführungen zu Wort kommen lassen, so geschieht es nicht deshalb, um negative Kritik an der in jeder Weise unterstützenswerten Arbeit des Kulturbundes zu üben, sondern um damit einen Weg zu weiterer Aufbauarbeit zu .zeigen. Dem Unternehmen kann geholfen werden, aber . . Wo steht der Kulturbund? Von Hanns Brodnitz Die materiellen Sorgen des Kulturbundes Deutscher Juden kommen dem' Kenner der Theaterverhältnisse keineswegs überraschend. Es hat niemals . rentable Opqrninstitute gegeben, entweder leuchtete ihnen die milde Sonne großzügigen Mäzenatentumes oder städtische oder staatliche Zuschüsse milderten das Defizit. Spottet an sich schon das Theatergeschäft jeder kaufmännischen Kalkulation, so wird die - Prosperität durch Orchester, Ballett und Chor von vornherein in Frage gestellt. Da die Zahl der Wiederholungeneinerselbst erfolgreichen-Vorstellung niemals auch nur das theaterübliche Jubiläum der 25. erreichte; blieb auch bei äußerster Sparsamkeit die Amortisierung der Inszenierungskosten problematisch. Der Fall des Berliner Kulturbundtheaters beleuchtet schlagartig unsere kulturelle Situation schlechthin. Alle Kräfte der Kritik sind entfesselt und bei einem so leidenschaftlichen Für und Wider scheint jeder Versuch zu einer klaren Zielrichtung zum Scheitern verurteilt. Je leidenschaftlicher die Diskussion, umso farbloser die Darbietung, die Angst, irgendwo anzuecken, regiert die Stunde und den Spielplan. Wo nicht einmal ein Kompromiß erreichbar erscheint, bleibt nur die ausweichende Geste der Unverbindlichkeit. Ein Theater entsteht, das nicht nur beziehungslos bleibt zu unserer Umwelt, sondern den Zeitgeist, die aktuellen jüdischen Probleme ignoriert und eine bewußt gegenwartsfeindliche Atmosphäre schafft. Unter Aktualität darf man nicht nur Stoffe verstehen, die mit den heutigen Augen gesehen und den heutigen Nerven gestaltet sind, aktuell sein, heißt, gerade unter den Werken der Vergangenheit die zeitnahen heraus zu suchen. Wergegen diese Dramaturgie verstößt, macht sein Unternehmen museal, langweilig,, zur Heimstätte des Bildungsphilisters. Diese ehemals bürgerliche Anschauung von der Kunst ist längst tot und kein Abonnentenstamm wird sie erwecken. Das Prädikat der Zulänglichkeit nützt in den Dingen der Kunst garnichts. Ob Startheater, ob Ensembletheater, wichtig sind nur die Emotionen des Zuschauers. Man braucht nicht'gegen die Auswüchse des Startheaters blind zu sein und kann trotzdem einen leuchtenden Star, der die Menschen zutiefst erschüttert, einem Ensemble braven Handwerkertums vorziehen. Das Phänomen des begnadeten Künstlers wird nicht ersetzt durch die Transpiration durchschnittlicher Könner. Wenn das Kulturbundtheater, nicht nur vor den Augen des Bücherrevisors bestehen will, muß es in seinen Darbietungen vielmehr den Bedürfnissen seiner Hörer entgegenkomm en. Die schulmeisterlichen Dozenten müssen ersetzt werden durch schöpferische Köpfe, die sich vor der Polyphonie der Zeitgeschichte nicht fürchten und nicht Idylle suchen, wo der heiße Atem der Gegenwart einer gekünstelten Lieblichkeit entgegenschlägt. Nicht der Streit ist wichtig, ob eine Darbietung spezifisch jüdisch ist oder nicht, sondern nur auf das Resultat der künstlerischen Arbeit, auf die vitale Erhaltung der Kunst und der Künstler kommt es an. Ueber dem Giebel jeder Schaubühne steht unsichtbar der Spruch: „Tretet ein, denn auch hier sind Menschen!“ Nur in diesem Zeichen hat das Theater über die Jahrtausende gesiegt, nur in diesem Zeichen kann heute in Deutschland ein jüdisches Theater siegen. In dem jetzigen Zustand der Dissimilation haben wir weder den jüdischen Dichter, noch den jüdischen Schauspieler, sondern nur Künstler, die Juden sind. Das. Primat ihres Künstlertums läßt als ' Kriterium nur die Frage nach der Vollkommenheit ihrer Leistung 'an sich zu. Erst eine neue Generation wird sich ent-

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