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Jüdisch-liberale Zeitung · 1934-04-10 · 29 (10.4.1934) · page 3

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
14 (1934)
Issue
29 (10.4.1934)
Date
1934-04-10
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Trost und Mahnung Von Rabbiner Dr. Norden Als der Prophet Jeremia zum ersten Mal die Stimme Oottes vernahm, da wurde ihm bedeutet, daß seine Aufgabe eine zwiefache sei. „Ich habe dich am heutigen Tage dazu bestimmt, einzureißen und zu zerstören, doch auch zu bauen unü zu pflanzen.“ Das will sagen: Zu gewissen Zeiten soll der Prophet scharfe Kritik üben. Hat das Volk den Weg der Ciottefurcht und der Gesittung verlassen, dann soll er schelten und drohen, soll mahnen und warnen. Ist dass Volk jedoch von Leiden heimgesucht,'dann soll es die Aufgabe des Propheten sein, es zu trösten und aufzurichten; dann soll er dem Volk mit liebevollen Worten einen Ausblick in eine bessere, glücklichere Zukunft gewähren. So wurde es einst dem Jeremia in der Stunde seiner Berufung bedeutet, und so hat er es gehalten. Und nicht nur Jeremia, sondern alle Propheten Israels haben es so gehalten. Alle haben, wenn das Volk übermütig war, mit dem göttlichen Strafgericht gedroht. Alle abe-- haben, wenn das Volk von Leiden gebeugt; war, mit Worten inniger Liebe Balsam in die Herzen der Unglücklichen und Verzweifelnden geschüttet. Wieder, einmal waren schwere Zeiten über Israel gekommen. Wir wissen nicht, zu welcher Zeit es war wissen iucht, unter welchem Verhängnis das Volk damals su’ seufzeii hatte; jedenfalls war wieder einmal eine Zeit bitteren Leids gekommen. Da erhob sich der Prophet Jesaja und rief seinem Volke zu: „Geh bin, mein Volk, komme in deine Gemacher und schließe deine Tür hinter dir zu; verbirg dich einen kurzen Augenblick, bis; der Grimm vorüber ist.“ ■, i, liebevoll klingen diese1 Worte. Der Prophet sah seüi Volk in Not, in Bitternis, in Verzweiflung. Da‘ hielt er es nicht für am Platze, niederzureißen und zu zerstören; das schien ihm keine,geeignete Zeit für herbe Kritik. Da galt fes zu bauen und zu pflanzen, zu trösten und zu ermutigen. Jahrhunderte waren vergangen, längst war der Mund der Propheten verstummt. Da lebte im heiligen Lande der gelehrte Rabbi Tanz:huma bar Abba. Als dieser einst bei einem Vortrag im Lehrhaus an jene Worte Jesajas kam, da gab er ihnen eine bildliche Erklärung und sprach: „Geh hin, mein Volk, komme in deine Gemächer,“ das will sagen: Tue einen, Blick in die Kammern deines Herzens und frage dich, warum. Gott wohl so schwere Leiden überdich gebracht haben mag. „Und schließe deine Tür hinter dir zu,“ das will sagen: Rechte nicht mit dem göttlichen Ratschluß, sondern ■schließe die Tür deines Mundes und trage in stiller Ergebung, was Gott über dich verhängt hat: Mit dieser Erklärung wollte Rabbi Tanchuma die Trostworte Jesajas nicht etwa abschwächen; der ursprüngliche Sinn der prophetischen Trostworte sollte gewiß nicht aufgehoben werden. Rabbi Tanchuma -meinte nur: Wenn Zeiten kommen, in denen der Prophet es nicht für angebracht hält, Kritik zu üben, Zeiten, in denen er nichts anderes sprechen will als Worte gütigen, tröstenden , Zuspruchs: Da soll doch das Volk selbst verständnisvolle Kritik an sich üben, da soll es aus eigenem Antrieb Einkehr in sich halten und soll sich fragen: Sind wir auch völlig ohne Schuld oder nicht? Wieder sind Zeiten des Leids gekommen. Und wieder vernehmen wir die liebevoll. mahnende Stimme des Rabbi Tanchuma. Wieder vernehmen wir seine Worte, die er in Anlehnung an die-Trostworte Jesajas gesprochen hat: „Tue einen Blick, mein Volk, in die Kammern deines Herzens. fragen: „Was haben wir begangen, daß ihr anfaßt? Sind wir schlechter, minderwertiger, weniger ehrlich, weniger gewissenhaft, weniger zuverlässig, weniger treu? Ist unsere Liebe zur Heimat weniger echt als eure Liebe?“ So sprechen wir zu denen, die uns wehe tun, so dürfen wir zu ihnen sprechen. Anders jedoch, meint Rabbi Tanchuma, sollen wir zu uns selbst sprechen. Da sollen wir einen Blick tun in Üie Kammern unseres Herzens und sollen uns fragen.' Haben wir die Aufgabe erfüllt, die Gott uns auferlegt hat? Es ist gewiß eine schwierige Aufgabe. Aber haben wir die Kraft aufgebracht, sie zu erfüllen? Haben wir die Kraft aufgebracht, die Bürde zu tragen? Haben wir uns bewährt als „das Volk des Ewigen“, als das „Eigentumsvolk Gottes“? Vor den Menschen stehen wir schuldlos da; aber als vorbildlich haben wir uns nicht erwiesen. Das ist unsere Schuld, nicht zwar gegen die ,Menschen, wohl aber gegen unsere Bestimmung, wohl aber gegen Gott. Darum werden wir, der Mahnung des Rabbi Tanchuma gemäß, nicht rechten über das, was Gott über uns verhängt hat, sondern werden die Tür unseres Mundes schließen vor dem Lenker unserer Geschicke. Haben wir auf solche Vt’eise ehrliche Kritik an unsgeübt, dann werden uns doppelt wohltun die Trostworte des Propheten Jesaja, die er unter Hintansetzung jeder Kritik gesprochen hat. In leidvollen Tagen werden seine Worte, uns erheben und erquicken: „Geh hin, mein Volk, komme in deine Gemächer und schließe deine Tür hinter dir zu; verbirg dich einen kurzen Augenblick, bjs der Grimm vor- Was drei Steine verraten Die ältesten jüdischen Denkmäler Ungarns Xi eines Mannes, einer Frau und emes Kindes. Später hat ihn; dann emo jüdische Familie, Vater, Mutter und Sohn, für sich" in Anspruch genommen, ihre Namen, die vom Wiener Forscher Professor Samuel Krausz zuerst gelesen wurden, sind in grie- . chischer Sprache oberhalb' der anderen Inschrift flach eingraviert mit derselben Technik sind zwei Menoras (sieboiarmige Leuchter) eingezeichnet und zum Schluß noch das jüdische. Glaubensbekenntnis „Heis Theos!“ (Gott ist einzig!). Der dritte Römerstein ist ein Votivstein. ebenfalls aus dem dritten Jahrhundert. Er wurde in dem an der Donau gelegenen Städtchen Duna-Peiitele gefunden, wojn der einstigen Kolonie lutcrcisa seinerzeit syrische Solunter denen sich sicherlich auch Juden „Nicht Haß, sondern Nächstenliebe1* Wien. Die Neue Freie Presse berichtet über eine stark besuchte Versammlung des Landesverbandes Österreich der H ara n d-Bewegung. „Ich will", erklärte Frau Haraml in ihrer Rede, „es durchsetzen, daß wir Christen erkennen, daß die_ Bekämpfung des Antisemitismus unsere h e 11 i g s t e P f 1 i e li t ist. Es sei ganz ausgeschlossen, daß eine Menscheiigruppc, die der Menschheit auf allen Gebieten des . Wissens so hervorragende Dienste leisten komitc, als muulerwertig betrachtet werden könne. Ich bin eine fromme Katholikin und gerade. deshalb werde ich nicht ruhen und nicht rasten, bis der Judenhaß aus den Herzen meiner Mitmenschen verschwunden ist. Österreich wird jetzt neu aufgebaut werden. Nicht der ‘—'l. die Nächstenliebemuß der Kitt sein, dcruiis Österreicher Zusammenhalt. Ich finde soga r g r a u s a m , einen Menschen nur d esh a 1 b zu v'. Nicht die Abstammung oder die Religion, sondern nur Charakter und das Wirken eines Menschen mul) für m Verhalten ihm gegenüber entscheidend sein.-. I ISTAATSLOTTERIEl Ziehung der I. Klasse 20. und 21. April I Kriofcky, ‘t,™“ Berlin SW 191 An derjerusalemer Kirche 1, Ecke Lindenstraße I I Das vor Jahresfrist neueröffnete Ungarisch-Jüdische Landesmuseum in Budapest hatte es sich zur Aufgabe gemacht, alle bedeutenden Denkmäler jüdischer Geschichte aut ischem Boden in Original oder Kopie der großen Offentit zugänglich zu machen. In den jüngsten Wochen ist t» „un der Leitung des Museums, Bankdirektor Adolf Wertheimer gelungen, die älteste Reliquie dieser Art von dem Kardinal Justinian Seredi, Erzbisch, von Gran umT Fürstprimas von Ungarn, als Tauschobjekt zu erwerben. Es ist dies ein römischer Grabstein aus dem dritten Jahrhundert,, der im Jahre 1890 auf primatialem Boden in Gran aufgefünden wurde. Der monumentale, in zwei ‘Stücke gesprungene "harte Kalkstein zeigt als einzigen, mächtig in die Augen springenden Schmuck die tiefgegrabene Zeichnung des siebenarmigen Leuchters, jenes ältesten jüdischen Symbols, das zum Beispiel in den römischen Katakomben von 80 jüdischen Gräbern.etwa 70 ziert. Die Inschrift selbst, knapp in die obere Zierleiste des Steines geschnitten, besagt, daß der Stein zur Erinnerung an einen Vater Judatus (Judas) und seine Frau Cassiale oder Casete errichtet wurde. Sprache und Duktus der Schrift, die mehrere griechische Lettern aufweist, sowie die letzten drei Buchstaben, die als Eulfogia) gelesen werden, beweisen, daß wir es mit Juden zu tun haben, die im Gefolge der römischen Legionen nach Pannonien gekommen waren und von zu Hause sich einen gewissen Wohlstand und eine latein-griechische Bildung mitgebracht hatten. Ähnliche Lehren bietet der zweite Grabstein aus demselben Jahrhundert römischer Herrschaft, der sich noch vorläufig auf dem Gute Alberti-Irsa der Grafen Szaparv befindet, aber voraussichtlich ebenfalls in den Besitz des Jüdischen Museums gelangen dürfte. Er war ursprünglich als heidnischer Grabstein verwendet und zeigt die Reliefs Oberschlesische Rabbiner gegen! Schächtverbot Kattowitz. Hier kam, wie; die Deutsche Zcitun«: meldet, vor der Gemischten Kommission für Obcmchkslcn die Beschwerde des Rabbinerverbandes aus Deutsch-Obcrschlesien zur Verhandlung. Die Beschwerde richtet sich gegen das von der deutschen Regierung erlassene Verbot der rituellen Schlächterei. Die Beschwerdeführer waren durch Rabbiner Dr. Golinski aus Beuthen und durch zwei Rechtsanwälte ans Deutsch-Oberschlesien vertreten. Auch Millionen werden Biro-Bidschan Moskau. Die Regierung der Sowjetunion hat für das Jahr 1934 als Budget für-den jüdischen Aufbau in Biro- Bidschan im Fernen Osten, wo ein jüdisches autonomes Gemeinwesen errichtet werden soll, eine Summe von 5 Millionen Rubel eingestellt. Davon sollen 20 Millionen Rubel allein für Häuser- und Fabrikenbau ausgegeben werden. 1934 sollen 3551 jüdische Familien .mit insgesamt 15 000 Seelen in Biro- Bidschan angesiedelt werden, Im ersten Jahresviertel jedoch -konnten nur 200 Familie und 481 Einzelpersonen, im ganzen 1209 Seelen, in das Land gebracht werden. Daß diese sogenannte jüdische Republik im Fernen Osten auch durch einen Betrag von 5 Millionen Rubel nicht vor dem Fiasko gerettet werden kann, ist ans. den letzten Meldungen, die die „Jüdisch-liberale Zeitung“ veröffentlichte, ohne weiteres ersichtlich. mm LEUCHTRÖHREN (INDUSTRIE ELEKTRO WERKSTÄTTEN Spezialfabrik v. Leuchtröhren - Eigene Laboratorien u. Glasbläserei ' Rep. elektr. 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