Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 14 (1934)
- Issue
- 29 (10.4.1934)
- Date
- 1934-04-10
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Hans Samter: Was brauchen wir^um Leben? Eine Erzählung, ein Brief und eine Lehre! Tolstoi, der gütige und weise Dichter, fragt in £s ist vieles entbehrlich einer seiner schönsten Erzählungen: „Wi.eviel Erde braucht der Mensch?“ Von einem Knecht wird darin erzählt, dem auf seine Bitte sein Herr soviel LaW schenken will, wie er zum Leben braucht, soviel nämlich, wie er an einem Tage umgehen kann. Und um möglichst viel Land zu erwerben, -läuft der Knecht von Sonnenaufgang bis tief in die Nacht mit aller Kraft; als er am Abend'wieder zurück ist, fällt r tot u •Und dies also ist die' Antwort auf solche Frage: Sechs Fuß Erde braucht er, damit sein Sarg Platz findet! Der Wunsch des Verstorbenen Diese tiefsinnige Geschichte lebte wieder auf, als letzthin ein Brief aus,weiter Ferne eintraf, von der Gattin eines deutschen Juden geschrieben, der nach langjährigem Aufenthalt in Südamcrika gestorben war. Sie schrieb: „Dem Wunsche des Verstorbenen entsprechend, habe ich ihn hier verbrennen lassen. Die Asche in der Urne behalte ich bei mir, bis ich das Geld haben werde, nach Deutschland zu kommen. Denn es war sein letzter und tiefster Wille, einmal in. dieses Land zurückzukehren, aus dem er gekommen ist; für immer soll er dort ruhen.“ - Dieser Brief enthüllte die Seele eines wahrhaft deutschen Juden: was besagt es für ihn, daß ihn das Schicksal zwang, den größten Teil seines Lebens fern von der Heimat zu verbringen, wenn er nur weiß,'daß er dort im-ewigen Schlaf .einmal wird ausruhen . können. Und er sagt eigentlich auch alles über unser Schicksal: selbst wenn wir Uns vorzustellen imstande sind, daß wir in irgendeinem Lande der Welt leben — dieser deutsche Boden ist es, unter dem wir einmal liegen .müssen, wenn wir Ruhe finden sollen. So betrachtet, braucht man keine Sorge um die tiefsten, und nur aus dem Blut lösbaren Fragen unseres deutschen Judentums zu haben: Der feste Glaube daran, daß wir die sechs Fuß Erde hier finden werden, die wir einmal benötigen, läßt .uns leichten Herzens, auf das ganze Land verzichten, das uns angeblich alles Glück geben soll. Wenn der Rausch des Tages vorbei ist, wird es keine Frage mehr sein, welches unsere, der deutschen 'Juden, Heimat ist. Dieses Wissen aber genügt nicht: denn wir wollen in” diesem Land nicht-nur sterben, wir' wollen in ihm leben.können. Und alle Bemühung ist notwendig, Lebensnormen zu schaffen, die wirkliche Geltung haben können.’ Darum aber ist die Frage notwendig,’ was wir denn brauchen," um hier leben, zu können. Hierbleiben — selbstverständlich Noch weiß nicht 'jeder um die richtige Beantwortung; einer, der ein ehrlicher deutscher Jude ist, äußerte kürzlich: „Daß ich hier bleibe,, allen Nöten uncL Schwierigkeiten zum Trotz, ist ja selbstverständ- Jicli; jetzt die hier bleibenden Juden im Stich zu lassen, wenn man eine Existenz hat, wäre feig. Meine Kinder allerdings werde ich ins Ausland schicken, die können ja hier nicht auf die höhere Schule und nicht studieren; was sollen sie denn da werden?“ Und solche Denkweise ist ohne Zweifel ziemlich verbreitet; wenn ^ie-^ber .herrschend bleibt, können wir hier kein neues Judentum aufbauen. Denn das Erste und Wichtigste, was wir brauchen, ist eine grundsätzliche Umstellung unseres Denkens. Sicher ist das für viele, eigentlich für alle sehr schwer; aber wenn sie bei den Erwachsenen oft kaum. noch möglich ist, kann sic bei den Heranwachsenden durchaus gelingen. Noch wissen wir wenig uni unsere Zukunft, aber irgendwie wird jeder einmal etwas werden können. Nur daß wir alle einmal uns freimachen müssen von Illusionen und falschen Vorstellungen. Es geht nicht an, daß wir Ideale mit uns herumschleppen, die in Wahrheit gar keine sind. Dies zum Beispiel, daß das deutsche Judentum im bürgerlichen Wohlstand leben müsse, um existieren ■zu können. Wenn selbst vieles von dein, worauf wir als auf Leistungen der nun . abgelaufenen Epoche unseres Schicksals stolz sind, Ergebnis unseres Aufstiegs in das Bürgertum gewesen ist, ist Bürgerlichkeit nicht der Kern unseres Seins, kann und darf es nicht sein. Es wird auch in Zukunft noch mancher aus der Bürgerlichkeit herausgerissen, dadurch vor allem aus . der Sicherheit des Lebens in ein gefahrvolleres Dasein gestoßen. Ist das ein Ausweg, der schreckt? Man sollte meinen, daß er im Gegenteil vcr-; lockend sein muß gerade für die jungen Menschen, um deren Schicksal es geht. Und wer mit der Redensart, seine-Kinder könnten hier nichts werden, nur meint, daß sie nicht in der geregelten Bürgerlichkeit existieren könnten,-die sein Leben war, der weiß eben nicht, wohin der Weg der deutschen Juden zunächst führt. . Wir brauchen Existenzmöglichkeiten für viele, die heute aus der Bahn geworfen sind, und für hoffentlich viele Kinder und Enkel derer, die hier sind. Aber wir sollen bei dem Neuaufbau des Tages wissen, daß es sinnlos ist, etwa auch in deii neuen Berufen, denen viele zugeführt werden, um jeden Preis das Lebensniveau der Vergangenheit aufrechterhalten zu wollen. Dann werden wir auch merken, daß so viele Dinge von uns abfallen, die wir für unentbehrlich hielten, und eben darum wird neben der Erneuerung unseres J u d entums eine individuelle Erneuerung sich an uns vollziehen, die alle die Kräfte in uns freilegt, die bisher schlummerten oder verschüttet worden waren. Wenn aber selbst die materiellen Anforderungen, die wir an das Leben stellen, geringer sein werden, wenn wir von diesem Leben kampflos nichts mehr erhoffen, bleiben die geistigen Forderungen bestehen, die an uns gestellt werden, die wir an uns stellen. Hier allerdings „brauchen“ wir immer und in aller Zukunft viel zum Leben. Dehn was wir zu-‘ nächst wohl an äußeren Dingen zu geben nicht mehr imstande sein werden, an Einfluß und Wirkung, am Vorwärtstreiben des allgemeinen Fortschritts, das müssen wir —; jeder an seiner Stelle — durch intensivste Arbeit an uns ersetzen. Noch liegt in der Ferne, was, nach der Umwälzungdieser Zeit, ein mitten im öffentlichen Leben stehender Nichtjude aussprach: In zehn Jahren würden die deutschen Juden eine Gemeinschaft von Philosophen sein. Dann fügte er freilich noch hinzu: oder sie würden nicht mehr sein. Die Wahrheit dieses Ausspruchs wird sich nicht so erweisen, wie es dem erscheint, der ihn oberflächlich betrachtet. Daß wir deutschen Juden aussferben (wie es Herr Dr. Theilhaber prophezeit hat) oder plötzlich nicht mehr da sein sollten, ist unvorstellbar. Dies aber bleibt: daß wir aufhören werden, von Bedeutung zu sein, daß wir als Gruppe . deutscher Juden diesem Lande und vielleicht sogar der Welt nichts mehr zu geben haben werden, wenn wir nicht eine Gemeinschaft von Philosophen werden. Denn das ist ein einfaches Rechenexempel; nur der zählt als Einzelner wie als Gesamtheit,- der etwas darzubringen hat, was sonst keiner kann. Wir deutschen Juden sind in allen Möglichkeiten auf das Äußerste beschränkt, wenn wir also unsere Existenzberechtigung zeigen wollen, müssen wir uns selbst als vollkommene Gemeinschaft erweisen, müssen zeigen,-daß man uns auch alles nehmen kann, was vorher unsere Stärke zu sein schien, .ohne daß wir im Kern angetastet werden. Der Weg unseres Lebens Darum brauchen wir zum Leben alles, was wir an Gütern des Geistes aufnehmen können.- Es muß unser Stolz sein, auch dann, wenn die Basis unserer materiellen Existenz sich grundlegend verändert hat; den-hohen'geistigen Standard der deutschen Juden . aufrecht zu erhalten. Dann wird es eines Tages mit. Recht wieder von uns heißen, daß wir ein Volk von Priestern und ein heiliges Volk sind, Volk nicht in dem Sinne, der sonst diesem Worte eignet, und den die Zionisten ihm unterlegen, sondern die Gemeinschaft derer, die als Träger einer Idee geheiligt sind. Darin liegt unsere Zukunft und unser Leben, Heilige Priester einer geistigen Aufgabe sollen wir sein; das kann jeder, von uns, wohin ihn das Leben auch stellt. Sie zu erfüllen, wird hier, in diesem Lande, und nur hier, der Weg unseres Lebens sein. Es wird gemeldet . . Nach einer Meldung aus Moskau befinden sich unter der auf einer Eisscholle kampierenden Mannschaft des Eisbrechers „Tscjheljuskin“ vier Juden, und zwar der Kinooperateur i Arkadi Schafran und die Wissenschaftler Ourewitsch, Rail und Schpakowski. Wie erinnerlich hat der junge jüdische Forscher Boris Mogilewitsch als einziges Mitglied der Schmidt-Expedition auf dem Eisbrecher beim Bergen der Forschungsinstrumente des von den Eisinassen erdrückten Schiffes den Tod gefunden. Nach dem soeben erschienenen amtlichen Organ der Jüdischen Gemeinde in Rom ist hier die einzige Judehgemcinde in Italien, in "der die Zahl der Geburten die der Todesfälle übersteigt. Im Jahre 1933 wurden in Rom 236 jüdische Kinder, davon 111 Knaben, geboren, während die Zahl der Todesfälle 159 betrüg. Im Jahre 1932 standen 210 Geburten 117 Todesfälle gegenüber.- Der natürliche Bevölkerungszuwachs unter den. Juden Roms betrug 1933 12,5 Prozent.; Der Senior der deutschen Chemiker, der frühere Professor au der Universität München, Dr. Oskar Loew, beging dieser Tage seinen 90. Geburtstag. Loew, der bis zum Jahre 1913 die Professur für Pflanzenphysiologie innehatte, ist u. a. Inhaber der Liebigmedaille und Mitglied Zahlreicher wissenschaftlicher Gesellschaften. Teilnehmer an antisemitischen Ausschreitungen verurteilt sophischen Fakultät für immer, ein anderer, für zwei Semester r e 1 egi c rt worden. Von der medizinischen Fakultät wurden aus dem gleichen Grunde zwei Studenten für ein Semester - relegiert. 29 andere Studenten erhielten kleinere Disziplinär- - strafen und wurden verwarnt. Saloniki. Als' Rädelsführer bei den im Februar in Saloniki stattgefundenen .judenfeind. 1 ichen Unruhen wurde der Sohn des Präsidenten der antisemitischen Organisation Ethnike Enossis Ellados, J. Kosmides, vom Salonikier Gericht zu einem Jahr Gefängnis-verurteilt. Drei Mit- '= angeklagte, Kokinos, Mahlis und Skenderoglu, erhielten je einen Monat Gefängnis. Außerdem hat jeder der vier Verurteilten eine Geldbuße von 3000 Drachmen zu erlegen und verliert die bürgerlichen Ehrenrechte für ein Jahr. — Auf Grund einer Regierungsverordnung, die die Mitgliedschaft von Schülern staatlicher Schulen in politischen Organisationen verbietet, haben die Direktoren der Schulen in Saloniki und ■ Edessa über 100 Schüler ausgeschlossen, die an den von der nationalistischen antisemitischen Organisation E.E.E. veranstalteten judenfeindlichen Kundgebungen teilgenommen haben. Das durch jüdische Ve Livorno feierte d r Werl bekannte :s hundertjährigen Bestehens. Die Sammelaktion zugunsten des Hilfswerks für deutsche Juden Erste Spendenliste: 62,573 Pfund London. Die soeben veröffentlichte erste Spendenliste der zweiten Sammelaktion zugunsten des Hilfswerks für deutsche Juden wejst eine Gesamtsumme von 62 573 Pfund aus. An der Spitze der Liste stehen N. M. (Rothschild und Söhne, M. Samuel & Co. und die Familie Marks (Herr und Frau Simon Marks 4000 Pfund, Herr und Frau I. M. Sieff, Herr und Frau Norman Laski, H. u. Fr. Harry Sacher und Fräulein Mathilde Alarks je 1500 Pfund) mit je 10 000 Pfünd. Es folgen I. Wolfson und George Rose mit je 5000 Pfund, die Familie Lord Melchetts und Sir Osmond d’Avigdor Goldsmid mit je 2000 Pfund. Je 1000 Pfund spendeten Edward S. Baron, Harold L. Cohen, Oberstleutnant Stanley, S. G. Cohen, Dr. Henry Dreifus, Lady Lilli Fitz-Gerald, Dr. Claude G. Montefiorc, Dr. Weizmann und Frau und ein Ungenannter. Je 500 Pfund: Major Frederick Stern, Seligmann Bros., Ltd., Albert van den Bergh, Gustave-Thuck. Je 300 Pfund: Lionei Montague und Ernest L. Franklin. Je 250 Pfund: Herr und Frau Leonard G. Montefiore, Gerald E. Beddington, Dennis H. Cohen, J. S. Sykes und Henry van den- Bergh. Je 200 Pfund: Abraham Davis, Paul Loewe, J. Lewisohn, E. Turk, Owen E. Mocatta, Otto M, Schiff, British and Colonial Furniture tk Co., Ltd-, Oberstleutnant F. D. Samuel und Frau, und Major J. Brunei Cohen. Je 150 Pfund: Ernest M. Cohen, Sir und Ladv Cohen. Je 105 Pfund George Collin, Herr und l-rau Philip S. Waley, M. Bertish, M. S. Myers, Henry Lucas, Leon Bros., Herr und Frau H. Irweil und Oskar Philip. Je 100 Pfund: G. M. Bauer, 'Herr und Frau Philip Hälüin,'Herr und Frau Norman Bentwich, Herr und Frau Lawrence Lewv, W. Goldstein, George G. Jacob, Svdnev Rothman, Louis Abrahams, B. D. Davis, C. H. Polhill und Jonas Wolfe. Gegen Rassenhaß Kundgebung im tschechischen Abgeordnetenhaus . . . Prag., Als Einleitung zum Osterfest wurde im Sitzungssaal des tschechoslowakischen Abgeordnetenhauses in Anwesenheit des Präsidenten der Republik, Thomas G. Masaryk, der Mitglieder der Regierung, des Diplomatischen Korps und der gesetzgebenden Körperschaften der Friede des tschechoslowakischen Roten Kreuzes feierlich verkündet. Der Vertreter der Regierung, -Minister für Unterricht und Volksaufklärung, ' Dr. Krcmar, sagte über den Sinn der Feier u. a.: „Liebe zum eigenen Volk fordert keineswegs Lieblosigkeit zu anderen Völkern“, so lehrt uns unser großer Präsident. „Gegen einen positiven Nationalismus, der positive Ziele anstrebt, eine intensive Arbeit zur Hebung der eigenen Nation leistet, kann niemand etwas einzuwenden haben; nicht die Liebe zum eigenen Volk, sondern der Chauvinismus ist der Feind der Völker und der Menschheit.“ Nach diesem Masarvk-Zitat führte der Unterrichtsminister u. a. aus: Unter den Völkern gibt es keinen angeborenen Haß. Dem .. arbeitenden'Volk jedweder Zunge und Rasse ist jeglicher Rassenhaß fremd. ... und im rumänischen Senat Bukarest. Anläßlich der Debatte über das neue Gesetz zur Sicherung der staatlichen Ordnung machte Justizminister Victor Antonescu bemerkenswerte Ausführungen über den Nationalismus. Er erklärte, seine Partei (die Liberale) sei immer national gewesen, aber sie wende sich mit aller Energie EfeÄ Kurt Katsch verläßt Berlin Der Schauspieler Kurt Katsch, den die Besucher der Kulturbund-Abende von der Bühne her kennen, verabschiedet - sich'in einem „Abschiedsabend der Künstlerhilfe der Jüdischen Gemeinde“, bevor er seine Reise nach Amerika antritt. Er liest Sonnabend, 14.-April 1934, abends 8.30 Uhr, im Logenhaus, Kleiststraße 10, aus seinem soeben vollendeten Buche „Mein Weg vom Osten zum .Westen“ vor. In seinem Werk schildert der Künstler sein bisheriges abenteuerreiches Leben, das ihn aus seinem Heimatland durch ganz Europa bis nach Berlin geführt haf.‘ Der Kulturbund Deutscher J u den ersucht uns, mitzuteilen, daß alle diejenigen Mitglieder, die sich für. moderne jüdische Musik interessieren, gebeten werden, ihre Adresse unverbindlich in eine-der bei sämtlichen Zahlstellen aufliegenden Listen einzutragen.