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Jüdisch-liberale Zeitung · 1934-04-10 · 29 (10.4.1934) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
14 (1934)
Issue
29 (10.4.1934)
Date
1934-04-10
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Berlin, 10. April 1934 Einzelnummer 20 Pt. Nr. 29 14. Jahrgang Bezugspreis: Monatlich 1,35 RM. zuzüglich Bestellgeld. Einzelnummer 0,20 RM. Abonnements werden bei allen Postämtern angenobimen. — Anzeigen nach Tarif. — Bei Nichterscheinen infolge Streiks oder höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Rückerstattung der entsprechenden Bezugsgebühren. Die ,jüdisch-liberale Zeitung** erscheint zweimal wöchentliche Dienstag und Freitag Freitags. — Redaktion und Geschäftsstelle: Berlin - Charlottenburg 4, MonimsenstraBe 40. — Fernruf: J 6 BIcibtrcu Sammelnummer 1545. — Bankverbindung: Kreditverein für Handel und Gewerbe e. G. m. b. H., Berlin N 24. — Postscheckkonto: „Jüdisch-liberale Zeitung“, Berlin 227Ö4. r Die Zeit fordert Opfer Hilfe von aussen — Aufbau im Innern! / Von Heinrich Stern und völliger Umgesta 1 tung unser es äußeren Lebens stehen. Diese Opfer werden nur erträglich sein, .wenn sie ausgeglichen jverden durch eine tiefgehende Beseelung alles jüdischen Lebens,- damit die Empfindung wach bleibe, daß man nicht einen sterbenden Baum künstlich stützt, sondern von einer im Kern gesunden Pflanzung nur die morschen und wildwuchernden Aeste abschneidet, damit der Saft umso stärker durch alle Poren dringt. Durch die jüdische Presse gehen in diesen Tagen Meldungen über den Beginn neuer großzügiger Sammlungsaktionen in Englandund Amerika, die von Juden aller Richtungen zugunsten der deutschen Juden unternommen wefden. Gleichzeitig wird über die bisherige Sammlung, insbesondere des englischen .Hilfswerks und seine Verwendung Bericht erstattet. Kein Wort ist ausreichend, um die Arbeit .werktätiger Liebe und Opferbereitschaft unserer Brüder im Ausland zu rühmen, wobei an die Juden in andern,Ländern, insbesondere in Frankreich und Holland, nicht vergessen werden darf. Wir wollen in diesem Augenblick des Dankes auch die manchmal unerfreulichen Streitigkeiten vergessen, die sich über die Verwendung des gesammelten Geldes hie und ‘dort erhoben.. Die verhältnismäßig hohen Zahlen, die auch jetzt wieder in der jüdischen Presse genannt werden, ganz abgesehen davon, daß es sich um erhoffte und noch nicht einkassierte Beträge handelt, dürfen nicht dar- , über hinwegtäuschen, daß nur ' ein verhältnismäßig" geringer Bruchteil des gesammelten Geldes in Deutschland seihst verwendet wird. Ein sehr erheblicher Teil geht nach Palästina,, ein kopfmäßig noch erheblich größerer Teil dient in den einzelnen Ländern zur Unterstützung bzw. zum Wiederaufbau der dorthin gewanderten deutschen Juden. Nur was nach Abzug dieser Beträge zuzüglich des Verwaltungsapparates übrig bleibt, soll innerhalb Deutschlands Verwendung finden. Man kann über den Verteilungsschlüssel vom deutsch-jüdischen Standpunkt gewiß streiten, aber der Empfangende hat nicht das Recht zu verlangen, selbst wenn er, wie wir deutschen Juden das mit Recht tun dürfen, das Gefühl hat, nicht als Almosen empfänger.dazu- - stehen, sondern der Hilfe einer Gemeinschaft teilhaftig zu werden, der wir 150 Jahre hindurch materiell, noch mehr aber ideell reichlich gegeben haben. Wir haben dankbar zu sein.für das, was uns gegeben wird. Wir haben aber das Recht zu verlangen, daß der Wert der Gabe nicht herabgesetzt wird dadurch, daß sie an Betrachtungen und Bedingungen geknüpft werden, die nicht ■ gerecht-. fertigt sind. Zwar die am meisten niederdrückende Behauptung, es lohne sich nicht Geld für eine aussterbende Gruppe zu.geben, ist vor dem Selbstbehauptu ngs w.i 11 en insbesondere auch der deutsch-jüdischen Jugend verstummt, immer noch aber hört man neben durchaus gerechtfertigter Kritik über ein Zuviel und Durcheinander von Organisation die Behauptung, die deutschen Juden seien sich des Ernstes der Situation noch nicht klar, sie hätten ihre Lebenshaltung im einzelnen und in ihren Institutionen der neuen Zeit noch nicht angepaßt, ja hie und da klingt immer noch die respektvolle Verwunderung darüber durch, daß man, nicht mehr als es geschehen, an systematische Auswanderung denke, obwohl im gleichen Atemzuge erklärt wird, daß gerade dies und dies Land keine neue Einwanderung mehr vertrage. - Demgegenüber mag mit aller schuldigen Achtung vor der brüderlichen Gesinnung unserer ausländischen .Geber doch Eines gesagt werden: Nur wer hier lebt und die tägliche Kleinarbeit aller beteiligten Kreise sieht,-kann sich ein Bild darüber machen, ob und wie . weit die geistige und wirtschaftliche „Umstellung“’der Einzelnen erfolgt ist. Zweifellos gibt es immer noch deutsche Juden, die da meinen, ihre bisherige Lebensauffassung und Lebenshaltung aufrecht erhalten zu können, „weil die jetzige Notzeit früher oder später vorübergehen werde“. Wer so denkt, steckt in der Tat noch tief in einer zu überwindenden Vergangenheit. Wir wollen die jüdische Erziehung und Bildung nicht verstärken und vertiefen, weil wir woanders nicht mehr Unterkommen, sondern weil wir erkannt haben, daß ohne jüdisches Verstehen keine lebendige jüdische Gemeinschaft möglich ist, wir wollen unsere Kinder nicht nur deshalb zu Land- und Handarbeitern machen, weil uns die sogenannten „höheren Berufe“ größtenteils verschlossen sind, sondern weil wir erkannt haben — Einsichtige von uns schon längst vor 1933 —, daß die zu starke Hinführung unseres Nachwuchses in die akademischen Berufe geistig und körperlich verderblich wird. Wir wollen also nicht aus der vorübergehenden Not eine vorübergehende Tugend machen, sondern erkennen, daß wir ganz von vorne anfangen müssen.. Man sieht nun aber leider im Ausland nicht, daß die führenden Schichten derer, die in Deutschland zu bleiben wünschen (nicht nur müssen), mit allem Ernst und allem Nachdruck diese Neugestaltung jüdischen Lebens ins Werk zu setzen versuchen. Was daher für jüdisch-kulturelle Aufgaben und systematische Berufsumschichtung vom Ausland gegeben wird, ist ’ ernsthaft produktive Hilfe; kein Versuch am untauglichen Objekt. Und wenn man uns vielfach im Ausland entgegenhält, '„daß unser Wohlfahrtsetat nochviel zu groß sei“, so wird leider übersehen, wie stark die Verarmung auch früher besitzender Schichten vorgeschritten ist, und es wird vor allem leider nicht daran gedacht, daß zu den eigentlichen Wohlfahrtsempfängern alten Stils ganze Gruppen bisher schaffender Menschen hinzugetreten sind, insbesondere Altakademiker und alte Kaufleute, für die im Ausland ganz gewiß und in Deutschland jedenfalls jetzt bestimmt jede Möglichkeit wirtschaftlicher Umstellung genommen ist. Diese besonders schwer leidenden Gruppen haben bisher ihre kärglichen Ersparnisse aufgezehrt; die Sorge für sie steht gespenstisch drohend vor uns. Es zeigt sich schon jetzt, und darauf kann nicht früh genug und nicht nachdrücklich genug hingewiesen werden, daß noch so großzügige Hilfstätigkeit von außen letzten Endes nur eine Beihilfe, eine Nothilfe sein und bleiben kann; wollen wir das deutsche Judentum in Deutschland erhalten, so werden wir — ich fürchte sehr bald — mehr oder weniger auf eigene Kraft und eigene Mittel angewiesen sein. Noch in diesem Jahr, vielleicht bestenfalls im nächsten, werden bestimmte kulturelle und wirtschaftliche Aufgaben die Unterstützung des Auslandes finden; die große Last der Aufrechterhaliung der Gemeinden als solcher, die Wohlfahrtspflege, aber auch in immer weiterem Umfang Kultur- und Wirtschaftsaufgaben werden vonjnnen heraus zu leisten sein. Darum kann nicht früh genug und nicht stark genug der Ruf erhoben werden nach Vereinfachung und Verb i 11 igu n g-d cs organisatorischen Apparates — ich verweise auf meine Ausführungen über die Reich’sgemeinde in der „Jüdisch-liberalen Zeitung“ vom 16. März —, nach schärfster Rationalisierung insbesondere auf dem Gebiet jüdischen Vereinswesens und nach einer großen systematischen, auch die kleinsten Gruppen umfassenden finanziellen Aufbautätigkeit. Einmal werden die Gemeinden unter entsprechender Einschränkung; ihres Etats, dort wo es möglich ist, die Steuerkraft ihrer Mitglieder noch mehr als bisher in Anspruch . nehmen müssen, andererseits muß insbesondere zur Erhaltung der Wohlfahrtseinrichtungen die private Aufbringung von Mitteln ganz anders als bisher organisiert werden. Wir deutschen Juden müssen uns darüber klar sein, daß wir vor einer Zeit äußerster Opfer Kleine Entgegnung ah Herrn Dr. Prinz GjMdKhe Iwtenl ln einer Betrachtung über seine Eindrücke in Palästina, die im Einzelnen wohl abgewogen ist und versucht, Licht und Schatten einigermaßen zu verteilen, schreibt Herr Rabbiner Dr. Joachim Prinz in der letzten Nummer der „jüdischen Rundschau“: „Der Eindruck,-daß in diesem Lande glückliche Juden wohnen, der Kontrast mit dem Juuerischicksal in den Ländern des Galuth, wirkt als das stärkste und schönste Erlebnis einer Palästina-Reise in einem nach und gibt uns ,- neue Maßstäbe für die Forderung, die der Arbeit in diesen Ländern gestellt werden müssen.“ Ich kann mir vorstellen, daß es insbesondere für junge Menschen eine glückspendende Genugtuung bedeutet, in Sonne und Freiheit neu aufzubauen. Muß ich aber einem Rabbiner sagen, daß das Glück nicht nur von außen kommt? Glücklich ist, wer für eine große Aufgabe einzustehen hat. Wir Juden in Deutschland haben eine solche Aufgabe vor uns. Wir wollen in einem Lande, das zwiefach das unsere ist, als eigene Heimat und als Land eines anderthalbtausendjährigen großen Judenschicksals, unsere Gemeinschaft erhalten und neu aufbauen, erhalten gegenüber dem Druck von außen, neu aufbauen leiblich und seelisch für die Aufgaben einer harten, aber nicht weniger großen- Zeit. Das Bewußtsein, nicht nur reden, sondern auch wirklich arbeiten zu dürfen, macht uns, die wir am Wiederaufbau des deutschen Judentums tätig" sind, mögen wir jüdisch eingestellt sein wie wir wollen, auch liier in Deutschland zu „glücklichen Juden“. H. St-n. - An den Berliner höheren Lehranstalten — Jüdischer Religionsunterricht eingeschränkt Infolge der sehr beträchtlichen Abnahme der Zahl der jüdischen Schüler an höheren Lehranstalten ist es der Gemeinde in Anbetracht ihrer Finanzvcrhältiiisse nichtmehr möglich, an allen höheren Schulen Berlins Religionsunterricht urteilen zu lassen. Deshalb wird im kommenden Schuljahr der Religionsunterricht in 2 5 höheren L e h r an s t a l,t e n Berlins in Fortfall kommen. Diese Meldung dürfte nach zwei Richtungen zu ergänzen > sein: Einmal wird hoffentlich die Gemeinde dafür sorgen, daß die Schüler in solchen höheren Schulen, in denen der Religionsunterricht fortfällt, an Nach barsch ulen, in denen er noch besteht, mit untergebracht werden. Ferner gewinnen die Religionsschulen der Gemeinde für Schüler, die an den höheren -'Schulen keinen Religionsunterricht mehr haben, erhöhte ' Bedeutung. Wir haben größtes Verständnis dafür, daß jüdi- . sehe Kinder, solange es rechtlich möglich und menschlich erträglich ist, an den allgemeinen höheren Schulen verbleiben. Dieser Vorteil darf aher; rt i c h t a u f Kostender jüdisch-religiösen Erziehung erkauft werden. Gerade unseren Gesinnungsgenossen liegt die besondere Pflicht ob, die vorzüglichen Religionssehulcn der Gemeinde zu untcr- Ehrung für Verdienste um Obersdilesien Bcuthen. Dem jüdischen Gasthausbesitzer Schi ro- . kau er, der schon im Besitz des Schlesischen Adlers erster und zweiter Klasse ist, wurde in Anerkennung seiner besonderen Verdienste um die Befreiung des deutschen Landes die Gedenkmünze für Oberschlesicn verliehen. Während der Besatzung Oberschlesiens durch die Franzosen hatte Gastwirt Schirokauer die Kompagnie Widera- Pohlmann des Selbstschutzes monatelang auf seine Kosten beherbergt "und verpflegt. Wir dürfen diese neuerliche Ehrung eines der zahlreichen i'Ddischen Vorkämpfer-des Deutschtums, der in der schwersten 'eit seiner bedrängten Heimat mit Selbstverständlichkeit seine . vaterländische Pflicht tat, mit großer Genügtuung begrüßen. Sie ist eine Anerkennung dafür, daß die oberschlesischen Juden sich stets auf Gedeih und Verderb mit diesem Lande verbunden fühlten. -

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