Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 14 (1934)
- Issue
- 35-36 (4.5.1934)
- Date
- 1934-05-04
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Als sich die ersten Juden in Potsdam ansiedelten . / Thoraschmuck für die Freiheitskämpfe Die Judenpolitik Friedrichs des Grossen — Ein schönes Zeichen von Opfermut Wie die jüdisch-liberale Zeitung“ erfährt, sind Bestrebungen im Gange, die dahin zielen, die Potsdamer Jüdische Gemeinde in die Berliner einzugemeinden. Wir veröffentlichen nachstehend einen Artikel, der sich mit der ersten Ansiedlung von Juden in Potsdam befaßt. Geht man in einer fremden Stadt durch die Straßen, so wird man leicht eine Synagoge daran erkermen, daß sie in Mil und Gestalt von den umstehenden Gebäuden sich wesentlich unterscheidet. Ganz anders in Potsdam. Selbst wenn man weiß, daß die Synagoge auf dem Wilhelmsplatz steht, muß man sie erst einen Augenblick lang suchen. Denn dieser Hau — vor etwa dreißig Jahren nach Begutachtung und Genehmigung durch Wilhelm II. errichtet — fügt sich harmonisch ein in den „Stil von Potsdam4*; hur die jüdischen tmbleme unterscheiden dieses Bauwerk von den umstehenden. Diese völlige Eingliederung des jüdischen Gebäudes in die Potsdamer Bauten kennzeichnet nach „außen die einst sehr engen Verbindungen und guten Beziehungen der jüdi- ®\!i*l>.er Potsdams mit den preußischen Königen. Dabei ist die Existenz von Juden in Potsdam erst in sehr später Zeit nachweisbar. In mittelalterlichen Quellen findet sich jedenfaUs nichts, was auf die Anwesenheit von Juden in Potsdam schließen ließe. Ein Jude in Potsdam Erst in den achtziger Jahren des 17. Jahrhunderts lebt David M 1 c h e 1 als erster und einziger Jude in Potsdam. Als er zu alt ist, um sein Geschäft fortzuführen, erbittet er im Jahre 1691 vom Kurfürsten die Genehmigung, seinen Schwiegersohn Jacob Moyses aus Wriezen nach Potsdam kommen zu lassen. Die Genehmigung wird erteilt, und am 27. Oktober 1691 erhält Jacob Moyses-seinen Schutzbrief. Es wird ihm nebst Frau und Kindern gestattet, „daß er in Potstamb' wohnen, handel und wandel denen Churf. edictis gemes treiben und uff öffentlichen Jahrmärkten seine wahren feil haben möge“. Selbstverständlich erhält er auch die Erlaubnis, „vor sein Haus zu schlachten, und was er ihren jüdischen ceremonien nach nicht essen darff, an andere zu verkauften“. Weiterhin heißt es in dem recht umfangreichen Schutzbrief: . von dem leibzol aber, welchen sonst andere durchreisende Juden entrichten müssen, sol er, weil er sich im lande niedergelassen, befreyet seyn, dagegen sol er jährlich 8 thlr. Schatzgold geben.“ Neben Ausführungen über die Gerichtsbarkeit, die für Jacob Moyses gelten soll, wird zum Schluß bestimmt, daß er sich „in allen stücken und überal gleitlich, ehrbar und freundlich verhalten“ soll. Die wirtschaftliche Lage des Jacob Movses scheint keineswegs günstig gewesen zu sein. Im Jahre 1695 will sein Schwiegervater David Michel, der. inzwischen nach Berlin gezogen war, wieder nach Potsdam zurück. Da wendet aber Jacob Moyses ein, daß die Nahrung in Potsdam, sehr schlecht sei, da viele Kaufleute ansässig seien und der Handel auf dem Lande verboten sei, so daß zwei Juden unmöglich: cxistier-en könnten. Die erste Samtfabrik Erst vier Jahrzehnte später erhalten wir wieder Kunde von den Juden in Potsdam. David Hirsch aus Prag — daher auch David Hirsch Präger genannt — sucht am-7. August 1730 beim Generaldirektorium die Genehmigung für die Errichtung einer Samt- und Seiden-Fabrik nach. Friedrich Wilhelm 1. erkennt die Vorteile einer solchen Anlage und zögert nicht, die Genehmigung zu erteilen. So w'ird die erste Samtfabrik in Preußen von einem Juden in Potsdam ' errichtet. Mehr noch: dieser Jude erhält am 17. Januar 1731 auf zwölf Jahre ein staatliches Monopol darauf,; ja, der König gibt sogar gleichzeitig fünf Häuser für die Errichtung der Fabrik her. Wie gut diese-Fabrik arbeitet, geht daraus hervor, daß Friedrich Wilhelm I. schon wenige lahre darauf die Früchte seines Autarkie-Planes ernten kann: im Jahre 1737 wird nämlich angeordnet, daß jegliche Einfuhr fremden Samtes verboten sei, und daß alle Handelsleute, insbesondere die Juden, ihre Samteinkäufe bei David Hirsch vorzunehmen haben. .Was Friedrich Wilhelm I. begonnen, setzte Friedrich II. in großem Maßstabe fort. Man kann Friedrich dem'Großen fewiß nicht nachsagen, daß er besonders judenfreundlich war. ah er aber, daß jemand zum Besten von Staat und Volk wirkte dann begünstigte er ihn — gleichgültig, ob er Christ oder Jude war. Wer Fabriken errichtete, war dem König immer angenehm. „Es sollen keine Juden neue Privi- 1 e21 en kriegen,“ lautete ein Bescheid des Preulienkönigs vom -9. Oktober 1757, „es sev, daß sie Fabriken a n 1 e g e n.“ ' Der Wunsch des Königs “ folgen die Juden dem Wunsche des Königs und legen Fabriken an —: im ganzen Königreich Preußen wie auch m Potsdam selbst. Hier errichtet Joel 1719 eine Broderie (Shckereifabrik) und Ausnähfabrik. Bacharach betreibt seit derselben Zeit eine Fabrik von seidenen, baumwollenen, ■"•iS*“*11 und wollenen Handschuhen, Strümpfen und Mützen. 1/aO legt Michael Hirsch eine Fabrik für Baumwolle Wolle ■Le,In.?1feVff an* VeiteI Wolf errichtet im Jahre 1759'eine Nahnadelfabrik. Im gleichen Jahr gründet Isaak Joel in Schloß Glienicke eine Fabrik für Stoff-Tapeten. Weiter' hören wir von Fabriken für Seidendamast und Taffet, für goldene und silberne Tressen, für Blonden und Mignonetten (Spitzen) und von vielen anderen. Daniel Itzig betreibt in Potsdam eine Lederfabrik; im Jahre 176a erteilt ihm Friedrich der Große ein Privileg des akzise- und zollfreien Einkaufs von Rohleder und Gerbstoffen. Auch die Hirsch Prägersche Samtfabrik erfreut sich weiterhin der besonderen Gunst des Königs. Das Einfuhrverbot für fremden Samt wird erneuert, das Monopol für David Hirsch um zehn Jahre verlängert. Für die Vergrößerung des Betriebes leiht der- König sogar den Betrag von ■ 8000 Reichsthalern. Denn er ist „mit dem bisherigen guten success der Potsdamer fabrik wohl zufrieden, und des püblici Interesse erfordere es, selbige zu soutenieren“. Die Einweihung der Synagoge Mit der Gründung der zahlreichen Fabriken in Potsdam“ fällt auch die Errichtung der jüdischen Gemeinde in der Residenz der Preußenkönige zusammen. In den vierziger Jahren des 18. Jahrhunderts gibt es zehn jüdische .Familien in Potsdam (jüdische Familien waren damals meist recht groß). 1767 finden wir schon 22 Familien. Im gleichen Jahre wird die Synagoge in Potsdam errichtet — an der Stelle, an der heute noch das jüdische Gotteshaus steht. Für die Errichtung des Baues hat übrigens das „Königliche Baukomptoir“ den Betrag von 600 Reichsthalern geliehen. Auch in späteren Jahren haben Friedrich Wilhelm II. und Friedrich Wilhelm III. bei Erneuerungen und Umbauten stets Geldbeträge zur Verfügung gestellt. Über die Einweihung der Potsdamer Synagoge im Dezember 1767 weiß die „Vossische Zeitung“ u. a. zu berichten, daß „Ihre' Kgl... Hoheiten, der Prinz und die Prinzessin von Preußen, Ihre Durchlauchten, die beyden Prinzen von Braunschweig, verschiedene Generals und andere Standespersonen beiderlei Geschlechts“ die Feierlichkeit „mit ihrer Gegenwart begnadigten und beehrten“. Das Potsdamer Porzellangesetz Trotz mancher gesicherten und geschützten Stellung einzelner Juden war die Lage der Juden im allgemeinen unter Friedrich dem Großen keineswegs günstig. Eine Fülle von Verordnungen hinderte die Juden auf der einen Seite in der freien Ausübung ihrer Tätigkeit, eine Fülle von Verordnungen bürdete den Juden auf der anderen Seite drückende und unmäßige S te u - ern auf. Eine der schlimmsten Belastungen war zweifellos der Zwang zur Abnahme von Porzellan. Die Juden mußten seit dem Jahre 1769 für 300 oder 500 Taler Porzellan übernehmen und „zur Beförderung des Vertriebes derer bey Dero Porcclain-Manufactur verfertigten Porcelains“ nach auswärts ■verkaufen. Diese Bestimmung führte zu einer völligen Verarmung der Potsdamer Judenschaft. Erst im Jahre 1788 Wurde dieses Porzellangesetz wieder aufgehoben, weit Friedrich Wilhelm II. einsah, daß es einfach undurchführbar War. Die Potsdamer Juden warenstets bemüht und bereit, alles für „König und Vaterland“ hinzugeben. So überrascht es uns nicht, wenn wir unter den im Jahre 1813 gefallenen Freiheitskämpfern auch den Namen eines Juden-aus Potsdam finden. Das schönste Zeichen von Opferbereitschaft offenbart aber wohl die Tatsache, daß die Potsdamer Juden, als es 1813 galt, an den Staat den Betrag von 800 Talern, zu zahlen und kein Geld da war, den Silberschmuck der Thorahrollen einschmelzen Hellen, um ihren Pflichten nachzukommen. Rudolf Meiitz. den. Abend wunderschön. Wir gehen auf und ab, um halb - neun ist noch immer alles dunkel, um neun Uhr mache ich den ersten Vorstoß. „Das Kabarett wird heute nicht spielen." Meine Frau verweist auf das Plakat; ich werde ungeduldig, ich telephoniere mit Pflaumers. Frau Pflaumer ist am Apparat. „Es tut mir unendlich leid, aber ich fühle mich nicht ganz wohl, ich möchte lieber zu Hause, bleiben, mein Mann, ist ehen mit einer Taxe weggefahren.“ Ich bedaure. _ Ich komme zurück, überlege, wie ich meiner Frau das , Nichterscheinen von F rau Pflaumer am schohcndsten mitteilen soll. Ich finde sie im Gespräch mit drei oder vier; jungen Leuten; es ist die Kabarettkapelle, die heute Abend — Probe hat! „Das Kabarett spielt mir Donnerstags und. Sonntags." Meine Frau verbirgt geschickt ihre Enttäuschung. „Sieh doch sofort an -der Litfaßsäule nach, was im Kino gegeben wird.“ Ich studiere die Anschlagsäule. Es ist 9 Uhr 15. Pflaüi mer *s* nicht zu sehen. Wir gucken noch einmal in die vorbeifahrenden Taxen. Um halb zehn breche ich jeden weiteren Widerstand meiner Frau. Ich stoße überraschend /tun Zoo. Der Rückweg ist angetreten. Ein kurzer Kampf. 9 Uhr 15 - . sind wir nach Hause gefahren. Ich sage ironisch zu meiner Frau: „Wieder eine echt E’sclie Verabredung." Im Zuge-überlege ich: Wer war der größere Stratege? Versuchen Sie es einmal, Ihre Frau Gemahlin, wenn: sie sich vorgenommen hat, ins Kabarett oder Kino zu gehen, nach Hause zu führen. „Es gibt Fälle, in denen Übereilung nützt, indes die tiefdurchdachten Pläne scheitern.“ l)r. T. Simon.. Übrigens... “Schicksals- Es gibt nachgerade keine Problematik c__ __ « unseres deutsch-jüdischen Lebens mehr, iraye, — die nicht als „unsere Schicksalsfrage“ oder als der „entscheidende Punkt unseres Sems“ bezeichnet worden wäre. Und so wichtig wir alles Geschehen nehmen müssen, dem wir unterworfen sind, so sehr sollen wir uns vor solcher Übertreibung hüten. Es gibt nicht hundert Schicksalsfragen des deutschen Judentums, sondern nur eine einzige, und sie lautet: Können wir jede unserer Handlungen vor der Notwendigkeit verantworten, die uns. durch unsere Lage als Deutsche und als-Juden gegeben ist? „ Denn wenn das. alles Schicksalsfragen wären, was heute vor uns auftaucht, müßte unser Sein geradezu unendlich, bedeutungsvoll und wichtig erscheinen. Daß es das nicht ist, bedarf keiner Erklärung: es geht ja bei allem, was heute * geschieht, nicht nur um uns; wie wir uns in dieser Situation verhalten, ist nicht so wichtig wie dies, ob wir die alte Tradition des Judentums erhalten, in Zeiten der Not alle iu uns schlummernde-Kraft zusammenzuraffen. DaraüF allein kommt es an, nicht nur um unser selbst willen ist uns aufgegeben, uns zu bewähren, sondern weif wir nur -Glieder einer lang«! Kette sind. Wenn wir in jedem Augenblick so handeln, wie wir müssen, dann hätten wir unser Schicksal selbst dann erfüllt, wenn wir im Kampf um unsere Selbstbehauptung unterliegen würden. Wir glauben, daß dies nicht der FaTI sein wird, aber eben und vor allem aus dem. Wissen um die Notwendigkeit unseres Tuns heraus. Das Wort ,,Jude-sein ist keine Nützlichkeitsfrage“, vielleicht der am häufigsten mißbrauchte* Ausspruch unserer Zeit, den jeder sich Vorhalten zu dürfen glaubt, um sein Handeln zu rechtfertigen, wird unser Schild sein. Vielleicht, ja wahrscheinlich wäre es. „nützlicher“, wenn wir unseren Anspruch, Juden und Deutsche zu sein, aufgäben und uns als jüdisches Volk bekannten. Nur brauchen wir danach gar--nicht zu fragen: auch für die Makkabäer wäre es „nützlicher“ gewesen, das von ihnen verlangte Opfer darzubringen. Ob wir getan haben, was wir mußten, nicht was uns nutzte, wird die Zukunft als Maßstab unserer Bewertung nehmen; dies ist die einzige und entscheidende Schicksalsfrage des deutschen Judentums. Hans. Ein Mann und ein Buch — und eilt paar erfreuliche Worte Der Name des Dichterarztes Dr. Hellmuth Unger ist in allerletzter Zeit Itell_irt das Licht der Öffentlichkeit g<^ treten. Fast zur gleichen Zeit, wie der Rundfunk sein Hörspiel „Muttcrlegeiide“ zur Aufführung brachte, kam an einer Berliner Bühne sein-erbbiologisches Lehrstück „Opferstunde“ heraus. Und es wurde damit, auf einen Mann gewiesen, der — seit langem in verantwortlicher Stellung als Pressechef des deutschen Ärztebimdes tind-als Herausgeber einer medizinischfcuilletonistisclien Zeitschrift tätig — unablässig bemüht isl, zwischen ■ Arzttiiin und Volk enge und feste Verbindung zu schaffen. Die deutsche Revolution hat sein Amt besonders Edjf E'fdje Verabrebung ln seinem Lustspiel „Zopf und Schwert“ läßt Gutzkow seinen Seckendorf die bekannten Worte sprechen: '„Wir müssen kombinieren, Grumbkoiv.“ Nun ist meine Frau allerdings kein preußischer General unter Friedrich Wilhelm T. Trotzdem, sie hätte einer sein können; ich bekomme das täglich zu spüren. Meine Frau ist eine geborene E. Die E's sind berühmt durch ihr Kombinationstalent, durch die Weitsichtigkeit ihrer Pläne und durch die Kompliziertheit ihrer Verabredungen. Am Sonntag hatten wir größere Gesellschaft. Es war recht angeregt. Alles war im Aufbruch, die eingeladenen Künstler verabschiedeten sich. Der Bankier Wiener, der zufällig in Berlin anwesend war, ging mit seiner jungen Frau. Dr. Pflaumer drängt zur letzten Bahn, -seine Frau suchte den Hund, den einzigen Nichtsemiten, der da war; denn er war aus Persien und konnte seinen Stammbaum über ungezählte Generationen hin nachweisen. Meine Frau .tuschelte noch ein paar Worte mit Frau Pflaumer. Am Montagmorgen fuhr ich ahnungslos, in die Stadt. Beim Abschied sagte meine Frau: „Also, um ein Uhr rufst du bestimmt an.“ Ich habe kein Büro, wirkliche Philosophen brauchen so etwas nicht. Sokrates hatte sein Gewerbe schon auf,dem Markte ausgeübt. Sicherlich wäre Xanthippe, die holde Gattin, t anders in die Geschichte eingegangen, wenn er sie pünktlich »von der' Telephonzelle des athenischen Marktplatzes hätte wirufeh können. JW Ich rief vom Gendarmenmarkt aus meine Frau, wie verabredet, an. Sie war in gehobener Stimmung: „Also, es ist mir gelungen, Pflaumers haben angerufen, wir wollen ins jüdische.Kabarett gehen, besorge nur rechtzeitig die Karten; sieh doch zu, daß Du die Wieners dann bekommst, die Frau wollte so gerne mit, I)ti weißt doch, in der Provinz haben sie kein jüdisches Kabarett; sie wohnen in der Pension D.“ . Ich rufe an. „Die Herrschaften sind ausgegangen.“ Ich rufe nach einer halben Stunde wieder an. Wieners sind noch immer nicht zurück. Nächster Anruf auch vergeblich. Ich stürze in die nächste Bankfiliale und tausche mein letztes Fünfmarkstück gegen eine Rolle 10-Pfennigstücke ein. Endlich erreiche, ich Wiener. „Nein, es geht leider nicht, entschuldigen Sie vielmals, wir sind im Aufbruch; ich habe ein Telegramm von meinem Bruder bekommen, wir sollen sofort mit dem Nachtschnellzug nach Frankfurt. Also auf Wiedersehen!“ 'Ich sehe nach der Uhr; ich muß zum Kabarett. Ich komme hm; es ist 7.15 Uhr. Das Kabarett ist geschlossen. An der Emgangstür prangt ein großer Zettel: „Heute 8.-15 Vorstellung.“ Darunter irgend etwas von einer Elitevorstellung am Donnerstag. Um halb acht Uhr erscheint meine Frau in Abendtoilette. So frühzeitig isl sie selten zur Stelle. Höchstkömmandierende kommen immer erst in letzter Minute. Meine Frau pflegte, um ja nicht warten zu müssen, diese letzte Minute bis zur allerletzten auszudehnen . ... Sie strahlt über das ganze Gesicht. „Hast Du Karten?“ „Nein, es ist noch alles verschlossen.“ Wir warten. Es wird acht Uhr. Das Kabarett wird nicht aufgemacht. Von Pflaumers keine Spur! Meine Frau findet wichtig und bedeutsam gemacht und Hellmuth Unger an führende Stelle in der rassen- und erbbiologische!] Erziehung Deutschlands gesetzt. Unter seinen vielen Dichtungen ist das Größte und Bleibendste der Roman,über den Arzt Robert Koch, „H e I f e r d e-r M e n s c h h e i t“. Dieser Bericht über das Leben eines Genies ist dem Stoff, um den es darin geht, nahezu kongenial. Und wenn hier aus dem'Ganzen zwei einzelne Stellen zitiert - werden, so geschieht das darum, weil sie für uns als deutsche Juden besonders interessant sind. Es handelt sich dabei um Urteile über -Menschen, die Robert Koch aufseinem Weg begegneten,, uin die Breslauer jüdischen Universitäts-Professoren Ferdinand Cohn und Cohn heim. Und es heißt auf Seite, 147 des Buchest „Dieser Ferdinand Cohn ist einer der gutmütigsten und stetshilfsbereiten Menschen, den selten einer mit einer Bitte, vergeblich angeht.“; auf Seite 164: „In Cohn und Cohnheim hat Robert Koch in diesen Tagen zwei wertvolle und aufrichtige Freunde gefunden, die sich ohne Eigennutz seines Werkes annehmen .und auch den so verdienstvollen Manu selbst fördern möchten . . .“ Man hat im vergangenen Jahr für uns Juden viel unerfreuliche Aussprüche und grade über jüdische Ärzteanhören müssen, darunter auch dies, daß sie niemals menschliche und ethische Vorbilder gewesen seien. Es ist schön, daß uns einer die Verteidigung abgenommen hat, der selbst an erster Stelle mitzusprechen hat, wenn es tim die Einschätzung deutscher Juden geht. Und wir nehmen sein Urteil gern an, stolzer, noch' als auf die Anerkennung wissenschaftlicher Leistung werden wir auf die Prädikate der „wertvollen und aufrichtigen Freundschaft“ und der „uneigennützigen Hilfe“ sein~H._S.