Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 14 (1934)
- Issue
- 35-36 (4.5.1934)
- Date
- 1934-05-04
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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TMc ^abbatmuttcc Don §C$al01H SVfdj Der bekannte-Erzähler Schalom Asch hat einen nenen Roman geschrieben, „Der.Trost des Volkes“, der soeben in deutscher Übersetzung von Siegfried Schmitz in der Bibliothek zeitgenössischer Werke, Zürich, erschienen ist. Aus dem fesselnden Buch, das die Geschichte eines jugendlichen Goltesstreiters während der Zeit nach den napoleonischen Kriegeu behandelt,,veröffentlichen wir hier ein Kapitel: Trotz seiner Jugend hatte Jechiel bereits seine eigene Anschauung von Gott. Obgleich er sich nicht vorstellen konnte, wie Gott aussah, stand es für ihn fest: Gott war überall, und wer es wollte, konnte ihn zu jeder Zeit finden. Man mußte ihn nur darum ' bitten, indem man ernst und fromm betete oder fest die Augen schloß und sich vorstellte: jetzt stehe ich •vor Gott! Dann stand man vor Ihm wie etwa vor einem* Kaiser. Den Kaiser fürchtete man, Gott fürchtete man nicht bloß, sondern liebte ihn auch. Jechiel wußte auch, daß Gott stets bei den Juden in den Bethäusern weilte, daheim aber im Elternhaus nur einmal in der Woche. Das war am Freitagabend, bei Sonnenuntergang, wenn die Mutter die Sabbatkerzen anzündete. Aber in seinem, Jechiels Herzen flkilte Gott stets; dort hatte er seine Wohnung und Er wußte alles, was in Jechiel vorging, was Jechiel dachte und wollte. Und der Knabe sprach mit ihm wie mit einem Kameraden über alles, was ihn bewegte: „Entschuldige, daß ich diesen Apfel gegessen habe, ohne den Segen zu sprechen. Der böse Trieb hatte mich beim Kragen und ich hab’s vergessen. Dafür werde ich jetzt,' bevor ich'diese Birne esse, zweimal den Segen sprechen, einmal für den Apfel von vorhin und einmal für die Birne.“ Am deutlichsten aber fühlte Jechiel Gottes Anwesenheit im kleinen Bethaus beim Gottesdienst, wenn die Juden ihre Gebettücher über den Kopf zogen, bei den Achtzehn Bitten, und ganz besonders beim Priest'erscgen. Während des Priestersegens ' durfte man nicht1 aufschaucii. Aber gerade da es verboten war, hatte man Lust, es zu tun, und ließ sich vom bösen Trieb überreden'— da sah man Gott über 'den Händen der Priester schweben... ' ln der Betstube herrschte drückende Hitze. Es war Sabbat, zur Zeit des Schlußgebets. Dicht gedrängt standen die Männer Kopf an Kopf, in die Gebettücher gehüllt, und sprachen ,le*ise die Achtzehn , Bitten. Alle Waren in stiller Andacht versunken, die inbrünstige ‘Seufzer und verzückte Gebärden begleiteten. Jechiel stand, das Gebetbuch in'' der Hand, hinter dem Vater. Sein Herz war übervoll, doch er betete "nicht. Dieses einförmige Beten gefiel ihm nicht, er hätte gern etwas für Gott getan, was'keiner tat. Gott sollte merken, daß es etwas Besonders war! Wenn man doch ihn, Jechiel, etwas tun hieße! Wie gerne würde er gehorchen, sogar ins Feuer springen! Während er darüber nachdachte, was er ‘Gott zu Ehren tun könnte, fielen ihm die Gaukler ein, die sich ,auf dem Jahrmarkt produzierten. Ihr Kunststück, ein Rad zu schlagen-, das er aufs höchste bewunderte, konnte er nicht nachmachen. Aber ein anderes Kunststück hatte er erlernt: er konnte sich, auf den Kopf-stellen und solange auf den Händen stehen bleiben, bis man zehn zählte. Länger ging es nicht. Aber für Gott würde er es aushalten, bis man hundert, sogar zweihundert zählte! Und das wollte er tun: -„Jetzt, lieber Gott, werde ich für dich meine Kuhst zeigen!“ Und gerade in dem Augenblicke, da die ganze Gemeinde andächtig mit angehaltenem Atem wartete, bis 'der Rabbiner zwei Schritte nach hinten machen würde, was das Zeichen war, daß das Stille Gebet zlr Ende sei, nahm der „Wilde“ einen Anlauf und stellte sich hinter dem Rücken des Vaters auf den Kopf. So Stand er, die Beine nach oben, und murmelte: „Zähle, lieber Gott, zähle...! Eins, zwei, drei...“ Es läßt sich, denken, wieviel Schande .Jechiel seinem Vater durch diesen und ähnliche Vorfälle . bereitete. Prügel und. Strafen fruchteten nichts, lm-; nter wieder verübte der „Wilde“ solche-Streiche. Mitten während des Gottesdienstes, wenn die andäch- tigste Stille herrschte, machte er den Handstand oder schlug einen Purzelbaum; einmal pfiff er sogar I zwischen zwei Fingern. Wenn Rifke davon erfuhr, glaubte sie vor Scham in den Boden sinken zu müssen un'd rang verzweifelt die Hände. Mit tränenüberströmtem Gesicht ging sie : auf den Sohn' zu, beugte sich zu ihm nieder und ' schluchzte bitterlich: „Mein armes Kind, warum' machst du mir so viel Schande?“ Jechiel .aber könnte der Mutter nicht sagen, daß : er all dies nur für Gott tat. Geduldig ließ er des Vaters Schläge über sich ergelien und verbiß tapfer «einen Schmerz, wenn Boruch-Mojsches dünne knochige Finger wie Kneipzangen seinen Arm faßten : und sich so tief ins Fleisch bohrten, daß der Sohn es in allen Gliedern spürte. Jechiel machte sich nichts ' daraus; es schmerzte ihn bloß, daß die Mutter sich so sehr kränkte. Doch das konnte er ihr nicht ersparen — was er tat, geschah um Gottes willen! Und Gott stand ihm näher als alle anderen, sogar als die Eltern; denn Gott blieb nicht verborgen, was Jechiel in' seinem Herzen wußte: daß der Kleine seine schlimmen Streiche verübte, -nicht weil er es wollte, sondern weil ihn der böse Trieb dazu verleitete. Er wollte ja die Mutter nicht kränken, sondern "ihr gehorsames Kind sein; er wünschte nichts sehnlicher, als fleißig lernen und unaufhörlich über den Büchern sitzen zu können wie sein Bruder Issachar und von allen-gelobt zu werden; und er wollte gar nicht auf den Marktplatz laufen, um der Mutter zu helfen, — aber er konnte nicht mitansehen, daß die- Mutter ganz allein die schweren Bretter aus dem Laden auf die Straße schleppte, er konnte nicht mitansehen, daß sie ganz allein auf dem Markte stand. Der Vater — das wußte der Knabe — war zu "etwas anderem bestimmt: der Vater mußte im Bethaus sitzen und studieren. Das andere war eben der Mutter. Los, dafür war sie eine Frau. Vor wenigen Tagen erst war Jechiel Zeuge gewesen, wie seine Mutter wegen einiger Meter Ware mit einem riesenhaften Bauer in Streit geriet. . . Alle Leute hatten es gesehen. Jechiel hatte daneben gestanden und geweint. Seither war seine Achtung vor der Mutter stark gesunken. ... 1 Einen einzigen Tag in der Woche aber stand die Mutter so hoch, daß niemand ihr gleichkam, selbst der Vater nicht mit all seinem Studium der Lehre und seinen Schätzen im Jenseits. Mit einem Male 'hatte Jechiel eine v.öjlig andere Mutter, und das war der wichtigste und ehrwürdigste Mensch im Hause. Die ganze Woche hindurch war sie für ihn die gewöhnliche, «alltägliche Mutter. Aber in der knappen Stunde am Freitagabend, von der Zeit an, da die Männer ins Gotteshaus gingen, bis zu dem Augenblick, da sie nach ‘dem Gebet zur Begrüßung des Sabbats heimkehrten, — in dieser kurzen Spanne Zeit änderte sie sich jedesmal vollständig. Nein — sie änderte sich nicht, sondern sie wurde in eine andere Mutter verwandelt! Jechiel war es, als hätte er eigentlich zwei Mütter: eine Wochentags- und eine Sabbatmutter. Die Wochentagsmutter war die, welche er jeden Tag sah, mit der alten schäbigen Perücke, deren Stirnband aus schwarzem Atlas von der Sonne grün verschossen war.- Die Wochentagsmutter stand auf dem Markt, stritt mit den Bauern, schrie, schalt. Aber wenn Jechiel mit dem Vater aus dem Bethaus kam, da trat ihm eine andere Mutter entgegen — die Sabbatmutter, eine federgeschmückte Haube auf dem Kopf, blitzendes Flitterwerk an der Samtjacke. Die Feiertagsperücke bildete einer Krone gleich die Fortsetzung der festlich leuchtenden Stirn. Unsäglicher mütterlicher Liebreiz strahlte von ihrem Antlitz, aus den Augen, aus dem Gewebe ihrer dunklen Haut. Der Hals war nicht derselbe wie sonst — er war weich wie Flaum, biegsam und sehr, sehr glatt, daß es Wohltat.ihn anzusehen und Jechiel den Wünsch hatte, in ihm sein Gesicht zu vergraben. Am herrlichsten aber leuchtete der Sabbat auf' der Mutter hoher, edler Stirn. Aber auch alles andere hatte sich verändert, die Regale, der Tisch, die ganze Stube. Jechiel schien es, als wäre mit der Mutter in der Zeit, da die Männer fort waren, etwas Geheimnisvolles vorgegangen, wovon dieanderen nichts wissen durften. Während sie den Lichtersegen über die Sabbatkerzen sprach; war wohl ein heiliger Engel ins Haus gekommen und hatte Gottes Herrlichkeit über ihr Gesicht, über den Tisch und die Stube gebreitet. Ebenso wie eine Wochentagsünd eine Sabbatmutter gab es für Jechiel einen Wochentagsgott und einen Sahbatgott. Den Sabbatgott stellte sich die Phantasie des Knaben als weibliches Wesen vor,-das irgendwie an die Erzmutter Rachel erinnerte. . . So lernte er die Mutter mit ganz anderen Augen sehen, weil sie in Zusammenhang mit der Göttlichkeit des Sabbat stand. .Und jetzt fand er auch die Erklärung, die er früher vergebens gesucht hatte: in Wahrheit war die Mutter eine Sabbatmutter, nur im weltlichen Treiben der Woche mußte die Ärmste es dulden, daß sie in eine Wochentagsmutter verwandelt wurde. Aber wenn der Messias kommt, dann wird es 'für ewig nur eine einzige, die Sabbatmutter geben!... (Erajacffcn 6er jütefdjen Es war ein musikalischer Nachmittag. Die Künstler hatten gesungen, gespielt. Nach der seelischen Konzentration genossen sie tief das Gefühl der Entspannung. Hunger und -Durst waren gesüßt. Die Gegensätzlichkeit weckte die Sehnsucht nach Rein-Geistigem. Der alte Sanitätsrat winkte der jungen jüdischen Theologin, die so bescheiden an dem kleinen ovalen Tisch saB und andächtig den musikalischen Darbietungen gefolgt war, freundlich zu, und forderte sie auf, ein paar Worte zu sprechen.' Sie stand auf, ihren Augen sah man an, daß sie erfüllt war vonder religiösen Kraft ihrer Überzeugungstreue. MH einer Sicherheit, die für ihre Jahre erstaunlich war, sprach sie frei und innig vor Menschen, die, zum Teil, sich ihrer Verbundenheit mit dem Judentum nur dunkel bewußt waren. Ihr jüdisches Herz mußte erst noch erweckt werden. Diese Menschen führte sie ein in -das Reich der Bibel, wies auf das glückhafte Zusammentreffen hin, daß Gastlichkeit und Gesang in diesem Hause gerade auf den Tag desi Neumonds nach alter Tradition fielen. „Berichtet uns doch die Bibel, daß es ein Neumondstag war, an dem Jonathan" sich entschließt, dem hilflosen, verfolgten David die Treue zu gelohen. Im Zusammenhang hiermit singt die Bibel das „Hohe Lied der Freundschaft“ mit den Worten „ihre Seele war aneinandergeknüpft“. Ein talmudischer Gedanke ist es, daß das Haus der Gastfreundschaft geöffnet sein soll-und dal! Worte der Lehre bei Tische gesprochen werden sollen.“ . Nur wenn die alte jüdische Tugend der Gastlichkeit dazu dient, nicht nur Gefühle der Zusammengehörigkeit und des Entstehens für einander, sondern auch Gefühle der Dankbarkeit und Demut gegen Gott zu erwecken, ist sie aus der Sphäre des bloß Zufälligen in die des Bleibenden gerückt. Weiter führte sie aus, daß wir Juden dem Volke angehören, das der Welt die Psalmen geschenkt hat, und wie die jüdische Seele bestrebt ist, dem Alltage seine Weihe zu geben, und wie sie sich dann immer wieder aufs neue versenken wird in das Buch der Bücher. Als sie geendet, trat lautlose Stille ein. Nachdenklich meinten die Anwesenden": Warum hört man diese jugendliche Theologin niemals öffentlich, sprechen? Warum lernen wir immer nur jüdisches Erleben aus der männlichen Psyche heraus kennen? Warum kann — von wenigen Ausnahmen abgesehen — eine rabbinisch geschulte Frau nicht aus ihrer fraulichen Einstellung heraus ihre gläubige Seele offenbaren? Manch einer ging nach Hause und hat die Bibel hervorgeholt, um nachzulesen das Kapitel von Saul und David, und wie er errettet wurde durch Jonathan. _ Ben Akiba. Und Adam erkannte abermals sein Weib, und sie gebar den Seth. So laß auch du dich trösten.“ Der Rabbi gab zur Antwort: „Nicht genug damit, daß ich mein eigenes Leid zu tragen habe, hast du mich noch an das Leiden Adams erinnert, des ersten Menschen.’“ Als zweiter kam Rabbi Josua, und der sagte: „Denke an- Hiob, dem alle. Söhne und Töchter an einem Tage starben, und der sich gleichwohl hat trösten lassen. Sprach er doch die Worte: Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen, der Name des Herrn sei gepriesen.“ Rabban Jochanan aber sagte darauf: „Es genügte dir nicht,, was ich selbst leide, du mußtest mir noch das Schicksal Hiobs in Erinne- . rung bringen!“ Nunmehr trat Rabbi Jose ein und verwies seinen Meister auf das Beispiel Aarons, dessen zwei Söhne durchs Feuer umkamen, und der dennoch Trost empfing, ' wie auch die Schrift von ihm sage: „Und Aaron ‘ verstummte und hielt still“. Aber Jochanan ben Sakkai antwortete ihm wie den früheren. Auch als der vierte Schüler, Rabbi Simeon, seinem Lehrer zum Trost die Geschichte Davids erzählte,- der den Tod des ersten Kindes der Bathseba verwand, so daß von ihm geschrieben stehe: „Und David tröstete sein Weib Bathseba“, sprach der Meister in der- II Chemische Reinigung Erich Krause Kaiser&Hee 13 Ecke Meieroitostraße Wollkleid 2,50 bis 3,— Seidenkleid 3,50 bis 4,— - Rufen Sie ans J 2 Oliva 2341 II selben Weise. .,; Als letzter kam Rabbi Eleasar ben Arach herzu, und der sagte: „Laß mich dir ein Gleichnis erzählen. Es war einmal ein Mann, bei dem der König ein Pfand hinterlegt hatte. Tag um Tag seufzte der Mann und jammerte darum, wann er wohl dieses Pfandes ledig würde und zur Ruhe käme". Aehnlich ist es mit dir, Meister. Du hattest einen Sohn, der wohlgeraten Kurfürsten dämm 26a riefmarken „MERKUR“ Briefmarken-Hißdelt-flmbH. Ankauf-Verkauf Berlin w is Aus dem Talmud Des Leidtragenden Trost Der Sohn des Rabban Jochanan ben Sakkai war gestorben, und die Schüler suchten ihren Meister auf, um ihn zu trösten. Als erster erschien Rabbi Elieser ben Hyrkanos und sprach: „Rabbi, verstattest du mir, daß ich ein Wort vor dir sage?“ Der Lehrer erwiderte: „Sprich es aus.*! Da sagte der Schüler: „Sieh, auch Adam, der erste Mensch, nahm Trost an nach dem Tode seines Sohnes Abel. Denn es heißt: und hoch gelehrt war, der sich in dem Gesetz und der Auslegung vollauf auskannte und, ohne Sünde, von hinnen gegangen ist. Bedarfst du also noch des Trostes, wo du das dir anvertraute Pfand unversehrt zurückerstatten konntest?“ Da sprach Rabban Jochanan' ben Sakkai: „Du hast mich getröstet, Eleasar, wie einen die Menschen trösten sollten.“ , Uebersetzi von Rahel bin Gorion. Lesezirkel auslindisdier Zeitungen Wien Prag Zürich Basel London Paris Manchester Franz ScheReL Schöneberg, Beiziger Straße 8, G 1 Stephan 8663