Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 14 (1934)
- Issue
- 27-28 (6.4.1934)
- Date
- 1934-04-06
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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4.Jahrgang Nummer 27/28 pöijdj'libecale äeitung 3. Beilage 6. April 1934 m Win xc0 m bnz t&ocmfci* mifRaWi-^nago0c aus bnz Bibel la$ Das erste Gebot - vmv Herbert Connor Das erste Gebot, »las der Herr seinem Kneclite Alose nab, war, daß der Mensch keine anderen Götter Italien sollte netten ilnn und dall er stell kein Bildnis noch Gleichnis machen titele ist. Dies Gebot gab-Gott dem Menschen, auf da» er glücklich^ \verile lind es ilttii woltl ergehe .int liidni. Nicht Es passiert mir oft, besonders wenn ich meine Rezitationsabende im Reiclt gebe, bei denen ich häufig aus der Bibel im Urtext lese, daß ich gefragt werde: „Woher können Sie hebräisch? Haben Sie das erst jetzt gelernt? Lesen Sie das alles wirklich Hebräisch, oder haben Sie sich das in lateinischer Schrift aufgeschrieben und die Aussprache gelernt? Woher wissen Sie Bescheid über Bibel, Talmud, Midrasch und Rasclii?“ Man kann es vielfach nicht begreifen, daß ein Schauspieler das weiß und kennt, was man eigentlich von jedem Juden verlangen sollte. Wie heißt es doch in Heines „Jehuda Halevy“? „Raten möclit’ ich dir, Geliebte, Nachzuselien das Versäumte Und’ Hebräisch zu erlernen — Laß Theater und Konzerte!“ Ich erlernte das Hebräische schon in frühester Jugend. Das Studium des jüdischen Schrifttums betreibe ich, zu meiner eigenen Lust und Freude, schon seit jeher. ’ O ' Neben meiner früheren Bühnen- und Rundfunktätigkeit befaßte ich mich als Vortragskünstler immer am intensivsten mit der Gestaltung von Programmen aus der jüdischen Literatur, und .das wahre Gcsi.cht des Judentums im Spiegel seiner Dichtung und seiner Gedanken zu'zeigen, halte ich für, meine künstlerische Lebensaufgabe. Es muß verkündet und in die Hirne gehämmert werden, wie die größten Geister der Menschheit über das Judentum, über seine geistigen und -kulturellen Werte für die Menschheit, über das . Buch der Menschheit, über das Buch der Bücher', die ,Bibel, gedacht haben. Es. muß in Erinnerung gebracht werden, daß die größten Schöpfungen eines Michelangelo, eines Rembrandt, eines Tizian, eines Leonardo da, Vinci, eines Rubens, eines Dürer, eines Holbein’ von dieser- Bibel der Juden inspiriert worden sind, daß Goethe sich zum Prolog im Himmel im „Faust“ vom-Buch Hiob anregen ließ. Ich habe nun die auf diesem Gedankengang basierenden Programme in Berlin und in vielen Städten im Reich wiederholt zum Vortrag bringen können und kann mich über das Verständnis und die Begeisterung, die ich gefunden, nicht beklagen. O Als ein besonderes Erlebnis'wird mir jedoch der ■Abend in der Raschi-Synagoge. in Worms unvergeßlichbleiben. Es war anläßlich einer Tournee in Süddeutschland. Der erste Abend fand in Heilbronn statt. Als Schauspieler, mit Kleist verbunden, schwelgte ich in „Käthchen von Heilbronn“-Erinnerungen. Aber schon da ergriff mich ein merkwürdiges Gefühl, sozusagen eine Unruhe vor Raschi, in dessen Haus ich in Worms sprechen werde. Am nächsten Tag beschäftigte ich mich damit, „künstlerisch zu trainiereg“. Die Unruhe steigerte sich zur Erregung, ich bekam Lampenfieber wie vor einer großen Theaterpremiere, von der Sein oder Nichtsein abhängt.' Noch einige Tage, noch einige Städte — endlich in Worms. ln der 900jährigen Raschi-Synagoge! Mit Ehrfurcht betrete ich die Raschi-Kapelle. Der merkwiirdige Raschi-Stuhl in der Mauer, aus Stein geformt, zieht den Blick auf sich. Rings die niedrige Rundbank für die Schüler, die zu den Füßen des Rabbi säßen. Von oben herunterhängend die ewige Lampe, das Rad mit dem „Eruw“. ■ Oben im Museum Folianten, Skripturen, heilige Gefäße. An der Türe hängen drei alte Schofarim. Ich kann der Versuchung nicht widerstehen, sie alle drei auszuprobieren. Beim ersten Ton fliegt ein jahrhundertealter Staub aus dem Schofar. . Ich freue mich, daß ich den ausgedienten Hörnern wieder Stimme und Leben , gegeben habe. ■ , O Endlich kommt der Abend heran. Mir ist beklommen zu Mut. Das Lampenfieber wird unerträglich; vor keinem Theaterdirektor, nicht einmal bei meinem Engagementsgastspiel am Deutschen Theater vor Max Reinhardt, hatte ich solche.Angst .wie jetzt vor Raschi. Ich steige aufs Podium. Der Raum nimmt mich ganz gefangen. Dieser wundervolle Raum mit der einzigartigen Akustik.. Alles versinkt in ein magisches Dämmerlicht. Ich beginne, und sehe kein Publikum mehr, ich fühle nur ein atemlos gespanntes Lauschen. Ich sehe mächtige Säulen, hochragende Pfeiler, Spitzbogen, Erhöhungen, Vertiefungen. . Der Blick in die Höhe geht fast ins Endlose. Die Steine sprechen, die Wände raunen und atmen. Von der Weihe des Hauses werde ich immer mehr ergriffen. Die Stimme wagt sich nur scheu und gedämpft hervor, aber ich fühle.-; auch das leiseste, gehauchte Wort kommt an und .teilt sieh mit, die Zuhörer lauschen in atemloser Andacht. rrl listig. snrkraft - Mein Blick geht in die Höhe, er streift die Säulen, die Pfeiler. Wie unter einem inneren Zwang folgt die Stimme, schwillt an zu Dounertou, braus! in’die Höhe,'erklettert und überklettert Säulen und . Pfeiler, ich werde immer mehr und mehr hingerissen. Eine magische Verzauberung strömt von dem Raum Hinter den Säulen und Pfeilern sehe ich plötzlich Gestalten, Gestalten aus der Vergangenheit, in Talitli und Tefillim, in weiße Kittel gehüllt. Es ist, als stehe der Schatten Rascliis hinter einer Säule. Ein 'unnennbarer Stolz iiberkonunt mich: Ich spreche vor ihm! Ich spreche vor ihm die Bibel, die er für die Welt kommentiert lud. Die Bibel, die ich Satz für* Satz mit seinem Kommentar, mit seinem Nigun, mit seiner-Melo'die als Kind gelernt habe. ' Wenn die Wormser Zuhörer bei meiner Rezitation das empfunden haben, was ich damals empfand, dann darf ich beglückt sein. itralle 10, auf 8. ■ April, abends 8 Uhr, im Logenhaus V dem Pcssach-Ausklang-Kunstabcnd, den der uiDcraic verein fü"- die’. Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde zu Berlin E. V. veranstaltet. Der Abend, der mit einer Ansprache des Vorsitzenden, Landgerichtsrats i. R. l)r. M. Lesser, eingcleitet wird, bringt Vorlesungen aus der Bibel, aus Jesaja, Talmud-Lcgendeti, Werke Heinrich Heines, ferner solche von I’ercz, Zangwill, Jacob Wassermann, Gabriel Rielier, Stefan Zweig und Goethe. Karten sind im Vorverkauf zu haben: Liberaler Verein, Bleibtreustr. -15 (Bleibtreu 4958), Vertag der „Jüdisch-liberalen Zeitung“, Mommsenstr. 4U, Kreditvereiu für Handel und Gewerbe, Oranienburger Str. 3, sowie an der Abendkasse zum Preise von 0,65 Mark. ewige Vertlie gestellt iebol bildet das des Judentums Uitigeliirug jüdische anderen lesonders iiin/imeise die Buchs nid Bell verfinstert il uui iler Buiti ipiiill il ..., . ..._..it linier den I liilen zu schwinden. Man kann Tiolles slundeir- und tageweise verlustig gehen ~ daun nennt man einen derartigen Zustand wohl Depression. Man kann seiner aber auch Monate und Jahre hindurch oder gar lebenslänglich verlustig gehen daun spricht man von einem freudlosen, teeren, tmausgefüilfen Leben. Alles, was der Mcuseh daun auch lim mag, .t ihn unbefriedigt. Immer glaubt er etwas zit versäumen. - '- -i will, zieht ihn die Tätigkeit /u sieh; ist er lieh nach der Mutte zurück. Diese Ruhelosigkeit Ir Sil, Itl ,ti„ (II, ,11.. . Wenn - tätig, sch._ kommt von Gatt. . des ersten Gebotes. Si _ menhang von Ursache und-Wirkur eines imttachtctcn Naturgesetzes. „Strafe“ für die Nichtbetolgung Viele dieser unglücklichen, iinausgefüllfen, von„ihrcm Dämon gejagten Menschen suchen ihr Heil beim Psychoanalytiker. ' Sie vergessen, tlatt nur derjenige imstande ist zu helfen, der weil) um tlie Geheimnisse des Lebens, um das Wesen Gottes, um die alles zeugende, alles bewegende,'alles erhaltende Kraft, die in den Dingen wirkt. Dieser Mann kann Seelsorger sein, er kann Dichter sein, er kann sogar Psvcluv ioge sein — aber er. muß an jene unteilbare, unnennbare Kraft von ganzem Herzen und von ganzer Seele glauben. De* Tempelleuchter von Arthur Silbcrgtelt Hinter seinem gold- und safirbesticktcn Sammetvorhang, durch dessen Spalt der Hohepriester nur einmal im Jahr sein Festgewand ins Allerheiligste hineinrauschen iättt, streckt , er auf der Teppichseide eines. Altars seine sieben silbernen'Finger sehnsüchtig in die Weite, als wolle er alle weltverwchtcn Kinder Israels wieder unter dem Baldachin eines gemeinsamen Tempeldachs sammeln und sie wieder väterlich in seine Arme schließen. ln seinen Händen sprühende Kerzen, flammt er wie «in Stralilenbaum auf, der seine Lichter gleich Sendboten durch die gläserbunteu Sterne der Tempelfenster zu fernen Zedernwäldern und Fichtenforsten ausschickt, um die verlorenen Söhne und Töchter Jehovas zu suchen. Aber wenn seine glühenden Herolde jene nicht finden können, schluchzen sie heiüe'Zähren hernieder, und diese wächseritenTräueii schmücken mit ihrem weißen Tropfenwall seinen Saum. Manchmal im Abendschatten träumt er alle Stämme Israels um seinen silbernen Stamm hingelagert-, dann glanztsein Antlitz in siebenfacher Seligkeit aut, und seine silbernen Arme umschließen alle in seinen Traum heiingekelirten Sühne und Töchter Jahwes in ihren siebenfachen Ringen. König Humbert und der Oberrabiner von'Rom Der verkannte Minjan Einige Tage nach der Geburt des jetzigen Königs Victor Emanuel von Italien veranstaltete die Jüdische Gemeinde von Rom' aus diesem Anlaß einen Festgottesdienst. Daraufhin wurde der Oberrabbiner zu Hof geladen. König Humbert empfing ihn mit den Worten: „Es ist mir ein Bedürfnis, Ihnen persönlich meinen Dank auszusprechen, um so mehr, . als Ihre Gemeinde die erste in Italien war, die für den jungen Prinzen gebetet hat.“ Im Verlauf der weiteren Unterhaltung meinte der König: „Ich nehme an, daß Sie bei diesem Gottesdienst mehrfach Minjan hatten.“ Auf die erstaunte Frage des Oberrabbiners, woher der König eine so genaue Kenntnis jüdischer Bräuche habe, erzählte der König folgende Geschichte, die wir der französischen Wochenschrift L’Univers lsraelite“ entnehmen: - „Eines Tages — ich war junger Offizier in der Garnison in Turin — begegnete ich meinem unmittelbaren Vorgesetzten, dem jüdischen General Ottolenghi, dem späteren italienischen Kriegsminister. Er war im allgemeinen nicht gerade ein liebenswürdiger Mensch. An diesem Tage aber machte er ein besonders finsteres Gesicht. Auf meine Frage, was denn vorgefallen sei, erwiderte der General: ,Ich bin wütend auf die jüdische Gemeinde. Ich komme gerade aus der Synagoge und konnte nicht beten, weil ein Minjan fehlte.* Auf meine Frage, warum er denn keines mitgebracht habe, erwiderte er: .Königliche Hoheit scheinen zu glauben, daß es sich hier uni ein G e b e t b u c h handelt; das ist jedoch nicht der Fall, Minjan ist 'vielmehr die Vereinigung von zehn Mann, ohne die kein Gottesdienst abgehalten werden kann.' .Sehen Sie,* so schloß Victor Emanuel seine Geschichte, ,so habe ich erfahren, was ein Minjan ist. Ich erfuhr damals auch, daß General Ottolenghi die Synagoge besuchte so oft er nur. konnte, was ihn übrigens keineswegs daran gehindert hat, einer der besten Generäle der italienischen Armee zu sein.*,“ . nicht 'die Kraft in sich fand, einzumünden ii.__„_ Sie sah im Qeiste den Hauptwidersacher der Seele und .. ••-- -*-- Kardinalfehler, Geist und Intellekt mlt- Seit Nietzsche besitzen wir die Anfänge einer Philosophie des Lebens. Die moderne Psychologie, an ihrer Spitze Ludwig Klages, hat mit mehr odey weniger Glück versucht, diese Philosophie weiterzuführen und auszubanen. Daß ihr dies id_ stückweise gelungen ist, liegt daran, daß sic .erfiefdabei i"Z" ’. einander zu verwechseln. Der Intellekt ist das Werkzeug des Oeistes. .Seine. Qualität hängt ab von der Zuummciwctziing-der Gesamtpersönlichkeit. Einen „reinen“ Intellekt gibt es ebensowenig wie einen „reinen“ Geist. Der „reine“ Intellekt ist eine Fiktion, eine Hilfsvorstellung. Es gibt ebcnsoviclc Formen . des Intellektes, wie es Formen der Persönlichkeit gibt. Eine Intelligenz wird umso höher sein, als sie sich um eine Erkenntnis der höchsten Dinge und Zusammenhänge bemüht. Sie wird umso niedriger sein, als sie in den Zufälligkeiten des täglichen Lebens Haften breibt. Die niedrigste Form des Intellektes ist die auf Nahrungsaufnahme und Genuß'gerichtete.' Die höchste FoVm ist die, welche im- Vergänglichen nur das Gleichnishafte sieht. Fiir den wahrhaft religiösen 'Menschen bedeuten Intellekt und Leben. keinen Dualismus. Aus Anschauung uiid Einsicht rundet sich ihm das Bild der Welt zur Weisheit. Der religiöse Mensch, als dessen hervorragendsten Vertreter wir Moses anschen .dürfen, lauscht gehorsam auf die in ihm wirkende Kraft. Er vernimmt in seiner inneren Stille und Sammlung die Stimme Gottes. Aus dem. Unbewußten steigtjhm bcfreicnde-Erkenntnis; sie verdichtet sich, wird in immer höhere . Schichten des Bewußtseins getragen und nimmt schließlich allgemcingültigc Gestalt an. Es leuchtet ein, daß c' Prozeß ohne hilfe der seelischen Kraft (und w Kraft anderes als Geist?) und ohne Beihilfe d Vermögens nicht möglich ist. - Der unreligiöse Mensch verfährt gerade umgekehrt: Er setzt an Steile Gottes dun selbstherrlichen Intellekt, an Stelle der unerschöpflichen Lebenskraft seine beschränkte Individualität. Indem er dies tut, richtet er ein Götzenbild. auf, das er pnbetet. So ereilt ihn denn mit Notwendigkeit sein Geschick. Auf dem falsch eiiigcschlagencn Wege geht ihm jede Orientierung verloren, mühsam mutt er Kämpfen, um jeden Zollbreit Boden, und glaubt er einmal fest zu stehen, so erweist sich auch dieser Glaube schließlich als trügerisches Spiegclbilu seiner Subjektivität. Der unreligiüsc Mensch hat sich dadurch, daß er sich einem anderen (»ölte außer Gott, nämlich seinem selbstherrlichen Intellekte als letzter Instanz verschrieben hat, selbst von verdammt, als isoliertes, individuum we'iterzuexistieren. Wir verstehen jetzt, weshalb Moses als erstes Gebot gefördert hat, daß der Mensch außen Gott keinen anderen . Gott haben dürfe. Gott ist die Kraft, die in den Dingen wirkt.. Während aber die Dinge unbewußt und damit ungefährdet sind, ist der Mensch durch seine intellegiblen Fälligkeiten zugleich begnadet und belastet. Nur dann kamt er zu Gott gelangen, wenn er sein intellegibtes Ich seinem, geistigen, seelischen, teil unterordnet und lernt, auf die unbewußten, geheimnisvollen Quellen des Lebens in sich zu lauschen. Der modernen Lebensphilosophic kommt in diesem Zusammenhang ’ die Bedeutung zu, den Weg für ein Wiedererwachen des religiösen Bewußtseins frei gemacht zu haben. Die Erfüllung aber kann nur die Religion selbstbringen. Denn allein die Religion ist irrt Stande, die bestehenden Gegensätze auszugleichen und den Menschen kraft ihrer sittlichen Gesetze mit Gott auszusöhnen. c des intelligiblen