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Jüdisch-liberale Zeitung · 1934-04-06 · 27-28 (6.4.1934) · page 9

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
14 (1934)
Issue
27-28 (6.4.1934)
Date
1934-04-06
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
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4. Jahrgang Nummer 27/28 3nDif(HUißtale 3eitung 2. Beilage 6. April 1934 ClCiee Stein - *£ande&mann s (fytack und Scfttvarz Die engen Gassen von Soho lagen im Feiertags-' frieden des Sonnabend-Vormittags.. Vor den kleinen Geschäften, deren Läden herabgelassen waren, saßen Männer und Frauen, die Sonne genießend.* Sally sprang die Stufen herab und warf sich mit Ungestüm in die Arme ihres Großvaters: „Bist Du fertig, Daddy?“ Daniel Black rückte das verschobene Käppchen zurecht: „Was sollte ich doch, Liebling?“ „Du hast mir versprochen —“ mahnte sie dringlich, „in den Park zu gehen — ach, Daddy, tu doch nicht so, als hättest Du vergessen —“ Der Alte schüttelte den Kopf: „Nichts vergessen, bin fertig!“ Er ging hinein, um Hut und Mantel zu holen. Sally blieb draußen und betrachtete das schwärzliche Schild über dem Laden: „Daniel Black. Woll-, waren.“ Es waren die ersten Buchstaben, die sie zu lesen gelernt. Der Großvater stand am Anfang ihrer bewußten Erinnerungen. Er war Vater, Mutter, Lehrer und Freund für sie. Seine Person verkörperte ihr eine ganze' Welt. Zwei Straßen entfernt regte sich das brausende . Londoner Leben — der Gegenssatz. zu dem kleinen Stadtteil, in dem Sally aufgewachsen war, schien überraschend und nicht nur für den Fremden von ungeahnter Kraßheit. Auch heute noch war für Sally jeder Schritt* den sie über diese unsichtbare Grenze hinaus tat, wie ein Schritt ins Abenteuer. Die: Menschen dort „draußen“ schieilen andere zu seih, ihre Gesichter waren härter, ihr Gang rascher, ihrer Stimme Klang ein bewußterer — =— Großvater hatte es einmal auf primitive Art zu erklären versucht: „Wir sind von früher. Jene sind heutiger.“ Sally begriff dunkel, was er meinte — ihre 14 Jahre hatten sie schon vieles gelehrt: ein Kind, das im Judenviertel von Sohö groß wird, bekommt frühzeitig offene Augen. — — Knapp zehn Minuten von ihrem Hause entfernt, breitete.sich der laüte Glanz der Regent-Street .aus — da lockten hinter Glasscheiben jene wunderbaren. Dinge, die an Märchen gemahnten: Hermelinpelze, Kleider aus silbernen Stoffen, Schuhe aus Schlangenhaut, goldene Handtaschen, Orchideen, die wie verzauberte Tiere aussahen! Sally versuchte, sich die Trägerinnen solcher Herrlichkeiten vorzustellen. Aber beinahe noch stärker war der Eindruck des abend- ' liehen Piccadilly-Circus mit seinen . beweglichen, feurigen Lichtreklamen; den Autobussen, den Hotels und .Restaurants, vor denen diese langgestreckten Autos hielten, deren Schlag manchmal ein riesiger Neger in röter Livree öffnete — —! „Hallo — wir können gehen, Liebling!“ Der alte Mann nahm ihre Hand in die seine. . Sally schrack auf — sie ertappte sich zornig bei dieser gewohnten Träumerei, deren Gefahr sie mit frühreifem Instinkt fürchtete. ’ Mit häufigem Gruß an die Nachbarn gingen sie langsam durch die stillen Gassen, die kaum ein Fuhrwerk belebte. Aber jetzt kamen sie durch das unsichtbare Tor, wie Sally es nannte: das lärmende, wogende Leben Londons riß sie in seinen Wirbel. Von nun an nahm Sallys wacher Blick jede Einzelheit des Wegs in sich auf. Großvater wartete ängstlich an jeder Straßenkreuzung, seine Augen suchten die schützende Hand des Policeman, bevor er es wagte, sich dem Gewirr der wartenden Wagen auszusetzen. Es war eine ziemlich weite Strecke, bis sie^ den Park erreichten. Sally liebte den Park mit den alten Riesenbäumen, den von Möven und fremdländischen Wasservögeln belebten Teich, — aber heute entzückte sie die Gewißheit, daß man endlich ihren Schützling ansprechen würde, diesen unbekannten jungen Studenten, der des Kindes Herz gewonnen hatte. Großvater schien für Sally der Inbegriff der Güte — er half vielen, unpathetisch und mit ehrlichstem Opferwillen. Aher auch er besaß eine Eigenheit, die dem Kind oft unbegreiflich und hart Vorkommen mußte: er half nur, wenn der Bedürftige ihm gefiel, ob Gesicht oder Stimme ihm zusagten- Sallys kindlich strenger Gerechtigkeitssinn bekämpfte diese Stellungsnahmc des alten Mannes auf das Heftigste, aber ziemlich erfolglos. Am Freitag Abend hatte sie endlich Großvaters Einwilligung erlangt, ihren Schützling kennen zu lernen. „Du wirst ihn erst ruhig anhören, Daddy dear? Du wirst seine traurigen Augen betrachten? Und nicht denken, er ist stolz?“ Das Kind stockte: „Vielleicht ist er wirklich stolz? Er weiß soviel — Tag und Nacht studiert er, hungert er, quält sich-gestern zum ersten':Male hat .er mein Sandwich genommen, aber nur, weil ich es mit ihm teilte 1-• Sie hatten jetzt den Park betreten.;,Da ist er, Daddy!“ Sally drückte seinen Arm und wurde rot. Ihr mütterliches kleines Herz — niemals an Puppen verschwendet, sondern von frühauf an die Straßenkinder Sohos — schlug hart und beschleunigt. „Aber, Sally — wie finster er aussieht! Ich bin sicher, er lacht niemals.“ Der Großvater bog-hastig in einen Seitenweg ein — — - „O Daddy — ich habe Dich so gebeten! Finsteres Gesicht! Doch nur unglücklich! Doch nur müde — vom vielen StunSengeben und Arbeiten! Da liest er; wieder iri dem dicken Medizinbuch! Komm jetzt! Er hat mich vielleicht schon gesehen — —“ „Der sieht nichts — kein Mann für uns — Bücherwurm! Quäle mich nicht!" Widerwillig folgte er dem Kind, das ihn mit flehenden Augen bedrängte. Und nun sitzen sie wirklich neben dem jungen Menschen. Sally hat mit der. naiven Selbstverständlichkeit.des Kindes das Gespräch begonnen. Der Großvater freilich bleibt ebenso zurückhaltend wie der Student. Mit einem fast fraulichen Takt wählt Sally einen Ausweg, um die mitgebrachten Sandwichs übergeben zu können. - „Hier ist der Lunch, den ich für Sie besorgen' sollte!“ sägt sie mit ihrem ehrlichsten Blick. „Das Geld hat grade gereicht.“ Und sie reicht ihm das Päckchen. . Der junge Mensch sieht ratlos in das erglühende Gesichteten: „Ich danke Ihnen. Sie sind sehr liebzu mir!“ Dann wendet er sich zu dem Alten: „Ich heiße Manfred Schwarz.“ Sein Englisch verrät den deutschen Accent. Großvater .rückt plötzlich näher, er ist elektrisiert: „Sie sind Deutscher? Ausnvelcher Stadt? Auch ich —“ Er lächelt: „Ich kam als Junge herüber -- vor jiber 50 Jahren bin ausgekniffen! Ich stamme aus München —■ ich heiße auch Schwarz — habe mich hier Black genannt-“ „Warum taten Sie das?“ Die junge Stimme hat einen ungewollt strengen Ton. „Ja,‘ Daddy — weshalb fragt-,Sally wie' ein ' schüchternes Echo. Black sieht erstaunt von einem zum andern:.„Aber das versteht Ihr nicht. Es machte sich so. Es ist ja schon so lange her. Wahrscheinlich hat man es mir geraten damals. Ich weiß nicht mehr-* Sagen Sie mir lieber, ob Sie am Ende auch aus München sind?“ „Nein -= meine Eltern lebten in Hamburg. Als meine Mutter starb, zog mein Vater mit tnir hierher zu Verwandten — aber ich bin noch immer Deutscher, wenn ich auch schon sieben Jahre hier lebe —-“ Black versucht noch einmal: ' „Sic haben keine- - Verwandten in Süd-Deutschland?“- Der Student schüttelt den Kopf. : Großvater ist. sichtlich enttäuscht -- „Keine Verwandtschaft — schade!“| Sein Interesse ist anscheinend völligerloschen.' 1 _ ' Sally beobachtet ihn mit schärfster Aufmerksam- - keil. Sie zittert davor, ihren Plan scheitern zu sehen. Und ihr Blick gleitet teilnehmend über das-blasse Gesicht des Namensvetters— — „Würden Sie mir ein Stückchen abgeben?“ fragt sic in die Stille hinein. -~ „Ich habe mir heute garnichts mitgenommen —‘f Der Student lächelt befreit und beginnt, den Bindfaden zu lösen. Inzwischen'spricht Sally'leise und eindringlich auf den-Großvater ein. Er schüttelt den . Kopf. Aber unter ihrem zärtlichen Blick verändert sich sein ablehnendes Gesicht allmählich immer mehr. Sie streichelt schmeichelnd seine Wange: - „Bitte Daddy, mir zu Liebe! Es ist ja nicht nur, um ihm zu helfen! Ich möchte doch so gerne Deutsch lernen — ich würde die alten deutschen Bücher lesen können, die Du in dem bayerischen Truhekasten ha st! Denke doch nur — —“ ' t - . , --r. Eine Viertelstunde später, betrachtete.Black iqii stolze? Befriedigung, >yie Sally und Manfred Schwarz v’ eifrig miteinander reden.; Der deutsche' Unterricht hat bereits begonnen. Ueber die Bedingungen hat man sich schnell geeinigt. Sally scheint sehr begabtzu ' sein — sie kennt schon einige deutsche Worte: „Brödchen. Eier. Salz. Tomaten. Sonne. Bank. Freundschaft. Verständnis. Dankbarkeit. Zukunft — —“ Der alte Mann denkt: „Wie rasch man heutzutage' vorwärts geht bei diesem Unterricht — ganz ohne Grammatik — merkwürdig!“ _ Brief an die Mutter Liebe Mutier, ■ Eben erhalte' ich Deinen Brief mit dem schwerwiegenden Entschluß nach Berlin rückzusiedeln. Es ist genau 55 Jahre her, daß Du, ein junges Mädchen, die Reise nach dem wiedergeworinenen Straßburg von hier antratest. Dein künftiger Mann, war damals nach dem dem Kriege in dem Lande geblieben, das uns allen.zur zweiten .Heimat werden sollte, bis wir. 1918 durch den unglücklichen Ausgang des Weltkrieges wieder aus der Heimat verdrängt wurden. Du hattest dann Deine Kinder an den Rhein begleitet, zogst mit ihnen wieder nach dem Badner Land, als die Franzosen auch dieses Land besetzten. Hast schließlich in Baden-Baden geruhig gelebt, so wie es sich für eine nicht mehr ganz junge Frau gehört. Jetzt aber ist Dir das Leben dort zu einsam geworden, die wenigen Bekannten, die Du dort hattest, sind zum Teil gestorben zum Teil verzogen, und nun bedrückt Dich doppelt die Enge der Kleinstadt. Du bist ja eigentlich all die vielen Jahre, die Du in Straßburg warst, zum Unterschied vom Vater, immer Berlinerin, Großstädterin, geblieben und konntest es nie so ganz verstehen, daß Vater, der allerdings seinen Beruf hatte, sich so wohl in der Universitätsstadt’ fühlte, der aufging im Kreise gleichgesinnter Hochschullehrer, der mit beinahe pedantischer Regelmäßigkeit bis zu seinem 73. Jahre auf den Turnboden ging. Dich werden nicht mehr die glänzenden Säle in der Magazinstraße begrüßen oder die. „königlichen“ Räume „Hinter dem alten Packhof.“ Die Kerzen aus den großen venetianischen Kronleuchtern und deneleganten Wandlüstern werden nicht mehr auf Deine Jungmädchengesellschaften herunterstrahlen, und die lustigen Kremserpartieen, die Ihr damals Sommers unternommen, werden fortfallen, und die ichnellen Pferde, die Euch Sonntags aus der väterlichen -abrik zur Verfügung-standen, werden nicht nach Schöneberg, -harlottenburg oder dem Gesundbrunnen traben. Auch kannst Du beruhigt schlafen, Hermann Cohen vird Dir leider nicht—mehr aus der Fülle seines Wissens Stoße Jyeut&cfte üßer das {Judentum „Israel war und ist das ausgezeichnetste Volk der Erde; in seinem Ursprung und Fortleben bis auf den heutigen Tag, in seinem Glück und Unglück, in Fehlern und Vorzügen,, in seiner Niedrigkeit und Hoheit, so einzig, so sonderbar, daß ich die Geschichte, die"' Art, die Existenz dieses .Volkes für den ausgemachtesten Beweis der Wunder und Schriften halte, die wir von ihm haben und wissen. So etwas läßt sich nicht erdichten, solche Geschichte mit allem, was daran hängt und davon abhängt, kurz, ein solches Volk läßt sich nicht erlügen. Seine noch unvollendete Führung ist das größte Poem der Zeiten und geht wahrscheinlich bis zur Entwicklung des letzten noch unberührten Knotens aller Erdnationen hinaus . . . Dieses sonderbarste Volk hat die sonderbarsten Bücher. Ein Volk, dessen Religion und Geschichte ganz von Gott abhängt, hat auch Bücher der Art, des Geistes. Jene Dinge aus diesen, diese aus jenen entstanden und alles im Grunde nur eins. E i n Gepräge, e i n Charakter, eine Beurkundung aller Zeiten, ihr Name ist das Volk Gottes.“ Johann Gottfried von Herder. Aus: Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit. Anregung und Kenntnis spenden und Dich_ gcschichtsphilophiscli ausforscheii. Auch der witzige Oscar Bluna-nth.il wird nicht mehr in Dein elterliches Haus kommen, um Deine jüngeren Geschwister zu unterrichten. Barnay wird den „Hamlet“ nicht mehr im Königlichen Schauspiclhausc spielen, und nur die Photographie mit seiner eigenhändigen Unterschrift wird als Erinnerung an junge Mädclienschwiirnierci auf Deinem- Schreibtisch stehen. Du wirst nach Charlottenhurg ziehen und wirst in einem - Ricsen-Häuscrblock, zufällig auf demselben Grunde wohnen, wo Du vor 75 Jahren als kleines Mädchen im Sande spieltest und: zusahst, wie die Kühe gemolken wurden, damals als die Großeltern dort zur Sommerfrische wohnten. Berlin ist anders geworden,’fu r uns Juden hat sich der Stadt Gesicht doppelt geändert. Aber wir haben Ersatz, Du wirst mit uns gehen in die Vorstellungen unseres Theaters, Du wirst unsere Vorträge hören, und Du wirst mehr Anregung haben als in der kleinen Stadt. Und 'wenn Du erst Deine Möbel gestellt haben wirst,% wenn erst die alten Familicnbilder an der "Wand hängen, wenn die Vitrine mit den alten Tassen .dasteht, dann werden sich auch die alten Freunde und Freundinnen aus der Jugendzeit cinstellen, und Du wirst plaudern können von-den Zeiten, da Ihr bei Goldbeck unterrichtet wurdet, da Ihr während des böer Feldzuges als Kinder Charpie zupftet und 1871 den Einzug Wilhelms II. durchs Brandenburger Tor ansahet. Du wirst nicht allein in der großen Stadt sein, denn noch ..lebt unter den. Juden die Erinnerung an Deihen Großonkel den M-ajor Burg, der so oft in „großer Uniform'1”in der Synagoge erschien,' noch steht die Grabschrift Deines Großvaters Jacob. Moses Burg. Noch-leben Deine Söhne hier, und in ihrem Kreise wirst Du mit Deinem raschen Geist Dich bald in ihrem Kreise einleben, und teilnehmen an ihren Sorgen und Freuden. * Dr. T. Simon. —'

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