Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 14 (1934)
- Issue
- 27-28 (6.4.1934)
- Date
- 1934-04-06
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Berliner Abende Kulturdeuter und Dichter Vorlesungen aus Jakob Wassermanns Werken Siebenhundert'Personen gehen, aber mehr als tausend •' i u g e n in den Saal — lag das nun an der immer noch und gerade jetzt grollen Anziehungskraft des Dichters Jakob Wassermann, dem der Abend gewidmet war, oder lag cs an derjenigen der Vortragenden, Frau Edith Herrnstadt- () e 11 i n g e ii V Es wird an beiden gelegen haben. Und der Abend verdient auch, in der Chronik der vielen Veranstaltungen besonders hervorgehoben zu werden. Denn es war wohl selbstverständlich, dal! in den Wochen, die dem Ableben des Dichters’ folgten, der Kulturbund in irgendeiner Form eine Gedächtnis-Veranstaltung geben würde. Das ist mm geschehen; vielleicht bleibt es nicht bei der einen, vielleicht könnte eine Matinee im Theater oder in sonst würdigem Rahmen folgen,- denn der diesmal gewählte Saal erwies sich als in mehr als nur einer Beziehung unzulänglich. Um so gelungener war die Veranstaltung selbst. Das Programm war so gestaltet worden, dal! unser Jakob Wassermann zu uns sprach, das heißt der Dichter, dessen Weg als Deutscher und als Jude wir kennen. Ein Abschnitt aus dem bekannten Buche, das diesen Weg zum Thema hat, bildete den Abschlull des Abends und zeigte, dall der Kulturdeuter Wassermann nicht überholt und überaltert ist —: die Synthese, nein, die unlösbare Einheit von Deutschtum und Judentum, die er in sich vollzogen hat, die sich in ihm vollzogen hat, wird noch vielen jüdischen Generationen leuchtendes Ideal sein. Der Dichter Wassermann freilich war Kind seiner Zeit; wenn wir in den vier verlesenen Kapiteln seiner „Juden von Zirndorf" eine geradezu .unwahrscheinliche Häufung von Familienkatasfrophen miterleben müssen, so schauen wir hier einem sehr jugendlichen Dichter mehr in die Werkstatt als ins Gemüt. Auch in der Bauera- Novclle „Adam Ar bas" war noch manches zu sehr konstruiert.. 1 furch alles aber, was wir hörten, ging der tiefe Zug wahrhaft sozialen WoIlens, letzten kreatürlichen Mitgefühls, das immer und überall dem Dichter die Feder führte und ihn auch fernen Zeiten noch nah sein lassen wird. Dali er dem Kulturbund-Hörern nahe war, lag an der vollendeten Vortragskünst der Frau Edith Herrnstadt-Oettingen. Aus deni Nichts herauf zauberte sie Welt und Menschen des Dichterwerks, ließ alle Visionen des Dichters zu Visionen der Hörer'werden, so daß man vergaß, daß man eine Rezitatorin hörte. Bald glaubte man, selber zu lesen, bald, die gelesenen Vorgänge auf einer Bühne zu sehen —: so sehr wußte die Vortragende jedem Geschehnis und jeder Gestalt Wirklichkeit zu verleihen. Das Publikum lauschte atemlos, ergriffen, cs dankte mit jubelndem Beifall. George Goctz. Stephan Antal spricht Mit einem hauptsächlich aufs Virtuose gestellten Pro-: gramm trat Stephan Antai im Logenhaus Kleiststr&ßc vor die Öffentlichkeit; neben einem sehr gepflegten Anschlag bildet, denn auch die ausgezeichnete Technik mit die stärkste Seite seines Spiels. Dagegen vermißt man noch, namentlich in Chopinschen Stücken, jenen Glanz undj^uft im Klanglichen, ohne den es bei aller Klarheit doch nicht geht. Auch nn Aufbau fehlt noch die letzte Überlegenheit. Die im Persönlichen etwas zurückhaltende Darstellungsart Antals dürfte sich bei einem inehr klassischen Programm günstiger auswirken. Der mitwirkende Geiger. Sam Emsellem, von Franz K eitzenstein kultiviert begleitet, zeigte Temperament und geläufige Technik; nur die hohen Lagen bedürfen bisweilen des klanglichen Ausgleichs. Die zahlreiche Hörerschaft nötigte beide Künstler zu Zugaben. t\ ..Prophetengeist“ In der Sjnagoge Prinzenregenffiistraße sprach RabBiner Dr. B. üottschalk über „P r o p h e t c n ge i s t, eine Kraftquelle für die Oegemv.art“. In der heutigen Zeit müsse man, so führte der Redner aus, sich wieder der Gottesmänner erinnern, die in ihren Urteilen auf ihren , Gott vertrauten. Die Größe der Propheten liegt in ihrer Zeitlosigkeit. Widdig ist, daß wir nicht so sehr ihre Zeit, als vielmehr ihre Zeitlosigkeit erkennen. Ihr Wort war eine Flamme. Sie waren frei, niemandem zu Diensten, ln ihrer Freiheit fühlten sie sich mit ihrer Gemeinschaft verbünden, mit ihrer Heimat. Sie sagten ihrer Gemeinschaft, daß sie ihre Heimat verlassen müßten, ermahnten sie aber, an die Heimat zu glauben. Es war dies eine religiöse und ethische Tat. Der Redner sprach dann von der heutigen Zeit, in der man daran denken müsse, daß die Propheten nur ein Judentum kannten, das große Judentum, ferner, daß es viel mehr Propheten gab als man gewöhnlich annehme, und daß man zu ihnen aucii Abraham rechnen müsse. In der Neuzeit müsse man an Abraham Geiger, Moritz Lazarus, Hermann Cohen und Ludwig Philippsohn erinnern. Diese Namensliste könne man fortsetzen. Die Namen dieser neuen Propheten müßten uns so nahe sein, wie die der alten, damit der Geist des großen Judentums erlebt werde. Es ist für das Judentum und den Einzelnen eine große Zeit angebrochen. Zum religiösen Judentum, dem prophetischen, bricht man nur durch,"wie dies die Propheten taten. Dr. Gottschalk sprach auch vom Propheten Eliä. Seinen Namen aussprechen heißt, jenes Gefühl erleben, das alle Juden am heiligsten Tage, des Jahres haben, am Jom Kippur, wenn es sieben Mal erklinge „Adaunoj hu hcelauhim.“ ' In tiefster Ergriffenheit lauschten die Anwesenden den ausgezeichneten Ausführungen des Vortragenden. Der Vortrag wurde durch Orgelspiel und Sologesänge (Fritz Lechner, Else Leven) eingeleitet und beschlossen. J. IV. Wann? Wo? Ein Teil der Vorlesungen und Kurse an der Freien Jüdischen Volkshochschule soll auch im Sommer fortgeführt werden. Die praktischen Kurse beginnen am 9. April. Mitte April wird eine eine größere Veranstaltung stattfinden, in der . programmatische Gegenwartsfragen jüdischer Bildung behandelt werden. An einigen Abenden werden die Jugendbünde „Vom Werk der jüdischen Jugend“ sprechen. * ■ Der Kunsthistoriker Professor Dr. Franz. Landsberger ist von der Universität London eingeladen worden, dort im Mai d. J. einige Vorträge über „Die deutsche Kunst der Goethezeit“ zu halten. Der Gelehrte wird über das gleiche Thema am 19. und 26. April und am 3. Mai, abends 8.15 Uhr, im Verwaltungsgebäude (Vortragssaal) der Synagoge Fasanenstraße an Hand zahlreicher Lichtbilder sprechen. Eintritt für den gesamten Zyklus 4 Mark. * Die Bezirke Mitte und Nordosten des „Bundes jüdischer Arbeitneh me r“ veranstalteten Dienstag, 10. April, abends 8 Uhr, in den Müsikerfestsälen, Kaiser-Wilhelm-Str. 31, eine öffentliche Werbekundgebung, auf der der Bundesvorsitzende Paul Levy spricht. * Im Reichsverband israelitischer Schwerhörig e r spricht am 7, April, 10 Uhr, im „König voi» Portugal“, Bnrgstraße 16, nach wichtiger Tagesordnung. Rabbiner Dr. Gottschalk über „Jüdische Ehre“. BERLIN tmpfeMeaswecte fBczugsqueUea BERLIN I DienaBsctineioerei Kurt Kathen Neu-Westend, Reichsstr.37 jsrnmir.::aea\ Reparaturen, Änderungen, Handbflgeln.- Eigene Kürschnerei i. 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