Mannheim
Compact Memory

Jüdisch-liberale Zeitung · 1934-04-06 · 27-28 (6.4.1934) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
14 (1934)
Issue
27-28 (6.4.1934)
Date
1934-04-06
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2613366-2613519-2613544--4837-2616570
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

ist. Geduld gehört dazu — wir haben Geduld gelernt — und Glauben, der nicht die. Alltagsabrechnung an jedem Abend verlangt, wie der Wirt vom Kellner! Tiefstes Gemeinschafts- Erleben, reifstes Wissen um sie sind ihre Voraussetzung. Darum wird nur'der über die Gemcinschafts phrase zum Kern gelangen, der an sich arbeitet, für die Gemeinschaft wirkt, der glaubt und kämpft. Darum verlangen wir liberalen Juden von denen, dic.es ernst nehmen, unaufhörliches Lernen und. praktische Mitarbeit an allen Gemeinschaftsaufgaben. Der Messiasgeist ist kein Geist trägen Dahindämmerns, für den „Religion" eine Entschuldigung ist für Abseitsstehen von der Gemeinschaft, „weil man Gott auch im stillen Kämmerlein erkennen könne“, er fordert nicht nur Erkenntnis, •.(indem Bekenntnis, nicht nur' Intellekt, sondern heiliges Teuer, denn er ist der ,',Ruach ez.oh ug’wuroh“, der Geist des Rates und der Kraft, der Kraft, die aus dem Herzen kommt und aus gläubigem Willen. ■ ' _Wir deutschen liberalen Juden sind heut des Glücks. gewürdigt, wieder auf ein positives Ziel hiuweiscn zu können, das auch Kurzsichtige'zu .erkennen vermögen. Die Gemvinschaft-der Juden auf deutscher Erde gilt es zu erhalten, ihren Menschen Leben und Brot zu geben — hierbei arbeiten wir mit all unsern jüdischen Brüdern gemeinsam —, es gilt, dem deutschen Juden 'Gemeinschaftssinn zu geben, ihnen die grolle' Hoffnung zu 'erhalten,'den Glauben, dall ihr Gemeinschaftsleben einen ewigen Sinn hat, dem Messias entgegen, — das ist die Aufgabe jedes religiösen Judentums —, endlich und vor allem aber gilt es, dieses erkannte Ziel im täglichen Leben lebendig zu machen, Gemeinschaftsarbeit und Gemeinschaftsformen zu erhalten und neu zu schaffen, welche Glauben'und Erkennen versöhnen, welche dem Menschen der Vernunft es ermöglichen, sich in die Gemeinschaft der Religion cinzugliedern und ihr zu dienen, und die es dem Gefühlsmenschen leicht machen, auch in der Allfagsarbeit einen Abglanz des großen Ziels zu erblicken, dem sein Herz gehört. Diese lebendige religiöse Gemeinschaftsarbeit zu schaffen im Sinn des „Ruäcli chochmoh urino“, des Ruach ezoh ug’wuroh, des ruach daass wejjr’ass adaunoj, des-Geistes der Klugheit und der Vernunft, des Geistes des Rates und der Kraft, des Geistes der Erkenntnis Gottes und der Ehrfurcht vor ihm, — diese Arbeit ist das geschichtliche Recht und die heilige Pflicht des liberalen Judentums. Eine vertagte Entscheidung Arier oder Jude? Rudolstadt. Ein hjesiger Beamter batte, wie die Allgemeine Thüringische Landeszeitung „Deutschland“ in Weimar meldet in seinem Amtszimmer einem Kollegen gegenüber das umlaufende Gerücht weitererzählt, daß der Direktor des Landeskrankenhauses in Rudolstadt doch Jude sei. Die Frage selbst hatte schon einmal die Öffentlichkeit im Frühjahr 1933 beschäftigt, war aber damals durch eine Erklärung der Kreisleitung, die sich auf eine Auskunft des Rassebüros der NSDAP, stützte, dahingehend geklärt worden, daß die a r i - sehe Abstammung des Dr. B. nachgewiesen sei. ' Da sich-der Beamte wegen Beleidigung vor dem Amtsgericht verantworten sollte und außerdem ein Disziplinarverfahren seiner Vorgesetzten Behörde gegen ihn schwebt, im übrigen die Öffentlichkeit und Dr. B. selbst ein Intt Deutsche Juden in Frankreich: Heimweh! i haben, diese •ieder auftauchenden Gerii __„_, sollen die Urkunden über arische Abstammung entsprechend den Bestimmungen Rassegesetzgebung bis zum Urgroßvater beigezogen wen ■»Bis dahin wird die Entscheidung des Gerichts vertagt. Grabsteine umgestürzt der Täter noch nicht habhaft werden. Professor Hermann Schlesinger gestorben •Wien. Nach schwerer Krankheit ist hier im Alter von 68 Jahren der weit über die Grenzen Österreichs hinaus bekannte Internist Hofrat Professor Dr. Hermann Schlegestorben. Die Wiener medizinische Sch ' II i i Ein sechzigjähriger Theatermann \m 5. April vollendete der' in Berlin leben; Juli!1; i erworben hat, das 6(1. Jahr. In Österreich ge- Iraren, studierte er an. der Universität Wien Philosophie und Geschichte und wählte' dann aus Neigung den journalistischen Beruf. Am Krieg nahm er als Berichterstatter aktiv teil, um heim Friedenssdiluß nach Berlin zu übersiedclu. Hier war er Chefredakteur des „Filmkurier“; im Anschluß daran führte seine Liebe zum Theater ilmaii die Rein h a r d t - IS ü h tt e n , denen er, ebenso wie nachher den Barne wsky-Biihneu, als Verwaltungsdirektor aiigehörte. Die Fähigkeiten, die er dort bewiesen hatte, bestimmten den Deutschen Biiliiten-VcreiH, ihn als Generalsekretär des Verbands Berliner Theaterleiter und der Gruppe der freien Theater im Bühnen-Verein zu berufenj in welcher Eigenschaft er sich durch große Sach- und Fachkenntnis und außerordentliche Gewissenhaftigkeit m den mannigfaltigen Aufgaben bewährte. Im April 1933 aus seiner Stellung entlassen, lebt er als freier Schriftsteller. Julius Hirsch ist mit der bekannten Mode- Schriftstellerin Johanna Thal verlit' Söhnen aus erster Ehe .ist der Schauspielhaus engagiert gewesene - Charakterdarsteller in Zürich, der; ' an der Antwerpen» Oper. Im Kulturbund Deutscher Juden findet Montag, 9. April, '30.15 Uhr, die Erstaufführung von „Hoffmanns Erz.äh- -I ungeil“,' Phantastische Oper von Jacques Offenbach, statt. •Regie: Kurt Singer, musikalische Leitung: Joseph Rosenstock, Bühnenbilder und Kostüme: Heinz Condeil. In den Aufführungen wirken mit: die Damen Hanna Brand, Lilli Heinemann, Fritzi Jokl, Anna Lipin, Vera Molena, Susanne Stein, Erika Storm, Emma Zador; die Herren: Paul Feiler, Erich Fuchs, Alfred ülass, Fritz Leclmer, Julius Kuthan, Walter ' Olitzki, Gerhard Pechner, Walter Spiro. Paris, im April 1934. Es ist nun ein Jahr her, daß eine große Auswanderung der deutschen Juden begann — ob sie richtig war oder nicht, das soll hier nicht zur Diskussion stehen. Die Tatsache bleibt davon unberührt. Die Auswanderung ging verschiedene Wege: die am meisten genannten Länder waren Frankreich, Holland/ Palästina. Abgesehen von Palästina, für das alle anderen Länder als Durchgangsstation dienten, stand Frankreich im Mittelpunkt des Interesses. Paris zeigte sich dessen hat es sich ja seit Jahrhunderten gerühmt — alsder Magnet, als das brennende Licht, das anzog und blendete. Wie viele, die von Paris und in Paris das große Wunder ihres Lebens erwarteten/ wurden enttäuscht und erwachten ernüchtert von ihren phantastischen Räuschen, in denen sie von und in Paris Ruhm, Reichtum, überschäumenden Lebensgenuß erwarteten. Die ganze französische Provinz sandte ihre sich begabt dünkenden oder von der Verwandtschaft für begabt gehaltenen Söhne nach Paris, um dort Karriere zu machen. Die jungen Mädchen gingen nach Paris und dachten an Pelze/Schmuck und eigenen Wagen. Die Träume zerstoben, wie. die Sektperlen, die in diesen Träumen ja auch eine Rolle spielten — es blieb nichts von der. buntschillernden Seifenblase. Die Juden, die vor einem Jahre und nachher nach Paris gingen, hatten keine solchen Träume. Sie erwarteten kein Wunder, und ihr Gemüt war nicht darauf gestimmt, großen Phantasien nachzuhängen. Sie gingen hin, weil sie glaubten, in ihrer Heimat nicht mehr leben zu können: nicht wirtschaftlich — weil sie fürchteten, ihr Brot, nicht mehr verdienen zu können —, nicht geistig, nicht seelisch, weil man ihren primitivsten Menschenstolz auFdas schwerste verwundet hätte. Aber man hatte an eines dabei nicht gedacht. Eine liebenswürdige und gastfreie Aufnahme ist noch lange nicht ein Angebot und gibt kein Anrecht auf Dauerbesuch. Einige Tage, einige Wochen — ja, bitte: „Langen Sie zu. Tun Sie, als ob Sie zu Hause wären.“ Aber Monate, ein Jahr, für immer? Viele Juden merkten es bald, manche erst später, einige — 'übrigens sehr wenige — merkten es nicht. Diese sehr Wenigen zählen nicht. Sie zählen nicht als Juden, sie sind eben winzige Bestandteile des internationalen Reisepublikums geworden, das überall zu finden ist, wo es etwas zu sehen und zu erleben gibt. Wie winzig dieser Bestandteil ist, das konnte icli in Monte Carlo feststellen. Unter den reichen Leuten, die in den großen Hotels wohnen und gar unter denen, deren stolze Yachten im Hafen von Monaco schaukeln, kein einziger Jude. Zumindest kein deutscher Jude. In Nizza einige Leute, die sehr bescheiden von dem leben, was sie durch Verkauf ihrer ■ Habe und vielleicht als schmale Rente zu verzehren haben — dafür viele Arme, für die sich die jüdische Gemeinde bemüht, hilft, so gut sie kann und sieht, daß man sie wieder los wird. Paris war mit den reichen Mitteln, die gespendet wurden, am gastlichsten. Man gab Essen, Wohnung, Kleidung, etwas Geld. Aber das, was man suchte und brauchte: Beschäftigung, Arbeit, Verdienst — das gab man nicht. Das konnte ■ man nicht geben, denn dagegen steht das Gesetz: Ausländer dürfen — von ganz bestimmten Ausnahmen abgesehen — keine bezahlte Stellung annehmen. Frankreich hat auch seine Arbeitslosensorgen, was an Arbeit verlangt wird, soll durcit einheimische Kräfte geleistet werden. Damit war der erste Traum ausgeträumt. Einigen, besonders qualifizierten Arbeitern, gelang es, die ersehnte carte de travail zu erhalten, den meisten wurde sie verweigert oder nur kurzfristig erteilt und nach Ablauf nicht mehr erneuert. Das richtetesich nicht gegen die Juden als solche — das darf betont werden —, sondern war eine für alle Ausländer gültige Maßnahme. Was blieb? Schwarzarbeit ist nicht jedermanns Sache und auf die Dauer auch nicht möglich. * Was machen der Kaufmann, der Arzt, der Rechts- . anwalt, der Ingenieur, der Intellektuelle überhaupt? Er sucht Beschäftigung. Hat er etwas Kapital, so sucht er selbständig etwas aufzumachen — irgend ein Geschäft, ein Büro, eine Schule. Ist er der Landessprache vollkommen mächtig, kennt er ein wenig Land und Leute und hat er soviel, um abwarten zu können, daun gelingt es manchem, festen Fuß zu fassen. Sonst £aum. In vielen Amerikageschichten spielt der Greenhorn eine traurige und lächerliche Figur. Er fällt bei der Landung bald „treuherzigen“ Landsleuten in die Hände, die ihm durch Versprechungen und faule Geschäfte das Letzte nehmen, was er sich aus der Heimat noch mitgebracht hat. Auch unter den Juden, die nach Paris kamen, fand sich und findet sich noch immer manches Greenhorn, und es fehlt nicht an Ausbeutern — auch unter den Franzosen selbst —, die den unkundigen Eingewanderten, der noch etwas Geld hat, als will- kommene Beute betrachten. Das Ende ist Verzweiflung. Der Betrogene kann auch nicht so leicht zu Ge-, rieht gehen — Prozesse führen, auch strafrechtliche, ist in Frankreich teuer und umständlich. „Warum bin ich nicht doch lieber daheim ge- . blieben?“ , Man hört jetzt oft diese Klager . Sie wird verstärkt durch das Heimweh. Wenn man erst „draußen“ ist, dann wird man sich besonders bewußt, wie sehr man mit Deutschland verwachsen ist, wie sehr man deütsch empfindet — trotz und trotz alledem — Also Rückkehr. Merkwürdig. Es tritt zu gleicher Zeit mit der Sehnsucht nach der deutschen Heimat auch eine Sehnsucht nach dem jüdischen Glauben auf- Leute, die daheim selten, höchstens zu den großen . Feiertagen, in die Synagoge gingen, suchen und finden jetzt den Weg ins Gotteshaus. Sie lauschen der Predigt — auch wenn sie die Sprache nur unvollkommen verstehen — aber sie hören dieselben Gebete, "die sie auch zuhause gehört haben, das Gebetbuch, das ihnen der Tempeldiener in die Hand drückt, ist vielleicht in Deutschland gedrückt, trotz der französischen Übersetzung. Nicht selten bekommt man auch eines mit deutschem Text. Hier im Gotteshaus findet der landfremde Jude auch eine Heimat — seine religiöse Heimat. Er befindet sich im Gottesreich, -er ist in Gottesland, in dem alle Juden Landsleute sind. Die jüdische Einwanderung hat die Zahl derrituellen Restaurants, der jüdischen Hotels, der Schlächterläden und Bäckereien sowie natürlich auch der jüdischen Buchhandlungen vermehrt — hierfanden manche auf der heuen Erde eine neue Existenz. Wenn man aber deshalb daraus schließen wollte, die Orthodoxie habe in Paris zugenommen, so wäre das ein Irrtum; dem manche unterliegen. Die meisten deutschen Juden gehen nicht in die koscheren Restaurants, weil sie koscher essen wollen, sondern Weil sie 'dort ' Leidensgenossen treffen, mit denen sie Erfahrungen und Ratschläge — leider meist recht wertlose — austauschen können. Und man geht in den jüdischen Laden, weil man dort deutsch reden,-weil man seine Muttersprache hören kann und hören will. Die deutschen Emigranten sind zum allergrößten Teil — und das muß immer wieder festgestellt werden — unglückliche, vertriebene oder doch sich vertrieben fühlende Menschen, Verzweifelte, die den fleißigen Ameisen gleichen, denen ’ man ihren mühselig aufgerichteten Bau zerstört hat, und die nun hin- und herrennen und nach irgend einet: Möglichkeit suchen, irgendwie und irgendwo festen Fuß zu fassen und aufs neue zu arbeiten. Sie sind keine Politiker, sie verbreiten keine Gerüchte, sie sind arme Ameisen, die keinen Bau mehr haben — so ist die große Masse’ der Emigranten. Dann gibt es einige Dutzend „Intellektuelle“, die politisieren. Ferner einige Dutzend jener üblen Gestalten, die man als den „Kurfürstendammtyp“ gekennzeichnet hat. Diese — wirklich sehr wenigen und wenig — Juden, die gehen in keine Synagogen und in keine jüdischen Lokale. Sie haben keinen Pfennig übrig für jüdische Not und haben kein jüdisches Herzfür jüdisches Elend. Sie sitzen in den. teueren Cafes und Restaurants und machen sich durch ihr Benehmen und ihr oft komisches Französisch lächerlich. Da sie jedoch auffallen und — abermals leider — als Juden erkannt und gekannt werden, so-sind es wieder die Sünden einiger ganz Weniger, für die alle andren — die weitaus überwiegende Mehrheit — zu dulden und zu leiden hat. ■ Die Juden in Frankreich tragen ein doppeltes Leid: sie leiden als Juden, weil sie arm sind und Arbeit suchen müssen. Sie leiden aber auch als Deutsche, und sie leiden viel weniger um ihres Judeseins willen als um ihres Deutschtums willen, das sie nicht verleugnen können und — sei es wie es sei — auch nie verleugnen wollen. Und das ist eine Tragik voll grausamster Bitterkeit! Eine sportärztliche Beratungsstelle Fridberg steht.. Neben dem Leiter werden ferner die Sportärzte Dr. Martin Adam und Dr. Kurt Erber tätig sein. An jedem Dienstag und Donnerstag von 6—8 Uhr, erstmalig am 17. April, finden im Jugendheim Oranienburger Straße 31, Zimmer ,(>/, öffentliche und unentgeltliche Sprechstunden für die Mitglieder der jüdischen Sportvereine, Schüler und diejenigen Gemeindemitglieder statt, die sich dem Sport widmen G. B. S. und sein Übersetzer es das deutsche Theaterpublikum, daß in Hamburg (Thalia- Theater), in Königsberg (Neues Schauspiel) und jetzt auch in Berlin (Volksbühne) das neueste Stück des irischen Geistesanarchisten „Festgefahren“ in dieser Übersetzung über die Bretter geht. Nicht genug damit, hat man in Hamburg sogar SA.-Männer als Statisten auf die Bühne gebracht, womit dann die Komödie ihren Höhepunkt erreicht! Die Wege mancher Theaterleiter sind reichlich sonderbar. Was heute nicht alles noch /gemacht* wird!“

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.