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Jüdisch-liberale Zeitung · 1934-04-06 · 27-28 (6.4.1934) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
14 (1934)
Issue
27-28 (6.4.1934)
Date
1934-04-06
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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i üanmner-üemua? i | zu Berlin. | Berlin^ 6. April 1934 Doppelnummer Einzelnummer 20 Pt. Nr. 27/28 M1onQl"* ».35 RM. zuzüglich Bestellgeld. Einzelnummer 0,20 RM. Abonna. min** *An «io°ia,l£:n.EostOmtern angenommen. — Anzeigen nach Tarif. — Bel Nlchter» b*ÄkÄ® Str2lks °£er höherer Gewalt *T‘." Anapruch auf Nachlieferung oder RQdceretattung der entsprechenden Bezug». . gebühren. Die „Jüdisch-liberale Zeitung“ erscheint zweimal wöchentlidi* Dienstag und Freitag —j~ scheint I Freitag I 14. Jahrgang ,o^.^B<*',.borale^*ltun°'' •««»'•Int Dienen P^?lta2?- ~ Redaktion und Geschäft» BeXn * Charlottenburg 4. Momm.en-?^or["ru,= J 8 Bleibtreu Sammel-Nr. B a "!< Verbindung: Kreditverein für S?"8el und Gewerbe ji.G.m.b.H, Berlin N 94. Postechedckonto: Jüdisch-liberale Zeltuna. Berlin 927Ü4. Die Botschaft des Messias Deutsche Juden in Frankreich Heinrich Stern: liberales Judentum auf deutscher Erde Die stets aufs neue ans Herz greifende, mit dem liebsten Kindheitsgedenken verknüpfte Feier des Sederabends,. doppelt begrüßt nach der langen festlosen Winterzeit, verleitet viele von uns dazu, das Pessachfest lediglich als ein Erinnerungsfest anzusehen und das Schwergewicht der großen Frühlingswoche zu legen auf das allerdings für Israel nie hoch genug zu. wertende Ereignis des Auszugs aus Ägypten, auf die Befreiung des geknechteten Volkes. Aber schon die Haftarah des ersten Tages, bewußt verknüpft mit der biblischen Pessach-Erzählung, mahnt mit den unsterblichen Prophetenworten . . „Gedenkt nicht des Einst Und richtet den Sinn nicht auf die Vergangenheit! .Siehe, Neues schaffe ich, Schon sprießt es auf, merkt ihre nicht?“ .den Blick zu lenken nicht auf das „Frei wovon“, sondern auf das „Frei wozu!“ Und diesen großartigen Blick auf das „Pessach der Zukunft“ vervollständigen die beiden Schlußtage, deren erster unter dem Zeichen der Erlösung von leiblicher Not steht, widerhallend die-gewaltige „Schirah“ des Volkes am Schilfmeer, während uns der letzte Tag entläßt mit der unvergänglichen Prophezeiung vom M c s s i a s, dem Davidssproß, auf dem der Hauch des Ewigen ruht, und dessen Reich der Befreiung Israels, ja seiner ganzen Geschichte erst Sinn und Wert verleiht. Durch diesen Ausklang ist, wie jede Generation bewußt lebender Juden, auch uns allen das große Pessachfest erst zu einem inneren Besitz, geworden, nicht nur zu einem sinnigen Gedenkfest, sondern zu Tagen mahnenden, aufpeitschenden, aber auch wundervoll aufrichtenden Vorwärtsschauens! In diesem Sinn ist es auch uns religiös-liberalen Juden herrlichstes.Sinnbild unseres jüdischer. Lebens und Weltbildes!; In dem schweren Jahr, das hinter uns liegt, wurde (Ins deutschen Juden nicht nur unser äußeres Geschick, sondern vielmehr noch unser inneres Erleben zu einer ernstesten Prüfung. Es könnte und kann nur ein erster Schritt sein, daß Tausende von uns sich wieder „des Einst erinnerten und auf das Vergangene den Blick richteten“, indem sie — oft zwangsweis — begreifen lernten, woher sie. kommen, des Felsens gedachten, aus dem sie gehauen sind. Das darf, nur als Vorbereitung gelten: V . Ohnehin ist viel zu viel unfruchtbarer Streit unter uns Juden darum entbrannt über das „Woher“ unseres Seins. Gerade bei uns deutschen Juden ist die Frage „was waren wir“ oft wichtiger gewesen als die „was «’olien wir“. Und doch entscheidet nur'sie über den Sinn unseres Lebens! Staatlich besoldete letokiaHe Mir dl* Jüdisch» Volksmctiul» In MPndien München. Im Amtlichen Anzeiger der Bayerischen lsr; ■jemeindezeitung gibt der Vorstan-* J— '- , ,MI Mlltichctl Pirn> Vprfrnnnirr . Oberbayer Zweierlei bestimmt grundlegend die jüdisch-liberale Weltanschauung. Das'eine — anerkannt auch in weiten Kreisen solcher, die „parteimäßig“ in anderem Lager stehen —, ist die Erkenntnis des Gesetzes der Entwicklung, im religiösen L e b e n des Einzelnen und der Gemeinschaft. Diese Entwicklung, teils Evolution, oft Revolution, führte zum Abwerfen kultureller, rechtlicher, wirtschaftlicher, sogar sittlicher Nonnen und Formen der Vergangenheit. Sie angebahnt zu haben, ist die geschichtliche Großtat der deut- I deutschen Reform des 19. Jahrhunderts. Wir wissen freilich zweierlei: einmaj, daß die Entwicklung an wichtigsten Stellen unseres jüdischen Lebens noch der Weiterführung harrt, sowohl auf gottesdienstlichem Gebiet, wo neben weiten, fast zu weiten Fortschritten ein unbegreifliches Haften an der Tradition steht — man denke an die Torahvorlesung in der heutigen Gestalt — wie auch in großen rechtlichen und rituellen Fragen; die noch so grimme Not der Zeit hat das gräßliche Unrecht des jüdischen' Eherechfes, hat die. starre Aufrechterhaltung des Speisegesetzes, heut in Deutschland fast. gesiir.dheitgefährend wirkend, nicht verändert. München unter; Einbeziehung der bestehenden Volk_ Israelitischen Religionsgesellschaft Ohel Jakob genehmigt wird. Gleichzeitig wird verfügt, daß der neuen Schule außer den an der Volksschule der Israelitischen Religionsgemeinschaft £)hel Jakob errichteten drei Lehrstellen, zwei weitere Lehrstellen, somit insgesamt fünf staatlich besoldete Lehrkräfte, zugeteilt werden. Die Zuweisung weiterer staatlich besoldeter Lehrkräfte, heißt es in der Verfügung, ist mit Rücksicht auf die Klassendurchschnittszahl der geplanten Schule zur Zeit nicht möglich, jedoch bleibt es der Israeliti- Kultüsgemeinde München anheimgegeben, die Anstellung wei- - terer Lehrkräfte aus eigenen Mitteln zu betätigen. Religiöse Vorträge im Pariser Rundftirik Paris. Der Postminister ordnete die Wiederaufnahme der religiösen Vorträge im Rundfunk an, die regelmäßig jede Woche erfolgen sollen. Das Datum für die katholische Rundfunkkundgebung wurde auf den 8. April mittags, für die Protestanten auf den 12. April mittags und für die Juden auf den 13. April mittags festgesetzt. Univereitätsprofessoren und Privatgelehrte werden Vorträge philosophischen und sozialen Charaktere allwöchentlich halten; den ersten Vortrag hält Prof. Henri Bergson. Die türkischen luden wollen türkisch sprechen Smyrna- In den Kreisen türkischer Juden wird seit einiger Zeit lebhaft Propaganda für die Übernahme der türkischen Sprache gemacht, die die alte spaniolische Sprache ersetzen soll, die sich seit dem Exodus aus Spanien unter Königin Isabellabei den levantinischcn Juden his auf den heutigen Tag erhielt. Während in den größeren Städten Istanbul und Smyrna diese Bestrebungen von Erfolg waren, ist es in kleineren Orten, wie z. B. in Milas, zu ernsten Zusammenstößen zwischen den Gläubigen und Rabbinern gekommen, die in den Synagogen die türkische Sprache anzuwendeu versuchten. Wichtiger aber als dieses Steckenbleiben der Entwicklung ist für den jüdischen Liberalismus geworden, daß dieses „Gesetz der Entwicklung“ für viele Auch-Liherale zu einer bloßen Formel erstarrt ist, einfach darum, weil es hei ihnen geistig, seelisch und tatsächlich nichts mehr zu „entwickeln“ gab. Ein „Gesetz der Fortentwicklung der Religion“ setzt voraus, daß überhaupt Religion da ist— und die fehlte und fehlt heut noch vielfach. Unsern Großvätern aus der Zeit der Reform war Religion, war jüdische Gemeinschaft etwas mitten in dieser lebendigen Gemeinschaft. Ncu-bilden, reformieren wollten sie;'diese Reform hatte tiefen Sinn. Den Vicltausendcn von uns aber, die dem liberalen Judentum auch heut noch nur mit „dein}Gesetz der Entwicklung“ beikommeii wollen, ist einfach zu sagen, daß sie beim zweiten Schritt anfangen. Erst muß mail Grundlage und Ziel einer Bewegung erkannt haben, dann soll man von dem Weg sprechen, der Grundlage jeder lebendigen jüdischen Bewegung ist die jüdische Gemeinscha ft. Sie ist wirklich und wirksam neben den einzelnen Individuen, aus denen sie besteht. Daß sie lebendig ist, haben wir deutschen Juden tiefdankbar in diesem Prüfungsjahr empfunden. Sie stärken wir, wenn wir ihre Menschen erhalten und ihre Organisationsform in ihrer klassischen Form, der deutschen jüdischen Gemeinde fördern, die als Kehillah uralt und unwandelbar ist, durch die liberalen Juden des 19. Jahrhunderts, aber ohne den Kern anzutasten, wahrhaft reformiert wurde (was heut oft für nichts geachtet lit dieser Nummer; Alice Stetn-Landesmaim: Black and Schwan Meinhart Maar : Erlebnia In der Ruchi-Synagoge Arthur Silbergleit: Der Tempellenchter Rabbiner Dr. Dienemann: Legende von der Seele d Helene London: Wer ein Dach and ein Herz besitzt. Drei Reporter berichten Seder wie noch nie - Das Wort der Jagend Ferner Beiträge von Herbert Connor, George Ooetz, Dr. T. Simon, Engen Tannenbaum o. a. wickelt hat, hat einen geschichtlichen Simi, ein welthistorisches Ziel! ■ , \ - Beweisen kann man dies Ziel nicht, wie eine mathematische Aufgabe, auch nicht berechnen wie die Flugbahn eiiws Oeschosses — öder Oestirn«. Man muß ein Ziel glauben Eingebettet in den erhabenen Stromlauf unserer Geschichte, erkennen wir aus ihr, daß nicht kriegerische Taten — trotz David, Juda Makkabi, Bar Kochbä —, nicht Volksmasse — 15 Millionen! —, selbst nicht wirtschaftliche, wissenschaftliche und technische Großtaten — sie bleiben das Werk einzelner bei uns und anderen — unsere Gemeinschaft kennzeichnen; wir sind die Gemeinschaft der großen Gläubigen —" oder wir sind nichts. Und woran haben sie. geglaubt, sie, Spaniens Freiheit doch .ihrem Judentum lebten und ihm sich weihten und sie. die in Blut und Glut des deutschen Mittelalters lieber Quäl mul Tod wählten als den Abfall? Sie' wußten, daß ihr Leben mul Leiden, ihr Streben und Sterben hatte, das Reit zitbc z gewiß Juden, die von 1111(1—KiOtr in stets“erneuten Stößen um ihr Sein rangen, geglaubt, eine politische, eine nationale Tat zu tun, wenn sie mit dein „Sch’nia“ auf den Lippen, den Scheiterhaufen bestiegen!. Sie lebten, erzogen ihre Kinder, strebten, schafften, litten lind starben, weil sie sich als lebendige Gemeinschaft Gottes fühlten, verantwortlich, sie zu . erhalten „für den Messias“! Dieses Gefühl, dieser Glauben machte sie stark mul ihre Gemeinschaft iimiberwindlich. Eine gleich gew ichtige.Verantwortung vor der Geschichte gegenüber unserer Gemeinschaft tragen auch wir. Unsere ' Aufgabe ist es-, i n Deutschland Judentum und jüdische Gemeinschaft zu erhalten. Bloßes Pflichtgefühl, bloßer Verwaltungs-Anstand reicht dazu nicht aus in einer Zeit ungeheuren Zusammenbruchs. Wir müssen die Begeisterung für unsere deutschjüdische Aufgabe aus.dem- Glauben schöpfen, hier, an der Stelle fiinfzehnhundcrtjährigcn jüdischen 1 Lebens, das -Altarfeuer des Judentums zu erhalten, sei ein Körnchen .'Hilfsarbeit am Aufbau des großen „heiligen Berges“, von dem die Messiasprophezeiung spricht. Dieser Glaube gibt unscrni Entbehren den großen Sinn, der auch das Leid lehenswert liiaöht. Wir wollen gewiß die nicht schmähen, die glauben, die Gemeinschaft zu erhalten, wenn sie sie . machen zum „Volk wie andere Völker“, sei es ganz ohne Religion, sei es mit „Religion als' Privatsache“, sei es mit „Religion als wichtigem Gemeinschaftsfaktor“. Diese Veräußerlichung dieses Gemcinsehaftsziels, diese ich möchte sagen Materialisierung des Glaubens kann nicht unser Weg sein. . Wir glauben, daß die Vorbereitung für den Messias unabhängig ist von Zeit und Land, da jedes Land, in dem Menschen diesem Ziel entgegenstreben, „heiliges Land“ ist — und nur ein solches! ,Wir glauben; daß die Vorbereitung für den Messias einziger und unzerstörbarer Sinn Unserer Gemeinschaft

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