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Jüdisch-liberale Zeitung · 1934-03-16 · 22 (16.3.1934) · page 3

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
14 (1934)
Issue
22 (16.3.1934)
Date
1934-03-16
Page
– (sequence 3)
Language
German
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4. Jahrgang Nummer 22 3fi0iyrtHtöetttle äeifutig Beilage 16. März 1934 Was lesen unsere Kinder? Bne Frage und eine ganze Reihe Antworten - ■■ ■ \ Ein Gebiet, das die größte Aufmerksamkeit der jüdischen Ehern und Erzieher verlangt, ist das der Jugendlektüre. l'm die Interessengebiete der jüdischen Kinder zu ergründen, und die Auffassung der Lehrerschaft, von Verleger und Buchhändler und auch die Meinung eines Autors kennen zu lernen, ha! die „Jüdisch-liberale Zeitung“ eine Umfrage über das Thema „IV'as lesen unsere Kinder?“ veranstaltet, 'de/ren Ergebnis ivir hier folgen lassen. Die Kinder: ’ teniler Form, von talmudischcn SaKcn unu Li-gi-mlcn mul ein paar Familiengeschichten ahsieht, erschreckend gering. Sic hat aiich durch das seit einem Jahr wesentlich stärker gewordene Interesse der Kinder an jüdischen. Stoffen seltsamerweise keinen Antrieb erfahren. Es fehlt an Schriftstellern, die sich sagen: wir müssen auch mal für die Jugend etwas schreiben. Wobei allerdings betont werden muß, dal! es nicht leicht ist, jüdische Jugendbücher zu verfassen,.die stilistisch einwandfrei sind, die Jugend erzieherisch beeinflussen und dabei kindertiimlich sind. Dali die Jugendbücher, wenn sie gekauft werden sollen, mich billig sein müssen, ist eine Selbstverständlichkeit. Die Schwierigkeit für die Autoren wird dadurch noch erhöht, daß bestimmte, begrenzte Lebensalter zu berücksichtigen sind, und daß der Erfolg eines Buches bei der au sich beschränkten Absatzmöglichkeit auch abhängig ist vom Milien, in dem die Kinder heranwachsen, und nicht zidetzt von der sozialen und weltanschaulichen Einstellung der Eltern. Das Bedürfnis nach unterhaltender Jugendlektiire, die sich bemüht, die Jugend für die.' Ideale des Judentums zu erziehen, ist jedenfalls außerordentlich groß. Leider ist in diesem Fall die Nachfrage' größer als das Angebot“-. ' . Turnstunde auf dem. Schulhof einer jüdischen Anstalt. Hitziger Kampf zweier Fußballmannschaften von Vierzehn-, jährigen, ln zwei Wochen verlassen sie die Schule, um ins Erwerbsleben einzutreten. Alle wollen Handwerker werden, Tischler, Optiker, Buchdrucker, Klempner. Nicht ein einziger wäll in die kaufmännische Lehre. So vielseitig ihre Lebensintcressen auch sein mögen — lesen ist aller Leidenschaft. Aber was? Einer : „Wir haben jetzt in der Klasse hintereinander den „Wilhelm Teil“ und Storms „Schimmelreiter" gelesen. Ich habe mir daraufhin auch noch andere Werke von Schiller und ein Novellenbändchen von Storms aus der Schülerbibliothek geholt. Zu meiner Barmizwah habe ich eine Geschichte der jüdischen Kunst geschenkt bekommen. Darin lese ich sehr gern; auch den „Jüdischen Krieg“ von Flavins . Josephus und den Roman „Der Pojaz“ von Emil Franzos kenne ich. Und dann Novellen von Schalom Asch, die in Amerika spielen, den Titel habe ich vergessen“. Ein anderer : „Ich lese sehr gern im Konversationslexikon. Wenn ich etwas in der Zeitung lese, die mein Vater mit nach Hause bringt — er ist Chauffeur, und die Leute lassen oft ihre Zeitungen in der Taxe liegen — oder in einem Buch, und wenn ich da ein Wort nicht .verstehe, dann schlage ich nach. Einen Lieblingsschriftsteller habe ich nicht. Ich frage nicht nach dem Schriftsteller, sondern nur nach dem Inhalt, und da interessiert mich alles, was von Männern handelt, die sich hochgearbeitet haben,, wie das Buch vom „Arbeiter zum Astronomen". Viele Freude hat mir die Schullektüre von Moses Mendelssohn und „Nathan der Weise“ gemacht.“ Ein dritte r: „Ich lese nicht so viel wie den Bücherwurm. So nennen wir einen Jungen aus unserer Klasse,' der manchmal drei Bücher an einem Tag verschlingt. Der ist jetzt krank. Na, da wird er ja noch viel mehr schmökern! Aber ich hab’ -auch schon eine ganze Menge intus: jüdische Geschichte und Abenteurerbücher, vor allem Karl May und dann auch deutsche Sagen. ■ Zuletzt habe ich den Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe gelesen. Besonders gern habe ich die Familiengeschichte, „Die Ehrenreichs“, ich glaube, das ist von Philippi. Aber es gibt leider nur wenige interessante jüdische . Jugendbücher.“ Ein Zeh ni.äh rige r : „Ick lese alles, wat mir unter die Finga kommt. Heut morjen ha’ck mir aus die Schülerbihliothek Sagen und Legenden jeholt. Am knorksten is. der„Schohn Kling“. Wat, kenn'se nich? Det kennt doch jeder richtige Junge. Det spannendste Buch...“ Die Begeisterung über diesen Schmöker wird durch die Dazwischenkunft des Klassenlehrers jäh unterbrochen. Der jugenderzieher: „Ich muß offen gestehen, daß eine Jugendliteratur, wie wir sie w.ünschen und brauchen, trotz aller Versuche und manchen guten Willens fast nicht existiert. Die meisten vorhandenen Bücher lassen an Inhalt oder Form, oft an Beidem, viel zu wünschen übrig oder sind einseitig eingestellte Palästina-Literatur. Die Produktion, ist, wenn man von der immer wiederkehrenden Behandlung bedeutender jüdischer Persönlichkeiten in unterhal- Der Autor (am Telefon): „Warum ich kein jüdisches JugcuiUnich schreibe? Das müssen Sie die Verleger fragen. Wenn die mir ein bißchen Wagemut hätten — Man ersieht aus dieser Umfrage, auch wenn sie das Problem mir aphoristisch'erfassen kamt: Die Sehnsucht‘nach dem jüdischen Jugendbuch ist nach dem Urteil aller Befragten vorhanden. Sollte es wirklich nicht möglich sein, den ewigen Karl May und den „knorken Schoiut Kling" durch eine pädagogisch heilsamere Lektüre /u ersetzen?! Wo.stecken die Autoren? Wo bleiben.die Verleger? tiiht es nicht eine Jüdische-Bnchvereiniguug, die hier eine Mission erfüllen konnte? Es lohnte sich! Nicht nur Schulbücher sind Gegenstand des täglichen Bedarfs, auch gute jüdische Jugendbücher sind, gerade in der heutigen Zeit, eine Unentbehrlichkeit. //. ti. Der Buchhändler: „Der Mangel an billiger^ Jugendlektüre macht sich namentlich zu den jüdischen Festen, an denen gern Bücher verschenkt werden, stark bemerkbar. Außer allgemein beliebten Jugendbüchern aus dein nichtjüdischen Stoffkreis, wie die Serie vom „Dr. Dolittle", wie „Kaj aus der Kiste", „Emil und die Detektive" und die „Bibi"-Bände der Karin Michaelis, werden selten bestimmte jüdische Jugendbücher bei uns verlangt. Die Käufer nehmen in der Regel das, was ihnen vörgelegt wird, und das sind seit vielen Jahren immer wieder die gleichen Werke. Viel gekauft werden für die Kleinsten die, Kinderbücher von Abeies „Das lustige Buch fürs jüdische Kind!’ und „Tams Reise in die jüdische Märchenwelt". Für die Älteren, wegen ihres mannigfachen Inhalts, die ganz billige Serie Jüdische Jugendbücher, auch die Märchen und Sagen, die die .Jugendschriftenkommission des U. O. Bnei B’riß lange vor dem Krieg herausgegeben hat. Eine beliebte Lektüre für Kinder von neun bis vierzehn Jahren sind auch, die hübsche Agadah-Sammlung von Rabbiner Dr, Qottschalk und die jüdischen Sagen und Legenden für jung und alt, die der ehemalige Professor am Frankfurter Philanthropin, Dr. Bernhard Kuttner, herausgegeben hat. Die reifere Jugend liest noch immer gern Loewenbergs „Aus zwei Quellen", die „Jüdischen Charakterbilder" von Albert Katz, den „Jüdischen Krieg" und die „Altertümer" von Flavius Josephus, sowie den „Moses", des französischen Dichters Fleg". Der Verleger: „Ich würde gern ciii jüdisches Kinderbuch verlegen, seihst hei einem , gewissen kaufmännischen Risiko. Aber lösen Sie mir das schwierigste Problem: Wo ist der Dichter oder Schriftsteller, der aus der Seele ries modernen deutsch-jüdischen Kindes spricht und stofflich und formal das Richtige trifft, ohne sich thematisch zu wiederholen?“ Übrigens . . . Spielen Sie - Wem' ich ebenso ungefragt wie unbescheiden von mir.-j'eden darf: ich Bridge? ’ lieht. Ich habe auch keineswegs die Absicht, neue Spielregeln'auf/iistclleii. Aber ich kenile einen sehr klugen Nerven- und Scelenar/t, der verschreibt seit einem Jahr fast allen seinen Patienten, die wegen psychischer Depression zu ihm in die Sprechstunde kommen, das gleiche Rezept: Bridge! Das ist ein in jeder Beziehung unschädliches' Mittel. Und es lenkt ab von zeitbedingten Kümmernissen, Bedrängnissen und Sorgen. Es gibt noch ein minderes schmerzstillendes Mittel: die Geselligkeit. Wohlverstanden nicht solche, die gleich in eine Bridgepartie ausartet, sondern ... Erinnern Sie sich noch, jener Gesellschaften, zu deren Besuch es wichtig war — wir wollen lins nicht besser machen als wir waren! —, vorher telefonische Rundfragen zu veranstalten mit dem wichtigen Thema: Frack oder Smoking; bei denen ausgerechnet Krebse als Vorspeise herumgereicht wurden, die man nicht mochte, mul daun Hammelkeule, vor ' der man eine unüberwindliche Abneigung hat, und bei denen Gast uiiu Gastgeber befreit aufatmeten, wenn ftinfuiuldreißig Eingeladene, hei gegenseitig unterdrücktem Gähnen,- versicherten, daß es einfach ganz reizend gewesen sei. Wenn die Gesellschaft atifing, hörte die Gefiüitliehkeit auf. Die Gesellschaft hatte die Geselligkeit verdrängt. ' Und heute? Haben schon alle, die cs augeht, wieder den entfachen miJ überzeugenden Sinn einer wirklichen häusliche» Geselligkeit erfaßt?: das Beieinandersein von Menschen, mit denen - man gern ein paar Stunden verlebt, weil mau ihnen gut ist und sie schätzt und bei ihnen die gleichen Empfindungen voraussetzt?'. Kein Zusammensein, um zu klönen^f Uni zi*' stöhnen. Um sich einen .Witz zu erzählen. Um z]jm hunderttausendsten Mal dieselben Dinge ... Neulich war ich eingeladen. Bei einem Privatdozenten, derseinen Beruf verloren hat. Es gab nur dünnen Tee und soviel Gebäck, daß die Augen der Hausfrau zu fragen schienen: Wird es auch reichen? Es, reichte nicht. Und den ganzen Abend über wurden keine Tagesprobleme erörtert Die Hausfrau nähte mühselig ein paar Glacehandschuhe, die sic am nächsten Morgen abliefern mußte. Und der-Hausherr wurde zwischendurch ans Telefon gerufen, wo ihm der Vater eines Privatschülers, den Nachhilfeunterricht absagte. Keilt, Grammophon wurde gespielt und kein Bridge. Nichts von: mau sollte, mau könnte, man müßte ... — Die Leute sprachen über ein Buch,. das isic wirklich gelesen hatten, und von der neuen Expedition des Grafen H\ rgn de Prorok zu den Gbldmine» des Königs Salomo im Laude Ophir. Es gibt eine Lehenskunst, Leichtes schwer und Schweres leicht zu nehmen. Ein sinnvolles Leitmotiv für unsere neue häusliche Geselligkeit. ' ttenjamin. ßtnoie . J07J2I2jM büMf Erst wenn Sie „Medicus"-Schuhe tragen, wissen Sie, welche Wohltat diese für Ihre Füsse sind. „Medicus" macht Ihnen das Gehen zum Vergnügen, denn er beugt vor bei gesunden, wirkt lindernd bei Senk-, Knick-, Spreiz- und Ballenfussen. „Medicus"-so elegant, wieSie's von Ihrem Schuh verlangen, und trotzdem schon von Zur SAuhpBeft« €H

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