Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 14 (1934)
- Issue
- 22 (16.3.1934)
- Date
- 1934-03-16
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Fortsetzung von der-, ersten Seite RBlchsgemelndB Warüm das Durcheinander? . Der Grund für dieses Durcheinander liegt vielfach im-historischen Werden der einzelnen Verbände. Wer in den Jahren 1921 bis 1925 die traurige Geschichte der groß angefangenen Reichsorganisation und ihr schließliches Versickern, das Entstehen-des Bayrischen ufid Preußischen Landesverbandes, dem dann die kleineren Norddeutschen folgten, mit angesehen hat, w§r in neuester Zeit die Ausdehnung der Wirtschaftsarbeit z. B. des Frontbundes auf ihm ursprünglich ganz fernliegende Ge-' ' biete miterlebt hat,— so gut die Einzelarbeit auch sein mag —, der wird mit Hippokrates sagen, daß hier nicht mehr Medizin heilt und kaum noch Eisen, sondern nur noch Feuer. 'Zwischenorganisationen müssen fallen Ich denke mir die Suche folgendermaßen: Als Unterbau des jüdischen Lebens ist die deutsche jüdische Oe m ein de in ihrer bisherigen Form unentbehrlich und von keinem bestritten. Ihr obliegen alle in ihren örtlichen Bereich fallenden Einzelmifgaben religiöser, sozialer, wirtschaftlicher und kultureller Natur; also der gesamte Kreis des jüdischen Lebens mit alleiniger Ausnahme der „großen Politik“. Diese Arbeit der Einzeigemcinde wird, nur noch überdacht von einem großen Gebilde, der Reichsgemcinde. Alle selbständigen . - Zwischenorganisationen fallen. Die Reichsgemeinde , hat also die grundsätzliche Regelung, das Aufstellen, von für die Gemeinden maßgebenden Richtlinien auf den oben benannten Gebieten, wobei bei Kultus und Unterricht der Verschiedenheit der jüdischen Richtungen Rechnung zu tragen ist. Die Reichsgemciude hat also ein Wirtschaftsamt, ein Amt der sozialen Arbeit, ein Kulturamt, aus dem man evtl. den Kultus selbst noch herdasnehmen kann. Als : notwendige eigene Organisation maß sich dann die 1 Reichsgemcinde noch schaffen das Finanzli n d V er wa.lt un gs am t und endlich. das A in t f ü r allgemeine Xerlretun'gder luden nach' außen. Wünschenswert wäre wenigstens zurzeit für den Übergang noch ein Hilfsreferat für Gemeindeverfassung und -Verwaltung, um die höchst notwendige Vereinheitlichung des Gemeinderechts und der Gemeindeverwaltung in Deutschland durchzuführen. Das Wirtschaftsamt wird sich zweckmäßig unterteilen, insbesondere werden die Erhaltung der bisherigen Wirtschaftspositionen der Juden getrennt behandelt werden müssen von der grundlegenden Frage der Berufsumschichtung, man wird auch wahrscheinlich im Kulturamt die Schule besonders .behandeln, das aber sind, alles technische Dinge, über die man einig werden muß. Der oder die Vorsitzenden der ein-' zelnen Ämter, verstärkt durch den Reichsjugendführer,; bilden den Vorstand der Rcichsgemeinde. Sie sind selbständig in der laufenden Arbeit ihres Amtes, ^müssen aber in grundsätzlichen Fragen, also in allen Fragen der Aufstellung von Richtlinien, zusamtnenarbeiten. : Was die Reichsgemeinde umfassen soll Und nun die Kehrseite. Mit der ■ Schaffung der Reichsgenieinde fallen die Landesverbände; die örtliche Arbeit wird in den Gemeinden geleistet. In die Reichsgenieinde aufzugehen haben die Zentralwohlfahrtsstelle, die über die Einzelgemeinde hmaus- ■gehenden Wirtschaftsstellen, der Zentralaussclniß für Hilfe und Aufbau (aus, dem zweckmäßigerweise das Finanz- und Verwaltungsamt der Reichsgenieinde wird) und eine ganze Reihe anderer kleinerer sozialer und 'wirtschaftlicher Reielisorganisationen. Das wird namentlich in Sii d d eu t s cli 1 a n d , wo die badischen “ und württembergisclien Landesorgaiiisationen sehr alte- und liebgewordene Einrichtungen darstellen, schmerzlich berühren, aber Not kennt kein Gebot. Ebenso werden der ,C e n t r a 1 v e r e i n, der F r o n i h u n d und der F r a u e n b u n d und' eine Reihe anderer Organisationen den Teil ihrer Arbeit, welcher in das Gebiet der Reichsgenieinde fällt, abgeheii müssen. Frontbund und Frauenbund werden sich aut' ihr ei geil tl i cli es A rb ei tsgeb i et zu-riiekzi eilen, der Central verein aber wird wieder, was er zurzeit nicht mehr unbestritten ist, sein können: die deutschjüdische Organisation; der die Zionistische Vereinigung für Deutschland gegenüber stellt. Die rein religiösen Organisationen, die reinen Staudesorganisationeu der Rabbiner, Lehrer, Kantoren, die Handwerkerverbäude mögen erhalten bleiben. Ob und inwieweit die Tätigkeit des P a l ä s t i n a a m t s und des H il f-sver ein s der Reichsgemcinde eingegliedert werden soll oder nicht, mag noch besprochen werden. Ich ' persönlich glaube, daß die Siedlungs- ..uiid Wanderungstätigkeit außerhalb Deutschlands nicht ganz aus den Händen der Reichsgemeinde gegeben werden darf, doch bin ich mir noch nicht darüber klar, ob Hilfsverein und Zionistische Vereinigung, deren größter Aufgabenkreis sich ja außerhalb der Reichsgenieinde abspielen wird, nur als Mitarbeiter oder als auf diesem Gebiet der Reichsgemeinde eingeordnete -Stellen tätig werden sollen. So stelle ich mir das Gebäude vor und als Hauptgrundsatz.das Prinzip: Vertretung nach außeii: (insbesondere den Staatsbehörden gegenüber), Wirtschafts-, Sozial- und Kulturpolitik gehört der Rcichsgemeinde, Ausführung der allgemeinen Richtlinien im Einzelfall, das heißt Sozial-, Wirtschafts¬ und Kultur Verwaltung der Einzelgemeinde. , Aufgebaut muß die Reichsgemeinde auf und aus den Gemeinden werden, deren Autonomie auf den ihnen verbleibenden Verwaltungsgebieten selbstverständlich unantastbar bleibt. Den Gemeinden wird man auch die Präsentation der leitenden Männer in die Ämter der Reichsgemeinde für Wirtschafts-, Sozial- und Kulturpolitik sowie in das Amt für allgemeine Ver- Palästina — Obersee - Ausland Möbelspeicher auch durchheizte Kabinen Carl Deyke Nacltf., Berlin 0 17 -w3ä£n&» waltung übertragen müssen, während bei dem Aufbau des Amtes für die Vertretung nach außen etwa der Kreis, der die jetzige Reichsvertretung wählte, als Wahlkörper in Frage kommt. Je breiter und tiefer der Unterbau der Reichsgemeinde aus den Gemeinden herauswächst, desto stärker das Vertrauen, das sie tragen wird. Und die Personalfrage? Die schwierigste Frage ist die Frage der personellen Besetzung. Es ist wohl kein Zweifel, daß die bisherigen bewährten Mitarbeiter aus . Reichsvertretung, Zentralausschuß, G. V., Frontbund und Wirtschaftsstelle den ersten Ansprüch darauf haben, als Sachbearbeiter weiter tätig zu sein. Keiner aber hat ein verbrieftes Recht, auf seinem Posten zu bleiben. Nur der Beste ist gut genug für die Arbeit an entscheidender Stelle in entscheidender' Stunde. Ich habe den Gedanken hiermit ausgesprochen und zur Erörterung gestellt. Übe'r Einzelfragen wird sich streiten lassen, der Gedanke der Reichsgemeinde aber, der Gedanke der Vereinfachung und Vereinheitlichung der jüdischen Organisation und Verwaltung in Deutschland darf nun nicht mehr-verstummen. Ansiedlungspläne für deutsche Juden Eine Kolonie in Holland s.. Amsterdam. Wie hier bekannt wird, hat die holländische Regierung an das Flüchtlingskomitee in Amsterdam ein Stück Land am Wieriugermeer, das der Zuidersee abgewonnen wurde, verpachtet. Mau beabsichtigt, dort eine Kolonie für junge deutsch-jüdische Emigranten zu errichten. Die jungen Kolonisten sollen hier .unter sachkundiger Leitung einen praktischen Umschichtungslehrgang durchmachen. Außerdem wird die Regierung eine Anzahl Baracken zur Verfügung stellen, in denen die Siedler Unterkunft finden werden. Die Unterhandlungen für das Jüdische Komitee sind insbesondere von dem bekannten holländischen Margarine- ■ industriellen O. van den B e r g h geführt worden, dem das Komitee auch ein gut Teil der erzielten Erfolge verdankt. ... und in Sibirien!? London. Lord Marley, der vor einiger Zeit eine Welt- 'reise gemacht hat, um sich dabei nach Siedlungsmöglichkeiten für deutsch-jüdische Emigranten umzusehen, ist vor wenigen Tagen aus New York in London eingetroffen. In einem Interview hat er sich einem Londoner Vertreter der „Chicago Tribüne“ über die Ergebnisse dieser Reise u. a. folgendermaßen geäußert: „Ich habe auf meiner Reise einen Betrag von etwa einer Viertelmillion Dollars zusammengebracht. Wir sind bemüht, Ansiedlungsmöglichkeiten für deutsch-jüdische Emigranten in einem Gebiet im fernöstlichen Teile Sibiriens zu schaffen. Dort hat. die Sowjetregierung ein Territorium, halb so groll wie England, zur Verfügung gestellt, das eine autonome jüdische Republik werden soll. Die Sowjetrcgieruug hat uns augeboten, die Fahrt nach Sibirien für jüdische Auswanderer aus Deutschland zu zahlen. Wir werden alle für eine Niederlassung nötigen Dinge liefern, so daß weitgehende Vorsorge getroffen ist.“ Ein verfrühter Aprilscherz? Oder vielleicht ein Ersatz für die „zerplatzte Seifenblase“ Biro-Bidschan? Jedenfalls sind wir reichlich gespannt auf die Meldung, die uns von der Ansiedlung des ersten deutschen'Juden in — Sibirien beim'Gegensatz zu der reichlich sonderbaren Meldung über die Pläne der Gründung einer jüdischen Republik im äußersten Sibirien steht folgende Nachricht, die die hoffnungslose Lage der litauischen Juden in Biro-Bidschan erkennen läßt: Einwanderer bitten um Heimbeförderung Kaunas. Wie soeben bekannt wird, haben 1 it au i sch e Juden, die anläßlich der vor zwei bis drei Jahren erfolgten Anwerbung jüdischer Arbeitskräfte in Litauen, Lettland'und anderen Ländern durch Emissäre der sowjetrussischen Siedluugsbehörden nach Biro-Bidschon ausgewandert sind, an die litauische Gesandtschaft in Moskau einen Hilferuf gerichtet, in dem sie um Rückbeförderung in die Heimat bitten. ln ihrem Schreiben erklären die Bittsteller, die Lage in Biro-Bidschan sei hoffnungslos. Das Gebiet sei von Hungersnot und epidemischen Krankheiten heimgesucht. Die Erfüllung der von den Emigranten an die litauische Gesandtschaft gerichteten Bitte dürfte auf Schwierigkeiten stoßen, da die Bewilligung, zu ihrer seinerzeitigen Ausreise an die Bedingung geknüpft worden war, daß sie auf die litauische Staatsangehörigkeit verzichten. Wie denkt sich nun eigentlich die Sowjetregierung die angebliche Hilfsaktion für die Juden, die sich, in Sibirien ansiedeln wollen, wenn sie > sie auf der anderen Seite dem Hungertod preisgibt? Einheitsfront des amerikanischen Judentums in der Hilfsaktion für Emigranten New York. Die in letzter Zeit wiederholt in Frage gestellt gewesene Einheitsfront des amerikanischen Judentums in der Hilfsaktion für deutsche Juden ist endgültig zustandegekommen. Es wurde ein drei Millionen Dollar-Drive zugunsten des Hilfswerks für Auswanderer aus Deutschland proklamiert. Der Oberkonunissar für Emigrantenfragen, James G. .\t a c Do n a I d , hat einen A u f r u f - erlassen, in dem die Öffentlichkeit aufgefordert wird, das Hilfswerk in stärkstem Maße zu fördern. Der Überkommissar fordert von den Juden großzügige Opfer zugunsten ihrer Brüder und betont, daß „eine erfolgreiche Arbeit derjenigen, die die Aufgabe haben, für die Tausende hilfloser Auswanderer neue Heimstätten zu finden" nur durch äußerste Freigebig- Auch Italien will helfen Appell gerichtet, das vom Verband eingeleitete H i I fs w e r k zugunsten deutscher Juden nach Möglichkeit zu unterstützen. Mau denkt dabei insbesondere au Studienbeihilfen für die au italienischen Hochschulen eingeschriebenen jüdischen Hörer aus Deutschland. ..Die judenfreundliche Lehrersfrau" iffentlich Züsch Philipps!» all.: Ei hei Juden firme der Jini der Jüdii crfriiht, di Tage ge jing. Die Bliunei chiießlich Fragebogen-, Aufklärtingsversamtnlimgen, Sprechchöre Rassenprinzip bei einer Propaganda- Aktion der NS-Hago Die „Frankfurter Zeitung“ gibt einen Aufruf der NS- Hago-Kreisamtsleitung Aschaffenburg wieder, der im Zusammenhang mit der demnächst beginnenden Frühjahrspropagandäaktion.der NS-Hago im ganzen Reich in der „Aschaffeiiburger Zeitung“ unter der Überschrift „Die Tat der Gemeinschaft gilt dem Aufbau, Frühjahrsoffensive des deutschen Handwerks, Gewerbes und Einzelhandels“ veröffentlicht wurde. Der Aufruf bringt zur Kenntnis, daß anläßlicli des Beginns der zweiten Arbeitsschlacht vom 23. März bis 7. April eine Werbeaktion stattfinden soll, deren Durchführung der NS-Hago obliegt. Jedes deutsche Geschäft, jeder deutsche Handwerker, jedes deutsche Unternehmen haben an diesen Tagen die von der NS-Hago herausgegebenen Plakate an Giebeln und in Schaufenstern zum Aushang zu bringen; wenn es sich nicht gefallen lassen wolle, als Saboteur der Offensive des deutschen Mittelstandes angesehen zu werden oder als jüdisches Unternehmen zu gelten. Kein jüdisches Geschäft habe das Recht, zum Einkauf für das.heilige Osterfest, zur Kommunion oder Konfirmation in Wort und Schrift zu werben. In Fragebogen an die deutschen Hausfrauen würden diese um die Gründe gefragt werden, weshalb sie noch in Warenhäusern, j ü d f s c h eil G esch ä ften usw. kauften. Dadurch werde es ermöglicht werden, diesem unverständlichen Tun eines großen Teils deutscher Hausfrauen Einhalt zu gebieten." Auch die Hitlerjugend und der BDM würden in die' Propagandatätigkeit eingeschaltet. Diese würden auf den belebtesten Plätzen in den Hauptgeschäftsstundeii S p r e c h c li ö r e bilden, in denen zum Ausdruck gebracht werde, daß Einkäufe nur beim deutschen Einzelhändler, Handel und Gewerbe getätigt werden sollten. ■ Die „Frankfurter Zeitung“ weist darauf hin, daß in dem Aschaffenburger Aufruf im Gegensatz zu einer Verlautbarung des Deutschen Nachrichtenbüros über die geplante Aktion vor allem Rassengesiclitspunkte hervortreten, gegen deren einfache Übertragung auf das Gebiet der freien Wirtschaft ' sich zuletzt wieder Reiclisinnenminister Frick ausgesprochen habe, nachdem früher das Reichswirtschaftsministerium und andere Regierungsstellen sicli in gleichem Sinne wiederholt geäußert haben.