Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 14 (1934)
- Issue
- 18 (2.3.1934)
- Date
- 1934-03-02
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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14. Jahrgang Nummer 18 3uüifd)-libetalc 3ei(nng Beilage 2. März 1934 Sentrindeßrief au& Wlannftrim Erwadien und Erwecken Meine Reiseerfahrungen als Delegierte der „World Union for Progressive Judaism Von Margarete Goldstein Jüdische Jugendarbeit in Mannheim Aus der Jugendarbeit in Mannheim laßt sich nur Erfreuliches berichten: Die Freitagabend-Feiern, welche von der jüdischen r e 11 g i ös -1 i b e r a l e n Vereinigungwahrend . des letzten \Vjnlers und Sommers für ihre jugendlichen Mitglieder im familiären Kreise in Abstanden veranstaltet wurden, nehmen ,JrK.Fort*:an* Abende, die. unter der Leitung der Herren Rabbiner Dr. //. Lernte, der uns leider in einigen Wochen verlassen wird, und Professor Dr. S. ßtltigfieimer stehen, erfreuen sich nach wie vor einer uneingeschränkten Beliebtheit. — Eine andere Form des Zusammenseins in diesem Kreise der Jugend wurde gefunden, als Herr Kurt Sonnematw kürzlich einen „Autoren-Abend“ veranstaltete. Eingeleitet von zwei Klaviervorträgen von Herrn Prof. Dr. Billigheimcr, brachte Herr' Sonnemann eigene Gedichte und Skizzen zum Vortrag, die trotz, ihrer Schlichtheit durch eine starke Ausdrueksforin überraschten. Das Gehörte zeugt von einer tiefen Beobachtung und ansprechenden Durchformung aller Geschehnisse in und um uns. Wir lernten Herrn Sonhemann so auch als Dichter und Schriftsteller kennen. Zu einem Beethoven-Abend hatte die C.V.-Jugeud eingeladen.!:n Mittelpunkt des Abends, stand ein Vortrag von Herrn Kurt Sonncmann über „Beethoven und die Frauen“. Herr Sonnemann ging davon aus, daß auf das Schaffen großer Künstler Ereignisse und Stimmungen von Bedeutung sind. So war es auch bei Beethoven. Von den vielen Frauen, die Beethovens Weg kreuzten, griff de* Vortragende die für den Meister bedeutungsvollsten heraus, und er stellte, deren Einflüsse auf Beethoven sehr interessant dar. Umrahmt wurde der Vortrag von Klavierdarbietungen. Josef Levis. Man hörte die 32 Variationen A-molI, das Rondo G-dur und die sog. Mondscheinsonate, als Zugabe das Andante in F-dur. Reicher Beifall belohnte beide Vortragende. Albert Fischet. Wirtschaftlicher Niedergang der Juden in Polen Ausv soeben veröffentlichten amtlichen statistischen Material ist zu ersehen; daß für das Jahr 1934 die Zahl der behobenen Einzelhandelslizenzen um 27 136, d. i. lÜ»o, niedriger ist als im Jahre 1933. Es ist anzunehmen, daß es sich bei diesen 27 000 Kleinhändlern, die nicht mehr in der I^age waren, die Taxe für die Handelslizenz zu bezahlen, und somit aus dem Wirtschaftsprozeß vollständig ausgeschaltet wurden, zum größten Teil um jüdische Kleinkaufleute handelt, die nunmehr der Deklassierung anheimfallen. Jahrzehntelang lagen viele in Israel in tiefem Schlummer../ Ein Teil der letzten Generation hatte diegroße Schuld 1 aut sich geladen, Menschen zu erziehen — fern vom Religiösen. Neben den glaubensstarken Juden wuchs immer mehr die Schar jener, die schlummerten, die nichts mehr •'[pro Judentum wußten, denen das Edelste und Beste ihrer Tradition vorenthalten wurde. Wohl gab es neben den Orthodoxen und den Zionisten schon seit langem Führer, die zu neuem lebendigen Judentum jene wieder hinfülireii wollten, die alles verloren, die niemals etwas besessen hatten. Das religios-tortschrittliclu* Judentum hat das große Verdienst ^al.lr>*s den Suchenden wieder den Weg zurück wies, iiiJ Indifferenten neu erfüllte und beseelte. Aber cs war schwer die dumpf Schlummernden wachzurütteln! Nun da Erschütterungen mannigfacher Art durch die ganze Welt hmdurcligegangen sind, erwachten auch jene Kreise jah. Daß ihr E r w a c h e n zu ei u e in Er w e c k e u werde, liegt uns ob, die wir uns religiös-fortschrittliche Juden nennen! Sie stehen oftmals vor einem Abgrund, vor einer Ode, wissen nicht oder nicht mehr, was religiöses Judentum bedeutet. Allerorten, in allen Ländern geht heute ein Erwachen, eine Renaissance, auch durch unser Judentum. Ich möchte ans den Ertahrungen dieser letzten Monate berichten, in denen ich als Delegierte der World Union for Progressive Judaism das religiös-liberale Judentum in den verschiedenen Ländern neu erstehen sah und wahrnahm, wie sich die Menschen ihm wieder zuwandten, wie die Führer die neu Erwachten zum Erwecken bringen oder zu bringen streben. Diese meine Reiseeindrücke seien eine Ergänzung zu dem, was Heinrich Stern kürzlich in diesen Blättern bereits aus England und Holland berichtet hat. Paris Es ist der erste Sonntag des Monats. Ich begebe mich in die rue Copernic, zur Liberal Synagogue von Rabbin Louis Germ a in Levv, und finde dort eine-zahlreiche (iemeinilc /um Gottesdienst versammelt. I >ie vordersten Reihen sind von der Jugend besetzt. Ein ungewohntes Bild: Aul der Kan/el sit/en neben dem Rabbiner und Aime Pallieie vier junge Menschen —- Knaben noch, /wischen 13 mm' 10 Jahren. Der Gottesdienst beginnt. Die Knaben sprechen die Gebete, die Texte, heben die Thora aus. Sie lesen die Sidrah und rlaftarah hebräisch und französisch, sie liefen vor, und die Gemeinde stimmt ein. Sie tragen und leiten den Gottesdienst. Jeweils um ersten Sonntag des Monats ist die Führung des Gottesdienstes in der. Hand der Jugend. Die leuchtenden Augen, die jungen begeisterten Ziige lassen erkennen, wie diese Jugend liier ihr Judentum erlebt, wie sie es iieu belebt* Unit auch ich erlebe die Wahrheit eines Satzes, aus der kleinen Broschüre („Woher stammt unsre Gleichgültigkeit in religiösen rragen?**), die mir beim Eintritt (ns Gotteshaus übergeben wurde: „Der bormalismus bat im modernen Judentum die wahre jüdische Religiosität ertötet.“ Au. diesem Gottesdienst erweist sieh, daß das Judentum lebendig ist, daß es lebt und m ck‘il “Wägern Jugend weiterleben wird! Die Große uiul Schönheit unserer Religion: liier wird sie gelehrt, nein: gelebt! Zweifellos wird das auch vielen von mis offenbar werden, wenn wir uns hei der nächsten Weltkonferenz des religiös-liberaleu Judentums im Juli 1934 in dieser schönen Synagoge zusammenf luden werden, um gemeinsam die religiösen Fragen, die uns alle bewegen, zu erörtern. .Schweix , — nie, Schweiz, hat noch keine religiös-liberale Vereinigung. Ich besprach dort mit .Freunden die Möglichkeit, die eine | oder andere liberale Gruppe zu gründen. Mali findet viele Indifferente und Entwurzelte neben positiv orthodoxen und zionistischen Juden. Hier ist noch ein weites Feld der Betätigung, und erste Versuche, werden in nächster Zeit zeigen, inwieweit die Schweizer Juden religiös-liberalen Ideen zugänglich sein werden, wie weit diese Kreise zu erwecken und zu beseelen sind. Wien Den gefallenen Helden Gedenkfeier in Berlin Der vergangene Sonntag war in ganz Deutschland dem Gedenken der im Weltkriege gefallenen Helden geweiht. In der Berliner „Neuen Synagoge“ fand, wie in den Gotteshäusern aller Bekenntnisse, eine Trauerfeier statt. Unter feierlichem Orgelspiel zogen die Abteilungen des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten, Militärbund deutsches Vaterland, Kameradschaftliche Vereinigung mit ihren umflorten Fahnen in das Gotteshaus ein. Dem Zuge voran schritt eine Abteilung des Jugendbundes „Schwarzes Fähnlein“ mit der Fahne, ferner eine Abordnung mit einem Lorbeerkranz, der im Anschluß an die Feier am Ehrenmal in Weißensee niedergelegt wurde. Die Fahnenabordnungen nahmen im blumengeschmückten Altarraum Aufstellung. Für, den Gemeinde- Vorstand war Herr Moritz Rosenthal erschienen, ferner Herren von der Bundesleitung des RjF. und Vertreter der jüdischen Organisationen. Nach einem Trauergesang des Synagogen- Chors hielt: der ehemalige Feldrabbiner Dr. Martin Sttlomonski die Gedenkrede. Wie in jedem Jahre, so führte er aus, sind alle Treugedenkende zu dieser Feier erschienen, um den Volkstrauertag vereint mit der Nation zu begehen. Wie immer scharen wir uns um das Heiligtum und die Fahnen.' Die erschienene Jugend will beweisen, daß die Gesinnung der Helden ihre Tradition sei. Der Tag, meine. Kameraden und Gefährten des Glaubens, trägt den Namen' ' „Erinnere Dich“. Auch der gestrige Sabbath Sochaur trägt diesen Namen, ln Treue, nach der heiligen Sprache, gedenken wir der Helden, und es handelt sich nicht darum, wieviel oder wie wenig gefallen seien, sondern um die Opfer einer Familie: Deutschland! Ober die Grenze hinweg muß man sagen, daß seit zwanzig Jahren kein ehrlicher Friede gekommen sei. - Aber das Reich ist aufgebaut auf Recht und Sicherheit. Wenn unsere Toten hierfür gefallen sind, so sind sic nicht umsonst gefallen. Dank ihnen! Und nun wollen wir nachdenken und lernen durch eigenes Erleben, wollen die Zukuuftsaiifgaben ins Auge fassen und an alle appellieren, ‘‘daß das Judentum in Deutschland nicht veröde. Erziehet Eure Kinder und Eure Häuser, verlaßt uns nicht und verzagt nicht. Auch von der Nachkriegsgeneration wird man dann sagen, sie waren Helden. „Gott spricht, ich will wohnen in Mitten der Kinder Israel und sie nicht verlassen“; dies Schriftwort beendete die tief zu Herzen gehende Predigt. Es schloß sich das Gebet für alle gefallenen Heiden des großen Heeres an. Die Heilige Lade wurde geöffnet und drei Gesetzesrollen ausgehoben. Tief bewegt sang Oberkantor Magnus Davidsohn das „El mole rachamim“, den Kaddisch sprach Rabbiner Dr. Satomonski. der Chor sang .„Herr, was ist der Mensch“, die Fahnen senkten sich, tief erschüttert gedachten alle der Gefallenen, die hinauszogen zur Ehre Deutschlands und nicht wiederkehrten. Leise, immer starker werdend, erklingt das Lied vom guten Kameraden. Die Abteilungen mit ihren Fahnen verlassen das Gotteshaus. Im Anschluß in die Trauerfeier in der Synagoge wurde am Ehrenmal auf dem jüdischen Friedhof in Weißenseeein Lorbeerkrahz des R. j. F. mit schwarz-weiß-roter Schleife niedergelegt. Zu gleicher Zeit erfolgte an der gleichen Stelle die Kranzniederlegung durch den „Volksbund für deutsche Kriegsgräberpflege“. Auch im Ehrenmal „Unter den Linden“ wurde ein Kran/ des RjF, niedergelegt. Julius Walter. Trauerfeier der Münchner Gemeinden am Totensonntag Am Gefaüenensonntag versammelte sich die Münchener Gemeinde in der Hauptsynagoge an der Herzog Maxstraße, um in einer ernsten Feier der »Toten des Weltkrieges zu gedenken. Der Gesang von Psalmworten in der Vertonung von Lewandowski und Entauuel - Kirschner umrahmte die Weihestiuiile künstlerisch. ln seiner Gedächtnis-Ansprache gab Rabbiner Dr. Robert Rafael Geis u. a. folgenden Gedanken Ausdruck: Allein für Deutschland und seine Ehre, das auch ihre Ehre war, sind unsere Toten auf den Schlachtfeldern der Jahre 1914—1918 gefallen: nicht um ihret- oder ihrer Angehörigen willen, nicht für Gut oder Lohn, nicht für eine Zukunft oder für eine Auszeichnung sind sie mit selbstverständlicher Todesmutigkeit hinausgezogen. Unterschiedslos ist die Verknüpfung mit Deutschland, mit dessen Geschichte unsere Geschichte seit Jahrhunderten verschlungen ist, so fest und innig, daß sie bei Keinem deutschen Juden ausgelöscht zu werden vermöchte. So starben auch unsere Helden nur für Deutschland. Ihre Bereitschatt zur Autopferung und Hingabe onne Worte und fragen soll uns für immer vorbildlich sein. Besonderst lieuie, da es für uns heißt, einen neuen und lebendigen. Weg zum Judentum, seinen Wericn, seiner Uoeriieferung lind seiner Weisneit, zu gehen, müssen wir wieder diesen scnwcigcnüen Opfermut sucnen, um unser Judentum leben und erbauen zu können. Nur als auirecnte Juden können wir uns und linserm l/eutschtum eine Zukunft bauen, bo sei der heiße Wille, neu den Weg zu den geistigen und seeiiscnen Werten unserer uberlielerung zu bannen, die zcitgeDotene und edelste amngebung unserer 1 otenenrung. Möge sich in nicht zu ferner /.eit uas prophetische Wort bewahrheiten, das von dem lag spricht, da zwisenen allen btämmen das Schwert zur Ruhe gekommen ist und da allem vom Ewigen das Wort und uas Licht seinen Ausgang nimmt. Weihestunde für die Gefallenen in Plauen Am 25. Februar 1934 fand zum Andenken an die Gefallenen des Weltkrieges eine gottesdienstliche Wcihestunue in der Synagoge statt. Der Keichsbund Jüdischer Frontsoldaten, Ortsgruppe Vogtland, war fast vollzählig erschienen. Im Mittelpunkt der sehr würdigen und ergreitenden Feier stand die Ansprache des Herrn Kantor Wormser. Umrahmt wurde diese durch die Gesänge des Synagogenchores, welcher „Zum Andenken der Gefallenen“ von Wohlgemut und den Psalm 1b zu Gehör brachte. Eingangs spielte der Organist das „Largo" von Händel, beschlossen wurde, die Gedenkfeier durch den allgemeinen Gesang des Liedes „Ich hatt’ einen Kameraden“. Wesentlich anders liegen die Dinge in Wien! Ich habe in den Jetzteil zwei Jahren des öfteren die Wiener Freunde besucht, habe zu den verschiedensten Gruppen und mit Einzelersönlichkeiten gesprochen und es besteht, ivie in diesen lüttem auch schon früher berichtet wurde, seit etwa Jahresfrist in Wien eine „Vereinigung für fortschrittlich - r e I i g i ö s e s J u d e n t u in“. Diese Vereinigung wurde 1932 geboren nach einer stürmisch tobenden Versammlung, in der Miß Montagu und ich sprachen. Am Schlüsse aber sammelten sich damals in ehrlicher Überzeugung all jene Suchenden, die abgestoßen waren von dem Gebanren gewisser unjüdischer irreligiöser Kreise. Die Wiener Qruppe hat, unter der rührigen Leitung von Obermedizinalrat Dr. Haase, Dr. Spritzer, Frau Anna Ostwaid, Frau Helene Forster-Bccli iind anderen tatkräftigen Freunden,, unter der geistigen Führung von Studienrat Professor Dr. Redisch ein Jahr lang erfofgreich die Mitglieder zusammengefialtrn und wertvolle Arbeit'geleistet. Sic hatte mit mannigfachen Widerständen und Schwierigkeiten zu kämpfen. Wien hat einen zionistisch geleiteten Gemeindevorstand, der Neuem abhold ist. Die Gemeinde hat 225 000 Seelen, die nicht einmal mehr zu einem. Drittel die Gottesdienste besuchen oder sonstwie ihre Zugehörigkeit zum Judentum bekunden. Wie allenthalben, so bestellt auch ln Wien lediglich der Wunsch, diese Kreise der Indifferenten, der Abseitsslelienden und Suchenden zu sammeln. Es wird immer Wieder betont, daß keiner, der innerhalb jüdisch-positiver Zusammenhänge steht, herausgerissen werden soll; nur die Entfremdeten sollen zurück- 'cfiilirt und wiederum ein Bestandteil der Gemeinde werden. [ leunocli hat mail es der neuen Vereinigung im letzten Herbst versagt, Gottesdienste für ihre Gruppe ah/uhulte». Nacli dem Buchstaben eines alten (iesetzes ist mau allerdings dazu berechtigt und braucht diese Gottesdienste nur zu gestillten, wenn 200 Bewohner ein und desselben Stadtbezirkes um die Genehmigung zu solchen Gottesdiensten cinkoinmeii. Ich habe in den letzten Wochen in Wien versucht; die Situation besser zu verstehen mul kennen zu lernen und war gleichzeitig bestrebt, die Arbeit der Gruppe zu fördern. Der Vorstand der Wiener Gemeinde hat selbstredend nichts gegen die Arbeit, die. wir innerhalb der Gruppe entfallen, wie-» .konnte er auch gegen eine rein religiöse Vereinigung etwas ciiiwcndcn, die nicht g e g e n ihn arbeitet, sondern die ver- FORSORGUCH VORSORGEN SCHÜTZT VOR SORGENI Je. •», 'Um v . y u «SN ■VzSi.T*»*' L5 Ii,