Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 14 (1934)
- Issue
- 17 (27.2.1934)
- Date
- 1934-02-27
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Von jüdischem Wort und jüdischem Brauch Zur Einführung Von Rabbiner t)r. Max Dienemann Unter dem Druck der Zeiten, angestoßen von dem Wandel des Denkens sind Viele sich ihres Judentums wieder bewußt geworden, die innerlich mit ihm keine oder höchstens noch eine Pietäts- Fühlung hatten, sind Viele ganz neu und unmittelbar zu der Erkenntnis gelangt, daß sie Juden sind. Daß sie es vergessen hatten, oft überhaupt nicht erfahren hatten, nicht so erfahren hatten, daß sic einen Wert .damit verbanden, war in den seltensten Fällen ihre Schuld. Wenn man überhaupt in Dingen geschichtlicher Verknüpfungen und Verkettungen von Schuld reden darf, war es die Schuld von Eltern und Großeltern, Schuld von Geschlechtern vor ihnen, denen ein Zeitgedanke das trügerische Bild eines Ersatzes für Religion vorgespiegelt hätte. Es wäre darum verfehlt, denen, die neu den Weg zurückfinden, nachträglich einen Vorwurf aus ihrem bisherigen Entferntsein zu machen; es ziemt sich, den erwachten Willen freudigst zu begrüßen und ihn zu stärken. Aber wir dürfen es uns nicht genügen lassen, daß ein Wille zum Sichwiedereinreihen in die Gemeinschaft wach ist. So wertvoll er ist, so sehr er Voraussetzung alles Judeseins ist, er ist eben nur ein Anfang und. noch nicht Inhalt, noch nicht lebendiges Leben. Das-eben' ist ja unsere Überzeugung, daß Judesein nicht nur eine Sache des Gemeinschafts-Denkens ist, nicht nur eine biologische Gegebenheit, nicht hur eine Angelegenheit des Blutes. Wir können uns Judesein nicht denken ohne den geistigen. Inhalt der Religion, nicht anders denken als mit einem bestimmten religiösen Bewußtsein verbunden. Aber nun kommt es nicht nur auf das Bewußtsein an, alle Religion ist Tat, Betätigung, Handlung. Jahrzehntelang war der Irrtum groß, daß die sittliche Tat allein schon ausreiche, um als Ausdruck des religiösen Bewußtseins zu gelten, um in Kindern den Willen zur Nachfolge, zum Weitertragen des Erbes zu begründen. Wir wissen heute, besser, weite Kreise wissen es, daß neben der sittlichen Tat, die immer das Höchste, die "süßeste.und reifste Frucht ist, auch die kultische Handlung stehen müß, die die Phantasie anregt, das .Gemüt beschäftigt, dem Geheimnisvollen sich verbündet. Reli- Wrmi in der Reihe der Berichte und Wegweisungen, die von jüdischer Kultfrömmigkeit handeln, zuerst von Purim die Rede ist, so ist damit nicht eine Rangordnung aufgestellt, sondern das ergibt sich einfach aus der kalendarischen Verknüpfung der Gelegenheiten. Zuerst ein kurzes Wort über Anlaß und Einsetzung des Festes. Oie Begebenheit, der hier gedacht wird, reicht zurück bis in die Zeiten des babylonischen Exils. Im Perserreich hatte ein Würdenträger des Königs, Haman, Hali auf einen Juden, Mordechai. Aber anstatt nun sein Haligefühl auf diesen Mann zu beschränken, der ihn, nach seinem Gefühl, beleidigt haben sollte, verallgemeinerte er seinen Hall und erstreckte ihn auf alle Juden. Her einzelne Jude wurde ihm Zinn Symbol des Judentums. Er beredete den König, indem er ihm ein falsches Bild von Art und Sinnesrichtung der Juden entwarf, einen Befehl ergehen zu lassen, nach welchem au einem bestimmten Tage alle Juden des Reiches-ausgetilgt werden sollten. Den dazu geeigneten Tag erkundete Haman sich durchs Los. Er warf nach der Art der Kartenleger das Los und glaubte so, durch Magie den Tag zu finden, an dem er am besten alle Juden vernichten könnte. — Und da in der Sprache jener Landschaft das Los Pur (Mehrzahl Purim) heißt, hat der Ausklang der Begebenheit den Namen Purim bekommen. — Der Befehl erging und erregte im Lande tiefste Bewegung. Und es wäre das Ende der Juden in der Landschaft Persien gekommen, wenn nicht Mordechais Nichte, Esther, dem König naljegestanden hätte und eine Gelegenheit bekommen hätte, ihn über die Juden und Hamans letzte Absichten auf-, zuklären. So kam es, dal! der König sich den,Juden wieder zuwandte, ihnen in dem von Haman angefachten Kampfe selbst mit seinen Machtmitteln beistand, und so entgingen die Juden einer großen und tödlichen Gefahr. So-in gedrängtester Kürze, unter Auslassung aller noch so wichtigen Einzelheiten der Er/iihlung, unter Auslassung auch der besonderen Geschehnisse, die die dramatische Wendung im Schicksal der Juden herbeiführte, der Bericht vom Anlaß des Festes. „ Es hat seine besondere Bedeutung, gerade weil es -um in heutiger Terminologie zu reden — Probleme des . Galuth-Judenfiinis aufrührt. Es handelt sieh um das Schicksal von Juden, die als Juden in einem Land wohnen, dessen Kinder sie geworden sind, in dem sie als ihrer Heimat leben wollen, als Juden und als tfeile Söhne des Landes, und in dem sie Verkennungen und’ Ablehnungen ausgesetzt sind. Es ist-hier also Spiegel einer 'Situation, wie sie seit Jahrhunderten gegeben ist,-und für alle Juden gegeben ist, deren Leben sieh nicht im heutigen Palästina abspielt, und die, gion darf nicht nur Andacht und Gefühl, Schwärmerei und Anbetung sein, und Judentum erst recht nicht, Religion will ständigen Ausdruck, im Großen und im Kleinen. Viele sind alles Kultischen entwöhnt. Aber die Sehnsucht, der Wunsch ist in Vielen groß, sich ihm wieder zu nähern. Viele wissen von der Art jüdischer Kult- und Gebetfrömmigkeit nichts mehr und haben jetzt den Wunsch, daß ihre Kinder nicht in dem gleichen Entferntsein aufwachsen, mit ihr vertraut werden. Ihnen darin zu helfen, ihnen Wege zu weisen, ist unabweisbare Pflicht. Die „Jüdisch-liberale Zeitung“ wird fortan neben allen anderen Aufgaben, die sie zu erfüllen hat, dieser Pflicht in einem bestimmten, fest umrissenen Rahmen genügen. Jüdische Frömmigkeit hat, soweit sie im Kultischen sich äußert, eine doppelte Seite. Sie wirkt sich im gemeinschaftlichen Gebet aus und sie ist zugleich auch die Gebetsfrömmigkeit 'des Einzelnen, der sein Persönliches ins Gebet hineinlegt, sie ist Angelegenheit der Synagoge und des häuslichen Brauches. Ein Vielfaches hat darum zu geschehen, will man den Heimkehrenden unserer Tage ein Bild des Judentums vermitteln, wie es in Brauch und Kult sich kundtut. Es wird gut und wichtig sein, sie mit dem Inhalt der überlieferten Gebete, ihrem Wortlaut vertraut zu machen, diese eigentümliche Welt, eigentümlich in Gedanke-und Wort, ihnen zugänglich zu machen. Und es wird gut und wichtig sein, sie in die Frömmigkeit des jüdischen Hauses einzuführen. In einer doppelten I Form müßte das geschehen. Zu erzählen ist, wie I jüdischer Brauch im Hause in seiner geschichtlichen Form erwachsen ist, seine traditionelle und überlieferte Gestalt ist zu zeigen, und zugleich ist davon zu reden — und das ist wesentlich — welche Gestalt ihm der Jude geben kann, der als liberaler Jude sich empfindet, nicht einfach das Überlieferte hinnimmt, sondern den Wunsch hat, es nach seinen Möglichkeiten, seinem Verständnis auszubaüen und zu beseelen. In häufigster Folge wird darum jetzt in diesen Blättern von den Gebeten Israels und der Frömmigkeit des jüdischen Hauses berichtend und wegweisend die Rede sein. verwachsen und verwurzelt mit ihrem Vaterlande, in ihm ihre Heimat sehen und in ihm ihr Leben leben wollen. Selbstredend ist damit nicht gesagt, daß alles Schicksal sich in der Form der Purim-Erzählung ahspielt und daß handelnde Persönlichkeiten sich in der Geschichte so wiederholen, aber die Grundsituation ist die ewige, auch die unsrige. Eben darum kommt ihm stete Bedeutung zu. Die traditionelle Feier des Purimfestes bestand darin, dal! in der Synagoge das Buch Esther vorgelesen wurde, in dem die. Geschichte jener Tage erzählt wird, daß ein festliches Mahl die Familienmitglieder am Tisch des Hauses vereinte, dal! die Familien sich gegenseitig beschenkten und daß man die Annen an diesem Tage beschenkte. Wie kann man es heute feiern? Wichtig wird sein, daß man den Willen hat, am Gottesdienst, der den Beginn des Festtages — es ist kein Festtag, der den Rhythmus der täglichen Arbeit unterbricht, er ist nur in Synagoge und Haus lebendig — einleitet, teilzunehmen. Das ist in diesem Jahre der Abend des 2S. Februar. Es wird in liberalen Synagogen nicht das ganze Buch vorgelesen, und was vorgelesen wird, wird übersetzt. Die Vorlesung wird von einer Predigt. begleitet, und wenn auch keine Predigt der Fülle der Probleme gerecht werden" kann — jede Einzelheit der Erzählung bietet unendlich viele Möglichkeiten der Beleuchtung jüdischer Situationen mul Pflichten — so ist damit doch Gegenwärtiges aufgerührt und Verbindung mit der . Gegenwart hergestellt. Keine Feier darf sich auf die Synagoge beschränken. Zu irgend einer Stunde mußte die Familie sich versammeln, und es muß mit den Kindern vom Tag und seinem Anlaß gesprochen werden. Es wäre das Richtigste, mit ihnen das Buch Esther zu lesen — ist eigentlich in jedem Hause eine Bibel? — der Übersetzungen gibt es genug. Und wenn auch im häuslichen Kreise, genau wie in der Synagoge, nicht alle Seiten des Gegenstandes zu beleuchten möglich ist, es kann doch vom Tag unddem Heute und den Notwendigkeiten und Besonderheiten unserer Situation geredet werden. Purim war einstens das jüdische Geschenktest. Ob cs möglich ist, das wiederzuerwecken, ob es klug ist, an dieser Stelle Chanukkah, das jetzt das jüdische Geschenkfest geworden ist, sozusagen Konkurrenz zu machen, bleibe dahingestellt. Aber an einer Stelle könnte und müßte die alte Purimfeier lebendig gemacht werden. „Geschenke den Armen zu geben" ist nach dem Buche Esther Pflicht des Tages. Wenn jeder an diesem. Tage den ewig bedürftigen Wohlfahrtsstellen der Gemeinden etwas spendete, welcher Gewinn wäre das, welch würdige, gegenwartsnahe Purimfeier! Aber nicht' genug damit. In alten Zeiten trugen an diesem Tage die Kinder persönlich Geschenke zu den Armen. Man sollte an diesem Tage die Kinder beauftragen, an irgend eine Stelle eine Gabe selbst , hinzutragen. Dann lernen sie, daß Wohltun nie abgegolten werden kann durch vermittelnde Zentralstellen, daß es auch persönlich geübt werden muß. Und sie erfahren ihre Einführung ins Wohltun, in die praktische Sittenlehre in der engen Verbindung mit Kult und Brauch, mit religiösen Gemeinschaftsbewußtsein. Dr. M. D. Zwei Purim- Br äuche von Dr. Oscar Sincerus I. Saragossa-Purim Z u n t z in seinem Standardwerk „Die synagogale Poesie des Judentums“ zählt verschiedene sogenannte Privatpur im auf, die neben dem allgemein üblichen Purim am 15. Adar und seinem Anhängsel, dem Schuschan-Purim am folgenden Tage, bestehen. Am bekanntesten von diesen ist der „Pu r i m.-:V i liccnz“ in Frankfurt a. M., welcher noch festlich begangen wird oder wenigstens, vor wenigen Jahren noch zur Erinnerung an die Vertreibung durch den Apostaten Vincenz Fettmilch (1608) und die Rückführung durch den Kurfürsten Friedrich von der Pfalz, den späteren „Winterkönig“ von Böhmen, gefeiert wurde." Nachkommen eines, gewissen Adler, welcher bei diesem erfreulichen Ereignis die. große Pauke schlug, leben noch heute in der ehemaligen freien Reichsstadt. In,Prag wird voir den Abkömmlingen des seinerzeit berühmten Rabbiners Lippmann-Heller Schern Tob der Tag, an dem die ihm durch schmähliche Verdächti- , gung drohende Todesstrafe von ihrem großen Ahn abgewendet wurde, es war dies mitten im dreißigjährigen Kriege, noch jetzt als Freudentag gefeiert. Über den Rahmen eines Familienfestes hinaus geht der „Saragossa-Purim“. In Jerusalem findet seine alljährliche Feier statt, der Ursprung aber geht, wie schon der Name andeutet, auf die Hauptstadt des ehemaligen Königreiches Aragonien zurück. Hier im Mittelpunkt des schönen Spanien genossen die jüdischen Einwohner lange- Zeit den vollen Schutz der Gesetze und erfreuten sich ver-' hältnismäßigen Wohlstandes. Dafür ehrten sie auch den Monarchen bei jedesmaligem Umritt in der Judenstadt durch feierlichen Umzug ihrer Rabbiner samt Gefolge mit etwa dreißig Thorarollen in glänzenden Umhängen, mit Silberschmuck beladen, bis eines Tages ein getaufter Jude, Baruch, der sich beim damaligen König Alfons V. großer Gunst erfreute, diesem verriet, daß das Gehäuse hinter der Umhüllung leer von den Thorarollen sei. In der Tat war dies bei einzelnen der Fall. Der König sah darin eine Verhöhnung, und den Juden drohte bei dem schon am nächsten Tage geplanten neuen Besuch, falls sich die Wahrheit der Anzeige herausstellte, ein blutiges Strafgericht. Wie diese Gefahr noch rechtzeitig abgewandt wurde, so daß jetzt den bösen Denunzianten die Todesstrafe ereilte, klingt zwar etwas sagenhaft, aber trotz der nach 60 Jahren erfolgten Vertreibung aus der alten Heimat lassen sich die von dort nach der „heiligen Stadt“ ausgewanderten spanischen Juden es nicht nehmen, ihren „Purim-Saragossa“, der zufälligerweise gerade auf den 15. SchWat, den Beginn der Baumblüte in Palästina fällt, durch besondere festliche Veranstaltungen unter Vorlesung ihrer Megillah zu begehen. (Nach dem Mythos hatte ein Synagogendiener namens Ephraim in der fraglichen Nacht eine traumhafte Vision, so daß er noch rechtzeitig das Unheil abwenden konnte.) II. Ein altitalieniscfier Purimbrauch Nach Güdemann „Geschichte des Erziehungswesens“, 1884 (S. 24), der Kalonvmos geistessprühendes Purimtraktat zitiert, feierten die italienischen Juden gegen Ende des Mittelalters in Anlehnung an karnevalistische Bräuche ihres Landesdas Purimfest, was wegen des zeitlichen Zusammentreffens leicht erklärlich ist. So .umjubelten sie unter Posaunenstölien .und Trompetengeschmetter eine auf einem erhöhten . Postament stehende Puppe, die Haman vörstellen sollte, und verbrannten sie dann feierlichst auf dem Scheiterhaufen. Wie kommt nun Haman — diese Frage liegt für jeden ' Kenner des Estherbuches nahe — anstatt an den Galgen auf den Scheiterhaufen? Einen Anhalt für diese Lösung der Frage nach der Entstehung der genannten Zeremonie gibt, so merkwürdig es auch für den ersten Augenblick erscheinen, mag, das „Corpus iuris civilis“, der Talmud der Juristen. Ein in den dritten Teil desselben, den Codex Justitianus, angenommenes Dekret des oströmischen Kaisers Theodosius L vom Jahre 411 (Cap. de Judaeis et Caelicolis I, 9), das vor einem Menschenalter Dr. jur. Otto Franken in Aachen, zuerst für den Ursprung dieses Brauches herangezogen hat, gibt in ungezwungener Weise die Lösung des Rätsels. ■ •Dem durchaus nicht judenfeindlichen Kaiser, der (Cap. 13)- die Juden am Sabbath vom Erscheinen an Gerichtsstelle entband und im folgenden Kapitel die Unverletzlichkeit ihrer Person, ihrer Gotteshäuser und ihres Eigentums einschärfte, war berichtet worden — ob aus Mißverständnis oder Bosheit - steht dahin —, daß die Juden Haman nach der Verbrennung an einen Galgen hängen. Letzterer sollte einem Kreuze, („adsimulantes speciem crusis“) ähnlich sehen, worin die Hair.ans jener Zeit die Verspottung des Kreuzsvmbols sahen. Daher verbot der Kaiser, wenn er auch nicht’ recht an di«? Verdächtigung glaubte, in einem übrigens recht mild gehaltenen Reskript die fernere Verwendung des Galgens zu genanntem Zwecke. An dessen Stelle trat die Verbrennung. Antisemitischer Anschlag in Lettland abgewehrt Der lettische Sejm hat einen von antisemitischer Seite-, gestellten Antrag, die kulturelle, Autonomie der Minderheiten in Lettland aufzuheben, abgelehnt.. Ebenso lehnte der Sejm den später von gleicher Seite gestellten weniger weitgehenden Antrag ab, die staatlichen Beihilfen für die Mittelimd Gewerbeschulen der Minderheiten zu streichen. Purim in Synagoge und Haus Herausgeber: der Anzeigena! rnstein, Berlin-Charlottenburg 4. Hauptschriftleiter und verantwortlich für den g intwortlich für den Inhalt der Anzeigen: Georg Michaelsohn, Berlin-Charlottent Berlin-Charlottenburg 4, Weimarer Straße IS. 'esamten redaktionellen Text: George Goetz, Berlin W 50; Leitung aurg. DA 5000 I, 34. — Druck: Sonnendruckerei GmbH (Felix Wolf), "!!!! "! "!!!!"" 010000480202000000020002000001000101