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Jüdisch-liberale Zeitung · 1934-02-13 · 13 (13.2.1934) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
14 (1934)
Issue
13 (13.2.1934)
Date
1934-02-13
Page
– (sequence 2)
Language
German
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gesucht wird, Selmsucht nach ihm ausgesprochen wird, aber kein Wort geredet wird davon, wo die Autorität für den Komplex dessen, was man — fälschlich und unbeholfen — das .Zeremonialgesetz nennt, neu. gefunden werden mag? Liberalismus gilt als überholt und durch ein neues Denken erledigt, weil er auf Individualismus sich aufbaue. Es ist ricltlig, p o I i t i s e h e r Liberalismus ging von dem Hecht des Individuums aus, und dieses Hecht, insoweit es sich zu einer Loslösung vom Staat und der (iemeinschaft Verdichtete, ist znrüekgedrängt, hat keinen Kurs mehr. Es ist richtig, religiöser Liberalismus hat oft in solchem Individualismus gegipfelt, aber war das nicht vom ersten Tage an der Kampf der geistigen Führer gegen die Lässigkeit und Bequemlichkeit der .Masse, dali Sie gegen den schrankenlosen Individualismus ankämpften? Dali sie jenen Zustand 'gedielten und als unmöglich hiiistellten, bei dem „jeder tat, was recht war in seinen Augen“, jeder sich seinen eigenen Schulchau Aruch machte! Alle Führung innerhalb des religiösen Liberalismus hat je und je betont, dali man die Indifferenten, die fdeichgültigen nicht .mit dem Namen des Liberalismus Verquicken' dürfe, dali sie kein Recht auf diesen Namen haben, vdali religiöser Liberalismus eine positive, Judentum-bejahende Oesamthaltung der Seele sei. Nie wurden sie müde, darauf hinzuweisen, dali der Rersöulichkeitsanspruch innerhalb des religiösen Bezirks in der persönlichen Verbundenheit des Menschen mit Gott, in der Ablehnung des Konventionellen, Schematischen, Nur-Hflichtgemälien'bestehe, nicht aber in der Souveränität des Einzelurteils und dem Lebensbedürfnis des Einzelnen. Wenn jetzt eine Epoche des Ge- ’meinschaftsbewußtseiiis anbricht und siclfausbaut,, in der dieses Gemeinschaftsbewußtseiii die nie auszulöschenden Bindungen stark betont, so ist damit nur das in den Vordergrund gerückt, was je und je als Gegengewicht gegen den Individualismus gedacht war, und im Grunde könnte man, ja müßte man sagen, daß jetzt ganz neue und vielversprechende Voraussetzungen für den religiösen Liberalismus gegeben sind, daß er jetzt gerade sich so entfalten kann, Wie seine Väter ihn .immer sich dachten, und daß jetzt große Massen in einem Umfang für ihn reif sind, wie er seit langem nicht vorhanden war. Denn mm tritt ja auch ein Element hinzu, das ihn oft verfälscht hatte. Weil er ein Kind der Aufklärung war, im Äufklärungszeitalter der Grund für ihn gelegt ward, und. weil im Aufklärungsdenken die Vernunft eine Rolle als richtende Alleinherrscherin spielte, darum.faßten ihn die Allzuvielen auch rein rational auf, legten sie.au die Ausdrucksformen des religiösen, Bewußtseins den Maßstab der kritischen Vernunft an. Aber die wirklich Religiösen-wußten stets um das Recht des Irrationalen, wußten um das Mitschwingen des Geheimnisses in allem religiösen Leben. Indem wir in das Zeitalter des Irrationalen eintreten, ist eine Disposition wieder da, die einst in der klassischen Zeit der liberalen Führung noch ganz lebendig war und formend wirkte. ' Und wiederum muß man sagen, es sind heut, grad heute neue seelische Dispositionen da, die in dem jüdisch-religiösen Liberalismus die wirkenden Kräfte der Überlegung und des Gefühls gegeneinander ausbalanzieren Jüdisch-religiöser Liberalismus schuf . in seinen klassischen Tagen eine neue' Gebetsordnung. Seitdem geht der Kampf um sie unausgesetzt weiter. Aber ist das, was in diesem Ringen lebendig war, nämlich das Wissen darum, dali Gottesdienst nur Gottesdienst ist, solange die Seele in Andacht und Willen ist, solange sie nicht ermüdet und gelangweilt in Stumpfsinn, versinkt, irgendwie überholt? Und selbst in einer Zeit der *— begrüßenswerten und dankbar empfundenen — Renaissance des Hebräischen, kann man in ihr den Einbau der Umgangssprache in den Gottesdienst ent-, bohren? Es läßt sich über Umfang und Grenze streiten, aber was ist au der Grundfrage überholt? Jüdisch-religiöser Liberalismus hat in dem Humanitätsdenken eine Erfüllung der religiösen Sehnsucht gesehen. Daß manche'die Verständnislosigkeit hatten, in ihm allein den Ausdruck des Religiösen zu erblicken und die Form der religiösen Tat als gleichgültig anzusehen, das war ein Irrtum, ein Irrtum, der seine Träger nicht schändet, sogar dann, wenn man es als Abfall vom lebendigen Judentum bucht, ehren kann. Aber hat sich an der Tatsache, daß jenes Humanitätsdenken als Forderung der Religion, als religiös motiviert zum eisernen Bestand des Judentums gehört, irgend etwas geändert? Der Glaube an die tnessianische Zeit ist durch das Heute nicht widerlegt, sondern erst recht in sein Recht eingesetzt. Jüdisch-religiöser Liberalismus wollte immer, da wo er lebendig war, nicht ein abgeblaßter Schemen neben dem Leben," ein Sonderbezirk neben anderen Bezirken des täglichen Lebens sein, er empfand sich „Sonkin und der Haupttreffer“ Die neue Auftulmmir uu ..Kulturbund deutscher Judenais eine Gesamthaltung der Seele, er forderte eine Einheitlichkeit der gesamten Lebensführung; das Wort von der. Übereinstimmung von Lehre und Leben war nicht bloß auf das enge Gebiet der kultischen und häuslichen Andachtsübungen in ihrem Zusammenhang mit dem täglichen Leben gemünzt, in ihm war die Forderung nach einet; Totalität des Lebens, die religiös bestimmt sein muß, gemeint: Nicht nur, daß nichts davon überholt ist, die dieser Forderung zugrunde' liegende Idee ist grad heut, wenn auch in anderer Richtung, im Erwachen. Es ist nun die Aufgabe, die lockende und verpflichtende, damit Ernst zu machen. Es wird das ständige und nie abreißende Thema dieser Blätter sein, zu zeigen, wie das im Großen und im Kleinen, im Tragenden und Getragenen, zu verwirklichen ist, an dem Ringen darum mitzuhelfen. Aber eines muß klar sein: Ohne ein Wissen um das Verpflichtende dieses Ringens,, ohne ein Wissen um die Notwendigkeit solcher Gesamthaltung gibt es keinen jüdischreligiösen Liberalismus. Niederlassungsmöglichkeiten für deutsche Juden in Abessinien Einem vorläufig von offizieller Seite noclv nicht bestätigten Havas-Berichl aus Adis Abeba zufolge hat die dortige Regierung ihre Einwilligung zur Niederlassung von 1000 deutschen Juden in Abessinien gegeben. Es wird angenommen, dal! die Niederlassungserlaubnis den Bemühungen des aus Berlin stammenden Professors Reinhard zu verdanken ist, der von der abessinischen Regierung beauftragt wurde, das Sanitiitswesen der Hauptstadt zu reorganisieren und zu leiten. Jüdische Auswanderer in Holland Holländiseh-Indicn als Inimigrationsland Prof. Dr. J. Cohen, Sekretär des vom aschkenasischen und scphardischen (jemeindeverband gebildeten holländischen Komitees für jüdische Interessen und Mitglied des Beirates im Internationalen Emigrantenhilfswerk, machte in einem Gespräch mit dem JTA-Vertreter die folgenden Mitteilungen: Von April bis Dezember 1933 trafen in Holland über 5000 Juden aus Deutschland ein. 4025 von ihnen wurden vom Hilfskomitee registriert. Am 1. Januar d. J. betrug die Zahl der eingewanderten deutschen Juden 1379. Die meisten erhalten sich aus eigenen Mitteln. Bis jetzt wurden in Holland 400 000 Gulden für. Notstandshilfe ausgegeben; noch heute erfordert das Hilfsbudget in Amsterdam wöchentlich 700DGuldcn. ln -der letzten Woche machte sich ein neuer Einwandererzustrom bemerkbar; über 70 Einwanderer trafen in wenigen Tagen in Amsterdam, ein. Das Hochkommissariat für die Auswanderer aus Deutschland wird sich wohl auch mit den Plänen der Einordnung deutscher Juden in verschiedenen Territorien Holländisch-Indiens befassen. Dringend ist die .Versorgung der Staatenlosen und Ausgebürgerten mit „MacDonald-Passen“ ähnlich den Nansen-Pässen. Von den bis Ende Dezember 1933 in Holland registrierten 4025 jüdischen. Eiuwanderern aus Deutschland hatten 2569 deutsche Pässe, 382 waren ohne Pässe, 202 polnische Staatsbürger hatten Visa, 541 polnische Juden hatten keine Visa. Ferner kamen S2 Staatenlose mit Visen, 23S ohne Visen, 41 ohne alle. Dokumente. 453 der Registrierten gingen nach Belgien, 293 nach Frankreich, 85 nach Luxemburg, 91 nach I Palästina, .76 nach Polen. Nach Deutschland kehrten 688 Personen zurück. Prof. Cohen sprach zum Schluß eingehend über das Programm 'der Unterbringung, Berufsumschichtung und Selihaftmachung der aus Deutschland ausgewanderten Juden. „Paracelsus“ und „Sonkin“ Theaterabend des Kulturbundes Deutscher Juden am 7. Februar 1934 im Berliner Theater Fs ist nicht recht erfindlich, warum die Herren Dramaturgen unseres Kulturbunds gerade diese beiden recht eniiängenden Stücke für ilfre Februa :bcrproduktu ihren Wi jüdische Ilde’ The die Jahr Dffcnbni itlmllt. chtvollc L .ich I!e: er Lossen und d als „Junker Ans Ernst" Raden s i dige Überrasclmi Doktor Coj- Eine f neuen, vielversprechenden Talents: die neunzehnjährige Liselotte Jacobv, die Absolventin der Jehnersclien Schauspielschule, stand in der Rolle der „Cacilia" zum ersten Mal als Darstellerin auf der Bühne. Zunächst besticht die Künstlerin durch persönlichen Liebreiz; abgesehen davor. hlüfft jedoch sofort angeborenes, ungewöhnliches Können. Das merkwürdige, sprunghafte Wesen eiiier unglücklic' Liebenden machte sie sehr fein transparent. Wir werden dies begabte Schauspielerin hoffentlich wollt bald mit größere Aufgaben betraut ' Die Spieltör gar nicht russisc in der Titelrolle . fanden sich in solch prächtiger Spiellaune, wirkten so bin reißend-lustig, daß man die Seichtheit der Komödie darübci vergäll; auch alle übrigen Darsteller fügten sich sehr glücklicl dem Ensemble ein. Sie müssen mit einer aufrichtigen Kollektiv-Anerkennung vorüebnehmen. Das vollbesetzte Haus dankte mit reichem Beifall. Und der war, soweit er dem Tlicatcrspiei galt, berechtigt! Dr. Ludwig ü.iviihnlm. „Mirandolina“ von Carlo Goldoni (Dritte Vorstellung der Senaaspiclbükne des Jüdischen Kaltur- Jüdischt rs war bestimmt einer der schönsten Abende, die der e Kulturbund Rhein-Ruhr seinen. Mitgliedern bisher te. Erlöst und befriedigt klang der sich immer wieder ude Beifall. Demi das Publikum will Ausspannung, i paar Stunden laug die Schwere des Alltag vergessen. düngen. Spiel, das uns mit „Miran itt.'.e Art erinnert lebhaft ai und das Stück selbst ist so Zähmung" mit umgekehrtei ....... Vorgänge wurden auf dei Liebhaberaufführungen bestimmtet Art dargebracht, daß der. Kontak über' "dt ständig kauend auf di und grobe Weiberlta:_ :rliebte Bär. — Frisch und r. Besonderen Lacherfolg nderbare .Dienertype fast Verschwender. — Wohl nicht recht am Platz in ihrer Rolle als Komödiantin war Elle Reicher. Das Leichtsinnige dieser Rolle liegt ihr wenig; mit ihrem wunderbaren Organ, das für eine Leonore in Goethes „Tasso" wie geschaffen ist, wirkte sie hier ein wenig zu schwer. Die andere Komödiantin gab Ertuniska Okmiansky, den zweiten Diener Werner Herrmann, die sich beide dem Gesamtspiel gut einfügten. Das Zusammenspiel war vorzüglich, was bestimmt auf d|e Arbeit des Regisseurs Gerhard IVaiter-Rosenbaum zurückzuführen ist. Hugo Israel. Konzert unb Kabarett Kammersänger A ’ikoiaus Schwarz veranstaltete einen Abend im Cafe Leoti, Kurfürstendamm, Berlin. Nikolaus. Schwarz begeisterte die Anwesenden mit seinem Gesang und durch ein geschickt zusammengestelltes Repertoire. Einen Sondererfolg buchte er für seine eigene Komposition „Mögen Owaus", die er meisterhaft zum Vortrag brachte. Im weiteren •Konzertteil fiel die sehr begabte junge Pianistin Reale Goidstein-Gampertz auf. Als routinierter Cellist zeigte sich Walter Lenk. Kapellmeister Großkopf machte sielt am Flügel um die Begleitung verdient. Der zweite Teil des Abends brachte Kabarett und Tanz. Durch den Conferencier Hans Meyer war der Kontakt-für eine ausgezeichnet lustige Stimmung bald hergestellt. Joe Glaß. Fejtkonzerf ber Berliner Dübijdjen Gemeinbe für bie Winferljilfe Zugunsten des Winterhilfswerks des deutschen Volkes veranstaltete die Jüdische Gemeinde in der Philharmonie ein Festkonzert, für das sich das Kultnrbundorehester nnteiL Generalmusikdirektor /. Rosenstock zur Verfügung gestellt hatte. Alan hörte zu Beginn Haydns Sinfonie Nr. 11)4 und konnte erneut feststellcn, in welchem Maße sielt das Orchester seit seiner Gründung entwickelt hat; trotz mancher kleiner Unebenheiten, die noch verkamen, vermochten auch die- Blaser, namentlich au ihren recht exponierten Solostellen, Ehre einzulegen. Rosenstock gab das Werk mit großer Klarheit und Beschwingtheit, aber doclt ein wenig klassizistisch; die besonders im Finale beschlossenen Gegensätze vertragen eine stärkere Hervorhebung auch in der Wiedergabe. — Auf Haydn folgte Beethoven: Konzertmeister lV///y Frey spielte die’ beiden Violinromanzen, mit weichem, schönem Ton, vom Orchester anschmiegsam begleitet. — Den zweiten Teil beherrschte Johann Strauß, und hier entfaltete Rösenstock mit den Seinen alle Mnsizierfreude und Klangpracht. Das entzückende Perpetuum mobile wie auch der Kaiserwalzer mußten wiederholt werden. Zwischendurch saug Erilzi Juki den Frülilingsstiminen-Walzer; sie bewältigte mit Leichtigkeit und Anmut ihren schwierigen Part. Der Beifall wollte nicht enden. „Kultur und Recht“ lautete das ihema eines Vortrages von Amtsgerichtsrat i. R. Bcrtkoid Herz im Berliner „Kulturbund deutscher Juden". Das außerordentlich zahlreich erschienene Publikurit folgte dein Redner auf seinem Spaziergang durch die Jahrtausende und ließ sich an allen Halteuiid Aussichtspunkten zeigen, wie überall und immer jede

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