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Jüdisch-liberale Zeitung · 1934-02-09 · 12 (9.2.1934) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
14 (1934)
Issue
12 (9.2.1934)
Date
1934-02-09
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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größte Teil der deutschen-Juden die Notwendigkeit, aus der bisherigen saturierten Bürgerlichkeit heraus/iikoinmeii —: auch hier ist es das gleiche Streben, von dein die Nichtjuden, nämlich'die des Bürgertums ergriffen sind. Das aufsteigeade Bürgertum des vergangenen Jahrhunderts war grandios, achtunggebietend in Wollen und Tun; die sattgewordenen, oft schon in Sattheit geborenen Nachfahren haben das von ihren Vätern ererbte, geistige, soziale und wirtschaftliche Out nicht erworben, so wurden sie auch zu schwach, es zu besitzen, es zu halten. Heute ist völliger Umbau notwendig. Uns Juden trifft diese Notwendigkeit ganz besonders. Denn während’’ die große Masse der nichtjüdischen „untergehenden" oder doch .onnluubediirftigen“ Kreise des deutschen Volkes an allen Schichten der Nation Rückhalt und Reserve besitzen, besteht die jüdische Gemeinschaft allzu einseitig fast ausschließlich nur aus Menschen jener hart bedrohten, immer weiter zurückgedrängten Schicht. Deshalb sind Wir auf eine Hilfe angewiesen, die immer und überall mite' Glaubensgemeinschaften üblich war. Wie wir deutschen Juden Generationen hindurch das •Hilfswerk für die Glaubensgenossen in Osteuropa führten — wohlgemerkt: auch und gerade f ii r d i e i n ihren osteurop ä i scheu Heimatl.ändcrn vet bleibenden Juden, deren wirtschaftlich e r IJ in b a u der Hauptinhalt, alles Hilfswerks war — so sind wir heute auf die Hilfe unserer noch in gesicherter Stellung lebenden Glaubensgenossen des Auslands angewiesen; ihre Hilfe muß so verteilt werden, wie wirsie brauchen, d. it.f der größte Teil der aufgebrachten Gelder für die Masse der deutschen Juden, die hier bleiben; für die Berufsausbildung und jüdische Bildung der Jugend, für den schwer kämpfenden Mittelstand, für die zu beruflicher Umstellung Gezwungenen und für die hart notleidenden jüdischen Institutionen. Dieses allem voraiizustellende Hilfswerk aber wird schwer geschädigt und gefährdet. Denn diejenigen, die selbst in dieser Zeit ihre zionistischen Partei-Interessen höher stellen als das Gemeinwohl, erzählen draußen, es habe alles keinen Zweck, die Juden in Deutschland hätten nun einmal nicht Lebensmöglichkeit noch Zukunft, kürz: - Palästina sei die einzige Lösung. Darum verlangen sie auch, dal! die Gelder, die unter der Parole der Hilfeleistung für die deutschen Juden gesammelt werden, für Siedlungen in Palästina verwendet werden sollen! Jeder nichtzionistische deutsche Jude 'und auch die Einsichtigen unter den Zionisten werden es begrüßen, daß die berufenen Führer der deutschen Juden Einspruch gegen diese Machenschaften erheben, mit denen wir - um den Ertrag der für uns veranstalteten Sammlungen geprellt werden sollen. Was aber geschieht, wenn unsere deutschjüdischen Führer feierlich ihre Stimme hiergegen erheben? Sie seien nichts wert, heißt es dann, besäßen keinen Anhang in der deutschen Judenheit, ihre Ernennung sei „nach außerjüdischen Gesichtspunkten“ erfolgt, und die ausländischen jüdischen Komitees sollten sich nur ja nach den Wünschen dieser deutschen „Juden am Rande“, dieser „entjudeten Juden“ nicht richten! Und alles dies, damit — wie Henry Sacher es im Board of Jewish’Deputies ausdrücklich beantragte — nur ja kein Geld für die in Deutschland verbleibenden Juden, sondern alles nur nach Palästina, oder zur Vorbereitung dafür, gegeben werde! Gewiß, noch haben auch wir draußen Freunde, die uns, unsere Notwendigkeiten und unsern Wert besser kennen. So ist dem Zionisten Sacher von einem andern Mitglied des „Board“, von Mr. Goodman, erwidert worden, „die deutsche Judenheit habe sich in der vergangenen Zeit in vollem Umfange an der Unterstützung aller jüdischen Bestrebungen beteiligt; sie heute als Gemeinschaft von geringem Werte zu behandeln, sei unwürdig der besten Tradition der Judenheit und des Judentums“. Wir wollen hoffen, daß so wie dieser Mr. Goodman noch viele ausländische Juden denken. Aber svir werden auch dafür sorgen müssen, daß die dauernden Herabsetzungen der deut- Palästina — Obarsaa — Ansland - UMZÜGE Möbelspeicher auch durchheizte Kabinen Carl Qeyke Nach!., Berlin 0 17 WehkuMMM» sehen Judenheit durch die oppositionelle Gruppe der Zionisten aufhört. Die Zionisten in Deutschland sollten selbst bedenken, daß sie mit solcher Art der Opposition Pfeile entsenden, die auf sie zurückprallen, „Denn allzu straff gespannt, zerspringt der Bogen, Und auf den Schützen fliegt der Pfeil zurück!“ Die Zionisten selber bringen sich ja um den Nutzen jener Sammlungen; auch von ihnen verbleibt ja der größte Teil in Deutschland. Denn Palästina, das die „einzige Lösung der Judenfrage“ sein soll, kann ja nicht nur nicht alle deutschen Juden, es kann nicht einmal alle in Deutschland lebenden Zionisten aufnehmen. Da aber den Schaden ihrer Agitation alle deutschen Juden tragen, so werden die verantwortungs- 'bewußten Führer endlich dieser brandstifterischen Selbstherabsetzung ein Ende zu bereiten haben. Da hier so viel von England die Rede war: „Charity begins at home“; aber nicht Woliltun nur, auch Säuberung muß in den eigenen | Reihen beginnen! Zum Jubiläum des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten Man muß die Feste feiern, wie sie fallen —: dies oft auf sehr gleichgültige Dinge angewandte, oft recht läppischtf Wort, darf hier einmal mit großem Ernst ausgesprochen werden. Denn wenn vielleicht, mancher meint, fünfzehn Jahre sei keine Jubiläumszahl,“so muß ein derartiger Eimvand doch sofort der Erwägung weichen, daß es keine einzige Gruppe unter den deutschen Juden geben kann, die nicht Anlaß hat, über das Bestehen und Wirken des RjF. Genugtuung zu empfinden. Nur ein ganz Weltfremder kann glauben — wie-es in den Gründungstagen tatsächlich geglaubt worden jst — eine besondere Zusammenfassung der jüdischen Frontkämpfer des deutschen Kriegsheeres sei unnötig. Die Entwicklung hat gelehrt, daß jene -10 Männer int Riecht waren, die 1910 zur Erinnerung an ihr gemeinsames Fronterlebnis die kameradschaftliche Gemeinschaft gründeten, aus der der Reiclisbund jüdischer Frontsoldaten mit seinen heute 30000 aktiven Mitgliedern licryorgcgätigen ist, zu denen in den Sportbünden und ähnlichen Sondergruppen noch etwa .'weitere 10 0(10 in.den. Bund Eingegliederte kommen, so daßjnan sagen darf, er hat-sich seit seiner Gründung vertausendfacht. Doch gilt das nur der Zahl -nach; an Ansehen, an Autorität und Wirkensweise ist - die Vervielfältigung sicher noch viel größer. Überall, ja, wo Menschen aus einem gemeinsamen Mittelpunkt des Fuhlens und 'Erlebens heraus sich zueiuanderfinden, legen sich ihre Kräfte nicht einfach zusammen nur, sondern stärken sich aneinander.. Gerade im Falle der j'üdischen Frontkämpfer .muß“ ‘diese Zusammenfassung aufs äußerste begrüßt werden. Nicht nur ist ja das Fronterlebnis so ungeheuer tiefgreifend, daß eine darauf sich stützende Gemeinsamkeit fester hält als manche andere, sondern diese Gemeinsamkeit macht auch nicht, halt vor konfessionellen und rassischen Grenzen, und so ist es gut und nützlich, daß eine Sjelle da ist, die zu jeder Zeit daran erinnert: Wir Juden waren auch dabei. „Daher hatte es seinen Wert und Sinn“,.schreibt Rabbiner Dr. Leo Bacck, . der aus Anlaß dieses Jubiläums seinem Namen die Bezeichnung „ehemaliger Feldrabbiner der Armee Kluck und Armee Scholz“ hiiizufügt, „daß der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten geschaffen wurde. Das war keine bloße Vereinsbildung; er war nicht ein Verein .noch mehr zu so vielen hinzu. Er war auch kein Ghettogebilde Und der Bundesführer . Dr. Leo Loe wens teiii wendet diesen Gedanken ins Positive, indem er das Ziel des Bundes formuliert: „Im Bewußtsein des Stolzes auf unseren jüdischen Stamm und Glauben und in heißer Liebe zu unserer in zwei Jahrtausenden angestammten deutschen Heimat zu voller und ehrenhafter Kameradschaft und Befrie- ■ düng mit unserer deutschen Umwelt zu gelangen.“ Diesem Ziel zuzustrebeh scheint gerade der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten besonders berufen. Das beweist sein in den letzten Jahren oft bewährtes mannhaft-entschlossenes Tun. Und die besondere „Kategorie“, der seine Mitglieder angehören, bürgt dafür. Gewiß ist es wahr, daß viele gegen ihren Willen oder zufällig — weil sie nicht felddiensttauglich waren oder zu spät geboren würden — nicht Frontkämpfer-sein konnten, und, begreiflich ist -es, Stadtrat Georg Leß,. der neue Vorsitzende der Synagogengemeinde Breslau (Vgl. den Aufsatz in Nr. S der „J.-l. Z.“ vom 26. Januar) daß alle diese es als ungerecht empfinden, wenn sie wegen eines solchen unverschuldeten Mangels in irgendwelcher Hinsicht weniger gelten sollen. Aber doch ist es so, daß denjenigen, die in schwerster Zeit das Leben einsetzen konnten, auch am ehesten das Leben gewonnen sein wird. Darum sind sie heute unsere Vorkämpfer und darum ihr Jubiläum ein Fest aller deutschen Juden. Keine staatlichen Zuschüsse für Rabbiner . Im Badischen Gesetz- und Verordnungsblatt wird ein Gesetz verkündet, wonach in Zukunft die Rabbiner der Israelitischen Landessynagögen und ebenso die freireligiösen Prediger keine staatlichen Aufbesserungszuschüsse mehr er- Tagung des Weltverbandes für religiös-liberales Judentum Ausbreitung der Bewegung. — Einberufung einer Konferenz für Juli. Unter dem Vorsitz von Rabbiner Dr. Mattuck fand in London eine. Tagung der Leitung des Weltverbandes für das religiös-liberale Judentum statt. Über die Entwicklung der religiös-liberalen Bewegung in Holland berichtete Heinrich Stern, der dieses Land im Auftrag der Exekutive des Weltverbandes besucht hatte. Hierauf beschäftigte sich die Leitung mit einem ■ Bericht der jüdisch-liberale.n Gemeinde von Melbourne. ■ Von Margarete' Goldstein lag ein Bericht vor über die von ihr in Mitteleuropa durchgeführten Organisationsarbeiten, insbesondere über ihre Tätigkeit, in Budapest, wo sie eine Anzahl von Versammlungen abgehalten hat, die zum Teil für die jüdische Bevölkerung im allgemeinen, zum Teil nur für jugendliche Kreise veranstaltet wurden. Bedeutsame Arbeit im Sinne des religiös-liberalen Judentums ist auch in Wien in Angriff genommen worden, wo Frau Goldr stein derzeit ihre Tätigkeit entfaltet. Aus Südafrika lag ein Bericht vor, dem zu entnehmen war, daß die neugegründete Gemeinde des religiös-liberalen Judentums in Johannisburg sich unter der Führung von Rabbi Weiler gut entwickelt. Für die Errichtung einer Synagoge wurde ein Grundstück erworben. Aus einer Reihe von Ländern, in denen vorläufig noch keine liberalen Gemeinden bestehen, lagen Nachrichten vor, daß dort religiös-liberale Gruppen in Bildung begriffen sind. Es wurde beschlossen, für den Monat Juli eine Konferenz des liberalen Judentums einzuberufen. Für die Hauptaussprache auf dieser Konferenz wurde das Thema „Judentum und menschliches Schicksal“ ausgewählt. Auf einer besonderen Tagung der Jugend- Organisationen soll das Thema „Welchen Beitrag die Juden zum liberalen Judentum liefern möchten“ unter theoretischen und praktischen Gesichtspunkten behandelt werden. Regelung und Ordnung der Äuswanderungsbewegung deutscher Juden In einer Mitteilung an die Jüdische Teiegraphen-Agentur stellt der Verband jüdischer Organisationen für Auswandererhilfe HIAS-JCA-EMIGDIRECT (HJCEM) fest, daß er sieh in der Hilfsarbajt zugunsten jüdischer Emigranten vom Augenblick des Einsetzens der jüdischen Auswanderungsbewegung aus Deutschland an in stärkstem Maße betätigt hat. In enger Zusammenarbeit mit den für die Hilfsarbeit in Frankreich, Belgien, England, der Schweiz, Luxemburg, Österreich, der Tschechoslowakei usw. gebildeten besonderen Komitees und mit seinen eigenen in zahlreichen Ländern bestehenden Komitees’ hat HJCEM alles, was ihm mit Rücksicht auf die gegebenen Verhältnisse möglich war, getan, um die Vorarbeiten für die Weiterleitung jener Emigranten zu leisten, denen dauernde Niederlassung in den Ländern, in denen sie eine erste Zuflucht gefunden hatten, nicht möglich war. Systematisch wurden Eimvanderungsmöglichkeiten für diese Emigranten gesucht. Es wurden Schritte unternommen, nicht nur in der Richtung der Zulassung von Emigranten in verschiedene überseeische Länder, sondern auch, um ihre Niederlassung in einigen europäischen Ländern, insbesondere Frankreich, Jugoslawien und Spanien; wo HJCEM im Interesse der Einwanderer neue Zweigstellen errichtet hat, zu ermöglichen. Diese Tätigkeit war besonders wichtig im Hinblick auf die die Einwanderung weitgehend drosselnden Maßnahmen, die von den Einwanderungsländern nach dem Umschwung in Deutschland getroffen worden sind. Bis zum 31. Dezember 1933 waren von den verschiedenen Komitees die Fälle von 5257 Emigranten behandelt worden. 2270 wurden nach verschiedenen Ländern weiterbefördert. Dies geschah hauptsächlich zum Beginn der Auswanderungsbewegung, in einem Zeitpunkt, da eine richtige Regelung noch nicht möglich war und die Emigranten planlos auf der Suche nach Niederlassungsmöglichkeit von-einem Land ins andere reisten. Gegen ein solches Herumreisen hat HJCEM von Anfang an Stellung genommen und die Londoner Hilfskonferenz hat sich später ebenfalls entschieden gegen diese Erscheinung gewandt, die heute bereits fast vollständig verschwunden ist. Gegenwärtig werden Auswanderer hur dann weiter befördert ' wenn vorher auf Grund einer sorgfältigen Untersuchung festgestellt werden konnte, daß in den Ländern, in die sie sich begeben, die Möglichkeit ihrer dauernden ' Niederlassung vorhanden ist, daß sie entweder von dort; ansässigen Verwandten empfangen werden oder sieh eine dauernde Anstellung gesichert haben. Nach überseeischen Ländern wurden 472 Auswanderer zu dauernder Niederlassung geschickt. 1075 Auswanderer wurden in verschiedenen europäischen Ländern untergebracht. 1440 Personen, die keine Aussicht zur Niederlassung in den Ländern hatten, in die sie gekommen waren, wurden in ihre Heimatländer, hauptsächlich nach Osteuropa, zurückgesandt. Die Kosten dieser Umsiedlungen betrugen 1097 717 Francs, abgesehen von den zum Teil durch deutsche Organisationen getragenen Kosten der Ausreise. Die 'Mittel für diese Aktion sind vom Central British Fund, vom American Joint. Distribution Committee und von dem inzwischen aufgelösten International Central Committee, das von der Jewish ’ Colonisation Association (JCA), dem Joint Distribution Committee und der Alliance Israelite gebildet worden war, zur Verfügung gestellt worden. Die Leitung von HJCEM konstatiert, daß man es heute mit einer besser geregelten und geordneten Auswanderungsbewegung zu' tun habe. Zum Zweck, die verschiedenen Aktionen zu koordinieren, wurde eine ständige Emigrationskommission gebildet, die unter dem Vorsitz von Sir Ösmond d’Awigdor Goldsmid und Otto Schiff steht. Aus ihrer Bezeichnung „German Jewish Emigration Council — -Anglo- HJCEM“ ist die enge Verbindung dieser neuen Organisation mit HJCEM zu ersehen, eine Verbindung, die auch durch die Eröffnung des Anglo-HJCEM-Büros in London verstärkt wurde. Schließlich wird hervorgehoben, daß die Arbeit zugunsten jüdischer Emigranten aus Deutschland HJCEM keineswegs davon abgehalten hat, seine-der normalen jüdischen Auswanderung gewidmete Arbeit fortzusetzen. In den ersten zehn Monaten des Jahres 1933 hat HJCEM die Beförderung und Fürsorge von 3748 Emigranten übernommen.

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