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Jüdisch-liberale Zeitung · 1934-02-02 · 10 (2.2.1934) · page 3

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
14 (1934)
Issue
10 (2.2.1934)
Date
1934-02-02
Page
– (sequence 3)
Language
German
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14. Jahrgang Nummer 10 Reifung Beilage 2. Februar 1934 Kunst und Künstler Der jüdische Künstler im neuen Deutschland Von Herbert Connor Man liebt es heute, Judentum gleichzusetzen mit seelenlosem Geist, Intellektualismus und .Asphaltliteratentum. Diese Gleichsetzung ist ebenso unrichtig wie bequem. Unrichtig, weil gerade das Mythische, Magische von jeher ein wesentlicher Bestandteil der jüdischen Seele war. Bequem, weil sie eine allgemeine Entwicklung, an. der die bürgerlichen Kreise aller Länder beteiligt waren, einer verschwindend kleinen Minderheit zur Last legte. Es geht nicht an, daß man das kulturelle Niveau einer Gemeinschaft nach ihren schlechtesten Exemplaren mißt. Gewiß gehörten zu den Exponenten jener . .Entwicklung der Nachkriegsjahre, die. in eine völlige Auflösung aller Kulturwerte einzumünden drohte, auch jüdische Literaten (Literaten, die bezeichnenderweise ihr Judentum meist zu verleugnen pflegten). Aber haben nicht auch nichtjüdische Intellektuelle an dieser Entwicklung teilgehabt? Und doch würde niemand dara'us Schlüsse auf die Beschaffenheit des deutschen Geistes zu ziehen wagen. - - Es ist leider eine alte Erfahrung, daß ein Dutzend betriebsamer Literaten mehr Aufsehen zu erregen versteht als eine Hundertschaft schöpferischer Menschen, die in der Stille wirken. Müssen wir wirklich erst an die Arbeiten eines Gundolf, eines Borchardt, eines Martin Bubererinnern, um zu beweisen, daß das moderne Judentum in vorderster Front steht im Kampf gegen einen selbstherrlichen, areligiösen Intellekt? Müssen wir wirklich an Musiker wie Artur Schnabel, Huberman und Casals erinnern, um das Märchen vom trockenen jüdischen Virtuosentum zu widerlegen? _ Nicht der Jude, sondern die Entwicklung der Zeit war schuldig an dem kulturellen Ghaos, das über die Großstädte Europas hereiribrach. Kierkegaard,, Tolstoi, Nietzsche — sie alle haben die grauenhafte Entwertung aller Werte, die Entgoltung der Natur und des Menschen vorausgesehen. Aber keiner von ihnen hat auch. nur den Schatten eines Verdachtes gegen den . jüdischen Geist als Urheber und Schrittmacher jenes Nihilismus ausgesprochen. Der jüdische Künstler, und Intellektuelle in Deutschland befindet sich heute in einer sehr merkwürdigen Situation. Jahrelang hat er vielleicht Pionierdienste geleistet für das, was man heute ein neues Mythos, eine neue Volkskunst nennt. Als Maler hat er vielleicht die deutsche Landschaft wiederentdeckt, als Musiker hat er vielleicht die Menschen zu verschütteten Quellen inneren Erlebens zurückgeführt, als Kritiker hat er vielleicht einen großen Teil'jener nicht allzuhäufigen .Begabungen mitfördern geholfen, die auch heute von allen Einsichtigen protegiert, werden. Plötzlich hat man ihn nun. ausgeschlossen und ihm gesagt: Du bist ein Rassefremder und kannst als Künstler bestenfalls das Schicksal Deines eigenen unglücklichen Volkes ausdrücken. Wenn Du jedoch deutsche Bücher schreibst, wenn Du deutsche Landschaften malst, wenn Du deutsche Musik komponierst — dann (so hieß es ja damals) lügst Du. Denn das Deutsche ist Dir etwas von Grund auf Wesensfremdes. Der jüdische Künstler kann Hierauf auf zweierlei Art und Weise reagieren: Er kann im Innersten ' verletzt und beleidigt das Land verlassen, das ihn nicht mehr unter die Glieder des eigenen Volkstums rechnen will. So haben Männer wie Artur Schnabel, Reinhardt und Schönberg gehandelt. Oder aber er meistert seinen verletzten Stolz und sagt: Auch wenn ihr mir tausendmal die Berechtigung absprecht, mich mit der Kultur, dieses Landes zu befassen, und mich einen Fremden, Wurzellosen nennt, so bleibe ich doch mit tausend Fäden an die deutsche Kultur gebunden von ihm trennen. So haben die meisten jüdischen und will lieber in diesem Lande untergeben, als mich Künstler gesprochen, obwohl man sie aus ihren Stellungen entfernte und sie außerhalb der Volksgemeinschaft gestellt hat. Sie sind im Lande' geblieben und werden im Lande bleiben, solange sich ihnen über-- liaupt noch die geringste Existenzmöglichkeit bietet. Von diesen letzten will ich sprechen. Ihr Los ist traurig und hart. Zum Teil leben sie bereits in großer Dürftigkeit, zum Teil haben sie durch den „Kulturbund“ und ähiiliche Organisationen eine Existenz- und Wirkungsmöglichkeit gefunden. Viele, viele tausende sind auf die Hilfe der Wohlfahrtsämter angewiesen. Gelegentlich finden sie, meist unter den größten Schwierigkeiten und auf Umwegen, noch irgendeinen Verdienst in ihrem Fach. Aber mag es' .ihnen im besten Falle auch noch gelingen, ihre primitivsten Lebensbedürfnisse zu befriedigen — sie sind entwurzelt. Man hat sie aus der Gemeinschaft ausgeschlosssen. ' Dieses Gefühl des Ghettodaseins ist es, das auf dem jüdischen Künstler heute mehr lastet als auf jedem anderen deutschen Juden. Der künstlerische, reproduzierende oder schöpferische Mensch bedarf, .um wirken zu können, der Resonnanz, der Gemeinschaff. . Findet er kein Echo, dann erlahmen seine Kräfte. Sein Geist beginnt,- wie ein Kreisel um sich selbst zu tanzen. . - Man hat den Juden oft seiner Empfindlichkeit; seiner leichten Verletzbarkeit wegen verspottet. Diese seine Sensibilität ist nur eine Folgeerscheinung seiner Egozentrizität. In diese Ichbezogenheit aber stößt ihn . mit Macht seine Umwelt hinein, heute mehr denn jemals. Wie aber soll jemand zu gesundem Wirken in der .Welt, in Her Gemeinschaft gelangen, wenn man ihn dauernd aus dieser Gemeinschaft entfernt? Wie soll jemand schöpferische Kräfte entfalten, wenn man ihm jede Möglichkeit der Wechselwirkung mit seiner Umwelt nimmt? Und doch: Es gibt einen Weg auch für den jüdischen Künstler, siefi auch heute in Deutschland zu behaupten und sich Geltung zu verschaffen. Es;ist ein schwieriger Weg, ein Weg, der. sehr viel Selbstbeherrschung und innere Würde verlangt, aber ein- Weg, der einmal eingeschlagen, mit Notwendigkeit zum Ziele führen muß. Man kann diesen Weg nicht nennen, man kann ihn nur umschreiben. Es ist der Weg der allmählichen Anpassung an:die Forderungen der Zeit, ein Weg, der fortführt von Spitzfindigkeiten und Intellektualismen zu einer allgemeingültigeren, gebundeneren Kunst. Es ist vielleicht ein Weg, der manches persönliche Opfer zu Gunsten der Gemeinschaft fordert, in der wir leben. Aber es ist ein Opfer, das sich lohnt. Denn es geht um Sein oder Nichtsein. .Sich anzupassen, ohne sich aufzugeben — das ist der Weg des jüdischen Künstlers im neuen Deutschland. Viele brauchen den Weg nicht mehr zu gehen, denn sie sind ihn seit Jahren vorangegangen. Aber die anderen — sie sollten endlich ihren Glauben an eine absolute Kunst, an. eine Kunst für einige wenige. Eingeweihte aufgeben und ihn eintauschen gegen den Glauben an eine gottgewollte Gemeinschaft, an eine Gemeinschaft, die -'jenseits aller menschlichen-allzumcnschlichen Wertungen immer bestanden hat und immer bestehen wird. Wenn so der jüdische Künstler von sich aus den Nachweis dafür erbracht haben wird, daß er bereit ist, am Neuaufbau einer au ihrer eigenen Morschheit und Gottlosigkeit zerfallenen bürgerlichen Kultur mitzuarbeiten, wird man wühlauch von der anderen Seite nicht umhin können, seine Leistungen als für deiv Bestand der Gemeinschaft nützlich, ja notwendig anzuerkennen und dem jüdischen Künstler im öffentlichen Lehen den Platz einzuräumen, der im. gebührt. Der Kulturbund deutscher luden — sein Wachsen und Werden Von Elty Hirschfeld Im „Berliner Thriller“, dem alten Haus in der Cliarlutteustralle, das mit der Theatergeschiclile Berlins auls engsle verbunden ist, residiert jetzt der ..Kulturliimd deutscher Juden"! Wer aller etwa erwartete, dall diese jüngste Kulturreichen Unzulänglichkeiten in dem iimmiderueii (irtiiiudc /u beseitigen, sich auch mir .bequeme Biirorfuimc „mit Komfort" fangen. Das Gegenteil tritt überall zutage. Man erkennt, dall der Charakter der Notgemcinscliaft durchaus gewahrt wird, dall der Bund sich unter die Devise „Sparen" gestellt hat. Offen und läuferlos zeigen die viclhcgaiigcncn Treppen ihre starke Abgenut/theit: an der ursprünglichen /iinmereinteilimg ist nichts geändert worden, und einfache Kokosmatten ersetzen nicht vorhandene teure Teppiche. Den Verwaltungsdirektor Dr. Werner l.evie finde ich frierend in seinem grollen Arbeitsraum — seit zwei Tagen versagt dort die Heizung. „Wir werden doch wohl die Hcizungsanlagcn im ganzen Hause untersuchen müssen, um herauszubekommen, woran cs liegt“, gibt der untersuchende Monteur gerade sein Cutachten an, als ich ins Zimmer trete. „Nein, das geht auf keinen Fall, das würde vielzuviel kosten“, 'wehrt Dr. Levie beinahe entsetzt ab, — eine kleine Szene, die für diesen Mann, den Herrn über Organisation und Verwaltung im Kulturbund, sehr charakteristisch ist. .Er gehört, zu den drei Mitarbeitern Dr. Kurt Singers (Julius Bab und Regisseur Kurl Baumann sind die beiden anderen),, die ihm bet der Verwirklichung seiner Idee, den deutschen Juden einen geistigen Mittelpunkt zu schaffen, von Anbeginn zur Seite standen. Und wie Dr. Singer selbst, den man mit Recht als den „Vater“ des Bundes bezeichnen kann, kennt die .selbstlose Arbeitsfreudigkeit und Hingegebenheit an das Werk 'auch bei seinen ■ Mitarbeitern keine Grenzen. - Während Dr. Levie mit mir spricht, mich einen Blick in das Werden und Wachsen dieses geliebten Werkes ..tun .läßt, merkt man, daß., er das kälte Zimmer über der Freude und dem großen Erleben, das sein Wirken und Schaffen ihm immer aufs neue schenken, vergessen hat. Der Aufbau Mitte Juni vorigen Jahres wurde mit dem Aufbau des Kulturbundes deutscher Juden begonnen — ohne einen Pfennig Kapital — allein im Vertrauen auf den Ceineinsinn der Glaubensgenossen und ihren unerschütterlichen Willen, sich die _ Güter deutscher Kultur nicht nehmen zu lassen, und schon am 1. Oktober konnten 10U00 Berliner Mitglieder des Bundes die unvergeßliche Eröffnungs-Vorstellung des „Nathan" miterleben. Im gleichen rasenden Tempo, mit dem im Anfang gearbeitet wurde, ist die Kulturgemeinschaft gewachsen. Am 1. November zählte die Mitgliedschaft bereits 16.000 — am 1. Januar aber war sic auf 20 000 gestiegen! Dieses rapide Anwachsen der Mitgliederschaft erteilt der Schöpfung und den an ihrer Spitze stehenden Persönlichkeiten die Zensur: „Vortrefflich — Ihr seid auf dem richtigen . Wege!“ Und der sozial empfindende' Mensch — jeder von uns sollte es sein — wird mit Befriedigung erfahren, daß der Kulturbund Anfang Oktober schon 116 Mitarbeiter, heute jedoch 214, außerdem ein ständiges Orchester von £'~ 37 Personen, beschäftigt. Alle, auch das künstlerische Per- V sonal, tnit festem Vertrag angestcllt. Aber die Gehälter müssen . "" sehr niedrig gehalten werden; eine „Notgemeinschaft“ kunn naturgemäß kaum über Gagen hinausgehen, die'mehr als, das . Existenzminimum betragen. Wenn mir erlaubt wäre, aus der .j- Schulc zu plaudern und Zahlen der Einkünfte zu nennen, die der Kulturbund seinen Leitern zugesteht, die beinahe Tag und Nacht fiir ihn arbeiten, so würde ich wahrscheinlich keinen Glauben finden. Bedenkt man aber,., was für erhebliche ™ ß X A U H “v t N l U U BEGINN 1.FEBRUAR ■weit unter Preis ■pornaori Modellpaare

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