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Jüdisch-liberale Zeitung · 1934-02-02 · 10 (2.2.1934) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
14 (1934)
Issue
10 (2.2.1934)
Date
1934-02-02
Page
– (sequence 2)
Language
German
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daß inan die Führer.einer großen jüdischen Bewegung an den — jawohl, wir sagen es deutlich —: Realwert der Religion erst noch erinnern muß? Dann sollen sie, die mit den Grundsätzen der französischen Revolution gebrochen haben und. dennoch gleich ihr die Religion für wertlos oder für nur symbolhaft halten, an ein Wort denken, das Von einem der härtesten Kämpfer gegen die französische Revolution stammt, von dem liberalen englischen Schriftsteller Edmund Burke, der 1700 schrieb: „Wir wissen.und, was noch besser ist, wir fühlen, daß Religion die Grundlage der bürge r 1 i ch eil. G es el 1 sc ha f t und die große Quelle alles Segens und Trostes in jeder menschlichen Verbindung ist.“ Und noch eiii anderes Wort möge hier Platz finden, ebenfalls von einem Engländer des angeblich so gründlich überwundenen 18. Jahrhunderts: „Die Religion ist die einzige Gewähr, daß der Mensch ein Mensch sei, sie die einzige Stütze, die den Menschen über sich selbst erhebt“ — es scheint, der christliche Dichter Edward Youhg hat vor hundcrtuiidncunzig Jahren den Geist der jüdischen 'Bibel besser erfaßt als unsere allermodefnsten, allein - positiv-jüdischen Juden! Wenn die Religion dem Menschen tfaltung, Stärke im Tun, Kraft iin Leiden, Rechtlichkeit und Liebe iin Handeln, Duldsamkeit im Umgang verleiht,'wenn sie zu allem und jeglichem im Leben Antrieb und Grundlage ist —: hat man da ein Recht, sie als nur symbolhaft und negativ hinzustellen? Aber, so wird gefragt, wo sind die Leistungen, die aus solcher Gesinnung doch notwendig hervorgehen müssen? Nun, auch hier soll, jeder Modeströmung entgegen, geantwortet werden, daß diese Leistungen vorhanden sind und —'dauern werden! Wir wollen uns doch ja davor hüten, daß wir nicht selber eine Urteils'weise uns zu eigen machen, unter der wir selbst so sehr leiden müssen: Wie wir Juden nicht nach den Schlechtesten unter uns beurteilt werden wollen, .so dürfen wir auch nicht die Generation vor uns nach ihren schlechtesten Vertretern beurteilen. Der „Jude am Rande“ ist nicht der Vertreter der jüdischen Generation vor uns; er ist ja nur Mitläufer und Anhängsel, sonst nichts. Charakteristisch für die Juden der hinter uns liegenden Zeit’ sind vielmehr alle diejenigen, die in Werken des Geistes und der Wissenschaft, der aufbauenden Organisation und der praktischen sozialen Hilfe Unvergängliches geleistet haben —: das J ahrhundert der Emanzipation Vergessene Maxime . Handle .so,- dal! die. Maxiine deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung // gelten könne"; diesen als „katliegorisclier Impera-- tiv“ berühmt gewordenen Ausspruch Kants haben wir Juden bekanntlich in ähnlicher Fassung: „Was du nicht willst, das man dir tu, das füg’ auch keinem andern zu!", sagte Hillel, .und obwohl dieser Satz im Deutschen ein Vers ist und sich reimt, ist er so gut wie wörtlich aus dem Hebräischen fibersetzt. - Warum wir ihn hier zitieren? Zum Zwecke rechtzeitiger Warnung. Der Leser erinnert sich an die ausgezeichneten Arbeiten des Herrn Dr. Heinrich Kahn auf dem Gebiete der Eignungsprüfung. Gerade für die jetzt im Vordergründe jüdischer Aufgaben stehende Berufsberatung und Berufs- Umschichtung sind ja derartige psychoteclmisclic Eignungsprüfungen von fundamentaler. Bedeutung, damit niemand einen Beruf ergreife oder gar in vorgerücktem Alter auf einen Beruf sich umstelle, für den ihm die körperlichen und seelischen Vorbedingungen fehlen. Die Forschungen, deren Ergebnisse die nahezu völlig sichere Beratung bei der Berufswahl ermöglichen, können nicht hoch genug bewertet werden! \ Diese praktische Anwendung and Anwendbarkeit eines fruchtbaren Zweiges der Wissenschaft sollte jedoch nicht . dadurch entwertet werden, dall mau eine theoretische Anwendung versucht, die unerwünscht und bestimmt auch unhaltbar ist. Uns ging ein Bericht über einen Vortrag in der „Arbeitsgemeinschaft jüdischer Wissenschaftler“ zu, in dem als ^Ergebnis .der jahrelangen Seclenforsclmng festgestellt „Der Westjude - zeichne sich aus durch schärfere ‘ Sinnestätigkeit (insbesondere Visualität) im Denkprozell, größere Anpassungsfähigkeit und längeres. Bew;ahren einer seelischen Jugendschicht, wodurch er dem Ost jade» über- : - legen sei und sich in die westeuropäische Kultur eingliedern Um es mit einem Wort zu sagen: Wir Westjuden glauben : das nicht! Zwar geben auch wir uns der Zuversicht hin, „daß das deutsche Judentum seine gegenwärtigen Nöte . überstehen werde", aber auf unsere „experimentell nachgewiesene Überlegenheit gegenüber dem Osljudeh“ möchten wir unsere Hoffnung : nicht gründen. Zu sehr haben wir darunter gelitten, dal! J andere von der Unterlegenheit oder überhaupt von Eigenschaften „des" Juden sprachen, als daß wir nun, ebenso verallgemeinernd, vonfEigenschaften „des" Ostjuden sprechen Achten. Gerade wir, die im Bereiche politischer Fragen \(ft und so nachdrücklich darauf hinweisen, dall zwischen Nudern UIK[ Ausländern unterschieden werden muß; gerade ITr-die wegen dieser Stellungnahme es auf uns nehmen 5tcii, daß man .uns deshalb oft als „Feinde“ der Ost- Jen hinstelltc, gerade wir wollen diesen Vortrag als Anlaß ,./ der Erklärung benutzen, daß wir uns nicht für jrchgängig Besseren lind Tüchtigeren halten — so v “--'vjjir die „schlechteren Juden“. Es gibt, das ist unsere -’impi. Überzeugung, 'hüben wie drüben Weise und Toren, "—*—d Xnechte, Heilige und Sünder, und wer an " __i wissen, daß wir die Verallgemeinerung, die aihheilvdtl zu unserm Schaden sich auswirkt, auch dann nicht i schätzen, wenn sie uns über ändere erheben will. Denn.diese lArideren wäreil damit uns gegenüber herabgesetzt. Was wir ■i nicht wollen, daß es uns getan werde, das möge auch nicht t u'Ttnserem Namen andern zugefügt und gar „Wissenschaft: Micfi-STbegründet; werden. Die psvchoteclmische Wissenschaft iÜsöllSbei'lhrem Leisten bleiben und alle, die ihrer bedürfen, Kbei^der*Benifswahl beraten —: dann tut sie Unzähligen Gutes SSmäVflieinandem Böses. Leopold Nathansohn. wird n ic h t als das des „en t ju'd e t e n Jude n“, einer der schöpferischsten Zeitabschnitte in der Geschichte des Judentums künftigen Geschlechtern bekannt werden! In ihm erfolgte die Vermählung des Judentums mit der modernen Kultur und Zivilisation; durch Berührung mit der allgemeinen Wissenschaft erwuchs die Wissenschaft des Judentums, die modernen Rabbinerseminare in aller Welt mit ihren berühmten Bibliotheken und Akademien sind ihr Zeugnis und ihre Frucht. Zugleich erfolgte die geistige Neuformung des altjüdischen Gutes: die modernen jüdischen Sakralbauten werden noch auf lange kulturgeschichtliche Denkmäler jener Zeit sein, da die jüdische Religion aus der Hintergasse in die Vorderfront der Hauptstraßen des Lebens trat —: hier liegt ein „Symbol“ vor, das länger dauern wird, als die sich träumen lassen, die Palästina - Überssa - Ausland -ü=- iwzrr.n _■». Möbelspeicher auch durchheizte Kabinen Carl Deyke Nachf., Berlin 0 17 wIicMms über Orgclgottesdienste und deutsche Predigt billige Späße machen. Die Einordnung in das allgemeine Leben aber brachte die Neuordnung des jüdischen Lebens mit sich: die neuzeitlichen Gemeinden und Gemeindeverbände entstanden, die großen, das Judentum vertretenden Organisationen und . weltumspannende jüdische Hilfs- und Aufbauwerke. Und die Gemeinden selbst wurden ausgebaut: Werke der mildtätigen Liebe nicht nur, sondern der schöpferischen Hilfe wurden ihnen eingegliedert — man schaue einmal nach, wieviel Altersheime, Waisenhäuser, Krankenhäuser, Schulen, Jugendheime, BerufsausbiP dungsstätten in Berlin und jeder jüdischen Gemeinde während der vielgeschmähten „liberalen Aerä“ errichtet wurden, indessen die Zionisten mit hochklingenden Reden fruchtlose Opposition trieben. Die Gemeindeführer aber seien, so sagt nun wieder Kurt Blumenfeld,nicht nach ihren jüdischen Qualitäten ausgewähft“ Worden, sondern „außerjüdische Gesichtspunkte,' soziale Geltung und Reichtum der Betreffenden“ wären maßgebend gewesen. Sonderbar nur, daß solche Nichtskönner so Unvergängliches leisteten! Was hätten wohl Andre vollbracht— — glaubt man wirklich, wenn man die Gesamtverhältnisse jener Zeit überdenkt, diejenigen. Menschen, für die Kurt Blumenfeld „jüdische Qualitäten“ in Anspruch nimmt und auf die auch wir mit Ehrerbietung und Achtung blicken, glaubt man, sie hätten in jenen Zeitläuften für die jüdische Sache je etwas erreicht? Und so ganz ünjüdisch können die „Männer der liberalen Aera“ wohl nicht gewesen sein, sonst würden wohl z. B. nicht-die Juden in England, Frankreich, Skandinavien, Nord- und Südamerika und Südafrika sowohl in jüdisch- Wissens ch aftl i ch er als auch in jüdisch-orgzwifs«- torischer Hinsicht Deutschland als das Mutterland des gesamten modernen Judentums, deutlicher .ausgedrückt, das deutsche Judentum als die Muttergemeinschaft des modernen Judentums aller Länder ansehen und verehren. Daß sie es tun, weiß jeder, der nur ein -einziges Mal mit Juden des Auslands in Verkehr getreten ist! Die Kraft der Religion ist eine reale Macht. „Wer die ungeheure Bedeutung der Religion unterschätzt, der arbeitet trotz aller Aufklärung nur dem Aberglauben in die Hände.“ Dieses Wort des deutschen Philosophen Leibniz, des Zeitgenossen Spinozas, möchte man allen zurufen, die heute unter der Fahne eines nationalen Judentums „außerjüdische Gesichtspunkte“ ins Judentum tragön; sie in Wahrheit sind die Assimilanten an eine dem Judentum abgekehrte Zeit und Welt, . geben sich dem Trug und Traum hin, als Nation unter den Nationen werde Israel auf eigener Scholle leben. Wahrlich, ein hohes Ideal, das greifbare Ideal jedes wirklichen Volkes. Aber eine Illusion für Israel, das ja kein Volk und dessen Funktion in der Menschheit eine gänzlich andere ist als die eines Volkes. Deshalb wollen wir — aus Religion und um der Religion willen — mit allen Kräften daran arbeiten, daß die Juden zu einem Auf- und Umbau ihrer Existenz gelangen, und gewiß müssen sie in ganz viel andrer Weise als bisher mit der Wirklichkeit des Le-' bens, mit dem Boden und der Arbeit der Hand vertraut werden. Diesem Ziel dienen die großen neuen ■ Gründungen, die gerade in den letzten Jahren, ganwbesonders aber in den hinter uns liegenden schwerer? Monaten entstanden sind und — ohne Wortschwall aber mit Zähigkeit und Erfolg — in der Stille wirkten-.. Das aber bedeutet nicht Zurückführung Israels in ein eigenes Land, zu einem eigenen Volkstum, wie die Illusion dieser Tage lautet, die undurchführbar ist und deshalb notwendig einmal in Unglück enden muß; sondern es bedeutet Fortführung einer Entwicklung, die durch die Jahrtausende reicht und unvergänglichen Idealen entspricht. Auch wir Religiösen, und gerade wir, wollen leben: ein vom Gottesgeist geordnetes allgemeines Leben, in dem auch jeder von uns an dem ihm durch Geburt und Schicksal zugewiesenen Platze leben wird: „von Illusionen frei, den Idealen treu!“ Die Kündigung nichtarischer Angestellter Wie „B. Z. am Mittag“ meldet, wird das Reichsgericht demnächst in seiner amtlichen Sammlung die für die Frage der fristlosen Kündigung nichtarischer Angestellter maßgebende Entscheidung des Reichsarbeitsgerichts veröffentlichen. In Übereinstimmung mit Äußerungen des Reichsmuusters Frick und mit Erlassen des Reichswirtschaftsninnsters sowie des Reichsarbeitsmmisters geht das Rcichsarbeitsgericht von folgendem Gesichtspunkt aus: Für das Gebiet des Wirtschaftslebens bestellt kein allgemeiner Grundsatz, daß bei der veränderten Einstellung des nationalen Staates und des deutschen Volkes gegenüber dein Judentum jeder Angestellte nichtarischer Abstammung fristlos entlassen werden könne. Nur unter besonderen Umständen sei eine Weiterbeschäftigung des nichtarischen Angestellten dem Arbeitgeber nicht zuzumuten, es.komme dabei auf den einzelnen Tatbestand an. Das Reichsarbeitsgericht kommt in seiner Entscheidung zu diesem grundsätzlichen Ergebnis mit folgender Erwägung: Die Reichsregierung habe genau bestimmt, in welchen Fallen Dienstverhältnisse mit'nichtarischen Personen zu lösen seien, so bei Reichs-, Staats- und Kommunalbeamten, den Angestellten und Arbeitern der öffentlichen Unternehmungen. Weitere Bestimmungen seien für die Rechtsanwälte und Patentanwälte, Ärzte, Zahnärzte, Zahntechniker, Handelsrichter, Schöffen, Geschworene, Arbeitsrichter, Steuerberater und andere Berufszweige erlassen, bei denen die Öffentlichkeit des Berufslebens eine besondere Rolle spielt. Essei aber Unzulässig, diese gesetzlichen Bestimmungen analog auch auf völlig anders geartete Arbeitsverhältnisse ohne weiteres anznwenden. Hierin würde ein gesetzgeberischer Akt liegen, für den allein die Reichsregicrung selbst zuständig ist. Zugehörigkeit zur jüdischen Rasse — kein Grund zur fristlosen Entlassung ’ Urteil des Breslauer Landesarbeitsgerichts Zu der Frage .der Entlassung jüdischer kaufmännischer Angestellter fällte das Landesarbeitsgericht Breslau eine neue Entscheidung von grundsätzlicher Bedeutung'. Eine früher in jüdischem Besitz befindliche Breslauer. Einzelhandelsfirma, gegen die im Zusammenhang ..mit der Boykottpropaganda besonders heftige Vorwürfe erhoben wurden, war von dem Inhaber verkauft worden. Der neue Inhaber, Mitglied der NSDAP, übernahm zunächst die über zwanzig jüdischen Angestellten der Firma. Im Herhst vorigen Jahres fand man in einem Ladentisch Hemden einer kommunistischen Organisation und' stellte in den Toiletten hetzerische Inschriften gegen den Reichskanzler fest. Daraufhin entließ der Inhaber fristlos sämtliche jüdische Angestellten. Das Arbeitsgericht entschied zu ihren Gunsten. Das Landesarbeitsgericht kam zu dem gleichen Ergebnis mit folgender Begründung: Die Zugehörigkeit zur jüdischen Rasse allein sei kein Grund zur fristlosen Entlassung. Als der Beklagte das Geschäft übernahm, habe er gewußt, daß eine größere Anzahl jüdischer Angestellter vorhanden war. Er habe ihnen nicht gekündigt, sondern Monate hindurch mit ihnen zusammen gearbeitet, ohne ihre Entlassung in die Wege zu leiten. Der Beklagte könne sich jetzt nicht mehr darauf berufen, daß die jüdischen Angestellten dem Gedeihen des Geschäftes schadeten. Er mußte, nachdem er das bis dahin jüdische Geschäft mit dem vorhandenen jüdischen Personal übernommen hatte, mit der Möglichkeit gewisser Schwierigkeiten rechnen. Er könne die Folgen dieser Schwierigkeiten nun nicht einseitig. auf die übernommenen jüdischen Angestellten abwälzen. Auch die Auffindung der Hemden und der Schmutzinschriften sei phot. A. Kikoler Das Jüdische Museum zu Berlin, das jetzt ein Jahr besteht (Blick einen Saal)

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