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Jüdisch-liberale Zeitung · 1934-01-26 · 8 (26.1.1934) · page 3

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
14 (1934)
Issue
8 (26.1.1934)
Date
1934-01-26
Page
– (sequence 3)
Language
German
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„Wege im Judentum“ Zu Leo Baecks neuer Bekenntnisschrift*) Von Rabbiner Dr. S. Samuel Der Verfasser des Buches „Wesen des Judentums“ hatte das Verdienst, eine wenig begangene, für prosaisch gehaltene Landschaft wieder zu entdecken und in ganz neuem Lichte zu zeigen. Mit seinen .Aufsätzen und Reden“, zumeist aus dem letzten Jahrzehnt, erweist er sich als Führer zu weiteren, überraschenden Aspekten. Daher Wege im Judentum; aus seinem vielgestaltigen, inneren Leben heraus; daher die Motive: Vom Glauben; Bindungen und Wege; Geschichte, und Kampf; Ziel und Widerstreit, — und in seinen repräsentativen Gestalten; daher: Menschen und Geschicke; Hochschule und Akademie. Es zeugt für die Geschlossenheit seines Hauptwerks, daß fast alle Themen des neuen Buches dort schon anklingen; zugleich für das unermüdliche Vorstößen in sämtliche Fragenkomplexe einer völlig veränderten Zeitlage, denen sich der Verfasser hier gewachsen zeigt. Er gibt Rechenschaft auf die Fragen; Behalten die von mir herausgearbeiteten Wesensbestimmungen des Judentums ihre Gültigkeit? Was habe ich'der deutschen Judenheit in der neuen Situation zu sagen? Wie stellt sich mir religiös-liberales Judentum dar? Während das Hauptwerk : Leo Baeck erst in die vorderste Reihe unserer Theologen stellte, redet und schreibt in der neuen .Sammlung der anerkannte Führer vor der breitesten Öffentlichkeit, in der Schule der Weisheit, in maßgebenden Zeitschriften, vom erhöhten Katheder. Die Wesensbestimmungen des Judentums, der Glaube an Gott, an den Menschen. und an die Menschheit kehren hier wieder. Aber welche Vertiefung erfahren sie! Das erste Urgeheimnis, das sein Glaube an den Juden heranbringt, ist der Schöpfergott. Die Wirklichkeit dieses Ausgangs aller Dinge aus einer Schöpfung ist' ihm nicht ferner oder dunkler, als sein eigenes Sein; sein Hirn, sein Herz, sein Arm. Und das andere Geheimnis ist seine Ausstattung mit eigener Schöpferkraft, die ihre Richtung aus Gottes Gebot empfängt, und die sich doch im Menschen „sehr nahe“ als das große, ethische Gebot der Pflicht ankündigt. Und ein letztes ist die Messiasidee, nicht als Erlösung vom Willen überhaupt, sondern vom falschen Willen; d. h. als Versöhnung des Menschen, der Völker und der Menschheit mit den Absichten und Zielen Gottes. Das Ziel für uns in allen Spannungen und Kämpfen ist die Verwirklichung des Gottesreiches; es Dies;;aug, Wc; Seelische Winterhilfe Von Max Gundersheint, Leiter der Abtlg. Winterhilfe der Jüd. Gemeinde zu Berlin Es ist eines der tiefsten Wesensmerkmale unserer jüdischen Religion, daß sie nicht nur alle Gebiete des Lebens, sondern auch den ganzen Menschen umfaßt. So ist es auch eines ihrer wichtigsten sozialen Gebote, nicht nur für den Körper und seine materiellen Bedürfnisse, sondern auch für die Seele und den Geist zu sorgen; sagt doch schon der Prophet Jesaia: „Das ist ein Fasten, wie ich es begehre; Lösen die Bande der Unterdrückten;' aüfrichtert den Go beugten und sich nicht seinen Nebenmenschen entziehen“. Die Jüdische Gemeinde zu Berlin hat, eingedenk ihrer sozialen und religiösen Aufgabe, heben ihrer umfangreichen Winterhilfe, die ihre hilfsbedürftigen Mitglieder vor Hunger und Kälte bewahren soll, auch eine Einrichtung geschaffen, die dazu dienen soll, für Seele und Geist ihrer Hilfsbedürftigen zu sorgen. Diese seelische Winterhilfe trägt das Motto „Freude' im Winter“, das allein schon Sinn und Inhalt In den größten Synagogen finden, wöchentlich in je einem Bezirk, Konzerte statt, zu denen erste Künstler ihre Kräfte ehrenamtlich zur Verfügung gestellt haben. In großen Sälen verschiedener Bezirke werden bunte Abende veranstaltet, an denen Musiker, Tänzer, Rezitatoren, Zauber- und Varietekünstler die Zuhörer und Zuschauer mit ihren Künsten, erfreuen. In großen Kinotheatern in verschiedenen Stadtgegenden .werden Freivorstellungen für jüdische Hilfsbedürftigegegeben. Das Schönste aber sind die Kindernachmittage, an denen die Kinder durch Darbietungen unserer Jugendbünde,.durch Volkstanz, kleine Theaterstücke, sportliche Vorführungen .und andere der kindlichen Seele gemäß schöne- Dinge erfreut werden. Alle diese Veranstaltungen werden nicht nur dazu beitragen, das Band, das die Jüdische Gemeinde mit ihren Mitgliedern verknüpft, fester zu schlingen; sie werden auch — — so hoffen wir — dazu beitragen, von der Not und Sorge des Alltags bedrückte Menschen wieder aufzurichtcu und ihnen neue Kraft und heuen Lebensmut für ihr Dasein zu geben. und .Vollendung' erfährt bei Baeck gegenüber der Antike, dem Christel , .... über Chinesentum und Buddhismus. Sie kann sich nur-verständlich machen in einer überwältigenden Fülle von Antithesen, lehnt aber jede Dogmatik ab. Sie bekennt sich zur Paradoxie als der Ueheneindung der Widersprüche, die nur in der Abstraktion der Gedanken bestehen, in der Religion aber zur Einheit werden. Paradoxie ist überall da, wo Ewiges im irdischen sich offenhart, Leben zugleich Geschaffenes ist, und doch auch Schaffenskraft, d. h. Freiheit hesitzt: in. unserm verleiht: und In unserm Tode, den'wir selbst zur Wiedergeburt in einer höheren Ordnung der Dinge gestalten können. Mau lese die lichtvolle Abhandlung „Tod und Wiedergeburt," die sich zur Einführung in Raecksche Gedankengauge besonders empfiehlt, und man wird ihre, Wahrheit zugleich mit ihrer Kühnheit bewundern. Diese Kühnheit erschreckte den bedeutendsten katholischen Rezensenten unseres Verfassers, Pater Erich Przywara (in den „Stimmen der Zeit") so sehr, daß er aus dem ganzen Bekenntnisbuche nur das „Nein Israels gegen Christus“ hörte, „weil es selbst Christus sein will." Er sieht die feierliche Objektivität des Wesens des Judentums entzwei reißen, .„wie der Vorhang des Tempels, und es steht da der Mensch des dämonischen Risses zwischen Titan und Ahasver“. Wir danken im-Gegenteil Baeck für seine Erleuchtungen; wir verspüren keine Dämonie, sondern Harmonie; und unser Platz ist nicht zwischen Titan und Ahasver, diesen chaotisch-höllischen Mißgetalten, vielmehr zwischen Abraham und Hiob, der gläubigen und der ringenden Gottesliebe. Viel hat Baeck sodann der Judenheit in ihrer neuen Situation zu sagen. Wegbereitend ist sein Aufsatz „Geist und Blut“. Blut ist, was durch Vergattung entsteht; Leistung kann auch das Werk einer Maschine sein. Beide eignen auch dem Tiere. Geist erscheint erst im Menschen; er ist etwas Religiöses, Ebenbild Gottes, ist Jugend; der polare Gegensatz, zum Blute. Durch den Geist geht eine Art über sich hinaus. Und dies schon in der einzelnen Familie. Gerade in 'ihr sollen Persönlichkeit und Individualität geschützt und geformt werden. Besaß der Jude Im Mittelalter seit seiner gewaltsamen Ablösung vom väterlichen Boden nur das Ghetto als irdische Heimat, so soll er jetzt die Gemeinde als seine religiöse, den Staat als seine bürgerliche Heimat schätzen. Gemeinde scheidet sich von Kirche, weil sie nichts von Macht an sich hat1, sondern mir Kraftquelle der Seele sein will. Den Staat aber, diesen Humusboden jeglicher Kultur, kann das Judentiiiirnicht ohne soziale Gerechtigkeit denken. Daher lehnt Baeck den Materialismus eines Marx ebenso ab wie den Nationalismus eines Treitschke. Der Geist der Wohl fahrt soll auch an den Staat herantreten; denn sie ist mehr als Wohltun, das oft an die-Sielle der Gerechtigkeit tritt, und mehr als Interesse, das ami eignen seine Grenze findet; sie reicht ins Religiöse. iV>a\ Genie billigt Baeck etwas Revolutionäres zu, weil cs n Mittelpunkt bildet. Den Völkern aber nicht mciir'oeii Krieg, obwohl Menschen (auch Judei») mit demehrlichen Gedanken der Pflicht in ihn hinauszogen. Der ’ Krieg, sagt er (in der Rede „Friedensbahn und Friedensziel") ist kein Weg, sondern ist nur eine Richtung der Gewalt. Gewalt führt nie über sich hinaus . . . sie führt zur Gcgciigewalt, ob diese nun sich im Verüben oder im Erdulden zeigt. Das hebräische Wort „Schalom“ spricht etwas Posi- Bejaliendt " ' ' ' t Siind Selbstsucht, Härte mit in das Juden ti auf. t Baeel Das n Sichbcsinnen in andrer Welt, .-r Zeit, diesem Siclizuriiekholen .Judentum darf sich einen wichtigen Anteil daran beimessen. Wi daß Baeck dem ganzen Judentum augeliört; dennoch unserm, tief im historischen Judentum verankerten, gerichteten Liberalismus am meisten. Baeck warnt voi merischer Ghetto-Romantik, obwohl er auch das bl dimgsjudcutum mit seinem Dünkel, Witz und Von seinem Philistertum rastloser Geschäftigkeit und sich , Vergnügungen geißelt. Er ist nicht nur der älteren Kabbala abhold, sondern scheidet auch in dem modern gewoi Chassidismus Echtes von Unechtem. Er erkennt der .1 dieser „Gewißheit unmittelbarer Verbindung mit Gott' ii Asphalt pt'l Schule Maßgebliches Jugend wie-über C-izieuung unserer jugeiui, wie iuicr uie au stellenden, Anl'ordcriingciu Vondiesem vcrl " Von hier aus erhält aber auch das ältere Geschlecht seine Wegrichtuug. Hacek weil! I U^tl tk Ir \ I und begünstigt auch den Pionier des jungen Palästina und nimmt an den Sorgen um den Fortbestand des natürlichen, volkhafteu Trägers' der jüdischen Idee tatkräftigen Anteil. kommt bei ihm nicht vl , Er verlangt noch heute, daß wir als Juden Bürger zweier Welten sein, sollen, wohl wissend, daß in die irdische auch die Kultur. derjenigen Nation hiiicinrcicht, der wir eingegliedcrt sind. Wir müssen auch der' „horizontalen Linie" unserer Kiiltiirziisammeuhaiige Rechnung tragen mul dennoch die uns gebührende, seelische Sonderart hüten und pflegen. Baeck ist einer der Wenigen, der uns in der heutigen Notzeit nicht wegen unserer Verluste mul Entstellungen anklagt, sondern Worte der Bewunderung für die im Kern gesund gebliebene Gemeinde übrig hat, da sie seit der bürgerlichen Emanzipation einen „Klimawechsel" überstehen mußte, der eine weniger gefestigte Gemeinschaft vernichtet hatte. *) Schocken-Ver! Zahlenmäßiger und wirtschaftlicher Niedergang der Wiener Judenheit Der von der Wiener Israelitischen Kultusgemcinde veröffentlichte statistische Ausweis für die -Zeit von Anfang Januar-bis Ende November 1033 zeigt eine erschreckende Abnahme der jüdischen Bevölkerung. In den erwähnten elf Monaten-waren unter den Wiener Juden 25)1 Sterbefalle mul MIO Austritte zu .verzeichnen; dem stehen im ganzen 857 Geburten mul JJ(> Eintritte bz.w. Wiedereintritte gegenüber. Die Abnahme macht also gilt (>5"„ der Zunahme aus, die Geburtenzahl ist etwa, I auf tUUU. Auch die Ehemul Scheidungsstatistik weist auf eine Krisis hin. Man zählte in der elfmonatigen Periode 085 Ehen und 3Uh Scheidungen.. Von den aus dem jüdischen Rcligionsverbande Ausgetretenen waren nur 20»> Kultusstciierzahler; die Flucht aus dem Judentum stellt also in keinem Zusammenhang mit der Besteuerung. Die: -verminderte Heiratslust, der starke Geburtenrückgang und die Obcrhaiidnahnic der Scheidungen sind hauptsächlich auf die zunehmende Verelendung der Wiener, judenheit zurückzuführeu. — Zahnarzt er. Werner Gesucht ü . _ Zimmer, -tnöbl., Küchen; ben. oder, entsprech. Wohnung, Ww. bezw. Zhz. per. I. 4. von berufstät. Eliep. bis 6«,—. Oute Fahrverbdg. Off. unt. C 306 an die „Jüd.-lib. Ztg.", Chadbg. 4. Wenn" Sie i Xfteatex,Haüaxctt, Hino B..B, öfrufine und (faxeitC Uf 15. Täcjlich (außer Freitag) 83° Uhr abds. Prager konferiert das neue Kabarett - Programm am Flügel: Erich Ronis Kapelle: Jade Polisdiuk ü. folg. Donnerstage, t Sonnabend u. Sonntag 4,30 Tanz-Tee Vorverkauf täglich 11—1 Uhr an der Kasse und Abendkasse (J 1 Bismarck 6979) ,AHOI‘ r Ansbacher Straße 46 Das originellste Hafen- Restaurant d. Westens Erstklass. 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