Mannheim
Compact Memory

Jüdisch-liberale Zeitung · 1934-01-09 · 3 (9.1.1934) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
14 (1934)
Issue
3 (9.1.1934)
Date
1934-01-09
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2613366-2613519-2613521--4669-2616379
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

14. Jahrgang Nummer 3 3üQifd)-nbetflle 5ei(ung Beilage 9. Januar 1934 Weiß man um Joseph? Sucht man nach einem Beweise nicht nur für die Allgemeingültigkeif und Unerschöpflichkeit der _ Bibel, sondern auch für die Tatsache, daß die Heilige Schrift wirklich das Buch ist, aus dem uns Menschen und insbesondere uns Juden immer wieder neuer Lebensauftrieb geschenkt wird, so möge man einen Blick in den Anfang des zweiten Buches Mose werfen, der gerade in voriger Woche in den Synagogen öffentlich verlesen wurde. Aber diese öffentliche Verlesung — wie oft ist darüber geklagt worden — erfolgt in Formen, die den Inhalt verloren gehen lassen, und da überdies diese Form leider die einzige ist, in der. viele Menschen heute überhaupt noch das Bibellesen kennen, so folgte aus dem öffenltichen Mißstand ein geheimer, dessen Wirkungen aber viel weiter reichen: man hat sich daran gewöhnt, die Bibel für ein verstaubtes Buch zu halten, und nur wenige wissen noch, daß sie allezeit das aktuellste aller Bücher ist. Wer aber kommt heute auf den Gedanken, wenn er in einer Mußestunde „nach einem guten Buche greifen“ will, die Bibel zu wählen? Man möge es versuchen, und man wird finden, daß oft in wenigen Zeilen alles das zusammengedrängt ist, was wir Menschen heute erleben und was über unser Leben zu sagen ist. ' „Da kam ein neuer König auf in Aegypten, der wußte nichts von Joseph“ — ist das' nicht, als sei es für uns geschrieben? Daß unsere Eltern und Voreltern seit Generationen auf deutscher Erde beheimatet sind, daß wir seit deal Befreiungskriegen, also mindestens in fünf Feldzügen mit Glut und Blut für Deutschlands Ehre und Wohlstand eingetreten sind, daß wir ebensoviel Generationen hindurch kulturell und wirtschaftlich gleich allen andern Bürgern am friedlichen Aufbau Deutschlands mitgewirkt haben — all das scheint in der Tat vergessen zu sein oder hat doch zumindest nicht, ausgereicht, um. uns nach einem so tiefgreifenden politischen Umschwung, wie es der des Jahres 1933 war, vor Verkennung zu bewahren. Man sieht nicht mehr die geschichtlich feststehenden Leistungen, mit denen die Juden sich die Emanzipation erworben hatten, sondern lediglich das sieht man, daß durch eben diese Emanzipation Juden auch in leitende Stellungen .gelangt sind, und man sagt nun wie damals: „Das Volle der Kinder Israels wird uns zu viel und zu mächtig!“ Wie steht es aber in der Tat? Die alten Hebräer hatten in Aegypten nur eine einzige Provinz inrie, und wir Juden in Deutschland bilden noch nicht ein einziges Prozent der Gesamtbevölkerung. Und was fürchtet man von uns? Zur Zeit der ägyptischen Antike hieß es: „Wenn sich ein Krieg erhöbe, möchten sie sich zu unsern Feinden schlagen und wider-uns streiten.“ Die moderne Meinung über uns Juden ist nicht viel anders: teils hat man uns eine bewußt deutschfeindliche Gesinnung nachgesagt, und zum andern Teile spricht man von dem zersetzenden Einfluß des Judentums auf das Deutschtum. Wir aber meinen, soweit Juden wirklich zersetzend gewirkt haben, waren es solche, die. vom Geiste des Judentums nicht einen Hauch mehr in sich trugen (wie auch die zersetzenden Arier, die es ja ebenfalls gibt, die unchristlichen sind); und wir meinen weiter, daß je mehr der einzelne unter uns vom Geiste des Judentums beflügelt wurde, desto mehr er dann auch beitragen konnte zum Aufbau .der Gesamtheit, und es bleibt bis auf den heutigen Tag die ärgste Verkennung unseres Wesens, wenn man glaubt, wir Juden würden in Krieg oder Frieden jemals uns „zu den Feinden schlagen“. Es darf angenommen werden, daß der Zustand, in dem die Nachkommen Jakobs und Josephs in Aegypten ' gelebt haben, dem der Emanzipation in unseren modernen Ländern sehr ähnlich gewesen ist. Diese Analogie ist nicht nur wissenschaftlich belegbar, sondern sie ist auch in dichterischem Nacherleben mehrfach ausgewertet worden, denn es gibt mehrere Moses-Romane, in denen die. Stellung der Hebräer innerhalb des gesamt-ägyptischen Volkes sehr ähnlich geschildert wird wie.die des heutigen jüdischen Bürgertums in den Westländern, ja es gibt sogar das Werk eines antisemitischen Schriftstellers, fn dem Joseph so deutlich als ägyptischer Minister geschildert wird, daß man fast glauben könnte, einen Schlüsselroman aus den ersten Nachkriegsjahren vor sich zu sehen. Jene vierhundert Jahre in Aegypten muten' unsalso an wie die erste „Diaspora“ und wie die erste Emanzipation. Und es war damals wie heute: die Hebräer selbst wußten nichts von einer „Diaspora“, von einer Zerstreuung oder „Galuth“; sie fühlten sich in Aegypten, dem ihr Stammvater unschätzbare Dienste geleistet hatte, völlig heimatberechtigt, ihre Gleichberechtigung und dementsprechend auch ihr Judesein war ihnen durchaus problemlos bis zu dem Augenblicke, da von außen her die Problematik an sie herangetragen wurde, da der politische Umschwung ihnen alles an äußeren und inneren Gütern nahm, was ihnen bis dahin als selbstverständlicher Besitz erschienen war. Freilich: die Geschichte wiederholt sich nicht — das Wort „Geschichte“ hier als äußeren Ablauf des Geschehens genommen. Jener — wir gebrauchen hier bewußt wieder den modernen Ausdruck — erste Rückschlag der Emanzipation diente dazu, daß ein Judentum überhaupt erst ' geboren " wurde,"find-wirkönnenheute nicht die Konsequenzen ziehen, die Mose einst gezogen hat. Innerlich jedoch ist der Mensch zu allen Zeiten derselbe, und so gibt es denn doch in einem ganz anderen Sinne auch eine Wiederholung, eine Wiederholung der psychologischen Situation und Wirkung. Es ist — von führenden Männern des neuen Deutschland, aber ganz ebenso auch von Juden selbst — oft darauf hingewiesen worden, daß die Katastrophe, von der wir deutschen Juden iiti Jahre 1933 betroffen würden, so sehr wir sie als Katastrophe ansehen, doch weit hinter dem zurückbleibt, was Juden zu anderen Zeiten an Unglück zu tragen hatten. Die Fron nun in Aegypten und der Raub der Söhne Deutsch-jüdische Künstler in Luxemburg Luxemburg, Anfang Januar l'l'll. Luxemburgs niclitjüilisctn- Bevölkerung nimmt fast in gleichem Malle wie die jüdische au dem Schicksal der aus Deutschland auswandernden Juden Anteil: Natürlich sind die Möglichkeiten der praktischen Hilfe in einem kleinen, iuilllim Menschen fassenden (ireu/laud sehr gering, /umal es ja liehen der Landeshauptstadt Luxemburg und der führenden Stadf iles Indnstriebeckens Eseli nur ein halbes Dut/eud gröllerer Orte gibt. Im Sommer ist die Lage wesentlich besser, »veil Luxemburg als Touristen- und Fremdenland voii Jahr zu .Jahr einen stärkeren Ruf bekommt mul dadurch tlie Nachfrage nach Attraktionen auch in den Badeorten steigt. Dennoch hat m den letzten Monaten eine ganze Anzahl früher in Deutschland auftretender jüdischer Künstler hier eine Hctnligimgsiiioglichkeit gefunden. Einer tler früher maßgebenden jüdischen Schriftsteller und Künstler in Berlin, Kurl Sr/miig vom Kabarett der Komiker, hat sich hier niedergelassen, ohne natürlich die Möglichkeit zu haben, scin-licld hier zu verdienen, aber Luxemburg ist als Aiitenthaltsland sehr angeuchm. Karl - Schnog und die Kapelle' K/iin Si/«u/n«n\tirs haben sieh die Herzen der Luxemburger so stark erobert, dall man sie bereits zum zweiten Mal hier hatte. Schachmeisters. Kapelle im Gegensatz zu allen' früheren Usancen sogar zwei' ganze Monate. Haiti« HcrrnfeUi aus Berlin, .1 la.r Herr «um« der bekannte Ansager, die Kapelle freund, früher in Berliner Lokalen beschäftigt, sie alle gehen neben anderen zahlreichen jüdischen Künstlern, die sich in Deutschland nicht mehr durchschlagen können, Gastrollen. Am Luxemburger Stadttheater haben Eduard' Uchtenstein mul andere jüdische Künstler Möglichkeiten, sich zu produzieren. Bei jüdischen Ballen mul Veranstaltungen, die in den letzten Monaten stattfaudeu, hatten diese Künstler Gelegenheit, sich Zu betätigen. I )je luxcmburger Regierung beweist in dankeus..1 -'. werter Weise so den den jüdischen Künstlern, die .... gehendes Verständnis, das natürlich nie daß darunter die im Laude ansässigen Künstler wirtschaftlichen Nachteil haben. Und die jüdischen Einwohner zeigen sich für die ihren Glaubensgenossen gewährte Hilfe dadurch erkenntlich, dall sie die Lokale eifrig besuchen, in rtstien die jüdischen Künstler auftreten können.' Wer. den Abschiedsabend oder das ‘20jährige Kiinstlerjubilänm Efim Schachmeisters im Pole Nord im November mitcrlcbcn konnte, wer die Bltimeiibcrgc und sonstigen Geschenkeseiner zahlreichen Gönner und Freunde sehen durfte, der nur kann ermessen, wie sehr man hierzulande für wahre Kunst mul gute gediegene Musikleistungen Verständnis hat und dabei alle, die hier ga-_ stieren, nach ihren Leistungen und uicht nach Herkunft und Religion wertet. Luxemburg kann dadurch als deutschsprachliches Land der jüdischen Kunstlcrschaft, die ui Deutschland nur noch ganz schwache Möglichkeiten zur Arbeit hat, einen großen Dienst erweisen. g/~. „ gehört sicherlich zu dem Grausamsten, was uns Juden im Lauf der Geschichte angetan wurde. Und dennoch wird man in dem biblischen-Bericht kein Wort 'des-Hasses finden^ des Hasses, der ja gegenüber den Aegyptem .nur menschlich begreiflicher Vergeltungstrieb gewesen wäre, Haß mit Grund und Ursache — doch fehlt er .völlig, von jenem grumtlosen Hall, den mau „alttestamentarisch“ und jüdisch nennt, dahcr: völlig zu schweigen! Nein, die jüdische Psyche-reagiert anders. „Nur weil du Edom bist, darf ich Jaakob.sein“, läßt Richard Beef-Hofmann-deiTErzvatersprechen; das ist in Wahr-' heit die Sprache des Judentums. Deutschland bleibt uns das Vaterland, auch wenn es „nichts von Josejih weiß“ und uns nicht als das erkennt, was wir. doch sind: seine Kinder. Der biblische Bericht schweigt von Aegypten und. den Aegyptcrn; nur wie Jsraef in der neuen Situation sich zu verhalten hat, nur davon „C n A R L O T T“ NEUZEITLICHE BILDNISKUNST DRTRAT . TANZ . MODE; HEIMAUFNAHMEN V 50. MARBURQERSTR. 11 Atelier f. vornehme Wascherei u. Feinpianerei!• Sorten Zigaretten Der elegante Handschuh Ernst Gieloff BERLIN w 15 Briefmarkensammlungen^ INI. Kramerski, T8Ä,r Mitglied des jüdischen Handwerkervereins i Berlin W 57, Winterfeldtstr. 24. Tel.: B 7 Pallas 3297 . - 3a9ca '— , bei Jkraz SinRCLufkn. das führende OtUfuzCrn. Zb&gpa. AstttfN» SCHÖetsBena ~ Hau&strf6i £mp§ePdetit>ti>erte ^risiersaCetts Die moderne Zeit verlangt von einem jeden sorgsamste Pflege des Äußeren, zu der an erster Stelle eine kleidsame und individuelle Haartracht gehört. Nachstehende Firmen gewährleisten wirkliche Qualitätsarbeit auf dem Gebiet der Haar- und Schönheitspflege. S7/xr STiris Salon Gadikaul Otto Bromberger I s ^'"“rrteigrkun»«' Berlin W 15, Knesebeckstr. 30I22 ISiräungspiiuT’ “i «ntofri jMeranerstr. 2, Ecke Bayer!»eher Platz \ Martin Lirthorstr. es Salon „Marion“! joImbms Km», oibiii Inh.: C. Becker, | Original - Marril- ChuhtlatUm, Jlno men- und Herren-Friseur PariserStr. 18a EckeSächslscheStr. I .viZm f w. iww J 2 Oliva 6237 Zeitgemäße Preise | Fernruf c » ring,mm aex- Beziehen Sie sich auf die Jüdisch-liberale Zeitung“. Das natürliche Kohlensäurejl DA bad im eigenen Heim UtJU Voller Ersatz dar «euren Badereisen tAz Verteilungsstelle Berlin: Leopold Simon, ' "V* BiUowstr.il. Verlangen Sie unverb. Verlreierbesuch Drucksachen nur _ SONNINDBKKIMI Bln.-Charl. 4, Welmarerstr. 18, CI Steinplatz 1128 _ William H. Silberstein Architekt — Immobilien — Taxen Berlin W 15, Paderborner Straße 1 Offeriere I. Hypotheken zu 5</2 and 97 Auszählung Kaufe u. verkaufe gute Rentenhäuser im festen Aufträge Kaufe und verkaufe jeden Posten gebrauchte deutsche Eierkisten Kistenvertrieb Friedrich Lehmkuhl Reinickendorf-West, Spandatier Weg fehem. Munitionsanstalt) . Ttltfoa D» Rtlalcktaderl IW» NEON IEUCHIROHREN INDUSTRIE EIEKTROWERKSTATTEN ln«. Rieh. Ehrhardt Spezialfabrik v. Leuchtröhren - Eigene Laboratorien u. Glasbläserei Rep. elektr. Apparate und Maschinen - Moderne Lichtreklamen Berlin N 54, Schönhauser Allee 6-7 - Fernspr. D I Norden 0783 87^^86584442409^

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.