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Jüdisch-liberale Zeitung · 1934-01-05 · 2 (5.1.1934) · page 4

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
14 (1934)
Issue
2 (5.1.1934)
Date
1934-01-05
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Zum Tode von Jakob Wassermann Von Dr. Ludwig Davidsohn, Berlin I T ni'Iiirk auf Unglück geht über uns hernieder! Noch I I gerade bei der Silvesterwende, am Schluß eines der W bittersten Jahre jüdischer Geschichte, kommt die erschütternde Nachricht aus Österreich, daß das deutsche Judentum ebenso wie die deutsche Literatur einen unersetzlichen Verlust erlitten hat: tler grolle Erzähler Jakob Wassermann ist plötzlich gestorben. Als Sechzigjähriger, mitten ans vollem Schaffen heraus. Auf der Höbe seines Könnens und seines Ruhms. Mit umfangreichen Werken beschäftigt gewesen, die erst seine ganze, überragende Meisterschaft zeigen sollten. Der einzige grolle (lettische Komanz.icr der Gegenwart, der überhaupt einen Vergleich' mit den nichtdeutschen Riesen Posiojewstii und Ilalzar aiishält, obwohl er sie nie ganz, erreicht. Und gleichzeitig ein aufrechter, bewußter, „ganz, und gar jüdischer "Jude“, dessen Werk von dem wahren Wesen jüdischer Geistigkeit -und Ethik Zeugnis ablegt und noch in kommenden Zeiten abiegeti'wird! Es ziemt sich nicht, an der Bahre dieses einzigartigen Mannes abwägeu zu wollen, was von der unübersehbar grollen Menge seiner Werke, Romane, Novellen, Essays, Gedichte und Dramen bleiben wird, und was davon vergänglich ist. Der Geist, der seine Bücher erfüllt, hat Ewigkeitswert, wird fortnirken, wird den Total einreiben unter die besten deutschen Dichter des zwanzigsten Jahrhunderts und wird zeigen, was „der Jude“ und zwar gerade als Jude und als deutscher Jude PEiu qualvoll um die höchsten Werte des Menschenlebens ringendes Ethos erfüllt alle seine Schriften, überall fühlt man -eine schmerzvolle Sehnsucht nach einem neuen, besseren, sittlich höherstehenden Lehen. Der Kampf um Verwirklichung des Rechts und der allumfassenden Menschenliebe auf Erden ist der goldene Faden, der sich durch alle seilte Dichtungen zieht. Immer wieder überkommt ihn eine unsäglich-quälende und aufwühlend-erschütternde Bitterkeit, wenn er das ewigunausrottbare Unrecht in der menschlichen Gesellschaft sieht und darstellt. Er will, als geborener Ethiker, dem verfaulten, „I f| Iiikeulosen und .geniillsiichtigcn Bürgertum unserer Zeit zu"grauenhaften Visionen, die-sieh einem wie ein Albdruck aüfs Gemüt legen, und deren Eindrücke man nie riiehr loswird. Und bald erweitert sich seine Gesellschaftskritik zur umfassenden Kritik unserer ganzen furchtbaren Übergaugs- Er hat eine unendlich,schwere und trübe Jugend durchgemacht. In seinem Buch „Mein „Weg als Deutscher und Jude“ hat er sie uns erzählt. Frühzeitig —'-*- — J-n ergleicltliches,', ursprüngliches, Fabuliertalent. verliehen war, und mit einem ja geradezu genialen Fleiße „verwirklichte e abfeißendes lermttdlichen, Dein gesamtes Hab und Gut . bringt sie um die Ecke — Rekordpreise sogar in das Ausland — auch über weite Meere sicher, unbeschädigt, pünktlich! £chläi'seKazah]t Die internationale Spedition SirM?' F ‘ 8* - ölzs GUTKIND & CO. Komme überall hin Bertin W 62, Kftickreathitraße 14, B 5 Barbaroua 3191 r Dar-. wie Goethe sagte, schrieb er über 40 umfangreiche Werke. Seine ersten großen Romane handelten bezeichnenderweise von jüdischer Erlösungssehnsucht („Juden von Zirndorf“, „Renate Fuchs“ usw.). Dann kamen die glühenden Schilderungen von Alexanders Zug durch die Wüste, von denen Teile einst in den deutschen Schullesebüchern abgedruckt wurden. Das Geheimnisvoll-Unbewußte, Religiös-Mythische Stellung. Viele jüdische Menschen, gute und i durch seine Erzählungen. Die gesamte deutsche Literatur hat nicht viel Künstler hervorgebracht, die so reichhaltig-bunt und so ununterbrochen, mit solch nie erlahmender Phantasie, so „erzählen“ kc wie Wassermann. Diese beispiellose Fälligkeit verführ: allerdings auch mitunter zu breiten „Reportageromanen“, die nicht frei sind von ärgerlichen und ungenießbaren Sensationen. Aber mit einem heiligen, geradezu ergreifenden künstlerischen Ernst arbeitete er Zeit seines Lebens an sich selbst, stellte er an sich die höchsten Ansprüche lind versuchte in unermüd- , liebem, schwerstem Ringen, „das“ literarische Kunstwerk, das ganz reine, makellose, bleibende Kunstwerk zu bilden. Und dieses inbrünstige und gewaltige Ringen - nicht, du segnest mich denn“ — wurde bei einzelnen Höhepunkten seines Schaffens belohnt! in unvergeßlicher Eindringlichkeit hielt er in dem Meisterwerk „Kaspar Hauser“ symbolisch der Menschheit ihre schwerste Sunde vor, die Würze! alles Bösen auf Erden: die „Trägheit.des Herzens“. Etwas von der ethischen Glut des alttesiamentlichen Prophetismtts — „. . . deinen Nächsten, wie dich selbst . in Wassermann wieder lebendig geworden. Ganz hochstehende, unangreifbare, jenseits aller- Kritik stellende Kunstwerke gelangen ihm mit einigen v—:— Novellen. „Sturreganz“ ist ebenfalls ein ragendes Meisterwerk. Unvergänglich und einzigartig in seiner verhaltenen, seelischen Wärme, seinem anklägerisch-ethischen Fanatismus und seiner stilistischen Vollendung. Ebenso bleibend tt“-' u . tend wie etwa „Michael Kohlhaas“ von Kleist. Die antijüdisclte literarische Bewegung der letzten Zeit hat versucht, auch Jakob Wassermann undeutsches Wesen vorzuwerfen, obwohl ausdrücklich und bewußt die meisten seiner Bücher vor dem Autodafe im Frühling 1933 bewahrt blieben. Wahr ist, daß das den Juden seit je zugefügte Leid ein überaus schmerzliches und das ganze Wesen des Dichters ergreifendes Echo in seiner Seele ausgelöst hat. Dieses Unrecht an den Juden hat ihm Schilderungen und Formulierungen eingegeben, deren aufreizender Zefquältheit sich niemand entziehen kann. Solche wehen, vergrämten Klagen sind allerdings nichtjüdischen Schriftstellern, die einen derartig furchlbaren seelischen Druck nie kennen lernten, „In den verzweifelten Tagen meiner Not“, schreibt Wassermann in seiner Selhstbiographie schon 1920, als er von seinem Kummer über den Antisemitismus Spricht, „hatte COÜO Earf.-i Coto“ne Puder Zu haben in ollen einschlägigen Geschälten Möbel- Kamerling ich die wunderliche Gewohnheit, jeden Morgen zum Kirchhof zu wandern und die in der Leichenkammer zur Schau geteilten Toten zu betrachten. — So ist mir auch heute oft. Es ist mir, als wäre nur bei den Toten Gerechtigkeit zu finden gegen die Lebenden. Denn was diese tun, ist ganz und gar unerträglich!“ Jetzt ist Jakob Wassermann dort, wo ihn das von den Lebenden allerorts und zu aller Zeit verübte Unrecht nicht mehr quält. ' j Wir deutschen Juden werden einen Dichter vom Range Jakob Wassermanns so bald nicht mehr Wiedersehen. Denn mit überragenden Menschen ist die Natur wahrlich nicht allzu verschwenderisch. Der einzige Trost, der uns bleibt, ist, daß der Künstler sein . Hauptwerk quantitativ und qualitativ so ungewöhnlich reich „in die’ Scheuer“ gebracht hat. Aber eine ganz, besondere Trauer bleibt doch wiederum:,; Wassermann hatte einen großen, viele hundert Seiten langen Judenroman aus der Gegenwart“ unter der Feder. Er hatte ihn längst konzipiert und in Umrissen entworfen, wollte ihn aber nach den Ereignissen des letzten Jahres noch ausbauen und dem veränderten Zeitgeschehen anpassen, um unsere kränke Zeit an Hand der Judenfrage mit ewig-gültigen, sittlichen Forderungen zu konfrontieren. Uie Gedanken und Pläne' zu diesem Werk, das nach seiner eigenen Angabe sein größtes und tiefstes werden sollte, hat er nun mit ins Grab genommen ... des rumänischen Ministerpräsidenten Die Ermordung des Ministerpräsidenten und Führers der Liberalen Partei Ion G. Duca, der am Abend des 29. Dezember von dem der Eisernen Garde angehörenden Studenten Nicolai Ccnstantmescu durch mehrere Revolverschüsse getötet wurde, hat in ganz Rumänien tiefste Bestürzung und ungeheure Aufregung hervorgerufen. Der Mörder Ducas erklärte beim ersten Verhör, er habe den Ministerpräsidenten erschossen, weil dieser Rumänien an die Juden und die Freimaurer verkauft habe; er bereue seine Tat nicht. ' , Ducas aus Gründen der öffentlichen Sicherheit gegen die extremistischen Organisationen, insbesondere! die Eiserne Garde, getroffenen Maßnahmen wurden in detf diesen Verbänden nahestehenden Kreisen fälschlich als Ausfluß einer einseitig judenfreundlichen Politik gedeutet. In Wirklichkeit hatte Duca es nicht nur streng vermieden, Anordnungen zu treffen, die die von antisemitischer Seite erhobenen VoAvürfe als gerechtfertigt hätten erscheinen lassen können, softdeyn er hat sogar anläßlich der letzten Wahlen das Ersuche Wer beiden größten jüdischen Organisationen des Landes, »er Jüdischen Reichspartei und der Union rumänischer Juden, ihnen je zwei Mandate auf der Regierungsliste zur Repräsentanz der fast eine Million zählenden jüdischen Bevölkequng Rumäniens zuzuteilen, abgelehnt, so daß die rumäipcKhe Judenheit, die zweitstärkste Minderheit Rumäniens, ohne;Vlne ihrem freien Wunsch entsprechende Vertretung im rumänis£Ben Parlament geblieben ist. Zum Grundsatz der Gleichber.ejLf1' tigung aller Bürger ohne Unterschied von Rasse und Bekenn**, nis hat sich Duca allerdings anläßlich der Regierungsufjhl* nähme ausdrücklich bekannt. m\ Anläßlich der Ermordung des Ministerpräsidenten Duc» wurden in sämtlichen Synagogen Rumäniens Trauergotjfesl dienste abgehalten. In der Bukärester Hauptsynagoge Mein der Repräsentant des jüdischen Kultus im rumänischen Senata Oberrabbiner Dr. /. Niemirotver, eine Gedenkrede, in derejrg u. a. erklärte, Duca, der auf dem Gebiete des Geisteslebens^ und einer fortschrittlich orientierten Politik als Held gegoltene: habe, sei nunmehr zum Märtyrer seiner Überzeugungen ge- ’ | <£fteatctf Hattcviett, Hino ftuftttc und (fyiottt ui 15. Joachimsthaier Straße 13 Täglich (außer Freitag) 83° Uhr abds. Neues Kabarettprogramm -Willy Prager konferiert Alten Blendo, Klaus Brill. Else Oution. Hedl Baas. Martin HeltnBr.'Häria Schapiro. Heinz SchDnteid u. Beatrice Ulagnaiier am Flügel: Erich Ronis Kapelle: Jack Polisdiuk Donnerstag. II. Januar ü. folg. Donnerstage, chm. 4,30 Uhr Sonnabend u. Sonntag 4,30 Tanz -Tee Vorverkauf (J1 Bismarck 6979) täglich II—I Uhr an der Kasse und Abendkasse Ins Cafe Leon! 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