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Jüdisch-liberale Zeitung · 1933-12-22 · 36 (22.12.1933) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
13 (1933)
Issue
36 (22.12.1933)
Date
1933-12-22
Page
– (sequence 2)
Language
German
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wir die führen, auf die einzuwirken wir imstande sind. Und dabei-müssen wir noch eins wissen: nur diese Verzauberung in uns selbst wird uns auch befähigen, den Kampf um das deutsche Land, um den deutschen Menschen zu bestellen. Denn gegen das, was heute in Deutschland geschieht, gegen die Ablehnung unseres Wollens, am deutschen Aufbau mitzuarbeiten, helfen keine Bekenntnisse und keine Verhandlungen. Hier \vird! dem Glauben, dali jahrhundertelanger Dienst an einer Sache eine so innige Beziehung herslelle. dali der Diener mit ihr ganz verwachsen werde, der Glaube an Herkunft und Blut gegenübergestellt. Und wir werden uns nur dann auf. deutschem Boden wieder für die Zukunft behaupten können, wenn es uns gelingt, unseren Glauben an das Recht dessen, der da gedient hat, so stark hei ausströmen zu lassen, dali er überall fühlbar wird. Das aber is^t nur dann möglich, wenn aus uns heraus die feste (iewilflieit strömt,, dali dieser Glaube siegen wird, eine Gewißheit, die zuletzt nur durch die eigene Verzauberung zu erreichen ist, die uns wie Schlafwandler über Abgründe und Untiefen hinweggehen läßt. Wir wissen, 'daß unser Wollen und Streben aus Tradition, Geschichte, Sein und Werden tiefe Verankerung und Begründung findet. Aber wir dürfen niemals vergessen, daß wir nur insolch felsenfestem Glauben den sicheren Weg in die Zukunft finden können. Hans Sumter. Palästina - Qharsaa - Ausland IhWZrtiK Möbelspeicher auch durchheizte Kabinen Carl Deyke Nachf., Berlin 0 17 „Wir wollen stützen!“ , Berliner Jüdische Gemeinde für das Winterhilfswerk des deutschen Volkes Im dritten Buch Moses steht geschrieben: Wenn 'dein Bruder neben dir wankt, so stütze ihn! Wir '' wollen stützen!“, dieses Wort des Gemeindevorstehers Herrn Moritz Rosenthul bildete den Auftakt der machtvollen Kundgebung,' die die Berliner Jüdische^Gemeinde für das Winterhilfswerk des deutschen Volkes veranstaltete. Mehr als 2500 Menschen füllten den riesigen Marmorsaal, und zwei andere Kundgebungen ebenso ganz 'großen Stiles im Friedrichsbain und im Lehrervereinshaus werden folgen. Erlesene Kunstgenüsse geben d _• i Rahmen, richtungweisende Reden deuten den Si : i dieser Veranstaltungen. An dem Winterhilfswerk ues deutschen Volkes werden nach Weisung des Kanzlers alle Deutschen ohne Unterschied der Konfession und Rasse beteiligt; es ist selbstverständlich, daß die Jüdische Gemeinde, wie in allen früheren Wintern, auch in diesem Jahre sich für die Aufbringung der Mittel des .allgemeinen Winterhilfswerkes .einsetzt. Mit vollem Rechte sprach daher Herr Rosenthal von dem Winterhilfswerk des deutschen Volkes als yon unserem Winterhilfswerk, und in der Rede des Gemeindevorsitzenden, Direktor Heinrich iSltiltl, 'wurde d'er Gedanke ausgesprochen, daß die Sozialarbeit dasjenige Gebiet sei, auf dem zuerst die Verständigung zwischen Juden und Nichtjuden in Deutschland sich wieder anbalmeu werde. Das kam auch äußerlich dadurch zum Ausdruck, daß Vertreter der . N.S.-Volkswohlfahrt der Kundgebung beiwohnten. So ist diese Kundgebung, über ihren sozialen Zweck hinaus, auch insofern von Bedeutung gewesen, als’ sie alle Anwesenden mit neuer Hoffnung und Zuversicht erfüllte. keit haben, mit unseren Mitbürgern zusammenzuarbeiten. Ist es vielleicht vermessen, wenn mich diese Zusammenarbeit, die einträchtig und verständnisvoll vor sich geht, ziu der Hoffnung bewegt, dali sie einer verständnisvolleren und gerechten Beurteilung der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland durch alle unsere Mitbürger den Weg bereiten könnte. Ist es doch unser aller Wunsch, dali bei dem Neuaufbau des deutschen Volkes, den die Reichsregierung so erfolgreich begonnen hat, den deutschen Juden die Möglichkeit gewährt werden möge, ohne jede Diffamierung ihrer Abstammung mul Gemeinschaft in Ehren und Würden sich einzureihen in die neue Ordnung des deutschen Volkes und der deutschen Wirtschaft, und dali hierdurch die. Voraussetzungen sichergeslellt werden, dali die Werte und Begabungen, die. in den jüdischen Menschen ent- Am Schlüsse seiner Rede sprach der Gemeindevorsitzende von den sozialen und kulturellen Leistungen, die die Gemeinde für mre eigenen Glaubensgenossen vollbringt. Nach seinen mit Begeisterung aufgenonimenen Ausführungen nalin üemeinderabbiner Dr. Martin Saiomnnshi das Wort zi religiösen Ansprache, in der er in Anknüpfung an das t.llanukkahfest und unter Hinweis auf Episoden der preußischjüdischen Geschichte den Gedanken der Wohlfahrtspflege in der Bibel, insbesondere am Beispiel der Josephserzählung, erörterte und an das Wort: „Zedokoh tazz.il mintowess“ erinnerte. ' In der großen . Pause zwischen den Vorträgen und den Darbietungen des Kulturbundocchestcrs machten Sammelbüchsen des Wiutcrhilfswcrks die Runde. Ein sorgfältig zusammengestelltes musikalisches Programm, von dem Orchester des Kulturbundes der deutschen Juden unter Leitung von Generalmusikdirektor Joseph Rosenstock, der Konzertsängerin Frau Paula Lindberg und dem Konzertsänger Hermann Schey in künstlerischer Vollendung ausgeführt, gab dem Abend den stimmungsmäßigen Unterbau. Der lebhafte Beifall ließ erkennen, daß der Appell der Gemeinde zur Beteiligung an dem allgemeinen Wohlfahrtswerk auf früchtbaren Boden gefallen und einem inneren Bedürfnis der Gemeindemitglieder entgegengekommen war. fietneindeßrief' aui> fbre&dett Die Gemeindesteuer hat auch hier eine wesentliche Erhöhung erfahren, und zwar von 14 auf 20»'o des Einkommensteuerbetrages., Aus solch stärker Steigerung ergibt sich so recht die Unzulänglichkeit des herrschenden Steuersystems, welches dahin abgestellt werden muß, auch vorhandenes Vermögen als Grundlage sonst verlorengehender Steuerijuellen zu erfassen. — Für Mitte Januar ist eine Neuwahl des Gemeinderats ausgeschrieben, doch schweben, wie man hört, noch interne Verhandlungen. — Als etwas Neues sind mm auch hier Gemeindevorträge in der Synagoge . vorgesehen, deren erster von Martin Halier am 21. Dezember ■ gehalten wird, worauf ein Referat von Julius Bali über ein kulturelles Thema folgen soll. — Eine eigenartige Ausstellung (im Rathaus) ist dem Schaffen auf dem Gebiete der bildenden Kunst während der letzten Epoche gewidmet. Sie ist betitelt „Entartete Kunst“ und verfolgt den Zweck, das Volk über die Art der augekaufteil Kunstwerke und über die Höhe der dazu verwendeten öffentlichen Gelder (z. T. allerdings aus der Inflation) aufzuklären. Vieles, obwohl von namhaften Könnern stammend, ist freilich in seinem kalten Naturalismus oder als ultraexpressiomstische Verzerrung abstoßend. Aber diese Erkenntnis hatten schon früher viele Teile auch des jüdischen Publikums, und wenn mit dieser Blütenlese von Kunst zugleich der schädliche Einfluß . des „zersetzenden jüdischen Geistes“ nachgewiescn werden soll, so ist hiergegen nicht nur die eben gemachte Feststellung ins Treffen zu führen, sondern auch die erfreuliche Tatsache, daß wir unseres Wissens nur in einem einzigen Balle auf die Angabe „Jude“ oder „russischer Jude“ (Segal) gestoßen sind. Ob aber der jüdische Anteil im guten Sinne nicht weit größer wäre, wenn die aus der gleichen-Zeit stammenden, unanfechtbaren Werke, die es doch auch gibt, mit gezeigt würden, was leider nicht der Fall ist? . . . Gegen einige der formell bestrickenden Ausführungen, mit denen Rabbiner Dr. Prinz die Gemüter weiter Kreise unserer Gemeinde verwirrt hat, wurde seitens des C.V. erfreulich rasch und tatkräftig Stellung genommen. Es geschah durch Rabbiner Dr. Wolf, der sich der Aufgabe alseiner fühlbaren Herzensangelegenheit unterzog, mit vorbildlichem Takt, ganz unpolemisch, unter dem mehr Eigenes bietenden Titel Der neue Weg. Höchstes geistiges Niveau hatten. Dr. Wolfs tief durchdachte Gedankengange, mit denen er die große Zuhörerschar nicht nur bis zuletzt fesselte, sondern auch jeden Einzelnen mit seelischer Aufrichtung imd Aufrüttelung entließ. Wjr sind eine Gemeinschaft des Geistes, kein Volk auf der-Grundlage von Blut und Boden, darum hei aller Achtung vor dem wahrhaften Zionisten Treusein zur deutschen Heimat! Hinein in die jüdische Gemeinschaft, die sich selbst ihre Synagoge zum Lehr- und Bethaus umgestalten möge und die mit der Zeit durch die Leistungen ihrer Zugehörigen Eingang ins Volk finden wird und muß. Eine der Voraussetzungen dafür sei Würde, ferner sei wirtschaftlich nicht 'wahllose Umschichtung geboten, sondern gründliche Ausbildung in jedem Fach. Dahn werde auch der ehrbare Kaufmann, nicht zu verwechseln mit dem' bloßen Händler, wieder zu Ehren kommen, welcher Weg zu Unrecht jetzt noch vielen aussichtslos erscheine. So vervollständigten praktische Ausblicke, wie sie der Redner sieht, recht glücklich dasweite historische Bild, das Dr. Wolf in großen Zügen - von der Entwicklung des deutschen Judentums gab, und beides zusammen summierte sich zu einem starken, -dabei, wie man hoffen darf, nachhaltigen Erfolg. Dr. R—b. Die große Kundgebung des Jüdischen Handwerks und Mittelstands Im .Mittelpunkt der Veranstaltung stand die große Rede des üemciudevorsitzenden, Herrn Direktor Stahl. Wenn er einen Aufruf für das Wiuterliilfswerk des deutschen Volkes unterzeichnet habe, so sei dies geschehen in der Hoffnung, daß wir alle, die wir hier leben, immer nur dieses deutsche Vaterland a|s unsere Heimat anerkennen luid daß unsere Verbundenheit mit ihm uns die Pflicht auferlegt,' uns in die Neuordnung der Verhältnisse hiueiiizufindcn und so, wie es unsere Väter und Vorfahren getan haben, für das Wohl des deutschen Vaterlandes, mitarheiten. '-Gerade bei einem allgemeinen Werk der Menschenliebe kann es keine Unterschiede der Abstammung und des Glaubens geben. Die Durchführung des Winterhilfswerkes, in welchem alle Konfessionen, Verbünde und Organisationen mitarheiten, ist der N.S.-Volkswohlfahrt übertragen. In verständnisvoller Weise hat sich die N.S.- Volkswohlfahrt bereit erklärt, die Bearbeitung der Amrüge der jüdischen Hilfsbedürftigen in die Hände der Organe unseres jüdischen Wohlfahrtsamtes zu legen mul ,i is. die völlige Gewähr erzielt, daß die Gesuche unserer I ic.n: uidelnitglieder in dem gleichen Geiste der Gerechtigkeit und des Wohlwollens geprüft werden wie die aller anderen hilfsbedürftigen Menschen.. Während in der ersten Zeit nur die Reichs-' augehörigen in die Fürsorge des allgemeinen Winterhilfswerks eingeschaltet waren, ordnet eine neuere Verfügung der Gau-' Leitung an, daß auch den bedürftigen Ausländern — also auch 'ausländischen Juden — aus den Mitteln des Wiuterhiifswcrks genau wie jeoem bedürftigen Volksgenossen Hille gewährt werden soll. Wirhahen hier zu bekennen, daß in dem Wintcr- ' hilfswerkdes deutschen Volkes eine vorbildliche Organisation geschaffen worden ist, durch die der Staat für jeden seiner notleidenden Bewohner sorgt! Wenn wir so in der Lage sind, die moralische und soziale Bedeutung des Winter- Itilfswerks voll zu würdigen, so wollen wir auch jeden aus unserer Mitte aufrufen, getreulich die Pflichten zu erfüllen, die ihm erwachsen. Wir haben mit der Leitung der N.S.- Volkswohlfahrt die Vereinbarung getroffen, daß ein Teil der von ml*. aufgebrachten Mittel dem jüdischen Wohlfahrtsamt zu seiner Verfügung verbleibt und ein anderer Teil an das allgemeine Winterhilfswerk geht. So bewirkt Ihre Spende ein Doppeltes; Sie erfüllen Ihre Pflicht gegenüber dem deutschen Volke in allen seinen' Schichten, .Ständen und. Konfessionen und Sie erfüllen Ihre Pflicht gegenüber den besonderen Sorgen und Nöten der ach so großen Zahl unserer indischen Hilfsbedürftigen insbesondere. Wenn unsere Aufforderung an Sie kömmt, entziehen Sie sich ihr nicht, wenn unsere Sammlet ait Ihre Tür klopfen, schicken Sie sie nicht uuTjlecren Händen ‘weg. Wir erwarten von jedem eine Spende und jeder ist willkommen mit seiner Gabe, wie klein sie auch Lassen.Sie mich zu Ihnen, fuhr Direktor Stahl fort, ein offenes und vertrauensvolles Wort sprechen. Wir empfinden Cienugtuung darüber, daß im Wiuterliilfswerk des1 deutschen Volkes eine Institution entstanden ist, in der keine, Schranken, kein Gefühl uns von irgend einem anderen Staatsbürger trennt, daß wir im Dienste der sozialen Arbeit die Möglich-, (Vgl. den Bericht in Nr. 34 der „Jüdisch-liberalen Zeitung“) phot.: Arno Kiholer. Verbandspräsident Wilhelm Marcus am Rednerpult Im Vordergrund links: Louis Wolff, der Vorsitzende des Jüdischen Handwerkervereins phot.: Arno Kiholer. Die Vertreter der jüdischen Presse folgen den Ausführungen der Redner phot.: Arno Kiholer. Blick in den überfüllten SaaL

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