Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 13 (1933)
- Issue
- 36 (22.12.1933)
- Date
- 1933-12-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2613366-2613479-2613517--4640-2616348- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Einzelnummer 20 Pf. tttt ft im Nr. 36; 13. Jahrgang ' Bezugspreis: Monatlich 1,35 RM. zuzüglich Bestellgeld. Einzelnummer 0,20 RM. Abonnements werden bei allen Postämtern angenommen. — Anzeigen nach Tarif. -7 Bel Nichterscheinen Infolge Streiks oder höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Packerstattung der entsprechenden BezugsaebOhren. Herausgeber: HaTins Loewenstein und Willi Tisch Verlag Scl.iiitleiuum: George Goelz Die,„JQdlsch-llbqraleZeltung“ erscheint Dienstage und Freitags. - Redaktion und Geschäftsstelle: Berlin CKärlottenburg 4, Mommsen-- str.40. — Fernruf: J 6 Blelbtreu Sammel-Nr. . 1545. - Bankverbindung : Kreditverein für ■ Handel und Gewerbe e.G m.b.H., Berlin N 24. Postscheckkonto: Jüdisch-liberale Zeitung, Berlin 20784. Berlin, 22, Dezember 1933 Die „Jüdisch-liberale Zeitung“ ist das einzige Blatt deutsch-jüdischer Richtung, das zweimal wöchentlich erscheint Die hier bleiben . Ls, ■ - Ein wohlmeinender nichtjüdischer Freund, der Beziehungen zu allen jüdischen Kreisen hat, sprach neulich in einer Gesellschaft über die innere Lage der Juden und meinte: „Eigentlich ist es doch unvorstellbar, daß Juden und Juden einander oft mit feindseligen ' Gefühlen gegenüberstehen, als gehörten sie zwei ganz verschiedenen Gemeinschaften an.‘‘ Zuerst gab es großes Gelächter über den geistreichen Ausspruch und dann betretenes Schweigen. Denn es war keiner im Zimmer, der imstande gewesen wäre, ihm das Gegenteil zu beweisen oder ihm eine Begründung zu geben. Später allerdings wollte ihm mancher etwas gegen dieses Wort sagen, wie man ja auch wirklich Einiges sagen kann. Aber so überspitzt es ist, so viel enthält es, auch an Tiefe und zwingt zum Nachdenken. Und zumal dann, wenn man heuje als Jude am deutschen Volkstum festhalten will und nicht glaubt, es durch ein jüdisches ersetzen zu können. Denn grade wir müssen die Schwierigkeit unserer Situation beute mit^aller. :Klacheit.,erkennen....^Ein?s. allerdings dürfen wir, von uns.aus gesehen jedenfalls, sagen: zwischen uns und den Zionisten besteht kein Haß, wie jener Freund glaubte, sondern nur grenzenloses und tiefes Nichtverstehen. Es kommt vor, daß. in Diskussionen unter Gegnern ein Augenblick eintritt, in dem kein Argument mehr wirken kann, weil — Vergessen Sie nicht die Einlösung der Abonnements - Quittung für 7 a n u a r. — Nur pünktliche Einlösung sichert regelmäßige Zustellung der Jüdisch-liberalen Zeitung“. ohne Vernunft, ohne Gründe, aber aus einem tiefen inneren Wissen, um die Notwendigkeit der gegenseitigen Ablehnung heraus —.Glauben gegen Glauben steht. Dieser Zustand besteht heute zwischen den Zinonisten und uns; es kann sich ereignen, daß man als junger deutsch-jüdischer Mensch mit einem Gleichaltrigen . spricht, von dem sich heraussteilt, daß er Zionist ist, und versucht man ihn von der Aufgabe der Juden in Deutschland auch jetzt noch zu über-: zeugen, so kommt es wohl vor, daß jener dann mitten im Gespräch mit verzücktem Gesicht und ganz in der Ferne weilenden Augen fragt:'„Hast Du schon mal den X... über Palästina sprechen hören? Dann wür- dest Du nicht mehr reden, sondern glauben, daß wir dahin müssen!“ Und da wird einem klar, worum, es im Kampf zwischen uns „Assimilanten“ und den Zionisten gehen muß, wenn dies wirklich ein Kampf um die praktische Durchführung der Ideen ist und nicht lediglich' eine theoretische Scheidung nach der Gesinnung —: darum nämlich, daß die Verzauberung . gelöst werde, die über so Viele auch unter der jüdi-. sehen Jugend zwangsläufig mit den Geschehnissen der deutschen. Revolution gekommen ist. Denn auf diese Jugend kommt es vor allem an, und zwar nicht so sehr auf die noch Jieule relativ Wenigen, die seit langem ihren jüdischen Standpunkt hüben oder drüben haben, sondern das Wichtigste ist, was aus den Vielen wird, die jüdische Fragen nie recht überlegt haben, wenn sie nun mitten in sie hineingestellt werden. Wir religiös-liberalen, deutschgesinnten Juden sollen uns über die Schwierigkeit, für unsere Ideale zu werben, keine falschen" Vorstellungen machen; jemand, der sich viel mit beruflicher Umschichtung junger jüdischer Menschen beschäftigt, meinte letzthin, daß alle Umgeschichteten stark zum Zionismus tendieren. Und gerade auf 'diesb Kreise kommt es an. Ist es ein Wunder, daß der Zionismus ihnen sinnfälliger erscheint? Hier die politischen, kulturellen, wirtschaftlichen Entrechtungen, dort der Aufbau, das Werden und das Zu packenmüssen, aber auch das Abenteuer und. der Kampf! Wie sollte einer da .nicht in den Kreis der Verzauberung hineingeraten? Es ist kein Vergnügen mitanzuschen, in welchem Ton heute mitunter' Juden von Juden sprechen,, wenn sie ihnen als weltanschauliche Gegner gegenübertreten. Darum sei es hier gesagt, was. heute die meisten vergessen zu haben scheinen: wir alle, mögen wir nun Liberale oder Orthodoxe oder Zionisten sein, wissen nicht, ob.unser Glaube und unser Weg richtig ist. Aber wir glauben daran, und für diesen Glauben f setzen-wir-uns -aus -innerem-Müssen ein und-nicht etwa, weil wir uns „etwas davon versprechen“. Nicht nur „deutsch“ ist, „eine Sache um ihrer selbst willen zu tun“; oder wenn es deutsch ist, beweist es unsere Zugehörigkeit zum Deutschtum. Aber wir alle tun nur unsere Pflicht, das nämlich, was wir für tief notwendig halten, wenn wir gegeneinander auftreten, und jeder,, der innerjüdische Dinge behandelt, sollte immer daran denken. Wenn also hier gesagt wurde, daß es darauf ankäme, die zionistische Verzauberung zu lösen, so ist das nicht leichtfertig, sondern im vollen Bewußtsein der Schwere solchen Gedankens geschehen. Wohl.wird mancher einwenden, daß nur diese Verzauberung, dieses Loslösen von allen Lebenswirklichkeiten und ihre HintansteJIung zugunsten eines vorgestellten Idealbildes in Palästina heute für. viele das einzige Glückselement des Daseins ist. Wir nehmen auch das auf uns, weil unser.Wille, diejenigen, auf die es uns ankommt, aus solcher Verzauberung zu lösen, zugleich das Wissen um die Verpflichtung enthält, eine neue Verzauberung an diese Stelle zu setzen. Eine solche aber, die nicht Wunschbilder als Wirklichkeiten erscheinen läßt; die "nicht die Tatsache, daß in Palästina heute günstige Wirtschaftskonjuktur im Augenblick der Weltkrise ist, dazu ausnutzt, aus den Möglichkeiten, die daraus für einige Zehntausend entspringen, Versprechungen für eine halbe Million zu ziehen, für eine lialbe Million noch dazu, die im Zeitpunkt der furchtbarsten Erschütterung steht, die sie jemals durchlebt hat. Wenn uns diese Verzauberung gelingt, braucht uns um unsere Zukuiift in Deutschland nicht bange zu sein. Freilich, auch wir ‘haben heute noch nichts einzusetzen außer unserem Glauben und Wollen, .zu dem noch das Wissen um die Vergangenheit steht. Aber wenn wir uns immer vor Augen halten, daß die Aufgabe wie die Hoffnung, die daraus entspringen, nicht minder großsind, als die der anderen, ja, letzthin tiefer, und gewaltiger, so muß und wird es Ups , möglich sein, dfe vielen, die heute scbsvanken«t,-sind5*a in unsere Verzauberung^ zu zwingen walV.ger—-es-istmteht änrnäfTeni?'!! es’ ist ja letzthin der Kampf des Juden überhaupt, ein Kampf nicht nur um Existenz und Leben (das ist ja auch"das Leben in Palästina), sondern um'die Seele der Menschen, um die Verpflichtung der jüdischen Religion, Ueberlieferung und Vergangenheit. Wohl müssen die Menschen in Palästina heute zeigen, ob sie imstande sind, Mühsal und Enthclirung auf sich zu nehmen und nur dem Werk zu dienen, aber wir, die wir hier bleiben und-wirken wollen, haben hoch mehr vor uns: uns das Leben zu erkämpfen und zugleich dem Volk, in dem wir leben', durch Beispiel und Tat zu zeigen, wer wir sind, was wir sind und was es bedeutet, ein Jude zu sein. Ist. das nichts, das den höchsten Einsatz.-lohnte, um dcssentwillen beste Kraft der Jugend hergegeben werden muß? Und hier ist nichts mit Ueberlegung und Ueberzeugimg-getan, hier.kann mir tiefes, von keinem Zweifel getrübtes und durch keine äußeren Einwirkungen angreifbares Glauben helfen. Dazu, zu dieser Verzauberung, müssen wir kommen und wollen. Jenseits der Grenze Ein Jude von Mussolini zum Senator ernannt Unter den von Ministerpräsident Benito Mussolini neu ernannten 15 Senatoren befindet sich auch der hervorragende jüdische Industrielle aus Turin Isajah Levi. Isajah Levi ist der erste Jude, der seit der Einführung der faschistischen Regierungsform in den italienischen Senat berufen wurde. Maßnahmen gegen die Überfüllung des Ärzteberufs in Palästina.. Anfrage im englischen Unterhaus gemacht wui_..., - - stellvertretenden Direktor des palästinensischen Gesundheitswesens, Harkneß, mitgeteilt, die Regierung erwäge eine solche-Maßnahme im Hinblick auf die Gefahr einer noch stärkeren Ueberfüllung des ärztlichen Berufes. Von den 1043 Aerzten, die es Ende 1932 in Palästina gab, waren 882 Juden. Bis zum 30; November d. J. war die Zahl der Aerzte, Zahnärzte und Pharmazeuten auf 1566 gestiegen. .Die i. J. Wieder Experimente mit Biro- Bldschan Aus Moskau wird gemeldet: In einem Gespräch mit-dem Vertreter der englischen Nachrichtenagentur „Exchange Teleh“ erklärte der stellvertretende Vorsitzende des Zentrale Minderheiten Smidowilsch, die .Sowjetunion werde in Biro-Hidsclian eine autonome jüdische Siedlung schaffen. Das Territorium von Biro-Bidschan sei dreimal so groll .wie-das Palästinas, doch bedürfe das Land technisch vorgcbildcter Kräfte. In Biro- Bidschan fehlen heule noch Wohnhäuser. Wasserleitungen und elektrische Anlagen. Diese Schwierigkeiten, meint Sniidowitsch, könnten, da das Land von Natur aus reich sei, leicht überwunden werden, wenn die ausländischen jüdischen Organisationen sich entschließen sollten, das von der Sowjetregierung geschaffene Kolonisationswerk in Biro-Bidschan zu fördern. Die Regierung-habe die Absicht, mit solchen Organisationen einen Vertrag' zu schließen, in dem Rechte und Pflichten bei den Vertragsparteien konkretisiert werden sollen. Sie sei auf Grund eines solchen Vertrages bereit, die Niederlassung von Juden, die aus anderen Ländern ausgewandert sind, zu gestatten. Gleichzeitig haben Stalin und Molotöw -zwecks Ermunterung der Kolonisation die fernöstlichen. Gebiete, darunter Biro-Bidschan, für 5, bzw. 10 Jahre von der landwirtschaftlichen Naturalsteuer befreit. Die bisherigen Ergebnisse der seit Jahren betriebenen russischen Biro-Bidschan-Kolonisation müssen als vollkommener Mißerfolg gewertet werden. Die Rückwanderung war fast ebenso stark wie die Zuwanderung. Vollkommene Desorganisation, insbesondere hipsichtlich Verpflegung tnuLUnterkunft, stand in'krassem Widerspruch zu den durch diq Sowjetpropaganda hinausposaunten Versprechungen. Wegen .der Feiertage erscheint die nächste Ausgabe der Jüdisch-liberalen Zeitung“ am Mittwoch, 27. Dez. 1933