Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 13 (1933)
- Issue
- 33 (12.12.1933)
- Date
- 1933-12-12
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Gegensätzliche läßt sich im Geiste natürlicher, ungezwungener Kameradschaftlichkeit überwinden! Dafür ist uns Lehnitz ein änspprnendes Erlebnis gewesen. — In Lehnitz lag dieses unbetonte Gefühl der Gemeinsamkeit .gleichsam als Selbstverständlichkeit in der Luft. Das betont Hündische, das äußerlich in der Kluft zum Ausdruck kam, sonst' den ganzen Ton bestimmte, übt auch heute immer die gleiche, glückliche Wirkung der engen Bindung aus. — Der Bundestag hat uns bewiesen, daß der Weg des Bündischen der richtige ist. Heinz Kellermanu hat in seinem Referat das Vertrauen zur Führung der deutsch-jüdischen Jugend verlangt. Vertrauen, über einzelne kleine Meinungsverschiedenheiten hinweg zum großen gemeinsamen Ziel hin. Vertrauen zur Führung der deutsch-jüdischen Jugend, die sich im neuen Deutschjüdischen Jugendverband repräsentiert, das ist unser Einsatz! — Die deutsch-jüdische Jugend überhaupt, hier und im Reich, soll eindringlich den großen Eindruck erfahren, den wir alle vom Lehnitzer Bundestag hatten: Wir fühlen um der schweren Zeit voll gewachsen. Mit Kraft und Mut zum Neuen gehen wir in den Kämpf um neue Werte» Wir Jungen empfinden in uns eine nie gespürte, unheimlich mächtige Kraft und Lust zum Kampf um unsere Zukunft als jüdische Deutsche. Kumpf um unsere geistige und materielle t'xistenz als jüdische Deutsche, das ist unser Programm. . Wir in der JRJ sehen es als unsere besondere Aufgabe an,'zu dem Neubau der deutsch-jüdischen Jugend unter den Verhältnissen der totalen Lebensauffassung das geistige und religiöse Baumaterial zu liefern. Wir alle empfinden-den Bundestag als eine große Antwort an die Führer des deutsch-jüdischen Jugendverbaudes. Wir geben den Führern unser 'Volles Vertrauen als unseren Einsatz zur Lösung der vielen konkreten Aufgaben, die sie für uns zu bewältigen haben. —' Lehnitz soll für uns zugleich Besinnung auf die besondere Aufgabe des JRJ bedeuten: das Jüdisch-Religiöse zu pflegen. . In diesem Sinne soll uns der erste Bundestag in Lehnitz zum Begriff einer' großen Pflicht werden. Zum Begriff unserer hohen Aufgabe am deutschen Judentum und damit am Judentum überhaupt. Unser Bundestag! Gespräch unter Küken Unser Bundestag war famos. Famos, warum?. Wie kann mau fragen! Weil es eben ein richtiger Bundestag war! Wir wollen mal erzählen, was das bedeutet. Es heißt, daß wir alle einmal richtig zusammen waren, daß wir nicht nur unsere Gruppe gesehen haben, sondern alle, die unserer Gemeinschaft augehören. — Na, bloß wegen des Sehens allein war ja der Tag nicht so großartig, sondern, auch, weil er so richtig für uns gemacht war! Wir waren von Sonnabend bis zum Sonntag abend draußen. Es hat zwar zuhause Krach gegeben, daß wir so spät heimkamen, aber das. schadet doch nichts, denn diesmal wissen die Eltern wirklich nicht, was da draußen los war. Wir haben zusammen gespielt, wir haben uns gesprochen, wir sind zusammen spazieren gegangen und haben zusammen gesungen, wir haben alles, alles zusammen erlebt, und das ist doch ausschlaggebend für eine Gemeinschaft! . Fragt Ihr noch immer, warum der Bundestag so fabelhaft war? Nun, weil wir jetzt wissen, daß wir zusammengehören und zusammen arbeiten wollen! Weil wir wissen, daß wir alle gleich sind und genau, wie wir. alle blaue Blusen draußen anhatten, auch alle zusammen leben und alle gleich denken! Wir haben gesehen, daß wir eine richtige Gemeinschaft sind, und wünschen nur, daß wir immer das Kameradschaftslicd singen können. Aber allzu oft kommen wir nicht zum Bundestag zusammen. So schön wie er auch war, so war er nur deshalb schön, weil er nur ein Mal stattfindet. Das ist der Anfang für eine gemeinsame Arbeit, das ist das Befestigen -für unser Denken, und das wir der Beweis für unser Dasein des Bundes. Religiöser Liberalismus — heute Von Herbert Bremler Es gab eine Zeit, in der das Judentum d.urch den Liberalismus zu einer Vernunftrefigion geformt wurde. Man wollte dem alles gläubig hinuchmenden gesetzestreuen Judentum ein anderes_Judentum gegeniiberstellen, das, durch die Brille der menschlichen Vernunft gesehen, sich klar und gehcimnislos der Menschheit kundgab. Das religiöse Schrifttum, wurde zur nüchternen Moralphilosophie, in der man sich darauf beschränkte, Gott und seine Gebote durch Klügeln und Schlüsseziehen zu begreifen. Selbst die Kanzel wurde von der-2eitströmung erfaßt. In den. Synagogen kam man der Einstellung der Beter entgegen, indem^ man sehr viel von der Liebe zum Nächsten und sehr wenig von der Liebe zu Gott sprach. Nur selten wurde darauf hingewiesen, daß die Nächstenliebe erst dann einen religiösen Charakter erhalte, wenn der Menseh eine Beziehung zu Gott habe. Der im Leben stehende Jude hielt sich für gebildet, wenn er alle religiösen Dinge verstandesmäßig erklärte und wenn er die Offenbarung, ihres übernatürlichen Charakters entkleidete. Der religiöse Liberalismus wurde von dem Geist der Aufklärung so erfüllt, daß er durch ihn zu ersticken drohte. Geschichte und Tradition, Gemeinschaft und überkommener Brauch wurden durch die rationalistische ' Betrachtungsweise tief^ erschüttert. Die Toleranz, das Wahrzeichen des Liberalismus,^schien verschwunden zu sein, wenn es sich um eine Auseinandersetzung mit Dingen handelte, die außerhalb der Sphäre des Rationalen lagen. Alles mußte vor der höchsten Instanz, der menschlichen Vernunft bestehen können. Diese eigenartig^ Auffassung führte zu einem gefährlichen Ergebnis. Ethik und Religion schienen gleichbedeutend zu sein, und ein Unterschied zwischen einer sittlichen und einer religiösen Lebensführung schien nicht mehr vorhanden zu sein. Die Jugend aber wußte mit'einem | Biblischer Geist im deutschen Schrifttum Jesaja Kap. 40: Siehe, Völker sind wie ein Tropfen am Eimer Und dem Stäubchen in der Wage Gleich geachtet; Siehe, Inseln sind wie der Staub, Der verfliegt. Alle Völker sind wie ein Nichts Vor ihm; Als nichtig und eitel sind, sie ihmgeachtet. -Er verwandelt Fürsten in ein Nichts, Macht Erdenrichter Wesenlosen gleich. Kaum sind sie gepflanzt, Kaum sind sie gesäet, . So haucht er sie an — Und sie verdorren, Und ein Sturmwind rafft sie weg, Wie Spreu: Gras verdorrt, die Blume welkt, So der Hauch des Herrn sie anweht,' Ja fürwahr, Gras ist das Volk. Gras verdorrt, die Blume welkt; Aber das Wort unseres Gottes besteht in Ewigkeit. Paul Hölderlin : Mit ihrem heil’gen Wetterschlage Mit'Unerbittlichkeit vollbringt Die Not an einem großen Tage, Was kaum Jahrhunderten gelingt; Und wenn in ihren Ungewittern Selbst ein Elysium vergeht, Und Welten ihrem Donner zittern — Was groß und göttlich ist, besteht so blassen Begriff von der Religion und ihrem Wesen nichts anzufangen, und es entstand der Tvp des jungen Juden, der bei dem Worte Religion mit der Achsel zuckte. Es ist ein Glück, dali es nicht im Wesen wahrhaft liberaler Menschen liegt, die Ginge so hinzunehmen, wie sie sind. -Ein. liberaler Jude muH ein Gottsucher sein und muß als solcher die Frage aufwerfen, ob liberales Judentum gleichbedeutend sei mit einem rationalisierten Judentum. Der religiöse Liberalismus hat es sich-einst zur Aufgabe gemacht, der in leblosen Formen erstarrten Religion einen neuen Auftrieb zu geben. Er griff daher wieder zurück auf den Urquell'jüdischen Glaubens, auf den klassischen Prophelisimis. Bei eien Propheten jedoch war die Vernunft nicht der Weisheit letzter Schluß. Als Anfang aller Weisheit galt den Propheten die Gottesfurcht. Aus der Gottesfurcht erwuchs ihr Gotteserlebnis, aus dem Gefühl ihrer Kleinheit und aus dem ehrfurchtsvollen Erleben vor der Erhabenheit und Heiligkeit des Welfenlenkers erstand ihre Religion. Nicht aus dem Verstände, sondern aus dem Herzen, aus der Sphäre des irrationalen heraus entsprangen Reden und Taten dieser Ekstatiker und Enthusiasten des Glaubens. Nicht der Vernunft billigten sie das letzte Wort in religiösen Dingen zu; denn der einfältige Mensch ist nicht religiös abhängig von dem vernünftigeren Menschen, und die Religion ist für sie nicht eine Sache des Wissens, sondern des Gewissens. Die Vernunft soll nicht ausgeschaltet sein, das verstandesmällige. Denken, Wissen und Erkennen soll die oft unklaren Gefühle in die rechten Bahnen lenken. Aber der Urquell der Religion ist das Gefühl, das Ahnen des Unermeßlichen und die Sehnsucht nach dem Reinen und Hollen. Wenn der liberale Jude ein Israelit im Sinne der Propheten sein will, wenn er Gott ganz begreifen will, dann muß er wie ein Jeremia seine ganze Seele ausschütten, dann muß er sich wie ein Jesaja demütig vor der dreimal heiligen Majestät Gottes beugen. Er muß wieder zu dem Ewigen aufblieken als zu dem über aller menschlichen Vernunft stehenden, erhabenen und allumfassenden Lenker der Welt. Das jetzige Zeitalter hat den Irrationalismus von nettem entdeckt. Auch der religiöse Liberalismus muß von irrationalen Strömungen durchdrungen sein, um die jüdischen. Menschen wieder ganz zu erfüllen mit dem Hauche des Ewigen; denn man kann Gott nicht mit dem grübelnden Verstände beweisen und begreifen, man kann ihn nur mit dem Herzen fühlen und erleben. Nur durch das Erwachen tiefinnerlicher religiöser Gefühle, nur durch die aus dem Irrationalen ltervorbrechenden Grundkräfte kann der jüdische Liberalismus endlich wieder das werden, was er sein soll, nämlich prophetisches Judentum. Nachrichten Die Reichsleitung der „ARGE“ gibt bekannt: Durch Beschluß der bisherigen Bundesführung ist nitnmelir der „Reiehsvcrband deutsch-jüdischer Jugend“ endgültig konstituiert worden. Bundesführer: Martin Soboikcr (J.T.S.C. Op), stellvertretender Bundesführer: Dr. Plaut (Deutsch-jüdische Jugend Hamburg), Geschäftsführer: Norbert Wollheim (D.J.J.G.-Berlin): Führer der Bildungs- und religiösen Sparte: Heinz Keltcrmann („ARGE“), Führer der berufsständischen Sparte: Dr. Herrmanns (D.J.J.G.-Berlin und Jüdische Kinderscharen), Führer der hündischen Sparte: Günther Fried länder („Der Ring“). Aus dem Reich: JRJ-Magdeburg. Anfang November nahm, die JRj-Magdeburg auf einer Vortragsveraristaltung zur Frage der „neuen Ideologie“ Stellung. Es sprach Heinz Kcliermann von der Reichsleitung der „ARGE“. Die Ausführungen des Referenten, der auf die in Gemeinschaft mit den deutsch-jüdischen Bünden zu leistende praktische soziale und bildungsmäßige Arbeit als zeitbedingte Programmerweiterung hinwies, fand die Zustimmung aller Anwesenden. Es wurde der dringende Wunsch nach einer Zusammenkunft aller interessierten Bünde ausgesprochen. _ "■ JRJ-Liegnitz. Zum ersten Male in diesem Arbeitsjahr hatte die Jüdisch-religiöse Jugendgeriieinschaft Liegnitz zu einer Freitagabendfeier eingeladen. Der außerordentlich gute Besuch (sämtliche JRJ-Mitglieder und eine Anzahl Mitglieder des Liberalen Vereins der Synagogengemeinde Liegnitz!) bewies die Notwendigkeit derartiger religiöser Feiern. Nach einleitenden Worten und dem Kiddusch, von einem der Jüngsten sehr gut vorgetragen, sprach vom Vorstand Günter Preuß. Er zeigte die Situation unserer Jugend auf, unter besonderer Würdigung ihrer geschichtlichen Entwicklung. Ihm antwortete als Vertreter der anwesenden Älteren Herr R.-Anw: Dr. Scheyer, Vorsitzender des hiesigen Liberalen Vereins. Er gab uns, denen es vergönnt ist, diese Zeit des Zusammenschlusses zu erleben, ja, an ihm mitzuarbeiten, Worte des Trostes Und der Hoffnung. Musikalische und rezitatorische Darbietungen (Stefan Zweigs „Jereihias“) wechselten einander ab. Nur zu schnell war der schöne Abend vorbei. Wir werden bald wieder zu einer solchen Feier aufrufen. Frage und Antwort f Sephardisch oder Askenasisch? (Frage aiis der Nummer vom 15. September.) Sephardisch oder askenasisch? Warum wollen wir jetzt eigentlich anfangen, hebräisch zu lernen? Um dem Gottesdienst folgen zu. können und die Bibel in ihrer Ursprache zu lesen, kurz uns endlich einmal aktiv auch bei der Andacht zu betätigen. Wieso sollen .wir, da doch in unsern Gotteshäusern das Askenasische üblich ist, nun beim Lernen das Sephardische entführen? Blöße ZweckmäßigkeitserWägungen können hier nicht maßgebend sein, da wir nur-zu gut wissen, daß aus einer solchen Formalität, die bei uns' doch einmal nur eine scheinbare ist, eine ganze Einstellung, nämlich eine propalästi-, nensische erwachsen kann. Sind es doch bei Erlernung andrer Sprachen vorwiegend Form- und' Lehrmethode, die den Geist, die Kultur nur vermitteln sollen. Wollen wir also für Deutschland lernen, so kann nur die Form gewählt werden, die dem Geiste unseres Gottesdienstes und der Vertiefung in Quellen entspricht: nämlich das Althebräische in der askenasischeu Aussprache — Erika Löwenstamm. (IRI-Berlin.) Ehrlich gesägt, verstehe ich nicht, wieso in einer religiösliberalen jugendgemeinschaft diese Frage angeschnitten wird. Sephardisch wird gesprochen: I. in Palästina, 2. in der Berliner Reformgemeinde.' Ich bin der Ansicht, daß es für IRI-Mitglieder wichtiger sein sollte, dem Gottesdienst folgen zu können, als sich für eine (doch ziemlich unwahrscheinliche) Übersiedlung nach Palästina vorzubereiten. Sind einmal einige von uns gezwungen, ihre Heimat zu verlassen, so gibt es für sie zuständigere Stellen, Neuhebräisch (und Zionismus) zu lernen als die 1R1. Es muß wenigstens erreicht werden, daß jedes.lRI-Mitglied imstande ist, die'Hauptgebete zu lesen und zu übersetzen.. Wenn das einmal erreicht sein, sollte, dann wäre es immer noch Zeit, über einen Neuhebräisch-Kursus zu reden. Also nochmals, hebräische Kurse in der IRI sollten nur in der Aussprache gehalten werden, die bei uns im Gottesdienst üblich ist. Alle Vorbereitungsarbeit für Palästina kann man mit gutem Gewissen den Zionisten "überlassen, — Julias Stern. (Aus unserem Leserkreis geht uns folgende interessante Zuschrift eines Nichtmitgliedes zu, die wir trotz ihres in vielem gewiß angreifbaren Inhalts unseren Freunden nicht vörenthalten wollen. Eine Berichtigung scheint uns nur insoweit erforderlich, als die Verfasserin die Einrichtung der Kurse mit gewissen ZweckmäßigkeitserWägungen motivieren zu können glaubt. Eine Vorbereitung für Palästina liegt uns völlig fern. — Die Schriftleitung des „W. d. J.“.) — Zii der Diskussion über die Aussprache des Hebräischen bemerke ich: ich rate dringend, das Sephardische zu wählen. Die radikalste Gruppe unter den Liberalen, die Reformgemeinde, hat dies schon seit Jahrzehnten getan, und zwar aus guten Gründen. (Auch die Hamburger Tempelgemeinde mit ihrem ersten reformierten Gebetbuch und der ersten Orgelsynagoge der Welt hat bei ihrer Gründung 1817 die sephardische Aussprache eingeführt, die allerdings 1912 zugunsten der askenasischen wieder aufgegeben wurde. — Schriftl. d. „W. d. J.“.) Schon als die Ghettomauern fielen, als der sogenannte „Jargon“ verschwand, der auf den mittelalterlichen, m der Gegend von Frankfurt am Main gesprochenen deutschen Dialekt zurückgeht, hätten die Liberalen auch den askenasischen Dialekt züm Verschwinden, bringen sollen, der gleichfalls ein deutsches Ghettoprodukt ist. Mau vergleiche nur die Art der Lautverschiebung: wie man anstatt „er straft“ sagte „er stroft“ — so sagte man anstatt „baruch“ „boruch“. Anstatt „Forelle“ „Faurelle“ und für'„jom“ „jaum“. Die Juden der westlichen und südlichen Länder hüttteu sich vor dieser bedenklichen Lautverschiebung. Auch die deutschen Christen lernen auf den Universitäten nur Sephardisch. Ebenso sprechen mit Selbstverständlichkeit die Zionislen im Lande der Vorfahren die Sprache der Vorfahren und nicht die des Ghettos. Am korrektesten sprechen die Juden in den angelsächsischen Ländern, wo man das Taw wie das englische th ausspricht, was ich der Judenheit aller Länder empfehlen würde. Alan spricht ja jetzt auch das griechischer Theta so aus. — Wenn jetzt unsere Jugend die hebräische Sprache erlernen will, so geschieht eä doch zu dem praktischen Zweck, um für eine eventuelle Auswanderung gerüstet zu sein. Wozu erst eine in Palästina unbrauchbare Sprache einprägen? Und die Hierbleibenden täten gut, dahin zu wirken, daß auch in unseren' Synagogen das nicht nur richtigere, sondern auch soviel schönere Sephardisch eingeführt werde, schon damit alle Juden zu einem einheitlichen Hebräisch gelangen. — Noch auf eins beim hebräischen Unterricht hinzuweisen, wäre nützlich. Das Hebräische gilt für eine harte Sprache. Man spreche es .doch richtig, dann ist es denkbar weich und wohllautend! D. h., man halte auf Betonung der Schlußsilbe, man spreche das Szegol als „ä“, nicht als „e“, und man lasse das- Jod am Ende weich ausklingen. Adona—i, nicht: adonajj!— Wenn man das Hebräische modern fortentwickelri will, schaffe' man das formschöne, doch sehr schwer erlernbare Alphabet ab und schreibe lateinisch. Man tue das selbst, was. man bei Türken und Japanern bewundernswert findet. Wenn wir lateinisch schrieben, würden unsere Schüler, die sich mit Lesenlernen jahrelang quälen, im Handumdrehen die Sprache wirklich lernen, ebenso die Engländer in Palästina. Das Publikum ir, unseren Synagogen könnte endlich folgen, und unsere Literatur könnte an die Weltliteratur angeschlossen werden Auch ist die lateinische Schrift aus dem althebräischphönikischen Alphabet hervorgegangen (auf dem Wege über das griechische Alphabet) und steht ihm bei weitem näher als die spät entstandene Quadratschrift. Auch die Orthographie ließe sich vereinfachen. — Die Lateinisierung wird nicht von heute auf morgen kommen. Vielleicht könnten Sie aber schon immer, in den Kreisen der Jugend Stimmung, dafür machen, damit der Boden vorbereitet wird. — Hermine Salomon. Herausgeber: Hanns Loewenstein und Willi Tisch Verlag, Berlin-Charloltenburg 4. Verantwortlich für den Textteil: George Goetz, Berlin W 50; für den Inseratenteil: * WilliTisch, Berlin NW 21. Druck: Sonnendruckerei G. m.b. H. (Felix Wolf), Berlin-Charlottenburg 4, Weimarer Straße 18.