Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 13 (1933)
- Issue
- 31 (5.12.1933)
- Date
- 1933-12-05
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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fvei im andern *£and Roman von Stefan Reginald Marknes fyCi.sften Sie &clbon, (Copyright by Hanns Loewenstein und Willi Tisch Verlag.) 1 5. F o r l s e t / u n g. Victor hatte sich erhoben und lachte. „Hoch/eit? Du scheinst nicht zu wissen, dal) Ruth und Godwiri heiraten. Der alte Laporta hat darauf bestanden, und das ist für uns alle die heste Lösung.“ „Keine Komödie, Victor!, ich muH gähnen, wenn ich an die gan/c Situation denke. Pas ist der Gipfel des Kitsches und kommt nur in schlechten Romanen vor. IJa ich Dich geliebt habe, will ich Dir auch jetzt ruhig eingestehen: Ich hasse Dich bestimmt nicht und liebe Dich vielleicht mehr als am ersten All fang. Meine Liebe zu Dir war in den Monaten, in denen ich-Dich nicht gesehen habe, so groli, so verzehrend, so rasend, dal) sie alles verbrannt und vernichtet hat, was die. Menschei: sonst. zueinander treibt. Ich liebe Dich über mein Leben hinaus, darum kehre ich nie zu Dir zurück. Weilit Du, was ich von Dir will? Wir wollen zusammen arbeiten, wir wollen Gefährten sein, wir wollen den Menschen helfen. Du sollst Deine Kräfte-regen, Du sollst mich respektieren, ich werde Deine Gehilfin sein, den Ruhm sollst Du haben. Deine Frau bin ich nicht. Du hast mir dieses Kind geschenkt, und dafür bin, ich Dir dankbar. Ich habe nicht ganz umsonst gelebt, und das genügt mir. Jetzt geh hinaus, mein Kind mul) Rulle haben! Er schläft so sül), so zart. Er soll ein anderes Leben kennen lernen und ein anderes Land. Für diese Welt ist. er zu schade.“ Die kleine Kohlhäsin trippelte niedlich ins Zimmer, drohte mit dem Finger und. sprach ganz ernsthaft: „Nun aber hinaus, Herr Papa! Muttchen und der kleine Mann wollen ihre Ruhe haben. Nicht wahr, mein kleines Leckermäulchen? Jetzt wird erst noch aufgestossen!“ Der kleine Juan entsprach prompt diesem Verlangen. „Nun schnell in Deine Baba! Das wird mal ein tüchtiger Mann“, meinte die Schwester, „noch im Schlaf tut er seine Pflicht.“ Mica nickte ernsthaft; davon war sie überzeugt. Victors Hoffnung, dal) Micas.Entschluß sich abschwächen würde, wollte sjcli nicht erfüllen. Sie wich all seinen Versuchen geschickt und mit unbeugsamem Willen aus, und Vater Laporta, der von Victor und Cohns vorgeschickt wurde, kehrte mit keinem besseren Bescheid zurück. Sie. lehnte es glatt ab, sich in das Haus fies Warenmagnaten zu'begehen: „Nicht, weil ich mit Ruth etwas vorgehabt habe, sondern weil ich hier bleiben und meine Pflichten erfüllen will. Mein Dank bleibt Euch allen gewahrt, aber mein Weg geht in ein anderes Land!“ Die Folge davon war,- daß Victor, der angesichts seiner Familie aufrichtig zu sicli selbst zurückgefunden hatte, auch in Deutschland blieb. Die Patentfrage war ohnedies aufs tote Gleis gekommen. Der Erfinder ungeheurer Explosivstoffe kann auch nicht .durch Übernobelpreise gut machen, .was er an Gut und Blut vernichten half. — „Die Menschen quälen sich schon ohne meine Erfindungen genügend, lassen wir meine Patente im Verborgenen!“, beruhigte er sich —, .„da können sie am wenigsten schaden.“ ■ Niemand darf denken, daß Micas erwachtes Interesse für die Judenfräge eine Konstruktion darstellt. Wir finden in der vergangenen Zeit unwiderlegbare Beweise bei Zehntausenden von Menschen, die dem Judentum ganz fernstanden, nichts von ihrem Stamm und seiner Eigenart wußten und sogar die Ehrfurcht vor ihrem Geschlecht verloren hatten. Durch einen Augenblick des Sturmes wurden .sie auferweckt und bekannten sich mit Liebe und Begeisterung zu einem Ideal, das sie kurz vorher verlacht und verhöhnt hatten.- Dies alles ist nun keine tj-pisch jüdische Angelegenheit; mankönnte wahrscheinlich noch viel leichter und jedenfalls gründlicher vom italienischen oder deutschen Volke beweisen, daß nebeneinander lebende, sich hassende Millionen urplötzlich zur Nation zusammengeschweißt wurden und ans Staatsvemeinem leidenschaftliche Bejaher wurden; Wieso war Mica diesen Weg geschritten? . Ihre astrale Expedition, die mancher ins Fabelhafte verweisen würde, wenn der Wahrheitsbeweis nicht zu erbringen wäre, hatte Mica den Einblick in das friedliche Leben eines Volkes gewährt, dem auf Erden das Verdammungsurteil gesprochen - Gottesdienste Liberale Synagoge Norden, Schönhauser Allee 162 Freitag, S. 12., 7,15 Uhr: Rabb. Dr. Saenger. — Sonnabend, <). 12., 10 Uhr: Rabb. Dr. Siearsensky. _Knahcneinsegnttng. Liberale Synagoge Osten, Aula Kaiserstr. 30 Freitag. S. 12., 7,30 Uhr: Rabb. Df. Siearsensky. Liberaler Gottesdienst Schmargendorf Altersheim Bcrkaer Straße 32 Freitag. S. 12., 7 Uhr. - Sonnabend. 0. 12., 10 Uhr. — Dienstag, 12. 12.. -1*10 Uhr. Rredigi (Chanukkih): Dr. I.eiekoieitz. . Jüdische Religionsgemeindc Charlottenburg, Schulstraße 7 Urei tag, S. 12.,- 1.15 Uhr; Sonnabend. <). 12., 0,30' Uhr. Jüdische Reformgemeinde Logenhaus, Joachimsthaler Str. 13 Freitag, S. 12., », ‘10 Ulte: Rabb. Dr. Jelski. Johannisstraßc 16 Sonntag. 10 12,, 10.10 Uhr: Dr. Romenthal. Ausbildungskurse für Kinderpflege und Hauswirtschaft Im Tagesheim jhr Säuglinge und Kleinkinder der Jüdischen KinderhiUc F. V., Berlin N 24, Aüguststraße 14 lä, können am 1. Januar 1034 o Schülerinnen zur Ausbildung in Kinderpflege und Hauswirtschaft für Familie oder Heim aufgenommen werden. Praktische Arbeit in der Säuglings- und Kleinkinderpflege, ui der Küche für Kinder und Erwachsene, in der Hausarbeit, Waschküche und Näharbeit* unter Leitung einer geprüften Säuglingsschwester. Theoretische Kurse über Entwicklung und Pflege des Kindes (Anatomie, Kinderkrankheiten, Ernährungslehre) und Erziehungslehre werden von Arzt und Jugendleiterin erteilt. Dauer des Kursus b Monate. Kosten 20 RM monatlich, einschl. Mittagessen und Frühstücksgetränk. Anmeldungen sind an die Leiterin Fräulein Neufeld, Auguststraße 14,15 oder an das BenifsamF der Jüdischen Gemeinde, Rosenstraße 24, Fräulein'Zobel, zu richten. Herausgeber: war. Aber es kamen zwei andere irdische Erlebnisse', die sie aufrüttelten und in ihrem Herzen das große unwiderstehliche — „Du sollst, Du mußt“ — weckten, denen noch kein Berufener entrinnen konnte. Sie kam als »junger Mensch in einen alternden Kreis. Die friedlich im Lande ihrer Verwandten lebenden Juden hatten kaum einen Nachwuchs. Gewollte Kinderarmut war schon in den alten Zeiten, die der jetzigen Wandlung vorausgegangen, immer ein. idealbegriff dieser Schicht gewesen, ln dem Wahn, das Geschick des einen und einzigen Kindes zu heben, hatten sie auf die Mannigfaltigkeit verzichtet, welche allein den Begriff der Auslese produziert. Als die große Welle der Abwanderung vor fünfzehn. Jahren ahgeehbt war, verringerte sich die Zahl immer mehr und mehr, und bald wurden die wenigen neugeborenen jüdischen Kinder wie Fabelwesen bestaunt. Ais Mica diese Lage wahrhaft erkannte, die sich von grausamer Hinopferung nur durch das kranke Bewußtsein unterschied, daß solches Vegetieren und Einschlafen schön und erstrebenswert sei, da erwachte um die Zeit der werdenden Mutterschaft in ihr ein neuer Lebenswille. Jetzt verstand sie die wenigen jungen Menschen ihres Stammes, die sich ihr gesellschaftlich genähert hatten, und in langen und von heiliger Durchdrungenheit getragenen Beratungen kamen sie auf den Gedanken einer neuen und endgültigen Lösung der Judenfrage. Es wird schon das Beste sein, wenn wir ihr selbst das Wort geben und hier das Referat einschalten, das sie in Anwesenheit Victors in jenen» Kreise gehalten hat. Mica begann: ..Meine Freunde! Ihr seid heute in das Haus meiner Verwandten gekommen, um mir zur Geburt meines Sohnes zu gratulieren. Ihr seid gewiß damit einverstanden, wenn sein Vater, der seit einigen Wochen wieder hier weilt,, an unseren Beratungen teilnimmt, weil auch er. sein Geschlecht von unserem Stamme herleitet. Ihr wißt alle, daß die Marannen vor fasj fünfhundert Jahren ihren Glauben verleugnen mußten und allmählich in der Umwelt verschwanden. Nur scheinbar! Noch nach mehr als vierhundert Jahren war" in ihren Familien das Bewußtsein der jüdischen Herkunft. nicht getilgt. Aber diese Tatsache mag von anderen als Zeugnis der Fähigkeit bewundert werden, uns befriedigt sje nicht. Wenn wir uns helfen und uns aus einer Umwelt lösen wollen, die bestimmt nicht mit Argumenten des Hasses und der Verkennung gegen uns vorgeht, sondern die Formen, wie wir uns behaupten, negiert, dann muß eine absolute Selbsterkenntnis unser Wahlspruch sein. Wir Juden leiden an der großen Krankheit, zu glauben, daß nach einer kurzen Zeit der Offenbarung und der Herrlichkeit unser seitdem schon durch Jahrtausende währendes Schicksal die Erstarrung sein muß. Wir halten uns für klein und unwürdig, Neues hervorzubringen. In den Normen und Grenzen strengster Sklaverei sollen wir von rechtswegen erfüllen, was uralte Generationen unter ganz anderen Bedingungen und Voraussetzungen übernommen und geformt haben. Wo findet sich einer unter uns in ganz Israel, der so umwälzend denkt, wie der Mann Mose gedacht und gewirkt hat? Selbst die Zionisten, auf die wir mit .höchster Achtung blicken, kennen kein anderes Ideal als das Interesse, auf dem Grunde Palästinas, wenn auch in mpdernem Gewände, einen} Staat erstehen zu lassen, der einst'dort war, und der nur deshalb dort sein soll, weil er einst dort war. Eine Einengung, eine Einzwängung, die ein wahres, echtes Volkstum nicht gewähren kann, sondern nur eine Heimstätte für wenige darbietet, auf die Millionen anderer "Juden mit Rührung und Wehmut und vielleicht mit Neid blicken können. Ich will etwas Neues. Ich will keine Rückkehr, ich predige Vorwärts! Die Gesamtjudenheit kann in keinem Lande leben, das anderen gehört, denn dort werden wir immer nur ein „auch“ oder ein „noch“ sein. Wir müssen losgelöst von allen Völkern — irgendwo in der Welt —, in einem ganz anderen Lande, abgetrennt von der Versuchung und von dem Beispiel der übrigen Menschen, ein Leben beginnen, das primitiver anfängt, als es einst in der Wüste war. Wenn das Nichts, wenn der Mangel an allem unser Besitz sein werden, wenn ein großes Terrain, das keinem gehört, das nur die Potenz der Entfaltung in sich trägt, uns überantwortet wird oder von uns erreicht werden kann, dann werden wir ■ die eine Wahl haben, zu vergehen oder zu werden. Ich glaube, dann werden wir beginnen, dann fängt die neue Judenheit an! Hierzu fordere ich Euch auf, und niemand mag mich verlachen, denn dann verspottet er sich selbst. Es hat uns gar nichts geholfen, daß bedeutende Leistungen, die nicht hinwegdiskutiert werden können, von einzelnen Juden vollbracht wurden, daß der Durchschnitt der Erfolge uns sogar in günstiger Position beläßt. Die Zwitterhaftigkeit unseres seelischen Zustandes, die Einsicht, daß wir anders sind und uns im Grunde nicht ändern können, das wissenschaftliche Faktum, daß der einzelne Mensch in seinem Organismus tausend Herzen und Impulse seiner Vorvergangenheit in sich schlagen fühlt, macht mich unbeugsam. Ich fürchte mich nicht vor dem Mißerfolg, denn die größten Bewegungen haben mit den geringsten physischen Kräften begonnen. Ich trotze der falschen Vorstellung von Gott, der uns zur Passivität bestimmt haben soll. Wir mußten durch dieses Labyrinth der Entbehrungen und Demütigungen gehen, damit einer uns endlich herausreißt und mit der völligen Neugestaltung der Judenheit Ernst macht. Ich bin eine Frau, nur eine Frau, und habe vielleicht den Mut, in unserem kleinen.' Kreise offen zu sprechen. Erbarmt Euch, ermannt Euch, denn das ist Männersache! Und baut, ganz gleich wo, ein geräumiges Haus* für alle, die gebeugt und verlassen sind, die noch nicht sterben, sondern für die Zukunft leben und arbeiten wollen. Und nun zu Dir, Victor! Laß uns gemeinsam diesen Weg beschroiien! Zu dieser Arbeit, auf einem anderen Grunde wollen wir unsdie Hand reichen!“ In der alten Zeit, an die wir uns öfter mit wehmütiger Dankbarkeit erinnern, galt Applaus auf offener Szene als der größte Erfolg und Ruhm des Schauspielers. Es ist damals auch weltlichen Rednern geglückt, mitten in ihren vergeistigten oder die Massenpsyche fortreißenden Gedankengängen ihr Publikum so zu enthusiasmieren, daß stürmischer Beifall an jedem beliebigen Punkt ihrer Darbietung einsetzte. Dieselbe Absolutheit, welche eine Schalterdrehung für das Aufflammen des elektrischen Lichtes bedeutet, liegt in der Hand dieser Massenentzünder. Ein kleiner, bestimmter Druck, ein geschicktes Hantieren auf den erregbaren Nerv ruft den Beifall hervor, der sich in endlosen Ovationen fortsetzt.' Solche Meister der Regie bekunden in Augenblicken ehrlichster Aufgeschlossenheit, daß solches Zujubeln ihren höchsten Triumph dargestellt hat. Es ist sogar in Gottes-, häusem vorgekommen, daß religiöse Reden von der Ge- * mcinde mit Händeklatschen und Bravo quittiert würden. Aber es gibt noch einen höheren Grad der Zustimmung als rauschendes Einmünden und dröhnendes Mitmarschieren,' wenn einer von uns Wandlung in Lehre und Leben fordert — das ist daß in Palästina zum ersten Mal eine Zeitung in hebräischer Sprache, aber mit lateinischen Lettern erscheint? daß der von dem New-Yorker Rabbiner Stdphen G. Wise und Dr. Nachum Goldmann geplante /Jüdische Weltkongreß“, der ursprünglich Anfang 1934 stattfinden sollte, infolge von aufgetretenen Schwierigkeiten zunächst auf den Spätsommer 1934 vertagt worden ist? daß nach Angabe einer von der belgischen Regierung eingesetzten Kommission etwa 20 000 jüdische Emigranten sich in Belgien aufhalten sollen, daß aber.diese Zahl von den jüdischen Stellen als viel zu hoch bestritten wird? daß der Preußische Ministerpräsident den jüdischen Eheleuten lacob und Eva David in Groß-Blumenau, Kreis Ortelsr bürg (Ostpreußen), anläßlich ihrer 65jährigen Ehejubelfeier am 26. November 1933 ein Glückwunschschreiben und ein Geldgeschenk hat überreichen lassen? daß die jüdische Fliegerin M. Ferraris-Kohn aus Prag vor einer offiziellen Sportkommission der tschechoslowakischen Republik mehrere Höhen- und Schnelligkeitsrekorde erzielt hat? daß eine von zionistischen Blättern verbreitete Nachricht, derzufolge die beiden Kinder des Vorsitzenden des Verbandes hationaldeutscher Juden, Dr. Max Naumann, nach Palästina gegangen seien, von diesem dementiert werden und beide Kinder, die sich in Berlin aufhalten, nicht beabsichtigen, Deutschland zu verlassen? daß ferner auch die Nachricht, die Witwe des bekannten sächsischen CV-Führers Georg Mecklenburg sei nach Palästina gegangen, unzutreffend ist und Frau Mecklenburg, die kürzlich auf einer Orientreise auch Palästina besuchte/nicht die Absicht hat, ihren Wohnsitz in Chemnitz aufzugeben? Bet tBciefkasteH det „3.=l.Z.“ Frontkämpfer in Breslau. Die Differenz zwischen dem Ergebnis der Enquete des preußischen Kriegsministeriums und den Angaben im ' Gefallenengedenkbuch des Reichsbundei jüdischer Frontsoldaten ist möglicherweise auf folgenden Umstand zurückzuführen. Die ministerielle Enquete ist lange vor Beendigung des Krieges, nämlich im Spätsommer oder Herbst 191b abgeschlossen worden. Zu dieser Zeit war ein großer Teil der deutschen Juden noch gar nicht eingezogen. Viele gehörtem dem ungedienten Landsturm an, der namentlich in Berjin, wo auch damals schon ein reichliches Viertel der Juden Deutschlands wohnte, erst 1917 zur Einziehung gelangte. Das Buch des R.j.F. ist erst lange Jahre nach dem Kriege unter Zugrundelegung alles erreichbaren amtlichen und privaten Materials zusammengestellt worden. Es verwertet also, alle Tatsachen des ganzen Krieges. „Schriftsteller XYZ“ in H. Behalten Sie ihr Manuskript bitte bei sich und hängen Sie es in Ihrem schönsten Zimmer unter Glas! Wir sind nämlich der Meinung, daß nicht jeder, der vierzehn Tage in Palästina war, sofort ein Buch herausgeben muß. In diesem Punkt wissen wir uns sogar ausnahmsweise mit den Zionisten einig. das Schweigen, die Stille,- das stumme Bekenntnis der Zustimmung, in dem die Seele schwört: „Ich will.“ So ging es im engen Kreis der Freunde, als Mica gesprochen hatte. Kein Beifall — kein Widerspruch regte sich- Alles blieb lange Zeit still. Endlich begann Victor: „Ja, ich will, — ich will mit Dir! Als Arbeiter das Große wagen! Ich will heraus aus einer Welt, die unsere' Wünsche, unsere Bitten nicht bewilligen kann, ins Neue, Unbegreifliche und Furchtbare. Der Schrei verhungerter Kreatur, das Todesbangen, das Schwelgerei und Ueberfluß und raffinierten Luxus unserer Menschen jäh unterbrochen hat, gellt nicht mehr in die Leere noch vergeblich. Ein Echo, ein gewaltiger -Widerhall wird rasend tönen und die Tausende, die nicht gestorben sind, erwecken, zueinanderführen und zusammenschweißen und vereint halten und aufwärts steigen lassen, zu neuen Zielen, die wir alle ahnen, die mir in der Ferne einst erschienen sind. An die Arbeit, an die Pflicht, laßt uns alle rufen, die auf Rettung hoffen! Laßt uns Israel sammeln!“ XIII. Es wird etwas, aber geheimnisvoll. Das Wunder ist der Anfang der Philosophie. Dieser alte Satz gehört hierher, wo Mißerfolge und Erstarken der neuen Bewegung ihren getreuen Bericht finden sollen. „Wieder eine Schnorrerei!“, sagten die Tntelligenzbebrillten, wenn sie die Aufrufe des kleinen Kreises zum ersten Frühstück mit der Post erhielten, „aber ich werde doch etwas geben! Es ist ja nicht für uns, und jedenfalls werden die Unterzeichner dabei nicht hungern, — es kann sich niemand sein Geld ins Grab nehmen! Noch fünf Mark, noch'zehn Doublonen — übrigens, wenn Meyer gegeben hat, schließe ich .mich grundsätzlich ’nicht aus.. Aber, daß ich hingehe, an der Versammlung teilnehme, die Zeitung bestelle und. lese, kommt nicht in Frage. Ein Blatt, das die Ueberschrift „Im anderen Land“ trägt, abonniere ich nicht.“ Dann meldeten sich welche, die durchaus dabei sein' und auch unter der Bedingung geben wollten, daß ihnen selbst ein Ehrenposten 4m engeren Komite gegeben würdet „Ich habe immer geführt, ich kann auch hier führen. Ich habe schon so viele Meinungen gehabt, daß es auf eine Meinung mehr oder weniger nicht ankommt. (Der letzte Nebensatz gilt nur gedacht gesagt.) — Sie machen mir nicht genügend Lärm. Bei unseren Freunden nutzt es garnichts, wenn getrommelt wird. Mit der Pauke müssen sie schlagen, mit dem großen dramatischen „R“ rollen, keine Ruhe lassen, hämmern, einbläuen, bis sie mürbe werden, bis sie mitlaufen.“ Die Spitzfindigsten, die Tüftler uni Lauscher ' wollten alles schwärz auf weiß haben: „Mit Versprechungen fängt er uns nicht. Wo will er hin? Die ganze Welt ist besetzt, England!?. Nein! England wird den Juden keine Kolonie abtreten. England will Geschäfte mit uns machen. Und erst Frankreich!? Der Franzose verzehrt sich in ewiger Furcht. Die geben keine Terrains aus der Hand.“ , So sagte ein Teil der Judenheit „nein“, die einen wollten nicht, und wieder andere konnten nicht. Und doch bildete sich, wie die keimende Pflanze noch unter der Erde und ganz unsichtbar, ihre stärksten Kräfte entwickelt und den Auftrieb vorbereitet, überall, in der ganzen Welt, in achtzehn Monaten, Zirkel, Gruppen, Landsmannschaften, Zellen, kleine- und große Bünde der jüdischen Bewegung. Große Führer standen auf. Strengster Gehorsam, wunderbare Disziplin gediehen. , (Fortsetzung folgt in übernächster Nummer.) Hanns Loewenstein und Willi Tisch Verlag, Berlin-Charlottenburg 4. Verantwortlich für den Textteil: George Goetz, Berlin W 50;für den Inseratenteil: Willi Tisch, Berlin NW 21. Druck: Sonnendruckerei G.m.b.H. (Felix Wolf), Berlin-Charlottenburg 4, Weimarer Straße 18.