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Jüdisch-liberale Zeitung · 1933-12-01 · 30 (1.12.1933) · page 5

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
13 (1933)
Issue
30 (1.12.1933)
Date
1933-12-01
Page
– (sequence 5)
Language
German
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13. Jahrgang Nummer 30 3üöifd)'HbetaIe 3eUntig Beilage 1. Dezember 1933 Das Ende eines Bündnisses Zum zionistisch-englischen Konflikt S|eit dem 2. November 1917 ist eine wirklich rein sachliche Erörterung der Judenfrage nicht mehr möglich gewesen. Denn mochte man auf der einen Seite Sachlichkeit anstreben, so wurde von der anderen Seite mit Tatsachen argumentiert, deren realer Wert zwar nicht bestreitbar war, die aber doch im Laufe der Zeit durch neue Tatsachen überholt werden konnten. Es ist das Unheil der Menschen, und es war in diesem Falle das Unheil der Juden, bestehende Verhältnisseimmer wie eine Art Endzustand au/useheu, den Wandel aller- Dinge aber niemals ins Auge zu fassen. Vor 1917 hat es unter gebildeten-Menschen und Juden keinen Zweifel darüber gegeben, dali das Judentum eine.der historischen Weltreligioneil ist. Es war das /weitauseudjährige Unglück der Juden, dali sie, anstatt sieh zur Religion der Propheten zu bekennen und als Glieder solcher Bekenntnisgemeinscliaft in ihre Heimatvölker einznordnen, immer noch die Reste des altjüdischen Volkstums mit sieh herumtrugeii und (um hier den von Constantia Hrnnner geprägten, von Alfred Dublin — selbstverständlich ohne Quellenangabe übernommenen Ausdruck zu gebrauchen) als ein y,Volk-Nichtvolk1' abgesondert innerhalb ihrer wirklichen Völker lebten. I )ie französische Revolution hatte diesem Zustande ein Ende zu machen gesucht; nach einem historisch gewordenen Wort hatte sie „der jüdischen Religion alles, der jüdischen Nation aber nichts“ gehen wollen, d.-h. sie erklärte die Judenheit zu einer reinen Bekenntnisgememschaft, deren Angehörige damit zugleich „aktive. Bürger“ in ihren. Ländern und Nationen wurden. Dies war der Beginn der Emanzipation, und wären diese Grundsätze von Juden und Nichtjuden hefolgt worden, so wäre damit.1 auch die. Emanzipation zur Vollendung gelangt. Aber natürlich war es von der Proklamierung bis zur Durchführung —zur Durchführung in allen Ländern — ein weiter Weg, und die sich türmenden Schwierigkeiten führten leider dazu, dali auch unter den Juden die. Freiheit auf einem völlig anderen Wege gesucht wurde, der dem von der Emanzipation begonnenen Wege diametral entgegengesetzt ist. Man sollte meinen, die Frage, was seinem Wesen nach das Judentum ist — Religion oder nicht — könne ausschließlich aus den die Jahrtausende überdauernden Urkunden des Judentums entschieden werden. Und dali die Bibel ihre das ganze Abendland beherrschende Bedeutung nicht als Volksbuch, sondern als Religionsbuch hat, ist ernsthaft nie bestritten worden. Aber seit dem 2. November 1917 sollte das nicht mehr gelten: England hatte in seiner Balfour-Deklaration versprochen, in Palästina eine Heimstätte für das jüdische Volk zu errichten, und damit war auch für viele Juden festgestellt, daß das Judentum seinem Wesen nach Volkstum sei. Man sollte meinen, als was in nationaler Beziehung die Juden sich fühlen — ob als Angehörige ihres Heimatvolkes oder als Glieder eines über alle Länder verstreuten,. in sich völlig uneinheitlichen jüdischen Volkes — könne nur von jedem Juden selbst entschieden werden. Und daß die Juden Frank- MAX GIESEN AJFHAU ffo IhhM Q&jßmtenQedah^ MOABIT I f TURMSTR. 42 Ecke OldenburgerStr. Wf rcichs Franzosen, Englands Engländer» Deutschlands lKutsche, Amerikas Amerikaner waren, das hatte für die Mehrheit Uhr -Juden selbst nie außer Zweifel gestanden. Aber seit dem 2. November 1917 sollte das nicht mehr gelten: England hatte ln seiner Balfour-Deklaration von einem jüdischen Volke gesprochen, und obwohl das jüdische Volk bereits seit dem Jahre 71) unserer Zeitrechnung nicht mehr existiert, war damit auch für viele Juden festgeslellt, daß sie einem jüdischen Volke angeboren. 1 Das alles ist nicht etwa Scherz/ In der jüdischen Publizistik seit 1917 lassen sieb tatsächlich unzählige Stellen linden, in (lenen erklärt wird, daß durch die Balfour-Deklaration und ihre Anerkennung seitens des Völkerbundes über das Wcsfen des Judentums und die nationale Zugehörigkeit der Juden „entschieden“ worden sei; denn mit diesen* Dokumenten wäre das jüdische Volk seihst und sein Ucimntauspruch in Palästina für „legitim“ erklärt worden. Was England mit der HailWtr- Deklaration begonnen, das haben die im Völkerbund zusammeugeschlössenen Mächte anerkannt, und so glaubte in der lat der Zionismus, durch das Bündnis mit England theoretisch und realpolitisch über Judentum und Zukunft der Juden entschieden zu haben. Es liegt auf der Hand, daß die „offizielle Anerkennung“ durch England, durch den Völkerbund und die Regierungen der W-elt eine_suggestive Wirkung auch auf viele tlerjenigcn Juden ausiibte, die nicht die Urteilskraft besaßen, ihre Entscheidungen seihst zu treffen. So ist die Judenheit, nachdem sie 1791 begonnen hatte, ihre Geschicke selbst;in die Hand z« nehmen, von 1917 an recht eigentlich wieder Objekt einer hohen Politik der Niditjuden geworden. j Auf diese Tatsache und die in ihr liegenden Gefahren ist von Einsichtigen immer hiugewicseü worden. Leider vergebens. England wurde vom Völkerbund mit der Ausübung des Palästina-Mandates hetraut, es unterstützte den jüdischen Palästina-Aufbau, weil dadurch Geld ins Land kam, und weite Kreise der* Juden sonnten sich im Glanze des englischen Wohlwollens, träumten, sieb im Scimt/c eines Bündnisses mit England zu befinden. Dem Hinweis darauf, daß England nicht aus Sympathie für die Juden, sondern ausschließlich aus eigenem politischen Interesse dieses Werk unternommen habz und daß eines Tages die Zeit kommen könne, da Englands Interessen nicht mehr mit denen des Zionismus glcichlaufeu, wurde mit absoluter Verständnislosigkeit begegnet. Dieser Zeitpunkt ist jetzt gekommen. Die immer kiiii wiederholenden arabischen Aufstände haben der englischen Regierung immer deutlicher zum Bewußtsein gebracht, daß es sowohl im Interesse einer gedeihlichen Entwicklung Palästinas als auch im Sinne der Gesamtinteressen des British Empire Hegt, die jüdische Einwanderung nach Palästina mehr und mehr zu unterbinden. Verschiedene gewichtige Maßnahmen, die England im Laufe der letzten Jahre getroffen hat (und die wir kürzlich in diesen Blättern aufgezählt haben), waren^der Beginn solcher Entwicklung; die letzten Arabeninruhen .haben, eine endgültige Entscheidung herbeigeführt. Wenn in den Aufsätzen dieser Zeitung gerade in letzter. Zeit mehrfach 'darauf Hinge wiesen' wurde, TTaß'Ewg1at!d'Zwar,',9eIlat»eTsUird-'~ lieh seine Militärmacht gegen die revoltierenden Araber .richtet, daß-seine Politik aber gegen den diese Revolten und die ihnen zugrundeliegende Stimmung verursachenden Zionismus gerichtet ist, so erhält diese unsere''Darstellung ihre volle Bestätigung einmal aus der iiichtiüdisehen Tagespresse 'und zum andern aus dem Verhalten der Zionisten aller Länder. Fast mit unseren eigenen Worten schreibt die „krank' fiirter Zeitung“ am 26. November, daß „die Engländer zwar die Unruhen mit harter Hand niedergeschlagen, unmittelbar darauf aber ein Eingehen auf die arabische Eiiiwanderungsfeindlichkeit zu erkennen gegeben haben.“ Worin dieses Eingehen auf die arabischen Wünsche besteht, haben wir in denletzten Nummern auf Grund der palästinensischen Nachrichten eingehend geschildert: England verriegelt Palästina; au den verschiedensten palästinensischen Grenzorteu veranstalten die Pberwaelumgsbehördeu wahre „Menschenjugdeu auf cinuändernde Juden“ (dies ein Ausdruck aus einem radikalen Ziulustcublutt); die Einreise zu Schiff wird in drakonischer Weise beschränkt; das deutsche Zioiiisteuorgan muß seihst zugeben, daß die Maßnahmen sich keineswegs nur gegen die sogeuauiite illegale Einwanderung (von angeblichen loioisten, die dann dort bleiben), sondern durchaus auch gegen die legale Einwanderung richten; und unvergessen bleibt, daß von. den 2J0IW Einwanderungsgesuchen der Jewish Agency nur 'etwa 50110 von der Regierung genehmigt wurden. Der Kriegszustand in Palästina ist wieder voinl>ei: gegangen, und in der zionistischen Presse sowie auch iif den Meldungen aus dem Heiligen Lande lesen wir nichts mehr von militärischeir~Uuternehmiuigcn. Dafür aber ist liüii ein anderer Krieg ansgehiochen, derjenige nämlich, an den bis vor kurzem so viele nicht haben glauben wollen: die jüdischen Stellen in Palästina und die'Zionisten aller Länder ubeibieleti “"sich in Anklagen,: Protesten mul anderen geharnischten li klarimgeu"gegen England. Daß die Jewish Agency ihre Vcthaiidluugcn wegen der nichthcuilligtcu /cihfikalc ergebnislos ahhrcchcit mußte, wurde schon früher berichtet; in diesen lagen hat min auch dei Jüdische Nationalral Palästinas (Wand l.eumi) eine Resolution, angenommen, mit dci er dtc palästinensische Judenheit /um Widerstand gegen die die - „Intelessen des Landes schädigende l.iuuamleiuugspiditik" I uglamlsaiifnift. Die jüdische. Arbeiterpartei in Palästina will siel» /um Widerstand, gegen die englische Politik mit allen anderen jüdischen Parteien des Landes verbinden; von /ioiiisten ui Polen ist sogar die Forderungaufgestellt worden, den 'Engländern das Palästina-Mandat ab/unehmeu (!) und es dem polnischen Staate zu übertragen! Die uirter zionistischer Kuhntng stehende Wiener Jüdische Kultiisgeuieimle hat oimn geharnischten Protest gegen die englische Politik veröffentlicht. In allen Kündern finden große Protestkundgebungen und Massenversammlungen ähnlicher Art statt. Von einem zioüistisch-cugljschni Bündnis ist wenig mehr zu merken, wohl aber von einem Konflikt, der sich auf zionistischer Seite in der leidenschaftlichsten Weise, mit den stärksten Worten, deren die menschliche Sprache fähig ist, äußert. Damit ist ein Stadium erreicht, das von Writcrblickcudcn immer voraus gesehen wurde. Abec die Feststellung, daß eine Prophezeiung in Erfüllung ging, erfolgt wahrlich nicht aus öder Rechthaberei. Heute muß alles geschehen, um die Menschen, die teilweise aus letzter Verzweiflung, teilweise in letzter 1 loffmmg hiimhcrgiügcu, zu halten und /u sichern. Aber das kann nur geschehen, wenn gleichzeitig der"Wabn aufgegeben wird, die Judenfrage aller Länder könne durch Pjdüstisia gelöst werden : Palästina bedarf selbst einer Lösung seiner Judenfrage! Und die Juden in allen Ländern sollen sich daran gewöhnen, endlich ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Wenn sie sich entschließen, einheitlich in allen “Ländern — mit der gleichen Stoßkraft, die bisher dem Zionismus eigen war —• Für die Vollendung der Emanzipation ein/ulretcu, daun muß diese Emanzipation schließlich auch dort zur Wahrheit werden, wo sie hisher unvollendet blieb' oder Rückschläge erlitt. Das jrilt auch' für Deutschland. Und wem dies unwahrscheinlich klingt, der mag sich gesagt sein lassen, daß, bevor uns die Gleichberechtigung in Deutschland wieder werden kann, wir erst selber lernen müssen, uns als deutsche Menschen jüdischen Bekenntnisses zu empfinden utul nicht nur mit einer intellektuellen oder bürgerlichen Oberschicht, sondern mit dem ganzen deutschen Volke uns eins -TR •fühlen. •Bölctittn - Zferf*' stndwir** fctnst* nrtfenvfRs gewesen, aber allzu wenige fanden die Kraft, es zu erreiche», und allzu viele ließen^ sich durch die „iremm Tatsachen** beirren. Möchten die allcrneuestcn Tatsachen uns auf den alten Weg zunickhringen, der allein in die Freiheit führt — und auch in die Heiligung; doch darüber ein ander Mal. Umzüge - Spedition . Massiver Lagerspeicher. Beratung kostenlos s. simonowitz, scüöneDero, Elsenadiersir. 56 Telefon: 0 I 4491, nach Oeschlftsschtuft B 6 0232 . Glas, Porzellan, Kristall L. KATZ&Co Haushalt-Artikel. Königs«!». 62b Ecke Heiligegeiststr. 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