Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 13 (1933)
- Issue
- 28 (24.11.1933)
- Date
- 1933-11-24
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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13.Jahrgang Nummer 28 JttöifdMibetale 3eUung % Beilage 24. November 1933 Wir und unsere christlichen Freunde Von Berta-Alice Pincus An meine jüdischen Mit-Deutschen! Ein Wort der Aufrüttelung In den für uns so schicksalhaften Monden und* Wochen türmen sich Problem-Komplexe auf, die bald die Form undurchsichtiger Mauern, bald diejenige gläserner Bergesriesen annehmen. Damit sol4 gesagt sein, dal! — bei aller Schwere und bei allen gigantischen Ausmaiien der Fragen — die Reaktion je nach unserer seelischen Grundhaltung ver- . schieden ist. Es mag für jeden einzelnen von uns Tage und Stunden geben, an denen der Blick getriiht ist, ah denen wir wie gegen eine Mauer zu rennen meinen, an denen alles vergeblich und hoffnungslos erscheint. Zu andrer Zeit aber wieder ist es uns, als ob Tage heraufsteigen, an denen unsere Augen wie durch eine gläserne Masse ungehindert hiudurchgehen können, da sich'uns kein Widerstand innerer Hemmungen entgegenstellt und alles Erlebte — /war eisern hart und unerbittlich — doch nicht undurchdringbar ist. Wir lernen begreifen, dal! wir uns vieles viel zu schwer machen, dal! manches sich erst gar nicht zu Konflikten zu verdichten brauchte und dal! eine ruhige klare Erkenntnis uns Trost und Festigkeit verleihen kann. Zu diesen Auseinandersetzungen, die wir mit unserem eigenen Herzen zu führen, haben, gehört die Stellungnahme zu unseren christlichen Freunden. Hier mag das Gleichnis des gläsernen Berges passen, denn es gibt hier überhaupt nur eine eindeutig klare Sicht! * Echte, wahre, ausdrückliche Freundschaft ist unverbrüchlich; denn eine Beziehung von Mensch zu Mensch, die sich .vom Weltgeschehen überrennen lassen kann, war von Anfang wie ein totgeborenes Kind, r- Der tiefste Lebensnerv der Freundschaft ist das Streben und die Voraussetzung, in jede/ Lebenslage miteinander auszukommen und innere Gemeinsamkeit — selbst bei etlichen Widersprüchen — zu pflegen. . . ’ Kürzlich hatte ich Gelegenheit, eine jüdische Ärztin zu sprechen, die auf dem Standpunkt stand, man müsseheute — gerade aus Freundschaftsgefühlen und Pflichtbewulltsein heraus — seinen christlichen Freunden entsagen, um sie nicht in Konflikte zu bringen! Ich hielt ihr mit aller Deutlichkeit und Wärme entgegen, wie gerade in diesen Zeiten sich christliche Freunde mir mit besonderer Liebe zugewandt hätten, um mir zu beweisen: „an unserer Zusammengehörigkeit ändere sich nichts!“ Aber die Ärztin antwortete mir in Bitterkeit, daß sie solche „Kondolenzbezeigungen“ weder schätze noch annähme. Ein bestechendes Argument! Aber doch ist es nur Ausdruck der Resignation, und es bleibt die Frage: steckt in .solchem Sich-Fügen noch etwas von Lebendigkeitsbewußtscin und innerer Modulationsfähigkeit? Nein, und abermals nein! Wir wollen um keinen^ Preis solche Gedank&n aufkommen und zu^Entschlüssen der Negation reifen lassen, wir dürfen unser Bestes,'das Band zwischen uns Menschen; nicht opfern, Wir dürfen mit einem derartigen Erliegen vor der Situation unsere christlichen Freunde nicht von uns aus vor den Kopf stoßen und enttäuschen!- Auch sie, die uns wirklich und zutiefst als Menschen kennen und werten lernen — in aller unserer Menschlichkeit — haben uns nicht,-weil* wir Juden sind, den Laufpaß gegeben. Deshalb bekennen wir uns mit aller Hingabe nach wie vor zu all den Menschen, die schon eine gewisse Wegstrecke mit uns gegangen sind, uns in Freud und Leid Freundschaft hielten und auf Grund ihrer Mentalität uns Anregung im Gedankenaustausch und seelischer Fühlung geboten haben. Und: wie steht es nun überhaupt mit dieser.seelischen Fühlungnahme, ist sie verpönt, oder ist sie absurd — zwischen Juden und Nichtjuden? Wieviel feine und herrliche Freundschaften hat es schon zwischen Juden und Christen gegeben; man braucht nicht an . die bekannten Beispiele großer Menschen, an Moses Mendelssohn und Lessing, au Moritz Lazarus und den Theologen Delitzsch zu erinnern, mau kann an hunderttausend Freundschaften unter uns ganz gewöhnlichen Sterblichen denken! Wir können tausendfach Berührungspunkte finden!] Was überhaupt nur Menschen verbinden kann, was Wesen.' und Charaktere zu Berührung oder Anziehung treibt, das hat! auch zwischen Juden und Christen Geltung. Meusehtuin bleibt Meuschtuiu! [ Seelische Tiefen sind gleich viel, „ hier wie dort,! mul überall wird sich das wahrhaft Edle und Gute begegnen. Wir dürfen und wollen uns dieser Tatsache nicht verschließen, unsere Erfahrungen an uns selber oder an dritten haben es gelehrt. ' * Laßt uns Freundschaft nicht mutwillig zerbrechen! Heute mehr denn je wäre.es verkehrt und eine schlechte Vergeltung gegenüber dem Andern! Wir seihst würden uns auch damit betrügen und untreu werden, und — sich selbst treu zu bleiben, ist ewige Forderung. Darum soll mau sich aiicht hinter Bitterkeit und Menschenscheu verstecken, wir dürfen nicht in uns zurückkriechen wie die Schnecke ins Schneckenhaus! Nein,sgerade und aufrecht sollen wir die Hand zur Fortsetzung des Bündnisses ausstrecken. Nur nicht erst die Gefühle analysieren, nur nicht sich in nutzlose Grübelei verlieren. Nein, mit aller Selbstverständlichkeit soll! dar- »ehrachte - Freundschaft und Liebe erkannt und ityiitticrt "werden. Bei wirklich echten und solide fundierten Freundschaften wird und kann die Grundlage einfach nicht; einsinken — es sei denn, die einzelnen Partner wären beide in ihrer Menschenwertigkeit gesunken und hätten selbst; der Freundschaft das Grab gegraben. •; Mau soll auch nicht zage und ängstlich vor'einem Gedankenaustausch zurückschreckeu, der die heut allgemeingültigen Themen berührt. Es wäre kleinlich, den Kopf in den Sand stecken zu wollen, nur um nicht offen und ehrlich Meinung gegen Meinung zu tauschen und nicht hören zu wollen, was der andere auf dejji Herzen hat! Das Weseh der Freundschaft ist doch gerade: sprechen müssen, sprechen dürfen. Sachliche Überlegung scheidet alle Empfindlichkeit aus, und auf keiner Seite darf man Kränkungen und Argwohn „wittern4-'! — So erhält inan keine Freundschaft, und Tiüit und wirkliche Herzcns-Vonielunheit halten einander immer die Wage! Der rechte Abstand von den Dingen im ~ rechten Augenblick ist vielmehr immer noch ein festeres Bindedenn ein Trennungsmittel!- Darum sei frohen Mutes und freudigen Herzens die innere und äußere Verbundenheit mit unseren christlichen Freunden weiter gepflegt und erhalten. Wir wünschen Nichts so heiß, als daß sich kein Mißklang in das so gute Verhältnis einschleiche, daß Verständigung und gegenseitige Achtung von Persönlichkeit zu Persönlichkeit schwinge, und, wie sich auch an beiden Ufern das Schicksal gestalten möge, keiner dem Andern langjährige Freundschaft zu Füßen lege — in Flucht vor dem eigenen Ich! Einer meiner alten chribftlicheq Freunde, der meine Zugehörigkeit zum Judentum nicht vermutet hatte, weil ihm solches offenbar belanglos schien, schrieb mir unlängst auf meine diesbezügliche Erklärung, die mir geboten schien, folgende Worte: „Ich sehe keinen Grund, warum meine Sympathien für Sie sich verringern sollten, bloß, weil ich nun. weiß, daß Sie nichtarischer Abstammung sind. Ich pflege die Menschen nicht nach ihrem Herkommen einxuschatzen, sondern nach ihren Charaktereigenschaften, und ich müßte mich schämen, Ihnen die Treue jetzt in diesen Zeiten aufzusagen — nein, ich halte sie Ihnen auch weiter hoch!“ Das ist fürwahr ein Dokument und zeigt, daß Menschentum sich noch immer zum Menschentum ringt — wir wollen und werden nicht nachstehen! T Laßt uns mir Mut, Vertrauen und Zuversicht zu den Menschen halten, die lins, und die wir erprobt haben!s Denn — Treue uin Treue!! D Die Klärung beginnt Erste Kundgebung?der£Erneuerungsbewegung jüdischer Deutscher er grölte Unnvaiiillungspro/ell der deutschen Judcnlicit 1 schreitet unaufhaltsam fnrK Nicht mir der .wirtschaftliche., sondern ebenso der weltanschauliche. Aus den vielen (truppen mul (iriinpehen sondern sieh klar und eindeutig /vvei Richtungen ab: uie der jüdischen Deutschen und die der Nationaljudeu. In beiden (irnppeu gibt es Strenggläubige, Religiös-Liberale und.Ungläubige. Aber welchen Standpunkt auch der Liu/clne zur Religion hüben mag, keiner kommt um die tntseheidimg herum, oh er sieh /um deutschen Volkslum mul Vaterland bekennt oder /nr jüdischen Nation, die ihn mit seinen Zuktinflsluiffiiungen „nach l’alastina weist. Schon die Wahlen /um l’rcultischcii Landesverband jüdischer (iemeinden und /u den Berliner (ictucimlchörperschuftcn im Jahre lotii wurden um diese Entscheidung geführt, aller sie litten darunter, dal! eine bestimmte -religiöse Bewegung /um Träger der deutschjiidischcn Bewegung gemacht worden war, die in Wirklichkeit alle religiösen (iruppett umfallt. I>ic Eriieuerungslieweguug der jüdischen IIcutschcu 'unternimmt es nun, samt-' liehe deiitschjiidisehen (irnppeu zu einer einheitlichen Mc-_ wegung ziisammen/iifasseii. Sie wendet sich dabei gegen keine einzige der bereits bestehenden gleichgerichteten Organisationen, sondern sie will diese im- (iegenteil erst recht aktiv machen. Diese Tendenz, die von jedem jüdischen Deutschen freudig begrübt werden muH, kam auf der ersten öffentlichen Kundgebung klar /um Ausdruck. Der Saal war überfüllt,' denn es uiilei liegt ja keinem Zweifel, dall die Mehrheit d»-r deutschgesiunieii Juden geradezu danach hungert, ihrer .Meinung öffentlich Ausdruck zu gehen. Nach künstlerischen Vorträgen sprach zunächst der F ührer der Bewegung, Dipl.-Ing. Bruno Woyda. Lr beleuchtete die Situation, daibrdie Mehrheit des deutschen Volkes uns heule als Deutsche nicht gelten lällt, und dall es auch Juden gibt, die uns für .Narren balteu, wenn wir trotzdem sagen, dall wir Deutsche sind und' sein wollen. Demgegenüber mnll der Auffassung wieder (icltimg verschafft werden,; dall — wie der jüdische .Engländer Engländer, der jüdische Franzose Franzose — so auch der jüdische Deutsche Deutscher ist. Wir wojlcn diejenigen Juden, die _au*lcrs deftken, nicht geringschätzen, wir wollen in sozialer I lilfsarlieil mit ihnen Zusammenarbeiten; politisch aber iitiill eine klare Trennung erfolgen. Die uns atifgczwungciic neue Berufsstruktur müssen wir zu einer neuen Verwurzelung Tn Deutschland führen, damit wir den gelben Fleck nicht „mit Stolz tragen“, sondernihn überwinden. — (iemeiiidevorsteher Wilhelm (iraelz wies darauf hin, dall die jetzt bestehenden deiitscltjüdischeu Organisationen sich vorwiegend der sehr notwendigen uirlsiimltliehni Hilfe ztigeveaudt Italien; die . Erneueriingsbewegimg sei; notwendig geworden, um cinepolilhehe. Willensbildmig der jüdischen -Deutschen licrbcizuführen. — Auch Wilhelm Murais stellte die Notwendigkeit dar, das deutschjiidischc Bürgertum, das in der'Zeit. der liliite energielos geworden sei, zu einer OpfejTiereitschaft und Aktivi- Herren-Maßkleidung 9 “j* mit Jadar Oataikr ftr hHonMo JhnfaiHMa ai4 aarla TsTT . jiall.tlt. «ad knSiafantm Ja Stock Ä' COaj G. m. b. H. BerUn W S, Leipziger Str. 07 >- " Telefon A ft Merkur 8384-15. GoldsdunldUSdiwobe Moderne Beleuchtung Vertrieb von Stahlmöbeln Benin ui 82. n Fernruf B 5 Barbarossa 6412 Seit.50 Jahren! Das Kaufhaus für Ihren gesamten Bedarf! MAX GIESEN M oablt, T urmstr.42 Ecke Oldenburger Str. Robert Heil Feinbäckerei-Konditorei Olivaerplatz FaianenstraBc-Bayrischer Platz Pension Wittenbergplatz - KLEISTSTRASSE 22 n r. Telefon: B 5 Barbarossa,3033 ♦ Komfortable Zimmer Zeitgemäße Preise Möbel- Kamerling N, Kastanienallee 56 E. FchrbelliaerStr. Eigene Werkstatt ROüll — (datiert kauft bar v.Privat. 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