Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 13 (1933)
- Issue
- 27 (21.11.1933)
- Date
- 1933-11-21
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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HuCtuupiegeC „Die Hochzeit des Figaro“ Erster Opernabend des Kulturbundes deutscher Juden Noch ist der Kulturbund der. deutschen Juden im Entstehen und Formen begriffen, und schon laut er uns zu einem Festtag, der zugleich ein Ehrentag geworden ist. Der erste Opernabend des Bundes mit der Aufführung des Mozartscheu Werkes kann — und nicht nur allein des künstlerischen Willens wegen — als künstlerische Tat höchster Art gerechnet werden. Die Tatsache, dall man sich zuerst au das allerschwierigste Problem der gesamten Opernliteratur, an Mozart, gewagt hat, und die Art, wie man das Problem anzupacken versucht hat, zeugt von dem ganzen Ernst, der die leitenden Stellen des Kulturbundes beseelt, und ist zugleich ein gutes Omen für die weitere künstlerische Arbeit des Kulturbundes. Wenn auch Mozart, um mit Hermann Cohen zu reden, der „Dramatiker der Oper“ und seine Oper „die Übersetzung Shakespeares in Musik“ ist, so muli doch bet der Aufführung einer Mozartschen Oper das Hauptgewicht auf die Präzision der musikalischen Sprache und auf das strengste Innehalten aller Vorschriften des Komponisten gelegt werden. Denn die Musik — und nicht die dramatische Unterlage — ist es, die in Mozarts Opern die Menschen und ihre Handlungen erzeugt, und mir aus dieser Quelle heraus sind die Mozartschen Typen und ihr Tun zu verstehen und zu gestalten. Und gerade dieses Primäre der Mozartschen Oper war in der Aufführung des Kulturbundes fast vollendet zu nennen. Mit voller Bewußtheit behaupten wir, daß wir — auch von den größten Bühnen 4selten eine musikalischere Aufführung dieser Oper gehört haben, als es bei der unseres Kulturbundes der Fall war. * . Dem musikalischen Leiter dieser Aufführung, Joseph Rosenstock, ist es gelungen, fast allen Schönheiten dieser genialen Partitur gerecht zu werden und fast alle. Vorschriften Mozarts zu verwirklichen. Insbesondere gilt .dies vom orchestralen Part. Es war erstaunlich, was er mit den jungen Musikern"an Rhythmik, Klang und Farbe in echt Mozartschein Geiste aus dem Orchester hervorzauberte. Es wurde mit Begeisterung und Leidenschaft musiziert, und doch ist der Orchesterklang nie über die Grenzen hinausgegangen, die ihm vom Komponisten gesetzt sind: in der Begleitung der Sänger war er von wundervoller Durchsichtigkeit. Dem Kapellmeister und seinen Orchesterinusikern'gebührt unser tiefster Dank. Wer die Schwierigkeiten des Mozartschen Gesanges kennt, wird es für selbstverständlich halten, daß es Rosenstock nicht möglich war, auch auf der Bühne alle seine Intentionen durchzusetzen, hatte er doch z. T. mit einem Anfängerinaterial zu tun. Aber auch da berechtigten der gute Wille und die ernste Arbeit aller Beteiligten zu schönen Hoffnungen. Die Vertreterin der Gräfin, Vera Malaie, verfügt über eine schöne Sopranstimine. Da sie sich wegen Indisposition entschuldigen r Urteil späteren Aufführung zurückstellen. Graf Almaviva land in Fritz Lcchncr einen würdigen Vertreter, der mit ruhiger Sicherheit dieser schwierigen Aufgahe gerecht wurde. Sein Bariton ist in allen Lagen fein durchgebildet und zeichnet sich durch eine besonders warme Klangfarbe aus. Die künstlerische Leistung von Fritzi Johl ist jedem Operninteressenten so bekannt, dall es sich erübrigt, näher auf sie einzugdien. Sie ist von solch stimmlicher und darstellerischer . Sicherheit, dall ihre Susanna unwillkürlich zum Mittelpunkt der Aufführung wird. Einen interessanten, lebendigen Figaro zeigte uns Wallet Otitzki. Ein paar Unarten gesanglicher und darstellerische! Natur sind wohl auf das Konto des Premiercrifiehers zu ■ Wir freuen um talent konstatieren zi einer fremden Partie (ihrer Stimmlage nac Aufführungen in der Rolle der Marcelli ihr Cherubin eine der interessantesten und synipathiscl Bekanntschaften dieses Abends., Schade, daß die schöne Stimme von Anna l.ipin in Partie der komischen Alten Marcellina nicht genügend Vorschein .gelangen konnte. Schade auch, dall Frü h Fachs eine klangvolle Stimme verfügt, sich als Doktor Bartolo nem — in solchem Rahmen vollständig unpassenden — hinreißen ließ. Mit großer Diskretion und von jeder ■ention entfernt gestaltete Marcel Noe den intrigierenden JJscIotte Jakoby fiel in der kleinen Rolle des Bärbchens durch ihre Musikalität und ihre Gewandtheit auf. Den passionierten Entlarver Gärtner Antonio stellte glaubhaft Heinrich Korn dar. Wir sind Ur. Kurt Singer, als dem Schöpfer und Organisator des Kulturbundes, zu unendlichem Dank verpflichtet, bewundern seine unermüdliche Arbeit für den Kulturbund seine Fähigkeit, alle Schwierigkeiten in so kurzer Zeit zu überwinden. Um so mehr bedauern wir, von seiner Regie in dieser Aufführung nicht befriedigt zu sein. In seinem soeben erschienenen Werke „Wandlungen der Oper“ schreibt der bekannte Musikschriftsteller und Theaterfachmann Paul Bekker über Mozart folgendes: „Der Begriff eines Regieproblems war Mozart unbekannt. Regie, die über die einfache Veranschaulichung hinaus etwas zu machen versucht, trägt damit einen fremden Zug in das Werk Mozarts hinein... Regie kann nichts tun, als den Sänger aufschließen für das, was er dem Gesang nach auszuführen und wie er die Gestalt zu sehen hat. Ueber diese Arbeit am einzelnen hinaus muß die Regie für die reinste Sinnhaftigkeit des Ganzen Sorge tragen. Vermag sie das wirklich, so hat sie Großes geleistet. Alles sonstige ist vom Uebel. Mozart freilich kann es ertragen, aber wir selbst berauben uns seiner.“ Und so war es auch neulich. Die Darsteller „agierten“ alle viel zu viel, und daher entstand auf der Bühne statt dramatischer Dynamik eine bunte Unruhe oder unruhige Buntheit, die die Harmonie des ganzen störte. Der unruhige und durch nichts motivierte Stockwerkbau der Bühne (zwar geistreich, aber keineswegs einheitlich im Stil und wenig zweckmäßig für die Sänger konstruiert von Heinz Condeil) hat nur noch mehr beigetragen, die Einheit des Mozartschen Werkes zerreißen, denn die Buhne lenkte die Aufmerksamkeit auf s sie soll aber in Mozarts Oper „auch im Augenblick höchster szenischer Eindruckskraft Rahmen für den Menschen bleiben“. Wenn wir gerade an einem Ehrentage des Kulturbundes diese Betrachtungen nicht unterlassen, so geschieht es aus dem einfachen Grunde, weil wir die künstlerische Tätigkeit des Kulturbundes nicht als interne Angelegenheit eines geschlossenen Vereins betrachten, sondern als einen Dienst auf. dem Altar der, Kunst, der jede sachliche Kritik nur zuträglich kann. Wir hoffen, darin mit Dr. Singer einer Meinung zu Zum Schluß sei noch des sicheren und klangschönen Vortrags der Chöre unter bewährter Leitung von Berihot' Sander und der anmutigen Tänzerinnen im Fandango di dritten Aktes gedacht. Nicht unerwähnt soll das schnelle und sichere Arbeiten des technischen Apparate unter Hans Sondheimer bleiben. Es war ein Festtag und Ehrentag des Kulturbundes, der, wie wir hoffen und. wünschen, uns noch oft durch solche Festtage aus dem Grau des Alltags herausreißen soll. B. P. Hon$erte in (faretCau T Jcria Glückmann. Schülerin des Vorjahren unserem Stadt- / / theater angehörigen Baritonisten S. Hecker, ist über das M .Mail einer „Lokalgröße“ hinausgewachsen und in g " Musikzentrcn des In- und Auslandes zu starker Anerkei-D gelangt. Der Liederabend/ den sie hier mit der wertvollen pianistischen Assistenz von Max Auerbach gab, war Bestätigung dafür, dall diese Anerkennung berechtigt ist. Stiinincharakter — ein ehemaliger Sopran, der jetzt al Alt bezeichnet ist — entspricht ungefähr einem Mezzosopran. Die Sonorität der Altstimme und die Sopran-Geschmeidigkeit, die bei neckischen Sachen nötig sind, stehen ihm-nicht ganz zur Verfügung, aber in den seiner Art gemäßen Liedern kamen die Wärme und samtene Weichheit der Töne, das Ebenmaß der Phrasierung, die hervorragende Atemtechnik und die tadellose Sprachbehandlung zur besten Geltung. Einige der aus Programmen der Giannini bekannten spanischen Lieder wurden von Frau Glückmann technisch besser gesungen als von ihrem Der um die Breslauer Veranstaltungen jüdischer Künstler wohlverdiente Herr Baron hatte das Berliner Wittenberg-Trio und den Gleiwitzer Oberkantor Richard Cohn zu einem Konzert gewonnen. Dvoraks Dumky-Trio, ein episch breites und infolge seines balladesken Charakters eintöniges Werk, erfuhr in der Wiedergabe keine Milderung dieser Eigenart und wurde in der Geigenstimme nicht schlackenlos behandelt." Der Violoncellist P. Blumenfetd erwies sich hier als der beste der Vereinigung. Das H-dur-Trio von Brahms wurde in der zweiten Fassung, die der Komponist als „gekämmt und geordnet“ bezeichnet hat, mit beseelter Tongebung und in vortrefflichem Zusammenspiel wiedergegeben (ein Versehen des Primgeigers im Adagio war fast belanglos). Bachs Chaconne in D-moll verträgt eine noch energischere Behandlung als die Wittenbergsche. Eine Schwächung der Klangenergie war bei W. Goldmanns Klavierbegleitungen zu den Arien und Liedern manchmal wünschenswert. Die orätorischen Arien lagen dem sympathisch temperierten, in der Mittellage am rundesten beschaffenen Baßbariton des Herrn Cohn besser als die Schumannschen Lieder. Da . von hundert Sängern vielleicht nur einer die Schwierigkeiten der „Mondnacht“ meistert, braucht sich Herr Cohn nicht-zu ärgern, wenn ich nicht ihn für diesen einen erkläre. Der Programmzettel verzichtete auf die Erklärung des Wortes Dumky, auf die Wiedergabe der Triosatz-Überschriften und den Abdruck der Gesangs-Texte. Das war des Wenigen etwas zuviel. Dr. P. R. „Häusliche Gebräuche“ Der „Verein Neue Synagoge“ in Berlin veranstaltete einen Vortragsabend, und zwar sprach Herr Rabbiner Dr. Blumenthal über „Religiöse Gebräuche in der Häuslichkeit“. Herr Oberkantor Gollanin ergänzte diesen Vortrag durch einige Gesänge. Es war eine in jeder Hinsicht gelungene Veranstaltung. Die zahlreich erschienenen Hörer saßen wie gebannt da und verfolgten die klugen und wirkungsvollen Ausführungen des Herrn Dr. Blumenthal mit sehr interessierter Aufmerksamkeit. Ein Beweis dafür, daß in der jüdischen Öffentlichkeit viel zu wenig über das religiöse Leben in der Familie gesprochen wird. Den Höhepunkt des Abends erreichten schließlich die Smirausgesänge, am Freitagabend, und vor Sabbathausgang, die Herr Gollanin vortrug. Dieser . vorzügliche und in der Vortragskunst' nicht zu übertreffende Chasan gestaltete die Lieder den Hörern zu einem Erlebnis, ln diesen wundervollen Melodien kommt die jüdische Seele wirkungsvoll zum Ausdruck; ergreifend wenn in einem der Smirausgesänge die letzten Takte plötzlich ernst und traurig abbiegen, als Übergang zu der neuen sorgenvollen Arbeitswoche. Am Schluß dieser überaus gelungenen Abendveranstaltung wurde der Wunsch nach Wiederholung im größeren Rahmen laut. K. Br. Ein Abend in der Berliner Toynbeehalle Zweimal.wöchentlich laden die jüdischen Logen Bedürftige der inneren Stadtteile Berlins in die ehemalige Synagoge Gipsstraße, um ihnen künstlerische Genüsse und — in der Pause — auch etwas für den Magen, meist ein warmes Getränk mit Zubrot, zu bieten. Dieser schöne Brauch, der einem englischen Vorbild folgt, besteht nun schon mehrere Jahrzehnte; es gibt ja auch kaum ein dankbareres Publikum als diese Menschen, deren Alltag meist freudlos ist und die sich hier mehr als Gäste „denn als Wohlfahrtsempfänger fühlen; es gibt auch keinen schöneren Lohn für die Mitwirkenden, die sich immer oder meist unentgeltlich zur Verfügung stellen, als diesen herzlichen Kontakt mit ihren Zu-, hörern, und so verlaufen denn solche Abende in schöner Vorbild seelischer Wohlfahrtspflege, die ja in geschickt vom Schweren zum Leichten" führendes Programm. Man spielte zunächst. Beethovens Klaviertrio op. II. Den Klavierpart versah Fräulein Beate Goldschmidi-Gnmpertz mit ausgezeichneter Anschlagstechnik und sicherer Gestaltungskraft; als Violinist zeigte Herr Musik-' direktor M. Wachsmaun hier wie auch in seinen späteren Solovorträgen, bei denen er von seiner Gattin begleitet \vurde, geläufige Technik —' --r■-- r Oden, muß sich aber im Tempo noch, mehr einfügen. Herr Norberth, der Sänger des Abends — begleitet von Herrn Dr. Winter —, besitzt eine angenehme, volle Stimme; man hätte sich nur vielleicht für die Verdi-Arien noch mehr Abwechslung in der dynamischen Gestaltung gewünscht. — Den heiteren Teil bestritten Herr G. Gialdini als virtuoser Kunstpfeifer, der sogar mit seinem auf die Schallplatte gebannten Ich Duette .pfeift, sowie Herr Ciottscltalk als Rezitator, dessen trockener Humor Beifallsstürme entfesselte. Als Leiter des Abends und launiger Ansager fungierte Herr Fürth. F. 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D 2 Weidendamm 0852 Die Bank des jüdischen Mittelstandes — Ausführung sömti. bankmössiger Geschäfte m. b. Ha ' und Willi Tisch Verlag, Berlin-Charlottenburg 4. Verantwortlich für den Textteil: Georg cb, Berlin NW 21. Druck: Sonnendruckerei G.m.b.H. (Felix Wolf), Berlin-Charlottenburg 4, 06444