Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 13 (1933)
- Issue
- 27 (21.11.1933)
- Date
- 1933-11-21
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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13. Jahrgang Nummer 27 3ftölfc^"llfietale äeitnng Beilage 21. November^ 1933 Wie man Von einem B<! Es ist klar, daß sich die Presse des Auslandes mit der deutschen Judenfrage in einer Form beschäftigen will, die der eigenen Ideologie entspricht. Solange unbedeutende Abweichungen .gegenüber unseren Eindrücken und Erfahrungen zutage treten, ist es nicht ersprießlich, dagegen literarisch Stellung zu nehmen. Denn schließlich hat jeder Berichterstatter seinen Kopf und soll die Welt nicht mit fremden Allgen ansehen. Es wird aber nachgerade Zeit, daß erheblichen' Schiefheiten widersprochen wird, weil die günstigen Beziehungen sonst freundschaftlich verbundener Länder darunter . leiden könnten und auch die Juden dieser Länder sich immer schlechter verstehen würden. In einem in der Schweiz erscheinenden jüdischen Wochenblatt — das betreffende Heft ist voin 27. Oktober 1433 datiert — berichtet ein Anonymus über das „Berlin von heute“, womit in diesem Falle das jüdische Berlin gemeint ist. Er stellt’zunächst wahrheitsgemäß fest, daß in der Weltstadt grundverschieden gerichtete Menschen einander respektieren, daß Angriffe körperlicher Natur gegen Juden nicht stättfindcu und daß man immer nucli Juden in Berlin' sieht. Diese sollen aber ihre Beziehungen zum Deutschtum innerlich gelöst und sich zum Bekenntnis einer jüdischen Volksgemeinschaft zusammengeschweißt haben, und für diese merkwürdige, überschnelle Wesensveränderung werden die Feiertage und ihr’ Verlauf als Beleg beigehraeht. Wer Herlin und die Denkweise seiner Juden kennt, der weiß, daß die Herbstfeste immer ein Anschwel len des jüdischen Interesses-bedeuteten und daß neben einer leider sehr grollen Gruppe von luden, die für die Andachten nicht zu gewinnen -waren und auch jetzt nicht gewonnen werden konnten, etwa siebzigtausend Menschen dem Kuf ins Gotteshaus öder gleichgerichteten Veranstaltungen gefolgt sind; Das Zusammengehörigkeitsgefühl der Synagogenbesncher ist auch nicht inden wenigen Monaten politischer Umgestaltung entstanden, sondern gehört zu unserem Wesen. Die Gottesdienste waren gut besucht, aber schlecht bezahlt, obwohl die Gemeinde in sozialer Erkenntnis nur noch einen Bruchteil' der l’lätzegebülireu forderte. Viele Menschen, denen cs auf die Ausgabe von wenigen Mark nicht angekommen wäre, verließen sich darauf, daß die Synagogentüren sich für sie ohne.Erlegung der Kartengebühr öffnen würden — und sie liahen sich darin nicht geirrt. So liberal das Verhalten des Vorstandes wirkt, so verächtlich beinahe erscheint das Vorgehen gegenüber der Gemeinde, die um jeden Pfennig ringen und halb betteln muß. Obwohl noch nie so viele Plätze auf dem Wohlfahrtswege und in dezenter VerteiFung kostenlos vergeben wurden, mußte man leider feststelleri, daß in allen Synagogen, noch genügend Plätze frei und nicht verkauft wären. Wenn der schweizerische Berichterstatter in dieser Beziehung geirrt hat und vielleicht seinen Lesern ein möglichst imposantes Bild geben wollte, dann muß man auch feststellen, daß seine Beobachtungen über die. Andacht und die Prediger nicht ganz der Wirklichkeit entsprechen. Es gibt noch eine Unzahl Menschen, die sehr spät zum Gottesdienst kommen und ihn außerordentlich früh verlassen, und ohne daß wir uns die Methode des schweizer Blattes zu eigen machen wollen, irgendeinen Rabbiner, jung oder alt, herauszuheben, sei lediglich gesagt, daß der Herr Berichterstatter maßlos übertreibt. Noch nie sind Synagogen wegen Überfüllung polizeilich gesperrt worden, noch nie haben „Tausende aus anderen Stadtvierteln“ einen bestimmten Redner begeistert anfgesucht. Es ist schon wahr, daß irgendwer einen gewissen Kreis, den wir korrekt auf einige hundert Menschen taxierenwollen, aus seiner Synagoge in die eine oder andere nach sich zieht, aber das ist der naive Typ derjenigen,- die reden hören, nur am Klang und der Nachahmung des Dramatischen ihr Wohlgefallen haben: einer Methode, die sich auf der Kanzel schnell abwetzt. Geradezu lächerlich ist es, zu behaupten, daß es vor zwei Jahren lebensgefährlich gewesen wäre, zionistisch zu predigen. In Berlin wird seit 35 Jahren auch zionistisch gesprochen, und. der verehrte Mann, mit dem diese Zeitung in der Sache nicht übereinstimmt, hat stets bei Vorstand und Gemeinde trotzdem höchste Sympathie gefunden, als er seinerzeit damit anfing. Mit gewissem Mitleid berührt der Schweizer Herr Gesinnung und Erfolg derjenigen Prediger, welche einen geringeren Verehrerkreis anziehen. Man möchte ihm darauf antworten, daß die kleinen Propheten sich in der Qualität von ihren Kollegen mit umfangreichem Schrifttum nicht unterschieden haben. Gespenster hat der Berichterstatter gesehen oder sich Märchen uns sieht irllner Bürger erzählen lassen, wenn er wirklich glaubt, dall-die Synagogen von SA- und SS-Männern bewacht gewesen seien. Das war in keinem Falle nötig; ein einzelner Scluitzpolist hat wie immer genügt. Auch Ströme von vielen tausend Synagogenbcsucliern hat niemand außer,ihm auf dem Kurfürsteiidamm gesehen. Den Zylinder kennt man schon seit Jahren kaumin Berlin, weil er zu teuer mul ein unbequemes Möbel ist. Nur einige ganz alte Herren glänzen noch mit diesem Seidenhut, mul denen hat bestimmt keine Seele etwas zuleide getan. Die wirtschaftlichen Prognosen lies Artikels — um von' dieser I-eicrtagsskizzierung auf die Arbeitszeit nher/ngehen — haben den Charakter von Schwarzseherei und Angstnieiertuui. Wem will der Schreiber nutzen, wem will er helfen, wenn er jetzt — nach wenigen Monaten der Umstellung — behauptet,, daß sich die Berliner Juden nicht werden ernähren können? Er möge Ratschläge geben, was sie anfangen sollen oder wohin er sie bringen will. Noch einige Nachträge zu den Angaben im. gleichen Aufsatz über Kultur mul Politik. Wir wünschen dem Kulturbund,- dessen Bestrebungen so begrüßenswert sind, daß sich die geschätzte Mitgliederschar verwirkliche. Wir wünschen nicht, daß die Berliner Juden ihre Kenntnisse „vom Tage" aus Schweizer Blättern schöpfen, denn sie kuiumeii auch nur mit fetten Überschriften, mul ihnen muß daran liegen, maßvoll zu schreiben, damit sie nicht verboten werden. Es sind in Berlin schon bessere Witze als der Ausdruck „Klagemäuer“ gemacht worden, und ein solcher Ausdruck ist kein'Galgenhumor, sondern ein harmloser Scherz. Wer über Berlin schreiben will, muß Wesen mul Psyche dieser Weltstadt kennen! Wir finden es nicht recht, wenn man der endlich erschienenen Reichsvertretung aus jüdischen Kreisen Mißachtung entgegenbriugt, und doch glauben wir daran, daß die Naumannianer, so ungebärdig der eine oder andere sich zeigt und so wenig wir mit ihren Methoden übereinstimmeu, einer Wahrheit dienen wollen lind Einsicht annehmeii werden. Man soll nur nicht jede-gegensätzliche Strömung im Judentum in Grund und Boden stampfen, -um die eigene höher zu heben. Es ist nicht wahr, daß die meisten jüdischen Schüler die höheren Schulen verlassen mußten, und daß die Eltern nicht imstande sind, das Schulgeld aufzubringen. Es verdient aber — obwohl der schweizerische Verfasser davon fast schweigt — gerühmt zu werden, daß der Vorstand der Gemeinde über tausend jüdischen Schülern in eigenen Volksschulen ein Lehrheim geboten hat. Zusammengefaßt: die Darstellung des verstorbenen Literaten Landsberger ist nicht eingetroffen; Berlin ist nicht judenlos und wird es nicht sein. Berlin, diese schöpferische Stadt, in der die Juden zu allen Zeiten freudig gearbeitet haben, stellt sich um, und der jüdische Kreis geht mit Kraft und Mut und Würde an friedliche und praktische Aufgaben.. Die geplante Ansiedlung deutscher Juden in Cypern - Mißstimmung in Griechenland Wie aus Athen gemeldet wird, hat die vor einiger Zeit durch die ausländische Presse gegangene, aber bisher vollständig-unverbürgte Nachricht, es sei beabsichtigt, in Cypern 50000 Juden anzusiedeln, in der öffentlichen Meinung Griechenlands ein unfreundliches Echo gefunden. Es ist das Gerücht verbreitet, daß es sich bei diesem angeblich bestehenden Plan um einen Beschluß der vor kurzem in London abgehaltenen jüdischen Hilfskonferenz handle. Die in Athen erscheinende Zeitung „Imerissios Kyrix" hat hierzu einen äußerst scharfen Artikel veröffentlicht, in dem sogar die Möglichkeit von Repressalien gegenüber den in Griechenland lebenden Juden für den Fall der Durchführung des Kolonisatiousplans angedeutet wird. „Auf den Beschluß“, schreibt das Blatt, „50 000 Juden in Cypern anzusiedeln, könnte man sehr gut damit antworten, daß man die 50 000 Juden Salonikis ersucht, sich anderswo einen Aufenthaltsort zu suchen.“ Der Widerstand griechischer Kreise gegen eine jüdische Kolonisation in Cypern ist. darauf zurückzuführen, daß man in Griechenland noch immer an einen Wiederanschluß Cyperns au das Stammland denkt und die Voraussetzungen hierfür, die Erhaltung der griechischen Bevölkerungsmehrneit, durch die angeblichen Sieillungspläne gefährdet sieht. GroBzügige Winterhilfsaktion der Wiener Kultusgemeinde Ein Viertel der Wiener Juden unierstülzungsp bedürftig - Zweieinhalb 'Millionen Schilling für Fürsorgezwecke Dei Präsident der Israelitischen Kultiisgeineimlc Dr. Deshter Friedmann gab in einer Pressekonferenz Aufschlüsse über die bestellenden mul geplanten Wohlfahrls-- aktionen. In Anwesenheit der Vizepräsidenten Dr. Ornstrin und Dr. I.iiwenherz sowie des 'Obmannes. der Fiirsoigezenlrale- Dr. Khlber, Regiernnqsrates Fuchsgeth lind Amlsrales Fnget führte er u. a. aus: Eine großzügige Winterhilfsaktiou ist von der Kultusgemeinde geplant, die . der ganzen - bedürftigen jiidisehen Bevölkerung ohne Rücksicht auf die Staatsangehörigkeit zu gute kommen soll. Von dem Budget der Wiener Kultusgemeinde, das «in Jahre (i Millionen Schilling beträgt, werden 2,5 Millionen Schilling den (ieineindefürsorgezweckeu zugefiilirt. Die Erhaltung des Rothschild-Spitals mit seinen 210 ' Betten kostet pro Jahr 0110011 S., an Verpflegung mußten 22110(111 S. zugeschosseu werden, da die Gemeinde Wien keine Beiträge zu jüdischen Spitalszweekeu leistet. Diese Anstalt bildet auch eine Unterrichtsstätte für jüdische 'Mediziner' und eine .Fortbildungsschule für jüdische Ärzte. Das Versorgung*- mul Sicchenhäus in der Seegasse verbraucht jährlich -IlHl (teil* S., wobei 200 Gesuche, die sehr heriieksivhtigungswert wären, unerledigt bleiben mußten. Auch die israelitischen Pfleglinge im Lainzer städtischen Vcrsorguiigshaus eihalten rituelle Verpflegung. An Unterstützungen wurden 1 OSO 000 S. im Wege der l iirsorgezeutrale. ausgezahlt. Die Kataster der Fürsorgenzentrale 'weisen 15 000 bedürftige Familien mit 50 000 Köpfen auf, also rund 25»,. der jüdischen - Eiuw i liucr Wiens. Im Wege, dec Wanderfürsorge wurden an 3000 Personen 70 000 5. an Unterstützungen geleistet. Di: Kinderfürsorge hatte 303-1 Kinder in der Obhut, von denen zwar' 2777 in Wien oder in Österreich gehören, aber hoi 1021 nach Österreich zuständig sind. Fiir die Kinder werden Schulen und Kindergärten in Betrieb erhallen, Zuschüsse werden anderen Wohlfahrtsiiistitiitiouen zugewiesen, aulhrdeir sviru ein Kimleraiiihiilaturinm mit einem Suunciitagesheim im Augarten errichtet werden. Die Sammlungen für die Wjnterhilfsaktioncu haben im Winter 1931-32 150 000 S. ergehen. Im Jahre 1032 33 waren es nur mehr 1002100. Für diesen Betrag wurden in 05 Wintertagen je 1000 Personen gespeist, 205 000 Kilogramm Kohle und 8000 Lehensmittelpakete verteilt. Der Vurslaml der Israelitischen' Kultusgemeinde wendet ■ sieh mm au die jüdische Öffentlichkeit, zur Hilfeleistung gegen Kälte, Huugvr und Obdachlosigkeit beizutragen. Insbesondere handelt es sieh in diesem Jahre um die Hilfe für die - Emigranten aus -Deutschland. Das „Hilfskomitee für deutsche Juden“ hat bisher 1000 Personen unterstützt; 350 Emigranten erhalten auch jetzt noch Unterstützungen. Die bisher gesammeHeii Mittel von 140 000 S. sind aber bereits aufgebraiicht. Einen weiteren Schritt auf dem Wege der Fürsorge bedeutet die Reaktivierung des Arbeitsnachweises sowie die Errichtung eines Fonds, der unverzinsliche Darlehen zur Berufsergreifunjg.gewähren soll,. Auch aie Uerufsherxlun^-und Umschulung wird in stärkerem Maße betrieben, ehenso die Heranbildung von Palästina-Emigranten und ihre Überführung . nach Palästina. In den nächsten Tagen werden an sämtliche Kultusstellerträger Aufforderungen zur Beitragsleistung für die Notstandsaktionen ausgeschicktwerden. Die Eingänge sollen dazu dienen,’ die so überaus notwendige Winterhilfe zu beginnen und die bisherige Unterstützungsaktion. für die Emigranten fortzusetzen. Das österreichische Judentum bekommt keinerlei - Geldhilfe von der österreichischen Regierung, obwohl das bereits seit 9 Jahren verlangt wird und obwohl der Staat dazu durch die Verfassung verpflichtet ist. Ein zeitgemäßer Aufruf Die „Jüdische Studentenhilfe“ heim Wohlfahrtsamt der Berliner Jüdischen Gemeinde erläßt folgenden Aufruf: Eltern! Gerade jetzt ist es Zeit, Eure Kinder durch Nachhitfsunterriciu tatkräftig zu fördern. Nur wenige Monate trennen uns vom Tage der Versetzung. Wollt Ihr, daß-Eure Kinder, die vor allem heute inehr wissen müssen, Zurückbleiben sollen? Wenn nicht, dann wendet'Euch an den Arbeitsnachweis (Abteilung Studenlcnhilfe) der Jüdischen Gemeinde, Berlin (-2, Rosenstraße 2 4 (Norden D 1 0711). ♦ HaGctteU Und Hino ♦ Direktion: Flitow-H« ElOW konferiert I das 4.1>r»aramm En lat noch bessar Bilder, Sittich«, Parodien. Abends 70 Pf., kleine Preise Täglich nachm. 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