Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 13 (1933)
- Issue
- 27 (21.11.1933)
- Date
- 1933-11-21
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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y/olil von uns als auch von den Vertretern der radikalen Monistischen Richtungen seit Jahren hingewiesen wird. Wir geben nachstehend die wichtigsten Meldungen wieder, die um so schwerer wiegen, als die ,Jüdische Telegraphen-Agentur“, von der sie stammen, bekanntermaßen ein zionistisches Unternehmen ist, das alle Schwierigkeiten in Palästina eher zu milde als zu schwarz darstellen würde. Wir selber haben den Nachrichten nichts weiter hinzufügen als die seit Jahren in diesen Blättern wiederholte Mahnung, daß die Juden — bei Vertiefung des geistigen Judentums — an ihrer nationalen Emanzipation in allen ihren Heimatländern arbeiten müssen, daß sie die Länder; in denen sie leben, als Heimatländer zu .erkennen und zu erkämpfen haben. Drakonische Handhabung der Bestimmungen gegen illegale Einwanderung nach Palästina. Razzien und Verhaftungen. Sonderbehandlung von Juden bei der Grenzkontrolle Jerusalem, 11. November (J.T.A.) Die Palästinabehörden haben begonnen, die vom Kolonialminister Sir Philip Cunliffe Lister im Unterhaus angekündigten Maßnahmen gegen illegale Einwanderung nach Palästina mit einer Schärfe durchzuführen, die wachsende Unzufriedenheit und Empörung unter der jüdischen Bevölkerung Palästinas hervorruft. Die neuen Bestimmungen werden in einer. Weise gehanühabt, die eine ausgesprochene Spitze speziell gegen jüdische Einwanderung zeigt. und geeignet ist, den für Palästina unter allgemein wirtschaftlichen Gesichtspunkten außerordentlich bedeutungsvollen Touristenverkehr schwer zu beeinträchtigen. Im Hafen von Haifa wurde ein besonderer Kontrolldienst durch Polizcimotorboote eingerichtet, die Hafenpatrouillen wurden vermehrt. Durch arabische Bauern verstärkte Abteilungen englischer-diniL arabischer Polizisten haben längs’der . Küste Razzien nach jüdischen Einwanderern, die ohne Erlaubnis ins Land gekommen sind, durchgeführt und zahlreiche Verhaftungen vorgenommen. Die verhafteten Männer wurden ins Gefängnis der Festung Akko, die Frauen ins Frauengefängnis von Bethlehem, die Kinder in ein Waisenhaus in Haifa gebracht. Die Regierung hat Prämien für die Ergreifung illegal Eingewanderter ausgesetzt. An der Nordgrenzc Palästinas wurde die Kette der Grenzwachabteilungen verdichtet. Bei der Paßkontrolle werden ausschließlich die Pässe jüdischer Reisender kontrolliert. Mitwirkung der syrischen Behörden bei der Grenzüberwachung? Aus Deraa (Syrien) wird berichtet, daß dort eine Besprechung des französischen Beraters der Gendarmerie und des Gendarmerickommandanten mit palästinensischen Zollbeamten zwecks Erzielung eines gemeinsamen Vorgehens, gegen illegale jüdische Einwanderung aus Syrien hach Palästina -stattgefunden hat. . Di; Jerusalemer Tageszeitung „Haarez“ erklärt, Kenntnis davon zu haben, daß arabische Kreise1'in Syrien und im Libanon von arabischen Politikern Palästinas . aufgefordert wurden, die Palästinaregierung bei ihren Bemühungen, illegales Ueberschreitcn der syrisch-palästinensischen Grenze durch Juden zu unterbinden, tatkräftig zu unterstützen. ■''Weitere Maßnahmen zur Einschränkung jüdischer ■ Einwanderung. Nur 250 Einwanderer je Schiff zugelassen. Rentabilität von Schiffslinien nach Palästina gefährdet . London, 14. November (J.TiA.) Wie die Jüdische Telcgraphen-Agcntur erfährt, sind weitere Maßnahmen zur Einschränkung jüdischer Einwanderung nach Palästina in Aussicht genommen. Zunächst wurde beschlossen, je Schiff nicht mehr als 25U Einwanderer an Land gehen zu lassen. Diese Maßnahme trägt zwar vorläufig nur zeitweiligen Charakter, in jüdischen Kreisen befürchtet inan aber, daß sich aus ihr ein ständiges Prinzip entwickeln könnte. Die neue Einschränkungsbestimmung trifft die .palästinagerichtete Judenheit nicht nur moralisch aufs schwerste, sondern dürfte sich auch auf den Umfang der tatsächlichen jüdischen Einwanderung stark auswirken. Die Zahl der palästinensische Häfen anlaufenden Schiffe ist an sich schon nicht sehr bedeutend.. Kommt nun noch die Bestimmung hinzu, daß. nicht mehr als 250 Einwanderer, an Bord sein dürfen, so werden die Schiffahrtsgesellschaften genötigt sein, die Intervalle des Palästinaverkchrs zu vergrößern, da sie jedesmal vor Abfahrt eines Schiffes werden warten müssen, bis eine genügende Anzahl anderer Passagiere vorgemerkt ist. Für manche Linien scheint die Rentabilität infolge der neuen Bestimmung überhaupt gefährdet. So erwägt bereits die Leitung der erst vor kurzem geschaffenen Polen-Palästina- Linie die Einstellung der weiteren Fahrten des Dampfers „Polonia“ zwischen Konstanza und Haifa. Arabische Exekutive setzt den Kampf fort. Boykott jüdischer Produkte angekündigt Jerusalem, 15. November (1. T. A.) Die arabische Zeitung „Falastin“ veröffentlicht ein Interview mit dem wegen Teilnahme an den Jaffaer Exzessen verurteilten und gegen Kaution auf freien Füll gesetzten Mitglied der arabischen Exekutive Jamal-el-Husseini, in dem dieser Mitteilungen über die nächsten Absichten der palästinensisch-arabischen Führer macht. Die arabische Exekutive, erklärt Jamal-el-Husseini, wird über einen Plan zur Fortführung ihres Kampfes gegen jüdische Ein-r Wanderung beraten. Die Einstellung des Streiks ist nicht auf die Absicht zur Versöhnung oder auf Schwäche zurückzuführen, sondern sollte lediglich eine Kampfpause einleiten, um dem High Commissioner die Möglichkeit zu geben, die an ihn gelangten Petitionen zu lesen und zu prüfen. Zum Schluß stellt Husseini die Forderung nach lückenlosem Boykott der Juden und ihrer Produkte durch alle Mohammedaner und eingeborenen Christen auf; durch einen solchen Boykott werde dem Kampf um Einstellung der jüdischen Einwanderung größerer Nachdruck verliehen werden. Die arabische Exekutive will demnächst eine Beratung betreffend die Veranstaltung neuer Kundgebungen abhalten. -Jerusalem, 15. November (J.T.A.) Die Leitung der ultranationalistischen Istiklalpartei, deren linker Flügel, wie vor kurzem festgestellt wurde, eine enge Verbindung mit den Kommunisten aufrechterhält, hat in ihrer letzten Sitzung beschlossen, angesichts der augenblicklichen Lage die Politik der arabischen Exekutive zu stützen und an der Vorbereitung des Berichtes, den die Exekutive dem Völkerbund erstatten will, mitzuarbeiten. Außerdem sammelt die Partei Material für eine „Klage gegen die Palästina-Regierung vor dem internationalen Schiedsgerichtshof im Haag1-. Auf dem Wege zur jüdischen Einheitsfront in Rumänien Die neue Regierung Duca Der von König Carol mit der Bildung der neuen Regierung beauftragte Führer der Liberalen Partei, I. G. Duca, hat ein rein liberales Kabinett gebildet, in dem weder Mitglieder der unter der Führung George Bratianus stehenden Jungliberalen, noch Octavian Goga, der Führer der nationalen Agrarpartei, der nach Fühlungnahme mit ausländischen Faktoren aktiv in die antisemitische Propaganda eingegriffen hat und dessen möglichem Eintritt in die Regierung von fortschrittlich gesinnten Kreisen deshalb mit einiger Besorgnis entgegengesehen wurde, ein Portefeuille erhalten haben. Von dem neuen Kabinett wird allgemein erwartet, daß. es der antisemitischen Verhetzung durch Cuzisten, Eisengardisten und neu gebildete Gruppen, die sich zum Teil aus den Kreisen der nationalen Minderheiten rekrutieren, mit aller Energie entgegenwirken wird. Dem neuen rumänischen Kabinett gehören außer Ministerpräsident Duca und dem Außenminister Titulescu, der sich wiederholt mit Nachdruck und Erfolg auf internationalem Boden für den Schutz bedrohter jüdischer Interessen eingesetzt hat, eine Reihe von Ministern an, die bei verschiedenen Gelegenheiten’ wohlwollendes Interesse für allgemein-jüdische Probleme bekundet haben. Die liberale Presse gibt ihrer Meinung dahin Ausdruck, daß der Regierungsantritt Ducas das Ende des antisemitischen Vormarsches, der sich in letzter Zeit in Rumänien mit beunruhigender Schnelligkeit vollzog, bedeutet. Es wird angenommen, daß die Regierung neue Wege für die Zusammenarbeit mit den ethnischen und religiösen Minderheiten suchen wird. Das Präsidium der Jüdischen Partei, das von dem vor kurzem in Bukarest abgehaltenen ersten Parteikongreß gewählt worden ist, tagt in Permanenz und wird mit der neuen Regierung in Verbindung treten; um. ihr die Postulate der jüdischen Bevölkerung Rumäniens vorzulegen. Dr. Eildermann legi das Präsidium des Verbandes der Jüdischen Gemeinden All-Rumäniens nieder Die neugeschaffene politische Lage in Rumänien, die auch auf die Gruppierung der jüdischen politischen Organisationen von entscheidendem Einfluß sein wird, hat Dr. Wilhelm Fildermapn, den langiähfigen verdienstvollen Präsidenten des Verbandes der Jüdischen Gemeinden Altrumäniens, veranlaßt, dieses Amt niederzulegeir. Auf dem Wege zur jüdischen Einheitsfront in Rumänien Unter dem Vorsitz von Dr. W. Fildermann hat der alle Berufsgruppen umfassende Verband der jüdischen Akademiker „Ur.irea" eine Sitzung-ahgehalten, in der beschlossen wurde, sich der in Bildung befindlichen jüdischen Einheitsfront gegen den Antisemitismus anzuschließen. . ' der in ihrer Heimat herrschenden schweren Wirtschaftskrise zu entgehen. Einige von ihnen sind inzwischen wieder nach Griechenland zurückgekehrt, da sie in Spanien keine Erwerbsmöglichkeiten vorfanden. Trotzdem beabsichtigen jetzt zwanzig jüdische .Tabakarbeiter, aus Saloniki nach Spanien auszmyandern, und es heißt, daß für sie dort bereits Arbeitsmöglichkeiten gefunden wurden. Die Tabakarbeitergewerkschaft, in der christliche Arbeiter die Mehrzahl bilden, hat zwecks Linderung der Arbeitslosigkeit beschlossen, den 2ü jüdischen Familien einen llbcrsiedlungsbeitrag auszuzalilen. Ministerpräsident Gömbös erklärt: Katholiken, Protestanten und Juden sind in Ungarn gleichberechtigt Am ersten Tage der Propaganda-Woche für die nationale Arbeit fand nach einem Werbeaufzug der ungarischen Industrie durch die beflaggten Straßen der Hauptstadt eine von 25 000 Menschen besuchte Massenversammlung statt, in der Ministerpräsident Gömbös eine wirkungsvolle Ansprache hielt. -Der Ministerpräsident wandte sich im Verlauf seiner Ausführungen entschieden gegen jegliche konfessionelle Verhetzung. Er . Es gibt in Budapest Leute, die mit konfessionellen Schlagworten spielen (Zwischenrufe: Nieder mit ihnen). Niemand kann etwas dafür, daß er als Katholik oder als Protestant geboren ist. Es ist gleichgültig, in welchem Gotteshaus die- Menschen beten, sie dürfen nur nach dem Wert eingeschätzt werden, den sie für die Nation haben. Bei uns in Ungarn — und dies möge niemand außer Acht lassen — ist jeder Ungar Mitglied der Nation, sei er nun Katholik, Protestant oder Jude (Lebhafte Eljenrufe). Ich habe die Überzeugung, daß das Leben selbst die konfessionellen Differenzen ausgleichen und das richtige Verhältnis zwischen den einzelnen Konfessionen herstellen wird. Der Gedanke der Einheit fordert, daß wir alles tun, um die Scheidewände, die die Religionen zwischen uns errichten, niederzureißen. Christlichsoziale Wirtschaftspartei wehrt sich gegen Vorwurf des Antisemitismus. In einer unter dem Vorsitz von Graf Johann Zichv abgehaltenen Parteikonferenz der christlichsozialen Wirtschaftspartei legte Abg. Turi gegen die vom Ministerpräsidenten in seiner Rede dem politisch organisierten Katholizismus -gemachten Vorwürfe Verwahrung ein. Wir haben, erklärte Turi, niemals gegen die Juden gehetzt, und wenn svir auch wegen der ungleichen Verteilung der Kräfte gegenüber dem Judentum unser Wort erheben, so haben wir doch niemals den konfessionellen Frieden gestört. ■: Die neue Regierung garantiert Gleichberechtigung aller Staatsbürger Auf einer Pressekonferenz entwickelte Ministerpräsident I. G. Duca die politischen Richtlinien der neuen Regierung. U. a. erklärte Duca mit einer deutlichen Spitze gegen die verhüllt antisemitische Politik seines Vorgängers Vaida-Voevod, jeder Bürger Rumäniens solle ohne Rücksicht auf seine Religions- oder Rassenzugehörigkeit vollkommene Freiheit und Gleichberechtigung genießen. Jüdische Tabakarbeiter aus Saloniki nach Spanien? Auf Grund der in letzter Zeit immer wieder veröffentlichten Berichte über die jüdenfreundliche Haltung der neuen Machthaber Spaniens sind einige jüdische Familien, hauptsächlich solche aus Cavalla, .nach Spanien ausgewahdert, um Antijüdische Maßnahmen in Danzig? Aus Gdynia (Gdingen) meldet die Jüdische Telegräphen- Agentur: - Die Leitung des Danziger Schulwesens hat die Entfernung aller Bücher jüdischer Autoren aus den Schulbibliotheken angeordnet. Auf einer in Danzig abgehaltenen Versammlung jüdischer Angestellter wurde festgestellf, daß -ungeachtet der Erklärung des Senatspräsidenten Rauschnig, daß Juden nicht depossediert werden sollen, eine unterirdische Arbeit zur Entfernung aller jüdischen Angestellten eingesetzt hat. Zahlreiche jüdische Angestellte verschiedener Warenhäuser und und Büros wurden bereits entlassen. Das große Warenhaus Sternfeld kündigte seinen jüdischen Angestellten und machte dabei kein Hehl daraus, daß der Zug dahin geht, „Angehörige der jüdischen Rasse, die der Kundschaft nicht erwünscht sind'1, aus den Warenhäusern zu entfernen. Zeitschrift von 1915... Manchmal, wenn man den steten Kampf um jeden Zipfel unserer Existenz nicht mehr ertragen zu können glaubt, möchte man weit weg fliehen, in Gegenden, die die Sorgen und Nöte unseres Tages nicht kennen, in denen ir—■ für eine Weile Ruhe finden kann. In der Bibliothek blätt man in diesem und jenem Buch, versucht zu lesen und findet nicht die Sammlung dazu. Schließlich nimmt man sich ein alten Zeitschriftcuband vor, sieht hier ein paar Bilder a , liest dort eine kleine Geschichte und fühlt, wie man langsam in eine andere Welt; entgleitet. Auch das ist eine ernste Welt, denn es Ijandelt sich um eine gediegene deutsche Zeitschrift und um einen Kriegsjahrgang, — um es genau zu sagen, weil das wichtig und bedeutungsvoll ist, um den Jahrgang 1915 von’Velhageii und Klasings Monatsheften. Es istso wie heute: .die Gemeinsamkeit des Kriegserlebnisses schließt das ganze Volk zusammen, und das macht sich selbstverständlich auch in jedem geistigen Erzeugnis bemerkbar. Kein Wunder also, daß mit begreiflicher Ausschließlichkeit fast nur vom Krieg die Rede ist, daß auch die literarische Umschau „Neues vom Büchertisch“’ Geschichten, Gedichte, Schilderungen vom Krieg in den Vordergrund stellt. Die kritische Feder liegt zu dieser Zeit in den Händen des inzwischen verstorbenen Carl Busse, der selbst ein Lyriker von hohen Gnaden und dessen Urteil gerecht und unbestechlich ist. Wenn er etwa im Mai-Heft des Blattes von Ernst IJssaucrs „Haligesang gegen England“ im Rahmen einer Besprechung von Kriegsgedichten sagt, daß es zwar gut gemacht sei, aber eben „gemacht“ und nicht zutiefst empfunden, so ist es nicht nur mutig, das in einer Zeit auszusprechen, in der die allgemeine Kriegsstimmung steh eben dieses Gedichts als Schlachtruf bemächtigt - hat, ohne danach . zu fragen, ob der Verfasser ein Jude ist, sondern es ist — von heute gesehen — sicher auch richtig. Dieses Gedicht entstammt einem zeitlich gebundenen Gefühl, nicht dem ewigen Gewissen des Dichters, und Lissauer hat Besseres und Tieferes geschaffen. Daß man dennoch grade unter den heutigen Gesichtspunkten Manches auch zu der Konzeption und Aufnahme des Lissüuerschen Gedichts zu sagen hätte, ist eine andere Sache. Interessanter ist, was Carl Busse ihm als wirklich echten lind aus der Tiefe des Volksempfindens kommendes Kriegsgedicht gegenüberstellen zu können glaubt. Es ist gut, so gut, daß man es auch heute noch mit innerster Anteilnahme lesen und hören kann, und darum soll das nach Busse „weitaus schönste Gedicht, das der Weltkrieg gezeitigt hat“, hier noch einmal stehen. So geht es: Drüben am Wiesenrand Hocken zwei Dohlen — Fall’ ich am Donaustrand? Sterb’ ich in Polen? Was liegt daran! Eli’ sie meine Seele holen, Kämpf’ ich als Reitersmann. Drüben am Ackerrain Schreien zwei Raben — Werd’ ich der Erste sein, Den sie begraben? ' Was ist dabei! Viel hunderttausend traben In Ostreiches Reiterei. Drüben im Abendbrot Fliegen zwei Krähen — Wann kommt der Schnitter Tod, um uns zu mähen? Es ist nicht schad’, Seit’ ich nur unsere Fahnen wehen auf Beigerad! Der Schnitter Tod kam bald, und als Carl Busse dieses Gedicht wiedergab und würdigte, war der Verfasser, der jüdische Rechtsanwalt und k. k. Reserveleutnant Dr. 'Hugo Zuckermann aus Wien, schon den Heldentod gestorben. Wer kennt den Dichter heute noch, von dem der Kritiker sagt: „Gnade hat hier ein volkstümliches Lied geschaffen. Das volkstümliche Lied löst sich von seinem Schöpfer — schon e wissen die wenigsten, wem wir das Reiterlied verdanken... Alles ist oder scheint doch absichtslos, fast kunstlos in seiner Selbstverständlichkeit und Schlichtheit. Volkstümlichkeit und Einfachheit ■ ohne Trivialität, Liedhaftigkeit ohne Klingelei. Das ist sehr viel. Man wird hier nicht von einer starken künstlerischen Leistung reden, sondern lieber von Finderglück und Gnade.“ Man kann nicht mehr weiter lesen. Ist denn das alles so wichtig? Ein Jude hat ein gutes Gedicht gemacht; nun, es gibt viele gute und begabte jüdische Dichter mit echten und tiefen Tönen. Hier aber gehtes um etwas anderes: um den Kampf von heute, der 1915 schon entschieden war. Denn für den Kritiker Carl Busse geht es um das deutsche Volksgefühl, ihm ist es nicht unmöglich, nicht einmal er- -’-unlich, daß der jüdische Rechtsanwalt das gleiche Erleben -J vor allem das gleiche Gefühl hat wie jeder im deutschen Volk-, Wenn er aber, so wird einer fragen, garniclit gewußt hat, daß .Zuckermann Jude war? Um so besser, um so beweiskräftiger für uns, die wir erweisen wollen und müssen, _aß wir in unserem Fühlen, Denken und Handeln zum deutschen Volke .gehören. Es ist heute nicht sinnvoll, der Behauptung von der künstlerischen Unproduktivität der Juden mit Aufzählungen von Namen und Werken entgegenzutreten, die doch nicht auf Widerhall stoßen. Aber das kann uns keiner nehmen: daß wir. wissen, daß unsere Kultur nur ein Bestandteil der deutschen ist, und daß wir glauben, daß auch unter den nichtjüdischen Deutschen diese Ueberzeugung wiederkehren wird. Man ist stolz, als man die alte Zeitschrift wieder weglegt, stolz nicht auf eine, irgendeine artistische Leistung,, sondern weil dieser Deutsche, der sein Fühlen mit seinem' Blut' besiegelt hat, Jude war. In diesem einen Gedicht wird er leben, leben wir. Auch und grade heute! Gemeinschaft jüdischer Künstler in Hamburg Die nächsten Schauspielabende sind für den 27., 28. und 29. November vorgesehen und finden, wie immer, im Gabriel