Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 13 (1933)
- Issue
- 27 (21.11.1933)
- Date
- 1933-11-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2613366-2613479-2613508--4575-2616274- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
ßt* [m Einzelnummer 20 Pf. Nr. 27 _ I 13. Jahrgang Bezugspreis: Monatlich 1,35 RM. zuzüglich Bestellgeld. Einzelnummer 0,20 RM. Abonnementswerden bet allen Postämtern angenommen. — Anzeigen nach Tarif. — Bel.Nichterscheinen Infolge Streiks oder höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder ROckerstattung der .entsprechenden Bezugs- gebühren., Herausgeber: Hanns Loewenstein und Willi Tisch Verlag _Scliriitli-itun»: Gcor»e Cioctz Berlin, 21. November 1933 Dle,.JQdlsch-llberaloZeltung" erscheint Dienstag^ und Freitags. - Redaktion und Geschäftsstelle; Berlin - Charlottenburg 4, Mommsenstr.40. — Fernruf: J O Bleibtreu Sammel-Nr. 1645. - Bankverbindung: Kreditverein für Handel und Gewerbe e.G.m.b.H., Berlin N 24. Postschedekonto: Jüdisch-liberale Zeitung, ~ ■Berlin 28754. Die „Jüdisch-liberale Zeitung“ ist das einzige Blatt deutsch-jüdischer Richtung, das zweimal wöchentlich erscheint Zwei viel besprochene und von der gesamten Presse erörterte Ereignisse hat uns die letzte Woche gebracht; : sie haben nur scheinbar nichts miteinander, und das eine von ihnen hat nur scheinbar nichts mit dem Judentum zu tun. Das eine ist das Versacken der Abrüstungskonferenz in Genf, das andere ist der durch den Studienassessor Krause hervorgerufene, durch den Reichsbischof Müller inzwischen beigelegte Konflikt in der deutschen evangelischen Kirche. Wir Juden haben gewiß den größten Anlaß, uns mit allen Vorgängen zu befassen, die auf den Völkerbund Bezug haben. Dehn es kann keinem Zweifel unterliegen, daß die Idee einer Einigung aller Nationen im altjüdischen Schrifttum, in der Bibel angelegt ist. Sicherlich nicht, wie vielfach angenommen wird, nur in der Bibel, denn auch von den griechischen Denkern ist das gleiche Ideal verkündet worden, und es ist ja auch bekannt genug, daß, als dieses Ideal in den letztvergangenen Jahrhunderten seine Wiedergeburt, seine Renaissance erlebte, dies durch den Humanismus geschah, der vornehmlich an die altgriechischen Klassiker anknüpfte. Aber dennoch: auch diese Anknüpfung erfolgte in einem christlichen, d. h. von der Bibel beider Testamente geprägten Kulturkreise, .,und.es_lpnnL.feinem..ZweifcJ unterliegen-.daß .in^der-ataulländischen Welt das Werk der Propheten vpn ganz viel durchschlagenderer, dauerhafterer und beherrschenderer Wirkung und Kraft gewesen ist und auch heute noch ist, als das Schrifttum der Griechen — die morgenländische Welt kann, hier außer. Betracht bleiben, weil wir von ihr politisch nicht bestimmt werden und sie sich, überdies von Juda wie von Hellas gleich unbeeinflußt zeigt; der Osten ruht geistig völlig auf seinen eigenen Werken. Aber der Westen ist seit zweitausend Jahren biblischer, damit auch jüdischer Kulturkreis, und sow ” ' ' -isehen vermag, wird noch ' ' ’ Zukunft mit bedeutsamer rechnen sein wird. | Dennoch und trotz alledem will cs uns scheinen, als dürfe der Gedanke nicht aufgegeben werden. Eine Einrichtung hat sich als verfehlt erwiesen, aber das Ziel ist ewig, weil es biblisch ist. Und es ist auch ein deutsches Ziel; die deutsche Regierung hat in ihren zur Volksabstimmung am 12. November erlassenen Aufruf sich selber zu dem Ideal der radikalen Waffenlosigkeit bekannt; freilich und mit vollem Rechte licht zu der eines einzelnen, nämlich des deutschen Volkes, was nicht Waffenlosigkeit wäre, sondern Wehrlosigkeit. Das Gebot der Waffenlosigkeit ist in sejner klassischen Formulierung; von den jüdischen Propheten für alle Völker ausgesprochen worden, alle Völker sollen ihre „Schwerter zu Pflugscharen und ihre Lanzen zu Winzermessern“ umschmieden — das ist[ das Ideal, zu dem sich auch das deutsche Volk und seine Rcichsregierung bekennt. Auch für die Staaten gilt ,Du sollst nicht töten“, und oberste Aufgahi Menschenurtei! vorauszusehen vermag, wird noch auf Jahrtausende die Bibel das Fundament unserer Kultur bleiben, ja, sie wird, das ist unser fester Glaube, zum Abendland auch den Orient sich hinzuerobern. Deshalb haben wir Juden — aus ganz anderen Gründen, als sie von den Judengegnern uns unterstellt werden — die Schaffung des Völkerbundes und die ihm als wichtigste Aufgabe zugewiesenen Abrüstungsbestrebungen als einen Sieg des Judentums angesehen. Es sei wiederholt: nicht in dem von unseren Gegnern behaupteten Sinne, daß „der Völkerbund ein Instrument des internationalen Weltjudentums zur Unterjochung Deutschlands“ sei — o nein. Auch jüdische Schriftsteller haben gewußt, daß der Völkerbund ursprünglich ein Bund der Siegerstaaten des letzten Weltkrieges gegen Deutschland War; aber doch haben sie über den bösen Tatsachen die guten Möglichkeiten nicht übersehen, haben gehofft, daß Deutschland und alle anderen Mächte einst gleichberechtigt an diesem Völkerbunde teilhaben würden, und wäre der Völkerbund das geworden, was man sich von ihm versprach und 'was'er werden sollte, so wäre mit ihm in der Tat ein Stück Judentum in der Welt realisiert worden und man hätte seine Schaffung in jenem ganz anderen Sinne einen Sieg des Judentums, nämlich des jüdischen Geistes, des Geistes der Bibel, neunen dürfen. Den Geist der Bibel, der für uns identisch'ist mit dem Geist des Judentums, in der Welt zu realisieren, — das scheint uns noch immer die oberste Aufgabe aller Menschen — nicht nur der Juden. Aber es scheint auch, als sei bisher der Weg noch nicht gefunden worden, auf dem man das hohe Ideal in die Sphäre der Wirklichkeit überführen könnte. Denn es ist ein menschliches Naturgesetz, daß die allgemeine. Rechtsi'tfec immer nur so viel Wirklichkeit hat, wie sie von Macht gestützt und getragen wird. Deshalb kann innerhalb eines Staates das Recht — die Gleichberechtigung aller Bürger — hergestellt werden, weil der Staat die Macht hat, es durchzusetzen; letzten Endes stützt sich alle innerstaatliche . Ordnung auf die sogenannte „brutale Gewalt“, die aber von einer weisen Staatsführung zu dem gar nicht brutalen Zwecke der Aufrechterhaltung von Recht und Ordnung eingesetzt wird. — Ganz anders liegen die Dinge für den Staat in seinem Verhältnis nach außen, d. h. also für die Beziehungen der Staaten untereinander. Sie können einen „Bund“ schließen und diesem Bund eine sichtbare Spitze, eine oberste. Behörde geben. Aber diese Behörde, die dann, selbst keinem der Staaten angehört, hat dann-auch keine Machtmittel, um die etwa innerhalb des Völkerbundes getroffenen Vereinbarungen gegen einen vielleicht widerstrebenden Partner durchzusetzen. Das ist die .scheinbar unlösbare Schwierigkeit dieses und jedes Völkerbundes: er soll unter den Völkern Recht schaffen, und das könnte er nur, wenn er die Macht dazu hätte; die, Macht aber verbleibt und wird verbleiben bei denjenigen, deren Interessen nun einmal sehr häufig gegeneinanderprallefi, bei-den Einzelstaaten. Deshalb blieben alle Bemühungen bisher erfolglos, und da feststtht, daß die allgemeine Abrüstung die oberste Aufgabe des'Völkerbundes gewesen ist, so muß man annehmen, daß mit dem Scheitern der Abrüstungskonferenz auch die Völkeibundsfreudigkeit der Einzelstaaten sehr bald bis zürn absoluten Nullpunkt gefrieren wird —: die Zeitungen meldep, daß die „Abrüstungskonferenz begraben“ sei, und sie melden folgerichtig im selben Atem auch, daß für die allernächste rhalb der Eirizelstaaten unter den Bürge , auch für das Verhältnis der Staaten untereinander die göttl! d. h. gottgewollte Ordnung herzustellen. -1 Vielleicht war dies das große Manko des Völkerbundes,- daß er seine Absichten durch irdische "Macht herstcllen wollte, und obendrein noch ohne daß er selber irdische Macht bisaß. -Atich'Wrr-'Judcn-häben-an-solcfl-refißfrdi^Cntir-S'Cn'äCt’tr.'ii'g^lRr Völkerbundes unser gerüttelt Maß von Schuld. Vielen, ganzen -,,;ilkerbund nur mehr zum Garanten ^gesunken; Genf sollte Jerusalem „- - -, __s Umgekehrte wäre das Richtige, gewesen: Jerusalem müßte Genf garantieren. Denn wie es währ ist, daß „von Zion die Lehre ausgeht 11111! das Wort Gottes von Jerusalem“, so ist es sicher, daß ein Biiiidj der Nationen nur. Bestand haben wird, wenn er nicht den hoffnungslosen Versuch macht, seine Aufgabe erfüllen zu wollen durch eine oberste Behörde, nach den Gesetzen di England vemegelt Palästina D ie Tatsache, daß die Palästinaiumihen des vorigen MoHats" sicli nicht so sehr gegen die Juden, als vielmehr geuen die englische Regierung richteten, daß - :.*-::l .—. . ... •erhältnis- .„ . schließlich daß sie von der englischen Streitmacht im Zeiträume weniger Tage unterdrückt worden sind, das alles hatkurzsichtige oder leichtfertige Gemüter dazu verführt, die Bedeutung dieser Unruhen zu unterschätzen und zu meinen, es sei jetzt wieder alles in schönster Ordnung. Indessen: die Nachrichten, die jetzt cintreffen, bestätigen vollauf diejenigen Voraussagen, die in diesen Blättern_übcr , Englands weitere' Haltung und über den Fortgang der national-arabischen Bewegung gemacht wurden. Bei jeder Politik gibt es Nahziele und Fernziele. Es konnte keinem Zweifel imlerliegen, daß EughrmK als die vom Völkerbund bestellte Mandatsmaclit üher Palästina, zunächst die Pflicht hatte, Ruhe und Ordnung im Lam mit den dies e die Pfl liehen Macht, aber ohne eine solche Macht zu besitzen, sondern wenn es ihm gelingt, vor aller Schaffung von „Einrichtungen“ eine geistige Revolution hervorzuhringen. Denn das biblische Ideal wurde ins Allzuirdische verdreht; die in keinem Genfer Protokoll, wohl aber in der Bibel verzeichnete oberste Völkerbundssatzung lautet noch immer: „Gott ist König“. j . II. j Das alles klingt vielleicht sehr weltfremd, klingt peil einer Erbaumigsrede, statt nach einer realpolitischen Betrachtung. Aber sei’s drum: die gleichen Menschen, die von|der realpolitischen Bedeutung der Bibel am wenigsten hören wollen, sind immer die ersten,' sich für die Bibel zu interessieren, sobald sie glauben, es gehe um jüdische Angelegenheiten oder um das, was sie für jüdische Angelegenheiten halten. Der Streit in der deutschen evangelischen Kirche, |von dem wir in diesen Tagen lasen und der durch das sältmnislose Eingreifen des Reichsbischofs beigclegt wurde, ist aber nichts weniger als eine jüdische Angelegenheit. Freilich: es war vom Alten Testament die Rede, das, wie den Berichten der Tageszeitungen zu entnehmen ist, vom Studienassessor Krausei als ein „Buch der Viehtreiber- und Zuhältergeschichten“ bezeichnet worden sein soll. Aber wir meinen, wenn der Reichsbischof sich gegen einen derartigen Angriff auf die Autorität der Bibelzur Wehr setzt, so tut er das als evangelischer Christ,(für den das Alte Testament ein Fundament des christlichen Glaubens ist und lediglich in Verbindung mit dem Neuen besteht; und auch die Frage, wie die nichtarischen Christen inj die evangelische Kirche eingeordnet werden, scheint uns nicht gerade eine jüdische Angelegenheit zu sein. ' Diejenigen in unseren Reihen irren gewaltig, die sich einreden, idie Wiederherstellung der Bibel-Autorität und die Wahrung [der Sakramentsgemeinschaft durch den Reichsbischof habe auch nur das geringste mit einer Stellungnahme gegen 'den Antisemitismus, mit einem Eintreten für die jüdische Religion oder für die jüdische Gemeinschaft etwas zu tun. Aus ganz anderen Gründen sind diese Vorkommnisse für uns belangvoll. Weil Sie nämlich zwar nicht auf eine Anerkennung des Judentums durch das Christentum, wohl aber auf die Verwandtschaft beider hinweisen und auf das gemeinsame Anliegen aller Religion. Deshalb darf es auch niemals unser Bestreben sein, uns in ^den innerchristlichen Streit um das Alte Testament cinzumlschen, sondern ganz allein dies obliegt uns: zu jerweisen, daß der Geist des Alten Testamentes,, er möge nun von der christlichen Kirche akzeptiert werden öder nicht, sich mit dem Geiste jeder wahren Religion messen darf, und daß der Menschheit kein höheres Glück beschießen sein kann, [als nach diesem Geiste ihre Angelegenheiten zu ordnen. { Der Geist der Bibel aber war unsern Menschen fremd geworden. Das Scheitern des Völkerbundes und das Versanden der Abrüstungskonferenz ist nicht zuletzt darauf zurückzuführen, daß die realpolitischen Aufgaben nicht in ihrem Zusammenhänge mit dem Gebot des Geistes erkannt wurden. Es war alles zu Politik geworden. Auch bei uns in Deutschland. Wenn aber nun dadurch, daß Viele auch das kirchliche Leben zunächst nur wegen seiner politischen Bedeutung beobachten, wenn durch diese unbestreitbare Tatsache heute die religiösen Fragen weit mehr als früher Gegenstand öffentlicher und allgemeiner Erörterung geworden sind, so kündigt Interesse iibereiiisti., _ Kommissar seiner Aufgabe mit eiserner Energie nachgckominen. Das Nahziel ist erreicht, die Ruhe wieder liergestellt. Was aber das.Fernziel der englischen Palastma-Eolitik ist, das haben wir in mehreren Artikeln hier ausführlich dargestellt, vor allem in dem Aufsalz „England lind die Araber" (Nr. 22 der „J.-l. Z." vom 3. November), der, wie zahlreiche Zuschriften uns beweisen, überall größte Beachtung gefunden hat; Es handelt sich einmal darum; daß England die arabische Nationalbeweguiig als berechtigt und daher auf die Dauer unaufhaltsam erkennt, so daß es schon' um der normalen Entwicklung des Landes-selbcr willen die jüdische -anderung systematisch drosselt, lim die Spannung t «S Vergessen Sie nicht die Einlösung der Abonnements*Quittung für Dezember. —' Nur pünktliche Einlösung sichert regelmäßige Zustellung der " „füdisdiliberalen ZeUuinT. verschärfen und zu verewigen. Das ist für England um so wichtiger, als, wie wir gezeigt haben, die Gesanitintercssendes Brjtish Empire auf dem Spiele stehen, weil eine dauernde Veriinruliigung der Araber in Palästina auf die Völker des gesamten Islam, besonders aber auf die Mohammedaner Indiens übergreifen kann. Es bleibt demzufolge so,_wic wir dies äusgeführt haben: die englischen Bajonette-waren gegen die augenblicklichen- Unruhestifter, die Araber, gerichtet, die englische Politik aber richtet sich gegen den Zionismus. Die neuesten Nachrichten aus Palästina bestätigen das alles vollauf. Zwar befassen die derzeitigen Regierüngsmaßnahmen -sich vorwiegend mit der illegalen Einwanderung und inan erfährt bei dieser Gelegenheit, daß nicht nur, wie man seit langer Zeit weiß, angebliche Touristen es. veistehen, gegen ausdrückliches Gesetz in Palästina Daueraufcnthalt zu nehmen, sondern daß Leute sich die Einreiseerlaubnis nach „Kategorie A“ beschaffen, d. h. äls „Kapitalisten“ mit 10(11) Pf.und Sterling, indem sie sich von einem Freund die 1001L Pfund borgen, die sie nach Eintreffen in Palästina dann zurückzahlen, so daß sie mittellos sincLund den Arbeitsmarkt’ belasten. Man wird Verständnis dafür haben, daß sowohl Araher als auch -die Regierung sich gegen solche Ungesetzlichkeiten wehren- Aber es wäre irrig zu glauben, daß die Regierungsmaßnahmen sich ausschließlich gegen die illegale Einwanderung richten. Denn selbst das offizielle Blatt des Zionismus, die „Jüdische Rundschau", sieht sich genötigt, in der Nummer vom 17. November offen : Rcgii sich hier ein Umschwung a . begrüßen ist. Seit Jahrzehnten ist es nicht geschehen, -daß die Tageszeitungen in .n religiöse Probleme behandeln, 1— spaltenlangen Artikeln i-..„- - denen wir wissen, daß die große Masse des Volkes sich m., ihnen tief innerlich beschäftigt. Die Menschen denken wieder nach; dies allein schafft die Möglichkeit, daß ein neuer Qeist und eine neue Gesinnung von ihnen Besitz ergreift. Schaffen' sie auf dem Grunde des Geistes, statt wie bisher auf dem Grunde der Macht, eine neue Wirklichkeit, dann erst können Gleichberechtigung, Frieden und gegenseitige Achtung auf Erden einziehen. Nicht mehr.soll ein Paragraph von Genf die kleine Stadt Jerusalem schützen, sondern der über allen Welten thronende Geist von Jerusalem wird der ganzen Menschheit — und inmitten ihrer befriedeten Völker auch uns —ein neues, dauerndes Genf erbauen.