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Jüdisch-liberale Zeitung · 1933-11-14 · 25 (14.11.1933) · page 4

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
13 (1933)
Issue
25 (14.11.1933)
Date
1933-11-14
Page
– (sequence 4)
Language
German
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ErMnte&e eines* jüduseften Emigranten Wo ist die größere Not? Von W. Strauß (Paris) HS I Iso, Eßmarken bekommen Wir keine mehr. Im Pariser ' ' ivierfel, im Ghetto (Deutschlands Juden im Ghetto!) li wir bis jetzt meistens gegessen. Nun mul! man _!t helfen. Daher bereiten wir, d. h. sechs jupge Menschen (ein Rechtsanwalt, ein Bankbeamter, ein Autoschlosser, ein Lehrer, ein junges Mädchen und ich) .uns das Essen selbst. Unser Herd: zwei Spirituskocher. Jeder bezahlt 1,50 Frs., die Einkäufe werden besorgt und dann in dem Zimmer, das die vier Erstgenannten zusammen bewohnen, gekocht. Der Rechtsanwalt beweist dabei wieder einmal, dal) die Juristerei doch vlje vielseitigste Wissenschaft ist. Während wir andern cinschlicfllich des jungen Mädchens(l) interessiert Zusehen, bindet er sich ein Handtuch als Schürze um, schält Kartoffeln, kocht Tee und Grießbrei. Ein Teller dieses Grießbreis, ein Glas Tee und ein Stück Brot bilden unser Abend- . essen. Und —, maii muß es sagen: der Grießbrei unseres „juristischen“ Kochs steht selbst dem von Mutter kaum nach! Boche! Ein natiunaljüdisch eingestellter Referendar hatte sich zwecks Stcllungsuchc nach Südfrankreich begeben. Von dort schrieb er mir u. a. .,. Ich kann Ihnen nur schreiben, daß ich froh bin, .von Paris weg zu sein. Ich bin fast glücklich, trotz meines Unglücks. War doch das Leben in Paris für mich unerträglich. Nun müssen Sie aber nicht glauben, daß es in der Provinz viel besser ist. Die Aussichten, eine Stelle zu bekommen, sind auch hier sehr schlecht; die Ausländer möchte man möglichst „ aussclialjen, und gegen'die Deutschen herrscht geradezu eine - feindliche Stimmung. Ich möchte Ihnen nur initteilen, wie es mir gegangen ist: Ich bin zuerst nach Boulogne gefahren. Dort traf ich Leute, denen ich sympathisch war und die sich um meine Person bemühten. Deshalb habe ich meinen Plan, nach den Kolonien zu fahren, anfgegeben (wie ich überhaupt heute meine Pläne sehr schnell ändere; ich habe gar keinen festen Plan mehr für die nächste Zeit), und habe dann tatsächlich gefunden; was ich gesucht habe:..eine Stelle in einem großen Früchtegeschäft. Ich habe mich mit einem blauen Arbeitsanzug verpackt,' Obst verlesen, Baiia geladen etc. Matr war mit mei drei Tagen sagte die Chefin: Willen haben; ich glaube, dal! aas keine Arbeit tur sie isi ich werde Unten einen andern Platz gelten.“ Nun wurde icl . Buchhalter, bekam die Kasse (ich nahm täglich etwa 20—3 tausend Frs. ein und gab etwa S—12 000 aus) und war de erste Beamte iin Geschäft. Das erregte aber den Neid und den Haß der andern Angestellten: vom einfachen Arbeit war ictr so schnell aufgerückt. Man versuchte, mich auf al Arten zu stürzen. Ich wehrte mich, so gut ich konnte, und <J Chefin war auf meiner Seite. Zwei Angestellte wurden er lassen. Da wurde aber der Sturm gegen mich noch größt Endlich fand man das Mittel, mich zu vertreiben: der beste Kunde war eine Kaserne, m der ent nationalistischer Offizier den Lebeiismitteleinkaüf besorgte. Dem teilte man mit, daß das Geschäft einen „Boche“ beschäftige und daß man Franzosen vor die Tür setze. Die Kaserne machte keine Bestellungen mehr. und als sich das .Geschäft nach dem Grund Seitdem irre ich im Lande umher... Olli. :r Arbeit sehr zi t. Nach Selbst e Po kelirer, 10 Uhr. Ein sehr bescheidener Salon einer sehr bescheidenen Wohnung nimmt mich auf. Der Parteivorsitzende mipfängt mich im Morgenrock, was mir sympathischer als Tin Empfang im schwarzen Anzug ist. Ein warmer Händedruck, ein freundliches Lächeln und ein kameradschaftlicher Schlag auf die Schulter bilden die Begrüßung. Ich deute das alles als gute Vorzeichen. Und dann erzähle ich. Erzähle von unser aller und meinem persönlichen Schicksal, von meinen Interessen, b'eruf- , \t bekommen. Trotzdem, die Hoffnung gebe ich noch nicht auf. Meine größte Chance, ich konnte sie ja bisher mellt waliruehmeii. Aber heute werde ich das tun, denn der Vorsitzende einer großen politischen Partei Frankreichs, an den ich ein Empfehlungsschreiben habe, ist aus den Ferien zurückgekehrt und hat mich für heute morgen 10 Uhr in seine Wohnung bestellt. Der Mann verfügt doch über 'Beziehungen und Einfluß. Vielleicht, daß er mich an einer deutschsprachigen Zeitung im Elsaß uiiter- Doch, als ich ihn bitte, mir wenn möglich, zu einer Stelle, zu verhelfen — ich würde selbstverständlich alle Arbeiten verrichten — zuckt er bedauernd die Achseln: „Mais je n’ai aucune idee. Vous n’avez pas demande aux comites?“ Ich gehe vom bloßen Erzählen ab. Ich merke, hier muß ich kämpfen. Wie ein Schachspieler, der eine Partie spielt, die für seine ganze Zukunft entscheidend ist, komme ich mir vor. Alle Figuren, mit denen meiner Ansicht nach die Stellung meines Partners zu erschüttern ist, führe ich ins Fejd: Weltanschauung, Schicksal usw. Doch, obwohl ich wie verzweifelt nach Blößen in meines Gegners Stellung spähe, ich entdecke keine. Er scheint unüberwindlich. Die Partie wird nur sehr schwer zu gewinnen sein. Meine Zuversicht läßt etwas nach, doch mit verbissener Zähigkeit versuche ich nochmals einen Angriff, der jedoch wiederum mißlingt. Schon sehe ich, i c h werde wahrscheinlich zur Aufgabe gezwungen werden. Da beschließe ich, von der Offensive in die Defensive überzugehen. Zur Befestigung meiner Stellung führe ich meine letzte Reserve,- meine letzte Hoffnung, die &emeinde(ftie$ aut> (fyxebiau H. M. D, Der neue jüdische Schulverein hatte seine Freunde zu einer konstituierenden Versammlung, in die Lessingloge geladen, wo in überfülltem Raum über den Ausbau des neuen jüdischen Schulvereins gesprochen wurde. Diese Veranstaltung war besonders deshalb begrüßenswert, weil am Vorabend Rabbiner Dr. Prinz (Berlin) in Breslau in einer von der zionistischen Vereinigung veranstalteten Versammlung gesprochen und diese Gelegenheit dazu benutzt hatte, um das neue jüdische Schulwerk anzugreifen. Die Versammlung wurde eröffnet und geleitet von dem Vorsitzenden der liberalen Repräsentanten, Rechtsanwalt Erich Spitz, ln seinem einleitenden Worten brachte der Redner zum Ausdruck, daß bei den Verhandlungen zwischen dem alten und dem „Neuen Schulverein“ völlige Einigkeit herrsche und keinerlei Ursachen für irgendwelche Zwistigkeiten vorliegen. Es sei ein besonderes Bedürfnis, eine Volksschule mit Oberstufe zu schaffen, ein Schulwerk, welches in seiner praktischen Auswirkung dem Mittelschr.lprinzip gleichkommen würde. Über die Einzelheiten des geplanten Schulwerkes sprachen dann Studienrat i. R. Dr. Schäfer,, der betonte, daß Schwierigkeiten durch die vom Staat nicht zu erwartende Konzessionierung einer höheren Schule bestehen. Auch die Notgemeinschaft - jüdisch-akademischer Lehrkräfte, die auf privater Basis eine Beschulung der abw ' ’ " ' .... _ Sta Das Ziel ist also eine gehobene Volksschule; diese nämlich niclu unter das Schulgesetz fallen, andererseits aber die Möglichkeit geben, nach dem 5. Jahr mit einer Fremd- Besonders zu berücksichtigen sei im neuen Schulwerk die gebotene Bcriifsuinschichtiiiig in manuelle' Berufe. Es müsse verhindert werden, dal! die Schüler, die in Zukunft hanpt- Sodaim wurden die geschäftlichen Dinge besprochen, der Vorstand gewählt, der Beitrag festgesetzt und eine Satzung angenommen, deren Tendenzparagraph folgendermaßen lautet: „Zweck des Scliulvereins ist, für die Beschulung jüdischer Kinder im Geiste der Verbindung jüdischer Tradition und deutscher Kultur zu sorgen.“ Schließlich wurden aus dem Publikum noch eine. Menge Anregungen und Vorschläge geäußert, und man-beschloß, an die Eltern Fragebogen -zu senden, in denen sie ausführlich ihre Wünsche für die Ausgestaltung des neuen Schulwerkes vielleicht doch noch einen Triumpf ermöglicht, ins Feld: Mitleid! Ich male die Lage der Emigranten noch schwärzer, als i Wirklichkeit ist, und sage am Schluß niedergeschlagen: „Wenn für die Emigranten nicht irgendetwas Besonderes gesenieht, glaube ich, daß am Schluß nur , noch zwei Mögkeiten offen bleiben, nämlich die Seine für die Männer und die Prostitution für die Frauen.“ Mein Gegenüber starrt einige Sekunden, nachdenklich in die Luft. Dann kommt es leise, aber doch wie betäubender Hammerschlag aus seinem Mund: „O’u i!!“ Wie sehr dieses „Oui“ sich inzwischen bewahrheitet hat, darüber wäre viel unsagbar Schmerzliches zu berichten. Doch, es soll bei dieser Andeutung bleiben, denn dieses;Kapitel . gehört zum Traurigsten der Judennot von 1933. Rette sich, wer kann! Dieser Titel, er wäre der geeignete für die Niederschrift der Gesamterlebnisse in der Emigration. „Rette sich, wer kann!“, dieses fürchterliche Seemannswort, das in der Stunde höchster Gefahr ertönt, ist in Paris zwar nicht offiziell ausgesprochen worden, aber in Wirklichkeit ist die Situation nicht anders, wie auf einem untergehenden Schiff. Die Juden Deutschlands, sie haben sich, als das 'Schiff „Deutschland“ für sie zu sinken begann, auf den. stolzen Dampfer „Emigration“ begeben. Aber zu ihrem Entsetzen bemerkten sie bald, daß auch dieser Dampfer leck ist, und jetzt sinkt er gar!! Schon hat er einzelne in des Meeres Tiefen hinabgerissen. Andere halten sich noch am Mast fest und wieder andere versuchen, mit kühnen Stößen die Fluten zu durchschwimmen, um die weit entfernte Küste zu erreichen. Dem letzten Teil ist es gelungen, ein winziges Wrack an das sie sich krampfhaftklammern, oder ein kleines schwankes Boot, in dem sie mit den Kräften der Verzweiflung in Richtung „Land“ rudern, zu erlangen. Doch auch sie wissen: Wenn sie sich einen Augenblick weniger krampfhaft am Wrack . festhalten, wenn sie nur eine Sekunde im Rudern innehalten, versinken auch sie! Wievielen wird es gelingen, Neuland zu erreichen? Ende. Gottesdienste Liberale Synagoge Norden, Schönhauser Allee 162 Freitag, 17, 11., 7,15 .Uhr Predigt: Dr. Melder. — .Sonnabend, IS. 11., 10 Uhr: Dr. Melder., Liberale Synagoge Osten, Aula Kaiserstr. 30 Freitag, 17. 11., 7,30 Uhr Predigt: Rabbiner Dr. Ploike. Liberale Synagoge Nordost, Gubitzstr. -IS pt., bei Schwarz Freitag, 17. 11:, 7,15 Uhr Predigt: Zimet. Liberaler Gottesdienst Schmargendorf Altersheim Berkaer Straße 32 . «r Freilag, 17. 11.,' 7 Uhr Predigt: Brasch. — Sonnabend, IS. 11., 10 Uhr. jüdische Religionsgemeinde Chariottenburg; Schulstraße 7 Freitag, 17. 11., -1,30 Uhr. — Sonnabend, IS. 11., 9,30 Uhr. Jüdische Reformgemeinde Logenhans Kleistsiraße 10: Freitag, 17. Dr. Rosenthal. — Johar-!"~‘-~a~ «• ' . . Uhr: ”l6: Sonntag, 19. 11.', Empfehlenswerte Bezugsquellen Paul Harm Düsseldorf, Kreuzstraße 14 _ Die511 Wäscherei für Sie, EMIL SCHUMANN U mzüqe I nla Obersee i a I - A b t e i I u n g: Palästina-Transporte DIE WEISSE ECKE Bamberger Strasse 22 (Erke GDntzeistrasse) ist IHRE Schnellentfleckerei, Färberei, Chem. Reinigung Bitte rufen Sie an: B 6 Cornelius 53 84 $ Dauerwurst SfSi-“* Pfund 1,60 Mk. ’ Pfund 1,20 Mk, Da e’e™Upfund_ 1^,40 Mk. 5W^Voestkonf Forti^Vefpff«! ■ Fleckfort ■ holt ab zum chem. 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Sammel-Nr.D 2 Weidendamm 0852 Die Bank des Jüdischen Mittelstandes - ■ Ausführung sdmtl. bankmässiger Geschäfte ' Herausgeber: Hanns Loevven-stein und Willi Tisch Verlag, Berlin-Charlottenburg 4. Verantwortlich für den Textteil: George Goetz, Berlin W 50; für den Inseratenteil: Willi Tisch, Berlin NW 21. Druck: Sonnendruckerei G.m.b.H. (Felix Wolf), Berlin-Charlottenburg 4, Weimarer Straße 18.

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