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Jüdisch-liberale Zeitung · 1933-11-14 · 25 (14.11.1933) · page 5

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
13 (1933)
Issue
25 (14.11.1933)
Date
1933-11-14
Page
– (sequence 5)
Language
German
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13. Jahrgang Nummer? 25 3tiöifd)'IH)ctfllc delftmg Beilage 14. November 1933 Rabbiner Joachim Prinz — die „Stimme des deutschen Judentums“ In einer zionistischen Versammlung in Breslau sprach Rabbiner Dr. Joachim Prinz aus Berlin über das Thema „Zeitwende im Judentum**. Ein Breslauer zionistisches Blatt schreibt, die Zuhörer hätten gespannt auf die „Stimme des deutschen Judentums“ gewartet und den Redner dementsprechend begrüßt. An dieser Tatsache zweifeln wir nicht. Immerhin könnte es aber. auch die Glaubensgenossen außerhalb von Breslau interessieren, was diese „Stimme des deutschen Judentums“ gesagt hat, und deshalb wollen wir unsern Lesern den Bericht nicht vorenthalten. Herr Dr. Prinz verschmähte es nicht, nach der jetzt üblich gewordenen Methode das Zeitalter herabzusetzen, dessen Schöpfungen allein ihm heute Wirkensmöglichkeiten geben: die Zeit des Aufblühens der Wissenschaft des Judentums, der Schaffung des modernen Rabbinerstandes, des ganzen mit moderner Bildung und Kultur vermählten Judentums. Diese Epoche bedeutet ihm Entjudung; ja, nach.dem Bericht übersetzt er geradezu: „Die Zeit der Emanzipation, der Selbstaullösung." Diese Blüte aus dem zionistischen Vokabularium ist uns heute schon nicht mehr neu. Neuartig aber dürfte sein, was dann als zweiter Teil folgte. Nachdem Herr- Dr. Prinz lange genug auf das „würdelose Assimilantentum“ gescholten hatte, fuhr er, wie der Bericht meldet, folgendermaßen fort; „In der allen Heimat gilt es, einen neuen Judentypus zu schallen und ihm die ßegriffe des Ehrgefühls, des Stolzes, der Lebens/rcttde, des Rcchics auf Leben aufs Neue zum Bewußtsein zu bringen. Wir sind dem Nationalsozialismus . dafür dankbar, daß er uns darin unterstützt. Wir kämpfen gegen die Mischehe und erfreuen uns der' Unterstützung der neuen Mächte. Wir führten einen erbitterten Kampf gegen die Ueberfütlung im Juristen- und Aerztcberuf, auch hier hat uns die Hitler-Bewegung um einen Schritt vorwärts gebracht." Die neuen Mächte und der Nationalsozialismus in Deutschland haben mit der seit dem politischen Umschwung erlassenen .Gesetzgebung sicherlich das getan, was sie für richtig und zweckmäßig halten; aber daß sie damit uns Juden „Unterstützung“ gewährt, uns „vorwärts“ geholfen und daß wir ihnen „dankbar“ zu sein hätten, das dürften selbst die Träger des neuen Deutschland nicht erwartet haben. Wieso Herr Dr. Prinz nach dieser rednerischen Probe Anlaß nimmt, sich über die „Anbiederung“ gewisser jüdischer (dene, i fern •eifen rfindlich. Nicht ohne Reiz dürfte es speziell für die Berliner Leser sein, aus dem Bericht des Breslauer Blattes zu erfahren, daß Herr l)r. Prinz die Gelegenheit seines Breslauer Vortrages benutzt .hat, um gegen seine Vorgesetzte Behörde'zu agitieren. Man komme uns nicht mit dem schon recht abgenutzten Begriff der Kanzelfreiheit —: hier handelte es sich um das . Rednerpult einer politischen Versammlung, in der Herr -Dr. Prinz gesagt liat, er stehe „im radikalsten Gegensatz zu den Menschen der 'Berliner Gemeindevertretung." Nach dem Bericht des Breslauer Blattes hatte Dr. Prinz gerade hei dieser Stelle seines Vortrags den stärksten Beifall! Wir möchten nun abwarten, ob sich auch die Berliner Gemeindeverwaltung endlich in „radikalsten Gegensatz" zu Herrn Dr. Prinz stellen wird, der seit Jahren wundertätig im Lande umherzieht. Wundertätig deshalb, weil er von seiner eigenen Gemeinde nicht beurlaubt ist, also sicher in Berlin völlig seiner Bernfspflicht nachkommt, und trotzdem zur selben Zeit in Breslau, Beuthen,' Danzig und vielen anderen Orten Vorträge hält, in denen er seine eigene "Gemeinde anschwärzt. Fürwahr, ejn etwäs vielseitiger Herr, dessen Leistungen es verdienen,’ hier einmal öffentlich gekennzeichnet zu werden. Ausbürgerung eines Kriegsfreiwilligen In Heidelberg wurde ein aus Russisch-Polen gebürtiger Jude ausgebürgert, der schon seit 27 Jahren in Heidelberg wohnt und- 1019 deutscher Staatsangehöriger geworden war. Während des Weltkrieges hatte er sich freiwillig zum ’ ' sehen Sanitätsdienst gemeldet und wurde sogar später zur deutschen Fliegertruppe eingezogen. Jüdische Not im Sowjetparadies Erschütternde Berichte von Biro Bidschan Im Jiddischen Kulturklub „Schotem Alechem" -zu Paris hielt der Redakteur der New Yorker jiddischen Tageszeitung „Forward“, Harry Lang, dernach dem Prager Zionistciikongrell eine Studienreise nach Sowjetrußland unternommen hatte und sich jetzt auf der Rückfahrt nach New York befindet, einen Vortrag über die Lage der jüdischen Bevölkerung .jn der .Sowjetunion. Die Mitteilungen Längs sind deshalb besonders bemerkenswert, weiter als Sozialist von dem Verdacht frei ist, ejn vorgefaßtes Urteil gegen Sowjetrußland zu haben, wenn auch der zwischen Kommunismus und Zionisten bestehende tiefgehende Gegensatz, sowie auch der Eifer-des für Palästina begeisterten Zionisten gegenüber jedem anderen Siedlungsgebiet vielleicht nicht ganz ohne Einfluß auf das Temperament dieses Berichtes geblichen sein mag Harry Längs erster Eindruck war, daß man jetzt unter den jüdischen Volksmassen in der Ukraine, in Weißrußland und auch in Moskau lind Leningrad sich viel freier allsspricht als voi einigen Jahren. Diese Wandlung ist nicht etwa darauf zurückzuführen,, daß die Ketten des Rede- und Denk/wanges gesprengt, daß die Zahl der Denunzianten verringert und die Macht der G.P.U. vermindert sind, sondern darauf, daß der Grad des Elends muLder Verzweiflung so groß geworden ist, daß die Leute, weil sie nichts mehr zu verlieren und darinn nichts mehr zu befürchten haben, ihre Zunge, nicht mehr im Zaume hallen. Erschütternd war der Ausspruch einer Frau in der Ukraine, die auf die Menge, welche Harry Lang umstand, zeigte und hierbei sagte: „Das sind keine Menschen, das sind Leichen.“ Aber nicht nur die außerhalb der herrschenden Proletarierklasse stehenden Juden, sondern auch jüdische Arbeiter in den Fabriken scheuen sich nicht mehr, offenherzig von ihrer Not und von ihrem furchtbaren Dasein zu erzählen. Harry Längs Anwesenheit in den Gebieten jüdischer Massensiedlung fiel in die Zeit der hollen jüdischen Feiertage. Er konnte die Feststellung machen, welche ihm von den dortigen Juden bestätigt wurde, daß m diesem Jahre, Beth; Bersten gefüllt waren/Gerade für die jüngeren “ ' Gottesdiensten ist eine derartige Handlung nicht ohne Gefahr. Trotzdt junge Juden, die offiziell sogar Mitgiii ' ~ .... die Synagoge, weil mig ii g ilnrc e Pai CUM der jüdischen BevölkerungMiylcr^Sowjclprozeil eingefiigt ist,J übersteigt jede denkbare Vorstellung. Hungerndem und Hungertod sind alltägliche Erscheinungen.. Es kommt vor, daß vor Hunger aufgedunsene Menschen auf der Straße plötzlich zusammensacken und tot liegen bleiben. Man hat Angst, sich um sie zu bemühen und überläßt das Schicksal dieser Leichen den staatlichen Sanitätskolonueii. Ein großer Teil der jüdischen Bevölkerung lebt von „illegalem“ Handel. Größte Sehnsucht ist, in die Kategorie der Arbeiter oder Skutaren, kunstgewerblicher Heimarbeiter, cingereiht zu werden. Nicht weil mau vielleicht auf diese Weise wesentlich bessere Lebensbedingungen erlangt, sondern,- weil man flicht ffiehr“a1IMr'Denunzianten und Schikanen so vogelfrei ausgeliefert ist wie als „unproduktiver Krämer". Von der furchtbaren Not sind alle Bevölkermigskreise, jüdische und nichtjiidischc, ergriffen. Der Anteil der jüdischen Pauperisierten ist jedoch größer, weil die soziale Schichtung der Juden seit jeher unglückseliger war als die der anderen liehe jüdische Not, r r Sowjetunioi n Char: Dar; e besondere Note andere als nur halbwegs erträglich. Die Zwaiigsahgahcn au. den Staat, der Neid der Nachbarn, die ewigen Reibereien mit den staatlichen Organen erschweren das Dasein und verbittern das Lehen. Von Biro-Bidschan, das jetzt infolge der kriegerischen Spannung zwischen der Sowjetunion'und Japan eine hesondere Beachtung erlangt hat, weil cs an der Grenze gegen Mandschukuo liegt, spricht man in jüdischen Kreisen i.ud ei SowjVüuiiön^den'piaii, liillBiro?l!ldschaii^ein jbidisclu^tienieiiiwescu zu schaffen, ernst: Die Seifenblase Biro-Bidschan ist . geplatzt.. Das ist die allgemeine Meinung der Juden in Sowjctrußland Tiber diese mit {'rohem Tamtam auspnsamitc * Angelegenheit.' Sportnachrichten - Jüdische Sportler beim Olympiade-Ausbildungskiirs Zu dem als Vorbereitung für die Olympiade 1*110 von der Deutschen Sporlhehordc m Dmslmrg diirchgetiihrteu Aus- . hildungskurs wurde auch der jüdische Läufer Orgler vom 22. Oktober zu der vom Westdeutschen Spielverhand veranstalteten Wup|ierlalei Waldlaiifuieisterschaft zugelassen und blich in-der I laupiklasse über 5 km Sieger. Jüdische Golfspieler" zu inländischen Turnieren wieder .zugelassen Vor wenigen .Wochen hat der Kcichssportfiihrcr die rassciunaßige Gleichschaltung des Deutschen .GolfVerbandes, in dem das jüdische Element früher gesellschaftlich mul sportlich eine bedeutende Rolle spielte, verfügt.’ Der iieiiernanute Struktur des Verbandes lind an den Wettspielhestiniiiiungcn Zukunft aii innerdeutschen Golfturineren teilnehinen iiünncn. Dagegen konnten infolge der Gleichschaltung jüdische (iolfden. die vor kurzem gegen Holland mul gegen Schweden (laß durch diese Bestimmungen die beste deutsche t iolfspielerin Frau Nora Haag und deren Brüder R. und I). Beiiziugcr, die ebenfalls hervorragende Golfspieler sind, aus dem liilei- Juden als Lückenbüßer ' diesem Jahr i.,11l;(r;lj:*; geslell!, weil Mamburg nicht: in der Lage Um die l.mrelitiilmmg der bisher alljährlichen - Begegnung Verkaufsstellen in allen Stadtteilen Berlins ♦ Haßatett und Hine ♦ Inf ins Hetropol r! Diudert. Ritter. 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