Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 13 (1933)
- Issue
- 18 (20.10.1933)
- Date
- 1933-10-20
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Du fragst, wann der Messias kommt, warum er ln weite Ferne gerückt ist? hast du noch immer nicht begriffen, daß der Messias, nicht an einem bestimmten Tage* zu einer bestimmten Stunde kommt, daß der Messias Tmmer. da ist und immer nicht da ist? Da —weil jeder gute Mensch sein Wegbereiter ist; nicht da — weil!jeder schlechte ihn behindert. Wisse, o Freund: jede Zeit braucht ihren Messias, zu jeder muß er in ihrer Sprache reden, für jede Zeit hat er andere Aufgaben. Klage nicht, daß der Messias nicht da ist — deine Klage schon hält ihn auf —. sei selbst sein' Bote! Freund, die Geschichte der Menschheit und auch die des Judentums verläuft in Kurven, aber nie in gerader Linie. Klage nicht, denke an das verantwortungsbewußte Wort von Benzion Keifermann: „Die Idee der Menschheit ist eine Aufgabe, die in unendlicher Zusammenfassung der Kräfte, in unendlicher Harmonie ihr Ziel, ihren Ruhepunkt findet.“ Rabbiner Dr. Benno Gottschalk, Köln. und Heimatkultur verlassen, nur um leben zu können? Uns scheint, wer jede Auswanderung in .Bausch .und Bogen verdammen will,, ohne zwischen feiger Flucht und wirklich schwerster Not zu unterscheiden, der wäre auch verpflichtet, den Notleidenden zu zeigen, -was .sie denn tun können und wie sie liier leben sollen. Solange aber ganz konkrete Angaben dieser Art nicht gemacht werden können, hat niemand ein Recht, über diejenigen zu Gericht zu sitzen; denen-er mit all seinen Strafpredigten nicht zugleich Hilfe bringt. Diese Feststellungen sindnötig, um endlich eil mal die Mißverständnisse zu beseitigen, denen derjenige ausgesetzt ist, der der Liquidations-Psychose konsequent entgegentritt; gerade diese Feststellungen erst machen deutlich, daß jede Art von Auswanderung und Auswandererhilfe nur -sozusagen gegen unseren Willenerfolgt, nur als letzter Notbehelf, aber ohne innere Bejahung. Denn daran kann kein Zweifel sein: eine „Liquidation des deutschen Judentums“ wäre in der .Tat eine Liquidation unseres Deutschtums und zugleich auch, das wurde hier oft genug-gezeigt, eine Liquidation unseres Judentums. Der Gleichberechtigungsgedanke, wie ihn die Propheten ' kündet haben, ist ein Wesensbestandteil' jüdischer Lehre, und wer ihn .aufgibt, der gibt nicht nur seine Position als Deutscher hier in Deutschland auf, sondern zugleich sein Judentum. Sind es Viele, die hier nicht mehr existieren können, so sind es noch weit mehr, die auf keine Weise von hier fort können noch wollen. ' Allen diesen, und das sind die weitaus meisten, muß zugerufen werden: Verschließet Eure Herzen gegen jede Art von Psychose und bleibt stark! Geht es den deutschen Juden heute schlechter als einst, so mußte doch auch das nichtjüdische-deutsche "Böf^ertüffif UneiTaii'ch'vi'elös äuf^beh.'üna wif'Habeh keinen Anspruch darauf, von einer Entwicklung ausgenommen zu sein, die denjenigen Kreis erfaßt hat, dem wir zur großen Hauptsache doch angehört haben. Kommt dieser Niederbruch zu uns auf anderen Wegen, - werden wir über das allgemeine Sclricksal des Bürgertums hinaus lediglich auf Grund unseres Judeseins moralisch verurteilt und wirtschaftlich gefährdet, so werden wir hiergegen freilich mit unseren moralischen und wirtschaftlichen Reserven uns wehren müssen und bedürfen hierzu aller gesammelten Kräfte. Und hier nun-darf gesagt werden: diese Kräfte sind vor- -handen. Sie werden eingesetzt in unseren wirtschaftlichen Hilfsstellen, sie sollen sich regeif'auch in politischen Vertretung der deutschen Juden, und daß sie eingesetzt werden, danken wir dem Gemeinsinn, dem Opferwillen und dem Optimismus, der letztlich aus unserem Judesein uns zuströmt. Mag es tausendmal paradox klingen: gerade weil wir Juden sind, sind wir Deutsche, glauben an unsere Zukunkt in Deutschland. In den vergangenen beiden Wochen, als auf der jetzt von der deutschen Reichsregierung verlassenen Genfer Völkerbundstägung die nichtdeutschen Regierungen Minderheitenrechte für die deutschen Juden verlangten, hat es auch unter uns manche gegeben, die meinten, damit Sei endgültig festgelegt, daß wir Juden nicht unseren Heimatvölkern angehören, sondern überall nur als nationale Minderheit leben; aber haben die Regierungen, die solche Anträge stellten, das Judentum selbst gehört? Sie haben es nicht gehört. Vielleicht haben sie auf den Zionismus und seinen trostlos verfahrenen Kongreß gehört, und es darf hier daran erinnert werden, daß ja auch die zionistische Presse all der vielen innerzionistischen Parteien, die es gibt, diesen Kongreß als eine Blamage des Zionismus gekennzeichnet haben. Die Staatsmänner, die auf die dort in Prag gehaltenen Reden hörten, haben nicht auf das Judentum gehört, nicht einmal auf die Judenheit; in Genf war daher viel die Rede von den Juden, war aber nicht die Rede vom Judentum. Das Judentum ist, genau wie das Christentum, universalistisch, und der geschichtliche Weg der Judenheit ist der, eine reine Bekenntnisgemeinschaft zu werden, deren Glieder national allen ihren verschiedenen Heimatvölkern angehören. Jeder noch so zutreffende Hinweis auf die, derzeitigen Verhältnisse der Juden, jede noch so - subtile Kenntnis ihrer politischen Situation -in den verschiedenen Ländern hat Bezug lediglich auf den Augenblick, denn allerorten in der Welt befinden sich die Juden noch im Uebergang. Will man wissen, woi hin dieser Uebergang zielt, will man jüdische Politik: von geschichtlicher Dauer treiben, so muß man zurückgehen auf das die Jahrtausende überdauernde Wesenskriterium des Judentums, und das ist die Bibel. Nicht j wie die Juden in Warschau oder wie sie in Deutschland leben, kann die .Richtlinie jüdischer Politik her-! geben; diese kann vielmehr nur von dem gewonnen; Geheimrat Dr. Julius Stern vollendet am 22. Oktober sein 80. Lebensjahr. (Vgl. Artikel in vorliegender Nummer.) Erstes Konzert des Kulturbundes. Dieser erste Abend des Kulturbundorchesters unter dem Dirigenten Michael Taube zeigt ein erstaunlich hohes Niveau; erstaunlich, wenn man bedenkt, dall diese Vereinigung noch ganz jung ist und erst seit wenigen Monaten zusamu arbeitet. Es wäre unberechtigt, schon heute Vergleiche anderen Orchestern zu ziehen,, die unter ganz anderen V hältnissen arbeiten und schon viel länger, bestehen. durch dieeinmalige Situation, Judentum befindet. Und do Genugtuung feststellen, dall jüdischen Künstlern ist bedingt •" der sich heute das deut“'->"‘ können wir mit Stolz _, r Orchester einen Vergleich nicht-zu scheuen braucht, denn es wird schon jetzt ganz ar— gezeichnetes geleistet. Der Dirigent Michael Taube ... ein vorbildlicher Orchestererzieher; er weiß die einzelnen Temperamente mächtig anzufeuern und doch im Dien; Kunstwerks zu zügeln und so dem höheren Zwecke zuerdnen Diesmal brachte er Werke der Barocke, des Rokoko und der russischen Musik. Diese war mit der selten zu hörenden Serenade für Streichorchester von Tschaikowsky vertreten. Das Werk stellt die denkbar höchsten Anforderungen an das Orchester; besonders erschwerend ist es, daß hier alles „freiliegt“, d. h. keine Trompeten, Pauken und Posaunen die furiosen technisch schwierigen Stellen „zudecken“. Die stürmisch bewegte Leidenschaft kam ganz prächtig heraus; ebenso .-mrh-der graziöse Walzer, dessen musikalische Heimat.allerlicht Moskau, sondern Wien und^ Paris ist. ^ingangs wurde Hacndcls Conzerto grosso d moll gespielt. E mit der ihm zukommenden Majestät und Kraft {, Zwischen den Orchesternummern wurde ein. Violinkonzert gespielt, das an den verschiedenen Abenden abwechselnd S t e f a n F r e n k e 1 und Boris Schwarz vortrugen. Beide Geigezählen auf ihrem Gebiete zu dem besten Nachwuchs und haben sich einen großen Namen im In- und A schaffen können: Ihre Darbietungen im Kulturbund be daß sie diesen. Ruf in vollem Maße verdienen. Alles in altem ein verheißungsvoller Auftakt, ein großer Erfolg, der sich .in der Begeisterung des Publikums deu‘,:-'- D Ein Kleinkunffabenb. er von der Wirtschaftshilfe der Berliner Jüdischen Gemeinde (Abteilung Künstlerhilfe) am 14. Oktober im Logensaal, Kleiststraße, veranstaltete Kleinkunstr. d hatte wiederum hohes Niveau und erfüllte seine u schönen Zwecke vollauf. Er half einer Reihe jüdischer Künstler, indem .er ihnen ermöglichte, vor einem dankbaren, sehr empfänglichen und mitschwingenden Publikum — der Saal war ausverkattfl! — zu wirken, und er entrückte die Zuhörerschaft für dreieinhalb Stunden der drückenden Misere des Alltags. Alfons Fink versah in witziger und launiger Weise das- Amt des Ansagers: man muß ihn bewundern; Er ist nun doch schon so lange „Conferencier“. Aber seine Scherze sind doch immer neu! . . . Eugen Henk in musizierte wiederum auf den Ätherwellen und ließ Verdi’sche Arien und klassische Musikstücke ertönen. Wenn man die Augen schloß, glaubte man, einen vollendet spielenden Cellisten zu hören. Die Gesangskunst war in ganz ausgezeichneter Weise vertreten. Der Baritonist Fritz Lech ne r und der Tenorist Ralph Bernt sangen Glanzstücke und Duette aus modernen Opern; beide hohen Ansprüchen genügend. Ganz herrlich sang die Kammersängerin Elsa Koch-Stabinski, erst eine Arie aus „Butterfly“, dann das Ständchen von Strauß und zuletzt „leichtere Ware" aus graziösen Operetten der Gegenwart. Der Beifall war sehr herzlich. Alfons Fink trat hierauf mit Josef Stein in einem humoristischen Sketsch „Die Versicherung“ auf, und dann riß Alfrea Pelz mit seinen Parodien am Flügel die Anwesenden zu Lachsalven hin. Die Stimmung wurde noch ausgelassener, als zuletzt einer der Parodierten, Willy Rosen, persönlich auf trat und seine neuesten „Schlager“ zum Besten gab, die so suggestiv wirkten, daß das Publikum mitsang. Ganz besonderer Lob verdient übrigens auch noch der treffliche Begleiter am Flügel, Leo Taubmann. Den sehr schwierigen Klavierpart von Richard Strauß z. B. spielte er mit entzückender Leichtigkeit und Bravour. Alles in allem, wie gesagt, ein gelungener, schöner Abend. . . . Ünd jeder ging zufrieden aus dem Haus ... ' L. D. Kunstnachriditen. anstahungen der „Knnsilerhilft• der Jüdischen Gemeinde ■mpel, Markgraf-Albrecht-Straße 11/12. Abend, Vorlesung Meinhart Maur n Westen: Synagoge Fasanenstraße (Kastellan), Synagoge Prinzregentenstraße (Kastellan); n Norden: -Oranienburger Straße 31, Zimmer 34 I, Rosenstralle 2/4 (Portier); n Zentrum: Synagoge Kaiserstraße 29 30 (Kastellan). werden, der Wesen und Geschichte. des Judentums vom Sinai her bis auf unsere Zeit überblickt. Darum sagen wir,' daß in Genf die Stimme des Judentums nicht gehört worden ist, wenn Gutmeinende, aber Nicht-Gutunterrichtete für uns Minderheitenrechte beantragten. Die Vertretung der deutschen Regierung hat diesen Anträgen widersprochen — sicher nicht aus besserer Kenntnis des Judentums, aber daß auch die von den nichtdeutschen Delegationen vertretenen Anschauungen von seiten des Judentums der Korrektur bedurften, das geht unmißverständlich aus dem Danktelegramm hervor, welches der Großrabbiner von Frankreich und.’der Präsident der Alliance Israelite Universelle an den Senator Henri Berenger gesandt haben; Berenger war, wie erinnerlich, einer der Redner, die für die deutschen Juden nationale Minderheitenrechte forderten; die Führer der französischen Judenheit aber lassen ihn in ihrem Telegramm jetzt wissen, daß „die Judenschaft' Frankreichs die Rechte der nationalen Minderheiten nur als eine vorübergehende Maßnahme gelten lassen könne, die dazu bestimmt sei, das endgültige Aufgehen der israelitischen Staatsbürger in der Nation vorzubereiten.“ Das ist genau der Standpunkt, den auch wir deutschen Juden für uns in Deutschland einnehmen, einnehmen als Deutsche und als Juden. Denn die politische Palästina - Übersee Ausland -jsms- UMZÜGE -äü«H_ Möbelspeicher auch durchheizte Kabinen Carl Deyke Nachf.. Berlin 0 17 wlfÄ^ Emanzipation und der religiöse Messianismus sind die beiden Seiten einer einheitlichen geschichtlichen Entwicklung. Wer diese Entwicklung sieht, der gewinnt damit zugleich das untrügliche Unterpfand für die Zukunft, dem ist der Begriff „deutsches Judentum“ keine Liquidationsangelegenheit mehr, sondern eine geschichtliche, jedem. von uns auferlegte Aufgabe, deren Lösung unser eigenes Glück, in sich birgt, denn die Verkündigung der ewigen Ideale des Judentums dient der Gesamtheit zum Heil, und ihre Realisierung wird auch uns Juden wieder unsere Existenz . finden lassen. Die Erkenntnis dieser Zusammenhänge ist es, die in die Massen gehämmert werden muß; alle Kräfte müssen darauf verwendet werden, uns unser Leben hier wieder aufzubauen. Es geht nicht an, daß, unter dem Eindruck der. an sich vielleicht verständlichen . ersten Panik nun so viele glauben, nach Palästina » fahren zu können,-eo-wie-man* früher fron Berlin nJteh”— Charlottenburg fuhr. Gerade ..die jüngsten Ereignisse . in - Palästina dürften dendeutschen Juden ein gewaltiges Memento zugerufen und ihnen gezeigt haben, daß ihre Beziehungen zu den Arabern noch viel schwieriger sein würden als diejenigen zu der uns zwar heute ablehnenden, trotz dieser Ablehnung aber kulturnahen nichtjüdischen deutschen Volksmehrheit. Und wie es ferner in den europäischen Ländern -für die planlos emigrierten deutschen Juden äussieht, davon war hier oft die Rede, und es wird auch bald wieder hier ein Beitrag erscheinen, der den Jammer und bemitleidenswerten Zustand dieser Ausgewanderten zeigen soll. Deshalb noch einmal: in allen deutschen Juden, Jung und Alt, Mann und Weib, muß der Wille und die Zuversicht wach werden, daß Deutschland, das Land, auf dem wir wuchsen, auch das Land unr serer Zukunft ist. Unsere Pflicht als Deutsche und unsere Mission als Juden weisen uns an, den Platz zu behaupten, auf den die Vorsehung und die Geschichte uns gestellt haben. Nur wer. diesen Aufgaben treu bleibt, wird auch als Jude und Deutscher Bestand haben vor der Zukunft. Denn eines ist gewiß: so schwierig die Wirtschaftslage ist, und so unumgänglich es ist, sie zu meistern, eine zukünftige Geschichtsschreibung wird uns Juden von-heute nicht danach beurteilen, wie wir materiell, sondern wie wir seelisch mit den heutigen Ereignissen fertig geworden sind. Nicht Auflösen, sondern Fortführen muß daher unsere - Aufgabe sein. Der griechische Kriegsminister verurteilt den Antisemitismus. Der Kriegsminister und stellvertretende Ministerpräsident General Condylis empfing anläßlich seines Aufenthaltes in Korfu, wo er mit König Alexander von Jugoslavien zusammentraf, der. Oberrabbiner von Korfu; Jacob Nehama, dem gegenüber er sich in sehr anerkennender Weise über die Juden im allgemeinen und die von Korfu im besonderen aussprach. Auf dem an demselben Tage abgehaltenen Bankett, dem auch der Oberrabbiner von Korfu beiwohnte, schloß Generäl Condylis seine große politische Rede mit einer scharfen Verurteilung des Antisemitismus und mit einem Hinweis aut die von Griechenland stets bewiesene jüdenfreundliche Haltung. Herzl-Gpabgang in Wien verboten. Am Sonntag, dem 15. Oktober, fand der jährliche Besuch der Wiener. Zionisten am Grabe Theodor Herzls statt. Der Grabgang, der sonst, stets am Todestage Herzls am 20. Tamus stattfindet, war diesmal auf ein späteres Datum verlegt worden, um antisemitischen Störungsversuchen aus dem Weg zu gehen. Im letzten Augenblick untersagte die Polizei den sonst üblichen Aufzug mit Fahnen. Die Teilnehmer am Grabgang durften sich nur auf dem Friedhof selbst versammeln und konnten von dort aus arii Grabe defilieren.