Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 13 (1933)
- Issue
- 18 (20.10.1933)
- Date
- 1933-10-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Einzelnummer 20 Pf. ftür beuttd)C5 Subcittmn mtb religiöfeit Ulnfbau Nr. 18 13. Jahrgang Bezugspreis: Monatlich 1,35 RM.zuzüglich Bestellgeld. Einzelnummer 0,20 RM. Abonnements werden bei allen Postämtern angenommen. — Anzeigen nach Tarif. — Bel Nichterscheinen Infolge Streiks oder höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Rückerstattung der entsprechenden Bezugs- ■. gebühren. Herausgeber: Hanns Loewenstein und Willi Tisch Verlag Sehiiitleitung: George Goctz Berlin, 20. Oktober 1933 Dle.Jüdlsch-llberaleZeltung'* erscheint Dlertstags und Freitags. - Redaktion und Geschäftsstelle: Berlin-Charlottenburg 4. Mommsenstr. 40. — Fernruf: J 6 Bleibtreu Sammel-Nr. 1545. - Bankverbindung : Kreditverein für Handel und Gewerbe e.G m.b.H„ Berlin N 24. Postscheckkonto: Jüdisch-liberale Zeitung, Berlin. 22764.' Die .Jüdisch-liberale Zeitung" ist das einzige Blatt deutsch-jüdischer Richtung, das zweimal wüchentlich erscheint Muß liquidiert werden? Ein Wort geht um unter-den Berliner Juden, und schon drang es hinaus zu den Glaubensgenossen in der Provinz, im Reich. Ein böses Wort — sobald vom „deutschen Judentum“ die Rede ist, von den Bestrebungen, es zu sanieren, es wieder aufzubauen, seiner Jugend durch geeignete berufliche Ausbildung zu einer glücklicheren Zukunft zu verhelfen, dann kann man es hören: „Das deutsche Judentum ist eine Liquidationsangelegenheit!“ Ein böses Wort. Das aber nicht unwidersprochen bleiben darf, denn schon fand es Eingang in die Ohren, in die angsterfüllten Herzen, Und das ist den Juden nicht zum Vorwurf zu machen; sie müßten keine Menschen, sie müßten Engel sein, wenn sie nach dem ersten April dieses Jahres und nach allem seither Geschehenen nicht voll Sorge und Bangigkeit in die Zukunft blickten. In jeder vom Schicksal heim- - gesuchten Menschengruppe sind es nur die Wenigen, die standhaft und unwankbar bleiben; w’ie könnte das bei uns juden anders sein? Und so glauben denn jüdischer Zukunft sei für immer der Lebensfaden abgeschnitten, vor allem die Jugend müsse geordnet aus diesem Lande herausgebracht und das deutsche Judentum — möglichst wenig überstürzt, in möglichst durchorganisierter Ordnung — liquidiert werden. Eine böse Meinung. Die aber doch auf so viel Tatsachen als auf scheinbar unwiderlegliche Argu- mente sich stützt, daß auch der Widerspruch seine Argumente ins Feld zu führen verpflichtet ist, um. das zu erreichen, was sein Ziel: neue Hoffnung und Zuversicht in die Herzen zu pflanzen, neue Kraft zu wecken und in jedem deutschen .Juden den Antrieb zur Wiederaufnahme der Arbeit um unsere Existenz hier in Deutschland hervorzurufen. Es genügt ja nicht, immer wieder auf unsere Heimatverbundenheit hinzuweisen, immer wieder — sich selbst und den. Andern — vorzuhalten, daß schon unsere Väter und Vorväter - hier in Deutschland gelebt, für Deutschland in Krieg und Frieden geleistet - und geopfert haben, daß sie aus freiem und ehrlichem Wollen in die deutsche Nation aufgegangen sind, und daß auch wir Heutigen nach Kulturgefühl und , Lebensweise Deutsche sind, daß auch wir im letzten Kriege das unsrige taten und durch unsere Leistungen ini Wirtschaftsleben, in Kultur und Wissenschaft un-.- sern Beitrag zum 'Volksganzen beigesteuert haben und noch beisteuern. Das alles ist so oft gesagt, bewiesen, durch Tatsachen- und Zahlenmaterial belegt worden, daß man müde wird, es zu wiederholen, um so mehr, als man allzu leicht in den Verdacht der „würdelosen Anbiederung“ gerät. Auch haben alle diese Tatsachen und die Hinweise auf sie die Entwicklung der letzten Jahre nicht abzuwenden vermocht. Wir alle also, die wir nichts anderes sind, nichts anderes sein können noch wollen als Deutsche, stehen vor der Tatsache, daß wir als Deutsche nicht anerkannt werden, daß wir mit all unserem Heimatgefühl heimatlos wurden und — über die? Gefühls¬ Vergessen Sie nicht die Einlösung der Abonnements - Quittung für November. — Nur pünktliche Einlösung sichert die regelmäßige Zustellung der „lUdlsdi-liberalen Zeltnng“. mäßige hinaus — auch die realen Existenzmöglichkeiten mehr und mehr verlieren. Was Wunder, daß Vielen die Geduld zu Ende gehl, daß Viele es vorziehen, eine Entwicklung, die sie für unaufhaltsam halten, selber in die Hand zu nehmen, anstatt ihre Objekte, und das heißt ihre Opfer zu werden! Dem Leser, der die Veröffentlichungen der „Jüdisch-liberalen Zeitung“ genau und objektiv verfolgt hat, wird es nicht entgangen sein, daß wir hei alter unbeirrbaren Betonung des deutsch-jüdischen Standpunktes uns doch in der Auswanderungsfrage erheblich von anderen, radikaleren Blättern unterscheiden. Jeder noch so unentwegte Durchhalte-Prediger nämlich muß wissen, daß, wie allem Irdischen, soauch dem Durchhalten -Können Grenzen gesetzt sind, daß es Menschen gibt, die, selbst wenn sie warten wollen, nicht irtehr dazu in der Lage sind, weif nämlich zum Abwarten gewisse Reserven gehören, die' einfach nicht jedermann hat. Soweit diesen .Unglücklichen in andern Limdern ^e^v^^bjenz geschafbegrüßt, die Hilfsarbeit selbst muß gefördert werden. Denn damit wird nicht nur vielen Menschen, lebendigen Menschen geholfen, sondern auch die deutsche Judenheit, die in ihrer Masse ja hier verbleibt, wird entlastet; und solche Entlastung ist uns heute bitter not. Darum ist es nicht richtig, jeden Auswandernden als „undeutsch“ zu diffamieren. Gewiß, es wurde uns in früheren Zeiten leichter gemacht, Deutsche zu sein, und wohlberechtigt ist die Meinung, daß dieses Deutschtum gerade jetzt, in der Zeit der Not, sich bewähren muß. Nicht scharf genug kann es daher verurteilt werden, wenn Menschen mit Kapitalsreserven aus Furcht und Bequemlichkeit sich ihrer deutschjüdischen Gemcinschaftspflicht entziehen, ihr Vermögen in Sicherheit bringen, nur um sich nicht ein-' schränken zu müssen, und mit' Recht lehnt sich der 'gesunde. Sinn aller Völker gegen, diejenigen deutschen Juden auf, die ins Ausland' gehen und durch ihre dortige Lebensweise ein Bild bieten, das wenig iibercinstinuncn will mit den tatsächlichen Verhältnissen der schwer kämpfenden deutschen Judenheit. Auch In der nächsten Nummer beginnt die Aufsatzreihe: * „Wo isf die größere Not?“ Erlebnisse eines jüdischen Emigranten von W. Strauß, Paris. 'tnÄrjem.'r-vdirsinrrcf 'b’eqtremttcMceri' urf iF~ sogar von seiner Sicherheit opfern und bereit sein muß, Einschränkungen auf sich zu nehmen. Doch ist ein Unterschied zwischen Not-leiden und Nicht-Existieren-können, zwischen Hungern und Verhungern; und wer in wirklich schwerster Not, ohne jede Möglichkeit, hier' in Deutschland auch nur -ein karges Leben zu fristen, draußen sich eine Existenz schafft, der verdient Achtung und Förderung, nicht aher, daß man noch mit Steinen auf ihn wirft. Wissen denn, die solcherart zu moralischen Ketzerrichtern sich aufwerfen, wie es wirklich in den Herzen solcher Auswanderer-aussieht und wie es um das Deutschtum derer bestellt, ist, die „Eltern, Angehörige, Heimat Die wirtschaftliche Lage der Juden in Deutschland. Aufklärungs-Aktion in den Vereinigten Staaten. Zu Ehren des vor kurzem von einer Reise durch Deutschland zurückgekehrten bekannten amerikanischen Publizisten Stanley High, der seine Beobachtungen in Deutschland in einer Artikelserie verwerten will, die im Literary Digest, der verbreitetsten und angesehensten Revue der Vereinigten Staaten, erscheinen, soll, fand im Hotel-Commodore in New-York ein von der Jewish Telegraphie Agency veranstalteter Presseempfang statt, bei dem der Präsident des Beirats der Agency, Rechtsanwalt Frank A. Weil, den Vorsitz führte. Bei dem Empfang, dem die Vertreter alter großen amerikanischen Blätter beiwohnten, erstattete Stanley High ein eingehendes Referat über die Neugestaltung der Verhältnisse in Deutschland. Seine Ausführungen wurden nach der jüdischen Seite hin durch den Generaldirektor der Jewish Telegraphie Agency, Jacob Landau, der ebenfalls vor kurzem von einer Europareise zmückgekehrt ist, wirkungsvoll ergänzt.' Herr Landau befaßte sicli insbesondere mit den heute unter den deutschen Juden herrschenden wirtschaftlichen Verhältnissen und wies dabei auf die umfassende und zielbewußte Tätigkeit hin, die die großen jüdischen Organisationen Deutschlands entfalten, um die jüdischen Massen in Deutschland den geänderten wirt-. schädlichen Bedingungen anzupassen und ihnen durch berufliche Umschulung und Beratung in arbeitsrechtlichen Fragen. den Kampf um ihre wirtschaftliche Selbstbehauptung zu er- - leichtern. Diese ans eigener Kraft unternommene und bisher fast ausschließlich mit eigenen Mitteln durchgeführte Arbeit der deutsch-jüdischen Ver-' bände müsse auch durch die Juden außerhalb Deutschlands, die in früheren Zeiten so oft die aktive Hilfsbereitschaft der deutschen Juden erfahren hätten, materiell und moralisch gefördert* werden. Ganz besonders wichtig! aber sei für die künftige jüdische Entwicklung in Deutschland eine organisierte Hilfsarbeit auf Grund lückenloser und objektiver Information der breiten Öffentlichkeit über die heutige Wirtschaftslage der deutschen juden und die Möglichkeiten und Aussichten ihrer künftigen wirtschaftlichen Betätigung Zur Behandlung Jüdischer Geschäfte. Die „Mainzer Tageszeitung“ veröffentlicht zum Thema „NSDAP und Warenhausfrage“ folgende Bekanntmachung des Gauleiters Bürckei: „Ich erhalte wiederholt Anfragen - über unsere Stellungnahme zur Warenhausfrage und der Behandlung jüdischer - Geschäfte. Man bringt irgendwelche Erlasse damit in Zusammenhang, die zu Mißverständnissen führen, könnten. Dazu diene folgendes: 1. Das Warenhaus war vor der Machtergreifung für uns der Ramschladen, der dem kleinen Geschäftsmann-den Ruin brachte. Bei dieser Beurteilung bleibt es für alle Zukunft. Es erscheint mir verwunderlich, daß man überhaupt hierzu noch ein- Wort verliert.. Das gleiche gilt für die Behandlung der Judenfrage. 2. Uns alten Nazis gehen die Auslassungen irgend eines Renommiernazis gar nichts -an. Für uns gibt es nichts anderes als die Erfüllung'des Programmes, so wie es der Führer will.“ _ . Gegen Belästigung von Juden in Oberschlesien. - Dei Polizeipräsident für das' oberschlesische Industriegebiet, Brigadeführcr Ramshorn, hat folgende Bekanntmachung erlassen: Es ist mir in letzter Zeit gemeldet worden, daß Staatsbürger jüdischen Glaubens durch Rowdys und unkontrolhcrbare Elemente nachts belästigt und'teilweise auch, geschlagen worden sind. Ich warne jeden, sich auch nur im geringsten an Staatsbürgern jüdischen Olaubens zu vergreifen, und mache sie darauf aufmerksam, daß ich solche Personen, die bei derartigen Handlungen betroffen werden, in ein Konzentrationslager schaffen werde. Allen SA-Männern befehle ich, darauf zu achten, daß Derartiges nicht geschieht, undsolche Leute sofort festzunehmen und dem nächsten Polizeibeamten zu übergeben. Vergünstigungen auch für Jüdische. Kriegsbeschädigte. Der „Schild“, die Zeitschrift des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten, bringt folgende Mitteilung der National-Sozialistischen Kricgsoprerversocgung zur Kenntnis: Diejenigen Kriegsopfer, welche bisher irgendwelche Vergünstigungen auf Grund ihrer Mitgliedschaft in allgemeinen Kriegsbeschädigten-Orgänisationen erhalten haben (z. B. Lieferung verbilligter Kohlen oder Lebensmittel) müssen ihre Anträge in' Zukunft unter Bezugnahme auf ihre bisherige. Mitgliedschaft in einem dieser Verbände und ihre Angliederung an. den Reichsbund jüdischer Frontsoldaten an die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt, Berlin NW 7, Reichstagsgebäude, richten. Falls sie die zuständige örtliche Stelle der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt kennen, ist der Antrag selbstverständlich an die örtliche Stelle zu richten.