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Jüdisch-liberale Zeitung · 1933-10-10 · 15 (10.10.1933) · page 4

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
13 (1933)
Issue
15 (10.10.1933)
Date
1933-10-10
Page
– (sequence 4)
Language
German
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13.Jahrgang Nummer 15 3flÖif^«Uftccalc äeitung Beilage 10. Oktober 1933 Die Berliner Gemeinde und die neue jüdische „Reichsvertretung“. Sitzung fIrr Rcprä^cntontciivcrsanmiUing, Der Vorsü/cjulc der Vcisnmmlmij'. Rechtsanwalt Heinrich Sic i n iTÖffmic die Sit/uii" und hob dabei hervor, daß nur in der Lmheit das Judentum j'eborj'en sei'. Bei aller Vielj'cslallij’keil im Innern sei es unsere Aufgabe, die- Einheit zu wahren; das (iefiibl der Sor^e um unsere (iemeinscliaft dürfe nie aus unseren ller/en sehwinden. Mit Unrecht gelte die Birliner Jüdische ücmcindv als uneinig und gespalten, die frmhlbare praktische Aibeit der letzten /eit habe das (iegen- Der Vorsitzende des (iemeindevorstandes, Direktor Hein* rieh Stahl, schließ! sieh namens des Vorstandes den Worten des .Vorsitzenden der Vcr*ammlung an. Lilie eingehende Aussprache knüpft sich au die Vorlage des (kmeiudevoistamles wegen der Bewilligung von Mitteln für die Wirtschaftshilfe. Der Vorstandsdezenient Woyda gibt im Verlaufe der Aussprache Erklärungen über'die Arbeit der -Wirtschaftshilfe ah. Ls wird in Aussicht genommen, in einer der nächsten*Sitzungen auf (irund des Berichts in eine .Im AuseliliilS; mejudcahcudc statt. tm Verlaufe der Sitzung findet auch eine Aussprache iiliei die neue Kcichsvertretiiug der deutschen Juden statt. Die Versammlung schlicht sieh der Mahnung des (iciuciudcvorsitzendeii an, die Leistungen der neuen Leitung vorurteilslos *r ah/uwarteu. Auf (irund von Vorlagen des (iemeindevorstandes über die Versetzung von Beamten in den Ruhestand und die Kündigung von Vertragen von Beamten werden Pcrsonalangelegeniieitcu und grundlegende Kragen der Ausgestaltung-des Beanilenverhältnisses erörtert. Ls wird weiter beschlossen, die I lerren Rabbiner Dr. Bergmann und* Dr. Wilhelm Lcwy in den Ruhestand zu . versetzen.' < Glänzende Rechtfertigung der liberalen Gemeindepolitik. Diu Zeit ist gewiß nicht dazu angetan, persönliche Gegnerschaften neu aufzuriilireii; dergleichen ist hier auch keineswegs heahsielitiKt. Nur ehr schlichter Tatbestand sei mitgeteilt: die ..Zionistische Vereinigung für Deutschland“ hat unter dem 31). August an die „Jüdische Gemeinde zu Berlin“ und an den ..Preußischen l.andesverhand jüdischer Gemeinden“ zwei gleichlautende Briefe gerichtet. Der Brief hat folgenden Inhalt: „Sehr geehrte Herren,. wir bitten ergebenst, davon Kennntis nehmen zu wollen, daß Herr Direktor Georg K a r e s k i unserer Vereinigung nicht mehr angehör!, und in Zukunft davon auszugehen, daB er. infolgedessen ein Amt in der jüdischen Ocffenttichkeit nicht mehr als unser Vertrauensmann bekleidet." Bekanntlich war Karcski seinerzeit eine der Säulen zionistischer Gciiiciiidcpolitik,' ihr fl.uiptwcjrlfiihrer in und nach dem -Wahlkampfe von l'.Utl, ihr zweiter Spitzenkandidat und vielfacher 'Vertrauensmann. Bei der Neuwahl des {iemeindevorstandes iiachjem liberalen Wahlsieg setzten die Zionisten seine Wiederwahl in den Vorstand durch, obwohl die Einsichtigen in der Liberalen Fraktion .sich dagegen sträubten. Karcski sitzt heute noch in den maßgebenden Körperschaften der Gemeinde (Vorstand) und des Landesverbandes (Hagerer Kat) und denkt offenbar nicht daran, aus dem aufsehenerregenden und überdeutlichen Brief seiner einstigen Parteifreunde Konsequenzen zu ziehen. Das Schreiben seihst ist aber wohl für die von uiis und tuisern 'Freunden damals eingenommene Haltung die denkbar glänzendste Rechtfertigung. Hs wäre wünschenswert,'daß dieser "Ausgang des Streites um Karcski hei ähnlichen Anlässen in der Wir haben unsere Büroräume nach Charlottenburg, Bleibtreustraße 45 verlegt. Fernsprecher: J 1 Bismarck 4958 liberaler verein für sie Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde zu Berlin Vereinigung iur das reiigMeraie Judentum e.u. Licht der Volkei*99? Von Rabbiner Dr. Bern Es ist uriiberale jüdische Lehre, dal) wir eine Sendung an die Völker haben; es ist cm Kcrngedanke des rein religiösen Judentums, dal! unsere Zerstreuung unter die Völker ein üiuck, ein ungeheurer religiöser. Fortschritt gewesen sei. Hier liegt der Ausgangspunkt für unsre Ablehnung, ja Bekämpfung juüischnatioiialer üedankengänge. Hat sich diese Lehre des rehgiosliheraleu Judentums nicht aber doch als lirwalm erwiesen? Können wir reinen Herzens und mit unbedingtem Siegerglauben.die Fackel an die Jugend weiter-- reichen? Besitzt unsre Lehre von der Sendling noch die Kraft, jüdischnationalem Ansturm standziihalten? Mehr als je gedenken wir ilL diesen Tagen Mendelssohns und jetzt erst recht, da einer seiner Nachkommen soeben beurlaubt wurde. Er hat vor der Emanzipation gelebt und nicht wie alle andern Grollen, die wir jetzt beschwüren, nachher. Er hat beinah alles erlebt, was uns. jetzt so überrascht hat, er war Kaufmann und Gelehrter zugleich, seinen Kindern warf mau Steine nach und schrie ihnen „Jude" zu, und doch war er der, lim den mau sieh ril), der jeden berühmten iManu der Zeit in seinen Bann zog, vielleicht weil er die edelste Antwort gab, die möglich war. ln eine Welt der Demütigung rief er es hinein: „Nach Wahrheit forschen, das Schöne liehen, das Gute wollen, das Beste tun!“ Für ihn war es eben unmöglich. eine tausendmal bewahrte Lehre zu einer bestimmten Stunde, au einem bestimmten Tage anfzugeben, weil die äußern Umstände dagegen sprachen; er wußte, dal) eine Lehre in deiii Augenblick gestorben sei, in dem sie sielt das Gesetz des Handelns von außen diktieren ließe. Er konnte sieh eine Acndenmg seiner Gesinnung nur für den Augenblick vorstellen, da sich „seine Natur ändern“ würde. In ganz ähnlicher'Lage aber sind wir. Erst müßte sielt unsre Natur ändern, dann würden wir den Glauben an die Sendung des Judentums aufgeben; das heißt also, es wird nie geschehen. Nicht kindischer Trotz spriciit so, nicht Feigheit, die keine Irrtümer eingestehn will; hier liegt keine Drohung yor, und eine Machtprobe kann weder.erfolgen noch war sie je beabsichtigt. Unsre Versicherung folgt nur aus dem Wesen unserer Lettre. Wir wissen, daß unser Führer Mose kein . Kompromißler war, aber.wir wissen auch, daß die Geschichte über ihn hinausgegangen ist. Als nationales Gebilde, das er' aiistrebte, haben wir uns nicht bewährt, aber als geist-seelisches Judentum haben wir die Probe bestanden — im Geist vom Geiste Moses, mit Seele seiner Seele, ln unheimlicher Wiederholung der Vergangenheit, der Mosemethoden, möchte inan heiliges Land wieder erbauen und wird bei diesem dritten Mal im Nichts enden. Deshalb bleiben wir unserer Lehre im eigenen Lande unerschütterlich treu. Und wir lassen uns auch nicht von dem Einwand gefangen nehmen, der höchstens auf Unerfahrene Eindruck machen kann, daß seit dem Tage der Emanzipation immer dieselben Beteuerungen von uns abgegeben werden, daß nun schon in drei Kriegen .jüdisches Blut für die Heimat geflossen ist und daß alles, alles vergeblich war, ist und sein wird. Hier liegt eine'Verfälschung und gründlichste Verkennung unsres Wesens vor. Geist-seelisches Judentum ist iu seinem Kampf 1tur ein Teilproblem des ganzen Menschhcitskulturkampfes. Mit demselben Recht, mit dem man uns auffordert, die Segel zu streichen, könnte man die ganze Arheit an menschlicher Gesittung einstdien.' Oder hat die Religion seit tausenden von Jahren das Böse schon endgültig beseitigen können? Ist Mendelssohns Wort: „Nach Wahrheit streben, das Schöne Heben, das Gute wollen, das Beste tun“ nicht doch bloß Ornament? Aber freilich, so o Gottschalk, Köln. sprechen, heißt offnen Auges an den Seiten des Menschhcitsbuches vorbeigehn und darüber himveglcsen, die von den Siegen dieser Wahrheit, dieser Schönheit, dieses Outen, dieses Besten berichten und damit von Siegen des Judentums... Vor kurzem hatte ich ein Erlebnis. Katholische Menschen rüsteten zur Prozession für den nächsten Tag. Die Masten waren errichtet, Uuirlanden darum geschlungen. Und nun wurde ein Schild hochgezogen. Was stand auf der einen Seite? „Heilig, heilig, heilig ist der Herr Zebaoth.“ und was auf uei anderen? „Geloht sei, der da kommt im Namen des Herrn.“ Und an diesem Schild zogen nun am nächsten Tag Priester und Laien vorbei, Greise und Kinder, Männer und Frauen, zogen betend und singend daran vorüber, und alle also unter dem Segen des Judentums. In diesem''Augenblick wußte ich: hier ist der Weg, hier ist die Krücke, wo sielt der Deutsche zum Deutschen finden wird und muß. tu diesem Augenblick alter .war es luir auch klarer als je: die Sendung des Judentums an die Menschheit ist nicht erloschen, sie bleibt als Wahrheit eine ewige Aufgabe. Doch wir sprachen ja nicht bloß vom seelischen, sondern vom geist-seelischen Judentum. Denn die „Religion der Vernunft" allein' erschöpft unser Wesen zwar nicht, aber die bloße Inspiration der Seele auch nicht. Nur forschen und grübeln entspricht uns nicht, nur Liebestaten üben freilich auch nicht. Nur die glückliche Harmonie beider bedingt das Wesen des Voltjuden. Kaiin min auch der geistige Jude an unsrer Zeit-Lichtpunkte entdecken? Man predigt doch wieder Kant, den Mann der eisernen Pflicht — wir sind einverstanden. Denn es war ja schließlich Kant, der schrieb: „Die Bibel ist mein edelster Schatz, ohne Welchen ich elend .wäre. Zuverlässige Regeln, wie Alenscben und Staaten zu aller möglichen Glückseligkeit. gelangen können, sind nur in der Bibel zu finden.“ Alan , predigt wieder Nietzsche, den Vertreter des Führergedankens. Wir sind einverstanden, denn cs war schließlich Nietzsche, der bekannte; „lm jüdischen Alten Testament, dem Buche von der göttlichen Gerechtigkeit, gibt es Menschen, Dinge und Reden in einem so grollen Stil, daß-' das griechische und indische Schrifttum ihm nichts zur Seite zu stellen hat.“ Und mau predigt wieder Wilhelm Schäfer uiid weist ihm einen Platz in der Dichterakademie an. Wir sind sehr einverstanden. Nicht nur, weil Schäfer in seinen „Fünf Briefen an mein Volk“ zugab: „Die Wahrheit ist die, daß die deutschen Juden sichtbar geholfen haben, den Lebensbodeu der Bildung überhaupt wieder zu lockern. Ohne sie hätten wir anfangs des 20.-Jahrhunderts kaum noch von einem geistigen Leben in Deutschland sprechen können.“ Nicht nur deshalb, sondern auch weil Schäfer in seinen „Dreizehn Büchern der deutschen Seele“, die jetzt besonders viel genannt werden, Worte ausruft, die. uns doppelt ans Herz greifen, einmal als Deutsche, sodami'als Juden. Man braucht in diesen Worten statt „Deutscher“ nur überall „Jude“ zu setzen, und alles paßt wortwörtlich auf uns: „Deutscher, der Du die bittre Gegenwart leidest, laß ab von der Klage, denn siehe, was Dir geschah, geschleift Deinen Vätern. Deutscher, sei ehrfürchtig Deinen Großen, alle sind Deine Väter, alle sind in Dir. Deutscher, sei Deiner Gegenwart tapfer, weil Du Erbhalter bist grölirer Dinge als die an dem Tag hängen. Deutscher, sei gläubig der Zukunft: Kinder und Kindeskinder und alles, was über sie kommt, alles,'was einmal Lebensiag sein wird, alles bist Du.“ Geistseehsches Judentum, es ist unsre Sendung an die Menschheit. AVit ihm wollen wir ein „Licht der Völker“ bleiben, mit ihm ein „Licht“ für unser deutsches Vaterland. Ausscheiden der jüdischen Kriegsteilnehmer aus den deutschen Kriegervereinen._ rbertritt zum Relchsbund jüdischer Frontsoldaten nahegelegt. Im amtlichen Teil des Bundesorgatts des.. Deutschen RuLhskrie^eibmides „Kvffhauscr** ist der Wortlaut der Führcranurdmmjr des Bimdespriisideiiteii erschienen, derzufolge die jüdischen Kriegsteilnehmer den Kriegervereine» nicht mehr angeboren dürfen. Aus der Anordnung ist m ersehen, da» die Bundesleitung gleichzeitig den Eintritt der aus den deutschen Vcteinen Ausscheidendeu in den Rcichsbnnd jüdischer Frontalen befürwortet. Die betreffende Stelle lautet: l: Nichtr .»zw — Ich bestimme, daß Nichtarier den Kriegervcreinen nicht mehr augehören dürfen. Um jede entehrende Form des Ausscheidens zu vermeiden, ist den Betreffenden der freiwillige Austritt und Übertritt zum Bund jüdischer Frontsoldaten.nr!* [»eil. Die Anordnung muß bis 1. November d. J. du Boykottaufruf der Kreisbauernschaft Schlüchtern. Die - Kreisbauernschaft Schlüchtern erläßt eine Bekanntmachung, in der es u. a. heißt: „. . . Es ist uns wiederholt zu Ohren gekommen, daß es immer noclt Bauern gibt, die die Geschäftemacherei mit Juden noch nicht lassen können. Wir weisen heute letztmals darauf hin, :daß es eines deutschen Bauern unwürdig ist, noch Geschäfte irgendwelcher Art mit den Juden zu tätigen . . ..Durch intensive Werbearbeit ist immer wieder darauf hinzuweisen, daß derjenige Verrat an Volk und Vaterland übt, der gegen, diese Anordnungen verstoßt. Wir haben bis heute davon abgesehen, diejenigen öffentlich zu brandmarken, werden aber nach der Generalversammlung jeden, der sich noch mit Juden einläßt, der Öffentlichkeit preisgeben und ihn auch noch in anderer Weise empfindlich zu treffen wjssen.“ Winterhilfswerk der Reichsregierung und rituelle Speisehäuser. Für das Winterhilfswerk der Reichsregierung hat in Frankfurt a. AI. der Arbeitsausschuß der Vereine die Restaurants in drei Preisklassen eingctcilt. .'Die rituellen Speisehäuser sind nach diesen Anordnungen durchweg, zu den Gaststätten besserer Ordnung gerechnet worden, so daß diese Restaurants für jedes ausgegebene Eintopfgericht S5 Pfennig an die Winterhilfe abzuführen hatten. MÖBELTRANSPORTE nach dam In- und Ausland billigst und fachgemäß nur durch NEUMANN & SCHNEIDER Internationale Spediteure, Berlin SW 68 ' Oranienstrasse 117/18 —A 7 DSnhoff 5991 Massive Lagerspeicher. Verjiackung, Versicherung SpezialverkehrPalästina/Paris Holzbearbeitungsmaschinen neu und gebraucht für.Bauu.' 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