Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 13 (1933)
- Issue
- 13 (3.10.1933)
- Date
- 1933-10-03
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Neues Präsidium der Reichsvertretung der Jüdischen Landesverbände Deutschlands. Sämtliche großen Jüdischen Organisationen sprechen der neuen Leitung ihr Vertrauen aus. (Amtlich.) Die Reichsvertretung der jüdischen Landesverbände Deutschlands verlautbart: Am Sonntag,"den 17. September,' traten auf Einladung des Vorsitzenden des Vorstandes der Jüdischen Gemeinde Berlin, Herrn Dir. Heinrich Stahl, die Mitglieder der Reichsvertretung mit der Konferenzgemeinschaft der Groligemeinden und den Vertretern der großen jüdischen Organisationen zusammen, um-die Aufgaben der nächsten Monate zu beraten.’ Es wurde ein Einvernehmen erzielt und in Übereinstimmung mit dem bisherigen Reichsvertretungspräsidium die Leitung übertragen: Herrn Rabbiner Dr. Baeck als Präsidenten und einem Ausschuß, dessen1 Vorsitzender Dr. Otto Hirsch (Stuttgart), dessen, stellvertretender Vorsitzender Dr. Siegfried Moses (Berlin) und dessen weitere Mitglieder Dr. Rudolf Callmann (Köln), Rabbiner Dr. Hoffmann (Frankfurt a. M.), Dr. L r. n d cn e r g e r (Nürnberg), Dr. Franz M ever (Breslau), Dr. Julius L. Seligsohn (Berlin) sind. Außerdem hat der Vorsitzende der Berliner Jüdischen Gemeinde, Herr Direktor S t a h 1, sich bereit erklärt, in den Ausschuß einzutreten. — Für die Wahrnehmung seiner Tätigkeit wird Herr Dr. Hirsch regelmäßig einen Teil der Woche in Berlin sein. Die Vertreter der . großen Organisationen Central-Verein, Reichsbund jüdischer Frontsoldaten und Zionistische Vereinigung für Deutschland haben durch ihre Vorsitzenden, Justizrat Dr. Brodnitz, Dr. Leo Loewenstein und Dr. Siegfried Moses, feierlich erklärt, daß sie diese Leitung der deutschen Juden anerkennen, ihr volles Vertrauen entgegenbringen und zu treuer loyaler Zusammenarbeit mit ihr bereit sind. inzwischen hat auch der. Vorsitzende der Vereinigung für das liberale Judentum, Rechtsanwalt Heinrich Stern, eine gleiche Zusicherung für seine Vereinigung abgegeben. Die Mitglieder des neuen Präsiditfns ' dürften unsern Lesern hinreichend bekannt sein; wir könütn ßins deshalb auf den Hinweis beschränken, daß in dein neuen Gremium alle Richtungen vertreten sind. Dr. Baec'lc’,!l,Dr. Hirsch, Dr. C a 11 m a n n, Dr. S e 1 i g s o h n und’ Direktor Stahl gehören der religiös-liberalen Vereinigung und dem Ccntralvercin an; die beiden Erstgenannten sind zugleich prominente Mitglieder der Palästinabewegung und der Jewisti Agency, während die übrigen, sowie auch Dr. Landeiberger als Vertrauensmann des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten auf radikalem deutschjüdischen Standpunkt stehen; Dr. Moses ist der stellvertretende Vorsitzende der Zionistischen Vereinigung Deutschlands, Rabbiner Hoffmann vertritt den zionistisch-orthodoxen ’ Misrachi. Das neue Präsidium richtet an die deutschen Juden den folgenden Aufruf: fn Tagen, die Hart und schwer sind, wie nur je Tage der jüdischen Geschichte, aber auch bedeutungsvoll, wie nur wenige gewesen, ist uns durch diegemeinsame Entschließung" der jüdischen Landes-* verbände, der großen jüdischen Organisationen und der Großgemeinden Deutschlands die Leitung und Vertretung der deutschen Juden übertragen worden. ~ ’ Kein Parteigedanke, kein Sonderwunsch hat darin gesprochen, sondern allein und ganz'die Erkenntnis dessen, daß Leben und Zukunft der deutschen Juden heute durch ihre Einigkeit und ihren Zusammenhalt bedingt sind. Jede Organisation und jeder Verband sollen in ihrer Lebenskraft und in ihrem Aufgabenkreise anerkannt sein, aber in allen großen und entscheidenden Aufgaben’darf es nur die eine Gemeinschaft, nur die eine^ Gesamtheit der deutschen Juden geben. Wer heute Sonderwege geht, wer heute sich ausschließt, hat sich an dem Lebensgebote der deutschen Juden vergangen. Darum ist es die erste Aufgabe, diese Einheit lebendig werden zu lassen. . Im neuen Staate ist die Stellung der einzelnen Gruppen, auch derer, die weit zahlreicher und stärker sind als wir, eine ganz andere geworden. Gesetzgebung und Wirtschaftsführung haben ihren gewiesenen Weg, eingliedernd und ausgliedernd. Wir sollen dies einsehen ohne Selbsttäuschung. Nur dann werden wir jede ehrenvolle Möglichkeit beobachten können und um jedes Recht, um jeden Platz, um jeden Lebensraum zu ringen imstande sein. Die deutschen Juden werden als arbeitnehmende und arbeitgebende schaffende ^Gemeinschaft im neuen Staate sich bewähren können. Eigene Gedanken, eigene Aufgaben zu verwirklichen, ist uns nur Mguf einem Gebiete, aber einem entscheidenden, gewährt, auf dem unseres jüdischen Lebens und unserer jüdischen Zukunft. Hier sind die bestimmtesten Aufgaben gestellt. Neue Pflichten jüdischer Erziehung sind zu erfüllen, neue Bereiche jüdischer Schule sind zu schaffen und alte zu wahren und zu schützen, damit dem heran-' wachsenden Geschleckte seelische- Festigkeit, innere Widerstandskraft, körperliche Tüchtigkeit gegeben werde. Zu Berufen, die ihr einen Platz im Leben zeigen, soll unsere Jugend in besonnener Auswahl herangebildet und umgeschichtet werden, damit ihr ‘Pasein seinen Ausblick gewinne. Das Bestehende wie glles Begonnene und Versuchte soll hier zusammengeführt werden, um zu helfen und zu stützen. Allem Zersetzenden soll entgegeiigearbeitet, dem Aufbau auf dem religiösen Fundament des Judentums alle Kraft geweiht werden. - Viel .von einstiger wirtschaftlicher Sicherheit ist uns deutschen Juden genommen oder beeinträchtigt worden. .Innerhalb dessen, was uns bleibt, soll der Einzelne aus der Vereinzejung herausgeführt werden. Ständische Verbindungen und Zusammenschlüsse, ’ soweit zulässig, können vorhandene Kräfte erhöhen und dem Schwachen einen Rückhalt geben, können Erfahrungen und Beziehungen für alle nutzbar machen. — So manchem wird die Stätte der Arbeit und des' Berufes auf deutschem Boden versagt sein. Vor uns steht als Tatsache, der gegenüber alles Fragen und Meinen aufhört, die deutliche, geschichtliche Notwendigkeit, unserer Jugend Neuland zu bereiten. Es ist zur großen Aufgabe geworden, Plätze zu erkunden und Wege zu bahnen, wie auf dem heiligen Boden Palästinas, dem die Vorsehung eine neue Zeit gefügt hat, so überall, wo Charakter, Fleiß und-Tüchtigkeit des deutschen Juden sich bewähren können, niemandem Brot nehmend, sondern anderen Brot schaffend. Hierfür wie für all das Andere erhoffen wir den verständnisvollen Beistand der Behörden und die Achtung unserer nichtjüdischen Mitbürger, mit denen wir uns ii* der Liebe und Treue zu Deutschland begegnen. Wir bauen auf den lebendigen Gemeinschaftssinn und das Verantwortungsbewußtsein der deutschen Juden'wie auch auf die opferwillige Hilfe unserer Brüder überall. : Wir wollen zusammenstehen und im Vertrauen auf unseren Gott für die Ehre des jüdischen Namens arbeiten. Möge aus dem Leiden dieser Tage das Wesen des deutschen Juden neu erstehen! Die Reichsvertretung der deutschen Juden. Leo Baeck Otto Hirsch (Stuttgart) Rudolf C a 11 m a n n (Köln) Leopold Landenberger (Nürnberg) Julius L. Seligsohn (Berlin) Siegfried Moses (Berlin) Jakob Hoffmann (Frankfurt a. M.) Franz Meyer (Breslau) . Heinrich Stahl (Berlin) * * * Das eigentlich Neue an dieser neuen „Reichsvertretung“ besteht darin, daß sie im Gegensatz zu ihrer gleichnamigen Vorgängerin kein parlamentarisches Gremium ist. Hervorgegangen aus einer innerhalb der „Konferenzgemeinschaft der Großgemeinden“ vollzogenen Wahl, gestützt auf die Vertrauenserklärungen der großen jüdischen .Organisationen ist ihr — zumindest in formaler Hinsicht die Möglichkeit weitgehender Initiative gegeben. Nun muß sich zeigen, ob sie diese Möglichkeit auch von innen her hat. ' (pJioJ. Arno Kikoler). Die ersten Aufnahmen zu „Nathan der Weise“, der vom Kulturbund Deutscher Juden im Berliner Theater inszeniert wird. Bild zeigt: Regisseur. Dr. Karl Löwenberg, Kurt Katsch (Nathan), Kaete Foerder (Dajah). Geheimrat Ludwig Borchardt zum siebzigsten Geburtstag. Durch den Streit um den Besitz der Portraitbüste Nofretetes, der ägyptischen Königin, ist der Name des deutschen Gelehrten Ludwig Borchardt der großen Allgemeinheit geläufig geworden. Da Geheimrat Borchardt am ä. Oktober seinen'siebzigsten Geburtstag begeht, ist es von Interesse, dem Menschen, dem Forscher, dem Juden, eine kurze Betrachtung zu widmen. Ludwig Borchardt entstammt einer altbekannten und geschätzten Berliner Kaufmannsfamilie, .deren Geschichte sein jüngerer Binder Georg Hermann (Borchardt) zum Gegenstand des Rrmans „Jettchcn Gebert“ gemacht hat. Der feine Kunstsinn, di-- fanatische Zuneigung-zu allem Schönen hat sich auch auf die heutige Generation des Hauses vererbt, und so sehen wir zwei Bruder als bedeutende Architektur- und Kunstforscher, den dritten als Schilderen dieser bunten Welt. Nachdem er seine Studien — Baufach und Ägyptologie — beendet hatte, ging Borchardt. IS1)1) nach Kairo, wo er als wissenschaftlicher Sachverständiger dem deutschen Generalkonsulat attackiert war. Als 19(10 imter Mithilfe der „Deutschen Orientgesellschaft" und mit tatkräftiger Unterstützung des Berliner Kuustmäzens James Simon das „Deutsche Institut für ägyptische Altertumskunde" gegründet wurde, trat Borchardt an die Spitze desselben und wirkte dort, bis er 1929 die Altersgrenze erreichte. Er leitete die Ausgrabungen des Sonnenheiligtunis -Gura, des berühmten Totentempels von Abusir und zuletzt der Stadtruinen von Amara. Ein Stab von deutschen Forschern unterstützte ihn in der Bearbeitung der reichen Ausbeute. — Von den Statuen, Inschriften und Tafeln, welche gefunden wurden, verblieb ein Teil im Museum von Kairo. Einiges — wie die Nofretete — wurde nach Berlin überführt, und im Liebighaus in Frankfurt a. M. finden wir Ergebnisse der Borchardtschen Ausgrabungen. Wenn aud) der Arbeit des Forschers große Ehrungen In einer Pressekonferenz, zu der das Präsidium am 26. v. M. Vertreter der jüdischen Presse' geladen hatte, erklärte der Ausschuß-Vorsitzende Dr. Hirsch, es handele sich um einen Versuch, die Gesamtheit derdeutschen Juden zwecks Wahrnehmung ihrer Interessen und einheitlicher Leitung zusammenzufassen, einen Versuch, den zu unternehmen man in dieser Schicksalszeit jedem einzelnen Juden und der jüdischen Gesamtheit schuldig 'war. Das ist unbedingt richtig, denn nichts hat unter den deutschen Juden während der letzten Monate so sehr das Gefühl der Verlassenheit erzeugt wie das Fehlen einer wirklichen Spitze —: es zeigte sich in dieser Zeit der ganze Unsegen jener nun bald hundertjährigen Gesetzgebung, die zum Zwecke unserer Schwächung uns die Einrichtung der Gemeinde-Autonomie gab. Die deutschen Juden haben an diesem Danaergeschenk achtzig Jahre und länger wie an etwas sehr Wertvollem festgehalten. Daß trotzdem ihre Schäden empfunden wurden, zeigten die Gründungen der jüdischen Gemeinde- und Landesverbände und deren Zusammenschluß in der „Reichsarbeitsgemeinschaft jüdischer Landesverbände“ sowie in, der alten „Reichsvertretunjg“: Aber alle diese Organisationen und Gremien versagten gegenüber den Anforderungen einer neuen' Zeit. Die Schaffung einer wirklichen Spitze der deutschen Judenheit war also dringendstes Erfordernis, und es . ist all den Männern zu danken, die. sich mit Rat und Tat für dieses Werk einsetzten, ebenso auch denen, die mit dem Eintritt in das Präsidium die allergrößte Verantwortung, auf sich nahmen. Diese Verantwortung ist um so größer, als bei der Bildung des Präsidiums ein Weg eingeschlagen wurde, der nicht frei von Gefahren ist. .Man lehnt sich an das neue Führerprinzip an, aber man formiert das Spitzengremium nicht nach einem einheitlichen Gedanken, wie dies im Staatsleben heute bei Einsetzung einer Führung geschieht, sondern man -faßt vielmehr alle Richtungen in einer Art Koalitionsregierung zusammen. Dieses Verfahren w'eicht also nicht nur von dem staatlichen Führungsprinzip ab, sondern es birgt auch die Gefahr in sich, daß der Gegensatz der Weltanschauungen die, wie oben ausgeführt, im Formalen gegebene Möglichkeit der Initiative von innen her wieder zunichte macht. Diese Gefahr istunJfei größer, als ja eine oberste Leitung der deutsclÄ Judenschaft nicht, gleich einer staatlichen Führung, Machtmittel zur Verfügung hat. So kann es nicht ausbleiben, daß . auch von außen her die Einheitlichkeit des Handelns durchkreuzt werden w'ird. Bereits jetzt hat „Der Israelit“, das Zentralorgan der jüdischen Trennungsorthodoxie in Deutschland (Nummer 38 vom 20. September) erklärt, die Bildung des neuen Präsidiums bedeute einen „offensichtlichen Sieg der Zionisten“, zugleich aber auch. ..eine „starke Brüskierung der Orthodoxie“, die ihre Interessen „selbständig und außerhalb der Reichsvertretung“ wahren werde! Ebenso ist anzunehmen, daß' die kleine, aber sehr betriebsame Gruppe des Herrn Dr. Naumann („Verband nationaldeutscher Juden“) der neuen Reichsvertretung schärfste Fehde ansagen wird. Demgegenüber möchten wir betonen, daß wir zwar, wie bereits oft genug ausgeführt, der Ansicht sind, das Präsidium hätte sich nach dem Vorbild autoritärer Regierungen nach einem einheitlichen Gesichtspunkt, nicht aber als Koalitions- und . Kompromiß-Regierung verschiedenster entgegengesetzter Weltanschauungen konstituieren müssen; indessen betrachten .wir doch andererseits das Vorhandensein einer obersten Leitung als eine wahre Erlösung aus dem bisherigen Zustande der Trostlosigkeit und werden deshalb die neue Leitung ganz allein nach ihren zukünftigen Taten beurteilen, ja, soweit dies der Presse möglich, sie weitgehend unterstützen. Verantwortung, Tat und Bewährung liegen nun gänzlich bei jenen Männern, die in schwerster Stunde eine geschichtliche Aufgabe auf sich nehmen, an deren Bewältigung unser aller Schicksal hängt. .1 gezollt winden, der Professoren- und der Geheimratstitel, der Kote Adler- und der sächsische Albert-Orden, der türkische Medjidje ihm verliehen wurden, die von ihm gewünschte Professur an einer deutschen Universität wurde ihm als Juden nicht zuteil, und zu einem Glaubenswechsel konnte sich der aufrechte Mann trotz des Zuredens Kaiser Wilhelms II. nicht entschließen. Sein schönes Haus in Kairo war der Mittelpunkt der deutschen Kolonie; kein namhafter Gelehrter oder Künstler besuchte die ägyptische Hauptstadt, ohne die großzügige Gastfreundschaft der Borchardts zu genießen; Wissenschaftler aller Nationen, Diplomaten, Hohenzollernprinzen, Musiker und Maler waren willkommen, und die liebenswürdige, kunstsinnige Hausfrau verstand es, jeden dort heimisch zu machen. Frau Mimi Borchardt stand bis zum Beginn der neuen Ara werktätig ah der. Spitze aller sozialen und charitativen Bestrebungen der deutschen Kolonie. Bei Ausbruch des Weltkrieges befand sich das Ehepaar in Berlin;.da ihnen die Rückkehr nach Kairo abgeschnitten war, stellte sich Borchardt dein Auswärtigen Amt zur Verfügung und fand dort Beschäftigung. Später teilte man ihn der Kommission für den Wiederaufbau Ostpreußens zu; er bereiste und studierte die Provinz und wurde von Hindenburg zum Vortrag empfangen. Viele seiner Anregungen fanden dann in der praktischen Aufbauarbeit Verwendung, ln Anerkennung dieser außerordentlichen Arbeiten wurde ihm von der Universität Dafizig die Würde eines Doktor ing. h. c. verliehen, Berlin war schon mit der Verleihung des Doktor phil. h. c. vorangegangen. Nach Beendigung seiner offiziellen Karriere lebt Geheimrat Borchardt weiter in Kairo, unermüdlich arbeitend und strebend, ein stolzes Beispiel deutscher Tüchtigkeit verbunden mit jüdischer Kultur und jüdischem Geist.' Jula Magnus, Hamburg.