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Jüdisch-liberale Zeitung · 1933-10-03 · 13 (3.10.1933) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
13 (1933)
Issue
13 (3.10.1933)
Date
1933-10-03
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Einzelnummer 20 Pf. ffüt beutjcfres Suftcntum mti> retiniöfen IHufboii Nr. 13 Bezugspreis: Monatlich 1,35 RM. zuzüglich Bestellgeld. Einzelnummer0,20 RM. Abonnements werden bei allen Postämtern angenommen. —{Anzeigen nach Tarif. —} Bel Nichterscheinen infolge Streiks oder höherer Gewalt, besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder- Rückerstattung der entsprechenden Bezugsgebühren. I I Herausgeber: Hanns Loewenstein und Willi Tisch Verlag Schiiitleitung: George Goctz Berlin, 3. Oktober 1933 13. Jahrgang Die..Jüdisch-liberale Zeitung“ erscheint Dlenstags und Freitags. - Redaktion und Geschäftsstelle: Berlin - Charlottenburg 4, Mommsenstr.40. — Fernruf: J 6 Btelbtreu Sammel-Nr. T545. ~ Bankverbindung : Kreditverein für Handel und Gewerbe e.G.m.b'.H., Berlin N 24. Postscheckkonto: Jüdisch -liberale Zeitung, Berlin 22764. W enn diese Zeilen in die Hände unserer Lesei gelangen, so .wird das Ereignis hinter uns. liegen, das so viele von.uns mit großer Spannung erwartet haben: der „Kulturbund deutscher Juden“ wird mit seiner Aufführung von Lessings „Nathan der Weise“ ins Leben getreten sein. Es ist hier und in den einführenden Versammlungen des Bundes oft genug| darauf hingewiesen worden: wir würden den Kulturbund nicht ins Leben gerufen haben, hätten nicht äußere Ursachen uns dazu gedrängt. Wie mit der I gesamten deiutschen Kultur, j so sind wir deutschen (Juden auch mit dem deutschen Theater seit Generationen auf das innigste verwachsen, und aus uns selbst wären wir niemals auch nur auf den Gedanken geraten, ein deutsches Schauspiel auf einem ausschließlich von Juden ins Leben gerufenen Theater von ausschließlich jüdischen Künstlern vor einem ausschließlich jüdischen Publikum spielen zu lassen. Nun trieben uns die äußeren Umstände zu einem solchen Beginnen; so wenig unsere von der deutschen Regierung vollzogene Ausschaltung aus dem deutschen Kulturleben nach unserem Sinne ist, so sehr müssen jwir doch anerkennen, daß die Behörden uns durch 'Genehmigung des Bcr.dcs Vorhang auf! Ab heute erscheint i Jüdisch-liberal« lie t Zeitung“ zweimal wöchi und zwar regelm Dienstag und intlich, issig am Freitag. die Möglichkeit zu produktiver und rezeptiver Kulturbetätigung gewährt haben,- und es gibt wohl keinen Glaubensgenossen im Norden! Süden, Osten und Westen des Deutschen Reiches, der, weil dieses unser erstes Theater nun einmal in Berlin steht, diese „Nathan“-Auffiihrung als bloßes Berliner Lokalereignis wertete. Nein, dieses Ereignis geht alle deutschen Juden an, denn, nachdem kulturelle Betätigung in der Gesamtheit uns verwehrt wui;de, bedeutet es den Beginn eigener kultureller Betätigung und damit für uns Wiederbeginn kulturellen iiebens überhaupt, und es richtet unsere Seelen auf, ^veil es uns den Aufschwung ,in jenes höchste Reich wieder gestattet, ohne den unser Leben dumpf jund blind wäre. Darin liegt das Große dieses Werkes. Man wirft uns Juden eine materialistische Gesinnung vor, aber das erste sichtbare Werk, das wir in unserer aufgezwungenen Separation errichten, ist ein weithin leuchtendes Fanal des Geistes. Alle unsere Wohlfahrtsorganisationen und wirtschaftlichen Hilfsstellen, so Unermeßliches sie während der letzten Monate geleistet haben und so viel sie großzügig auch für diesen Kulturbund zur Verfügung stellten, haben doch kein so hypnotisch zwingendes, kein derartig alle Augen auf sich ziehendes VC'erk (zustande gebracht, und wer da fragen wollte, woran das liegt, dem sei hier geantwortet: weil das materielle Leben, dem jene Hilfsstellen dienen, zwar die unentbehrliche Voraussetzung, aber eben nur die Voraussetzung des geistigen Lebens ist. Dem Geiste leben soll der Mensch; dem Geiste leben wollen wir Juden, und dieses Werk ist der Beweis, daß wir unserer menschlichen Aufgabe gerecht werden, daß wir wollen, was wir sollen, und daß wir können, was wir sollen. Ob dieser Nachweis und die Tatsache, daß unser erstes Werk ein geistiges ist, uns Achtung in den Augen der Umwelt abzwingen wird, wissen wir nicht; wir müssen uns damit begnügen, vor uns selbst gerechtfertigt zu sein, vor uns selbst als Menschen, Deutsche und Juden. Damit ist auch schon ein Einwand abgetan, den wir in diesen Tagen häufig hören mußten: ob denn die Aufführung eines deutschen Theaterstückes und die Errichtung eines Theaters, das anerkannte Werke der Weltliteratur spielen will, eine jüdische Tat sei. Es muß bei solcher Frage kjargestellt werden, was unter „jüdisch“ zu verstehen ist: solche Klarstellung kann nicht oft und nicht eindringlich genug wiederholt werden. . | Als im Jahre 1921 die Verfassunggebende Nationalversammlung in Weimar tagte, da hat der damalige sozialistische (innerjüdisch auf dem Boden (des Zionismus stehende) Abgeordnete Oskar Cohn in den Beratungen über die Errichtung von Minderheits- Schulen, ohne von irgend i einer der maßgebendenjüdischen Stellen dazu beauftragt zu sein, einen Antrag auf Errichtung jüdischer' Schulen damit begründet, daß. er uns mit „and/eren AJindevbeitfa“.. näjri; lieh mit den in Deutschland lebenden Dänen, Polen, Kassuben und Wenden auf eine Stufe stellte, und noch in diesen Tagen wieder hat ein jüdisches Blatt, das sich prahlerisch das „Blatt der jüdischen Eljre“ nennt, eine Parallele zwischen Wenden und Juden gezogen. Nun sind wir gewiß weit davon entfernt, und von jedem Verdachte frei, Angehörige irgend eines Volkstums um ihres Volkstums willen gering;zu achten; wie die Menschen, so sind auch die Völkerj als Kinder des Einen Vaters Geschwister untereinander, und die Volkstümer gelten auch uns als von Gott gesetzte Ordnungen. Aber die Ehre des Judentums oder, biblisch gesprochen, seine Erwählung erblicken wir darin, daß es Höheres ist als nur Volkstum. „Was mich Euch zum Christen macht, das macht Euch mir zuni Juden“, sagt Nathan und spricht damit (das Höchste aus, was über das Judentum gesagt werden kann. Das Bild, das Lessing mit diesem Wort vom Juden entwirft, ist nicht nur anders, als die nichtjüdische Allgemeinheit es sich macht, sonderh es weicht grundlegend auch ab von der Auffassung jener Juden, die sich selbst mit Wenden, Kassuben oder anderen Völkern in Parallele setzen, ln dieser Feststellung steckt kein Hochmut; wir wissen, |\yäsauch Lessing .wußte: nicht jeder Jude ist ein Nathan; aber wer die Pflichten des Judeseins erkennt, ( der muß den Trieb in sich lebendig machen, ein Najhan zu werden und damit ein Diener jener Liebesmacht, die die Vielheiten in das Dasein rief, aber in das einheitliche Dasein, und die will, daß all die Verschiedenen als Glieder des Einen sich begrejfen. So. steht es in unserer' Bibel und in unserem Gebetbuch, die beide immer nur davon sprechen, daß (alle „Völker“ sich zu Gott bekehren, daß Gottes Haus’ ein Bethaus sein soll für alle „Völker“ der Erdediealso die nationalen Gruppen nicht aufheben, nicht „zersetzen“, sondern vielmehr bei Wahrung der nationalen. Individualitäten sie in einer höheren Einheit binden wollen. So steht es auch im „Nathan“, ganz besonders im fünften Akt,- am Schluß des Stückes, in der von manchen Literaturbeflissenen als „kitschig“ beanstandeten Erkennungsszene, deren wahre Bedeutung Constantin Brunne.r in seinem „Tagebuch“ folgendermaßen gekennzeichnet hat: „Aber gerade diese! Erkennungswunder sind das wesentlich Tiefste und i Bewunderungswürdigste der Lessingschen Konzeption; j erst die Fabel des Stückes setzt das Siegel auf die Erzählung von den drei Ringen Diese bietet nur die Theorie und den Wunsch; aber, die Aufdeckung des Verhältnisses zwischen den Repräsentanten der drei Konfessionen weist die Wirklichkeit, die schon: längst, die immer bestehende; die nur - ihnen selbst bisher unbekannt gebliebene. Der Muselmann und der Christ sind miteinander verwandt und Beide dem Juden auf das Herzinnigste verpflichtet, Mit anderen Worten heim das: Ihr blinde Menschen bekämpft euch untereinander auf den Tod, und seid doch in Wahrheit so eng aneinander gewiesen und gebunden. Euer aller Leben ist ein Zusammenhang.“ Ohne die eigene Individualität aufzugeben, sich in der höheren Einheit wiederfinden, das heißt in die Freiheit gelangen. Heißt, was man auch immer sei ■und bleibe, Mensch werden. Darum bedeutet die Besinnung auf solche Lehre und die Darstellung dieses Werkes eines deutschen Dichters eine jüdiscterTat. Ob es auch eine deutsche-Tat ist, darüber zu. urteilen, ist. uns heute-verwehrt. Wir können nur sagen, für uns und ganz subjektiv, daß wir es als deutsche Tat empfinden. Und wieder steckt in solchem Empfinden kein Hochmut. Jenes vorhin erwähnte jüdische Blatt hat vor Wochen dem Kulturbund deutscher Juden vorgeworfen, er wolle mit der Aufführung von Lessings „Nathan“ der Umwelt zeigen, was „wahres Deutschtum“ sei, und auch kürzlich, unmittelbar vor dem Versöhnungsfeste (1), hieß es in jenen Spalten, wir deutschjüdischen Menschen behaupteten, die ' „Repräsentanten - tles wahren-, Deutschtums“-ztu soiu . Den Beweis für solche Unterstellung zu bringen, wird niemals möglich sein; nicht daß wir die wahren Deutschen s.eien, sondern daß wir Deutsche sind, d a s— behaupten wir alle Tage und empfinden, dieses Werk des. Kulturbundes gleicherweise als deutsche wie als jüdische Tat. Und die Zeit scheint uns zu ernst, um mit so kleinlichen Mitteln absichtlichen Mißverstehens untereinander fruchtlos zu streiten. Wir wollen schaffen! Ein Dom der Liebe wölbt sich über uns; jüdische Hände - bauten ihn in dieser, härten Notzeit; das. Werk eines deutschen Dichters bildet seinen geistigen Grund; wir selbst stehen darin als als aufrechte, alswiederaufgerichtete 'Menschen. Zur Einführung unserer neuen Rubrik: Oüdi&che Whticfta{tf>(taqcti. Rund neun Zehntel aller deutsch-jüdischen Erwerbstätigen ernähren sich und Ihre Angehörigen durch wirtschaftliche Tätigkeit ln Handel^ Handwerk, Industrie, Bank- und Landwirtschaft Sie sind mit ihrer Arbeit teils als Selbständige, teils als Angestellte und Arbeiter auf das engste mit dem deutschen Wirtschaftskörper verflochten. - Ute Neugestaltung des staatlichen Fundaments und der Umbruch der Wlrtschaftsaütfassung stellen den deutsch-Jüdischen Mölschen auch ln seiner wirtschaftlichen Sphäre vor neue Tatsachen. Er muH. mit diesen Gegebenheiten vor allem rechnen. Eine" Umformung seiner Denkweise, eine. Neubildung seiner Wirtschäftsperspektive wird erforderlich. So wird zwangsläufig für die' ganze deutsche Judenheit eine intensivere Beschäftigung mit ihrer-wirtschaftlichen Tätigkeit unter jüdischen Gesichtspunkten notwendig. Ihr Wirtschaftsbild muß neu gebaut werden. Auf alten Gebieten wirtschaftlicher Tätigkeit muß diese Neuorientierung erfolgen. Dazu gehört jetzt auch eine Durchleuchtung der wirtschaftlichen Beziehungen der Juden zu Uirer wirtschaftlichen Umwelt Hier will die „Jüdisch-liberale Zeitung“ helfend ein greifen. Sie wird unterrichtend und belehrend Wege aufzeigen.. Grundlegende Aufsätze über aktuelle und prinzipielle Wirtschaftsfragen, soweit sie die deutschen Juden angehen, Informationen über wirtschaftliche Geschehnisse, die das Leben der Juden berühren, suchen die Neu- und Einordnung zu erleichtern. Die nächsten Ausgaben bringen fortlaufend jeden Freitag in Hner besonderen Rubrik Artikel über jüdische Wirtschaftsfragen aus der Feder des Herrn Doktor HerbertKah n-Elnlührend erscheint hatte ein grundsätzlicher Aufsatz: 500000 müsf«n bleiben!

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