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Jüdisch-liberale Zeitung · 1933-09-15 · 12 (15.9.1933) · page 11

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
13 (1933)
Issue
12 (15.9.1933)
Date
1933-09-15
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Unsere geistige Zukunft. Von Julius tBa&. Die Geschichte des jüdischen Geistes iit Deutschland hat eine Vergangenheit —[ eine vielumstrittene, aber eine ganz gewiß nicht bedeutungslose. Hat sie auch eine Zukunft? Das ist die große]Frage, die uns heute beschäftigt; es ist im allerletzten Grunde überhaupt die Lebensfrage der deutschen Juden! Die materielle Not ist drängender und näher, die moralische Not ist im Augenblick empfindlicher — aber die geistige Not ist es, von deren Bewältigung am Ende das Schicksal der deutschen Juden abhängen wird. Die Frage wird entscheidend sein, ob 'es uns künftig noch möglich sein kann, ein Leben als Deutsche und im Geiste des Judentums . zu führen. Wenn sich diese |Frage nicht bejahen läßt, so werden die Juden in Deutschland, selbst 'wenn es ihnen gelingt, namhafte Teile ihrer wirtschaftlichen Substanz zu retten, selbst wenn eine ‘ erträgliche Ordnung ihrer bürgerlichen Stellung wieder Platz greift, nicht wahrhaft lehen können; sie-werden vegetieren, sie werden in dem schlimmen Sinne des Wortes im „Ghetto“ sein — besten j Falles Träger einer ehrwürdigen jüdischen Tradition, aber einer Tradition, die verdorren muß, weil sie sich nicht am großen Leben der Welt erneuern und entwickeln käme ' j Die Juden hatten Jahrhunderte in einem solchen Ghetto gelebt, und.es ist für immer eines der größten Wunder der Geschichte, wie lebensfähig in ihrer engen, religiös gebundenen Gemeinschaft ihre Kraft geblieben war. Diese schien vertrocknet gleich einer Rose von Jericho, aber als die Wasser der Welt darüber hingingen, entfaltete sich ihr Geäst breit und großartig nach allen Seiten. Was die Juden im Laufe der letzten fünf Generationen auf beinahe allen Gebieten der Kultur Schöpferisches geleistet haben, in allen. Ländern und nicht zum wenigsten in Deutschland (von dessen Nobelpreisträgern z. B. einerstaunlich großer |Teil jüdischer Abstammung war), das aufzuzählen ist .heute nicht die Zeit. Aber wohl müssen . wir uns fragen; welche Kraft ist es gewesen, die den jüdischen Lebenskern wieder zum Treiben und Blühen brachte? Es ist bekannt genug, daß es die] Aufklärung war, die die Juden befreite, und daß in dem ihr entwachsenen Humanismus sich die jüdische Emanzipation vollendete. Aber ich glaube, daß man die' Dinge nicht so äußerlich ansehen darf, als hätte die Verkündigung der Menschenrechte einfach von außen her die Hindernisse weggeräumt, die der Entfaltung des Judentums entgegenstanden. Das Wichtigste war wohl, daß die Kräfte, . die die äußere Befreiung der Juden brachten, zugleich eine geistige Atmosphäre schufen, in der die Juden ihrer inneren Artung nach atmen konnten — atmen, leben, schaffen. Die religiöse Macht, die das Judentum durch alle Jahrhunderte, auch in der Vertrocknung des Ghettos, lebendig erhalten hat. trat in ein natürliches Verhältnis zu der großen Menschheitslehre des endenden XV11I. Jahrhunderts. Der eine Gott, von •dem wir nicht Bildnis' noch Gestalt machen sollen, dieser Vater all dessen, was Menschenantlitz trägt, Herr des begreifenden Geistes wie des ahnenden Gefühls, dieser an keinen Mittler gebundene allumfassende Gott des Judentums, er erlaubt, er verlangt eine Welt, wie sie für die Menschen die großen Träger der Aufklärung und dann des Humanismus forderten. Es ist nicht so, daß die deutschen Juden Jünger Kants und Goethes wurden, well diese gerade den Tag beherrtchten, als die Juden frei wurden -jsie konnten, vor allem innerlich, nur frei werden, weil damals Kant und Goethe gelebt und gelehrt hatten und auf zwei gleiche große Botschaft von des Menschen durch die Ta denkbar verschiedene Weisen die der Befreiung und Rechtfertigung brachten. Die Juden sind in die deutsche Kultur hineingewachsen als die Gläubigen Lessings und Goethes, Schillers und Kants, des Mozart, der die Zauberflöte, des Beethoven, der die] IX. Symphonie geschrieben hatte. Ihre geistige Heimat wurde auf eine sehr natürliche, sehr innige und schwerlich wieder aufzulösende Art das Deutschland, das ewigen Ruhm erlangte, als es, wirtschaftlich schwach und politisch ohnmächtig, als „Volk der Dichter und Denker“ plötzlich beherrschend in dün Kreis der Nationen trat. Die besten der deutschen Juden haben länger als ein Jahrhundert in gutem Glauben und mit aller Kraft diesem wahlverwandten Deutschland gedielt. Sicher ist das heutige Deutschland nicht gewillt, die Geistesheroen der klassischen | Zeit zu verleugnen, aber doch sind heute sehr andere und härtere Maximen in den Vordergrund getreten, und ihre für uns fühlbarste Kundgebung] ist, daß sie die Juden aus der •gleichberechtigten Gemeinschaft der Deutschen aüsstoßen. Und so sehr wir uns als innerlich zugehörige Deutsche fühlen: wahr ist es allerdings, daß ein Jude, in dem noch etwas vom religiösen Kern urjüdischen | Wesens lebendig ist, fremd bleiben muß in einer Welt, die an die mystische MaCht des Blutes und an ein Heroentum glaubt, welches die in unserer Religion verankerte Gleichwertung aller Menschenkinder auszuschließen scheint. So wenig wie die Juden vor 1800 nur zufolge äußerlicher Emanzipation Teilnehmer an der Geistesarbeit Deutschlands wurden, so wenig sind es heute nur die äußern Maßnahmen, die ihnen Teilnahme am öffentlichen Leben Deutschlands verwehren; es ist durchaus richtig, daß die Juden auch innerlich gezwungen sind, Fremdlinge zu bleiben dort, wo ihr .'Deutschgefühl mehr, als sichjmit den Leit- und Gpindgedanken der heutigen Zeit zu vereinbaren scheint, an das Weltgefühi Lessings und Kants, Goethes und Humboldts, Mozarts und Beethovens geknüpft ist. Suche grofje BriIlanfeiVGowe-nmsÄare: Pfandscheine. Allerhöchste Preise Kurfürstendamm 234, an der Gedächfnlsklrche Fernsprecher: J 1 1 \ ' I Bismarck 2690 Wendt&RedUch , — BERLIN W Unter den Linden 291 Tel. A 2 Flora 5374 Herreosclmelder wüsche nacii MaO - Artikel Herren- Aber wir wissen; auch jene Ideenwelt war aus einem sehr tiefen Grunde deutschen Wesens emporgewaclisen und wird, in wie immer gewandelter Form und Art. doch aucli ihr Lebensrecht wieder verlangen.; Unsere Verbindung aberlmit Deutschland bleibt bestehen, ja sie kann.gar nicht zerstört werden, solange wir lebendige Menschen sind, die sicli als Deutsche und als Juden zu den Gruiideleinenten ihres Wesens bekennen. Wir sind aus einem vorhin angedeuteten Grunde! ganz> gewiß keine schlechten Juden, 'wenn wir weiter versuchen, im* Geiste deutscher Klassik zu leben, aber wir glauben auch nicht, daß wir schlechte Deutsche sind. Mag der geschichtliche Ablaut vorerst mit Notwendigkeit den Einsatz anderer und entgegengesetzter Kräfte fordern, im Hintergründe bleib{ und wartet als etwas zutiefst Deutsches auch jene Menschlichkeit, die noch Jean Paul und Hebbel und Anzengruber, diese wahrlich sehr Deutschen, durch das XIX. Jahrhundert getragen haben. Wir ■ können nur Deutsche sein in einem Sinne, der sich unserem Judentum verbinden kann, aber wir glauben nicht, daß wir schlechte, nicht einmal, daß wir unnütze Deutsche sind, wenn wir unzeitgemäß scheinen. I Das ist die Antwort auf die Frage, ob wir die innere Möglichkeit haben, als Juden weiter in der deutschen Kultfic zu leben. Eine andere Frage ist die nach der äußeren Möglichkeit: das ist eine Frage der Organisation. Jüdjsche Geistesarbeiter und Künstler sind heute in Deutschlapa zum allergrößten Teil von jeder öffentlichen Wirkiingsmöglichkeit ausgeschlossen; jüdisches Publikum findet heute kaum noch die Möglichkeit, an altgewohnter Stätte künstlerische Erhebung, find geistige Anregung auizunehmeii. (In Stuttgart hat man sogar jüdischen Theatcrabumicutcu mitgetcilt, daß iltf Erscheinen unerwünscht sei.) Wenn man diese beiden .Teile der Notlage zusammeiiscliheßt. erhält man die Form, in der sich diese Not bis zu einem gewissen Grade belieben läßt. Mau erhält einen Bund, in dem-nur Juden kulturelle Arbeit nur für Juden tun, und der doch kein Ghettobetrieb ist, sondern die lins mögliche Art, als .luden heilte weiter in dem uns gemäßen deutschen Geist zu leben. Das ist der Versuch, der in Berlin mit dem „K u 11 u r h u n d deutscher Juden'' gemacht wird und der bereits in nahezu allen Städten Deutschlands Nachahmung findet, ln allen Provinzen, zeigt sich das Bestreben, eine Form zu schaffen, die den Umständen der heutigen Zeit ■Rechnung trägt und das (iebot der Regierung strikt einhält. die den Bund nur als eine ausschließlich für, Juden offene Organisation billigt. Und die doch eine Form ist1, in der die deutsche Sprache, in der wir denken und fühlen gelernt haben, die deutsche Musik, die zu unserer Seele spricht, die deutsche Kunst, die unsere Blickkraft genährt hat. weiter gepflegt werden kann! —■ Wir deutschen Juden haben uns immer iür güte Deutscher gehalten, wir'haben geglaubt, dem Lande, das unsere Heimat war. mit besten Kräften zu dienen. Wir glauben auch heute, daß wir dem deutschen Volke keinen schlechten Diensttun, wenn wir in unserem Kreise jene Kulturgüter lebendig erhalten, denen wir .zutiefst verbunden sind und die viel zu köstlich sind, viel zu'sehr aus der iiuiersten Tiefe der Nation geschöpft, ats daß sie nicht vom dauernden Leben des großen deutschen Volkes immer wieder gefordert werden sollten. . — lügSS i I I Ab 1. Oktober ist die „Jüdisch-liberale Zeitung“ dasbilligste jüdische Blatt scheint. Ab 1. Oktober das zweimal wöchentlich erist die „Jüdisch-liberale Zeitung“ die ■einzige zweimal wöchentlich erscheinende Zeitung deutsch-jüdischer Richtung. Ab 1. Oktober ist die „Jüclisck-liberale Zeitung“ das Blatt erhöhter Aktualität und größter Vielseitigkeit. Ab 1. Oktober heißt es mehr denn je': ln jedes jüdische Haus gehört die „Jüdisch-liberale Zeitung“. Vecqessen Sie nicht xtie Sutlösung xlec

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