Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 13 (1933)
- Issue
- 12 (15.9.1933)
- Date
- 1933-09-15
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Kameraden waren wir allesamt! Fronterinnerungen am Tage des Gedenkens. Von Dr. Martin Salomonski, früherem Feldrabbiner beim A. O. K. 2. I ' s sind jetzt .iü'nfzcliii Jahre vergangen. seitdem die jüdi- |" -:iien Soldaten des -deutschen Heeres Neujahr und Ver- "* si.'inungsiag' im Felde begangen haben. Aber wenn die Zelt unserer lierhstfestc herannaht, erinnern sich die aus Feindc-Iand Zurüekxekeitrten.. erschüttert, aber audi mit bexreiiiiel.etn Hochgefühle der Erlebnisse des Kampies und der ieierneiun Stunden, die ihnen als kurze Unterbrechunx des Kriexsd.eiistes - beim (iottesdienst — draulien xewältrt wurden. .Meute Amtsbruder und ich xedeuken der vielen, vielen S.h'.vnrixkeiten. die Jas Zusammenstrürnen tausender Sollt, itea bezüglich der seelischen und leiblichen Verpflexunx ergab. Wtr erinnern uns wehmütix der vielen alten und jungen Männer oft waren - es"*halbe Kinder —. die man an den I-'eictaxetr "kennen lernte und bald daraut zur ewigen'Ruhe bestattete. Wir miicliten auch diejenigen nicht vergessen, die durch den Stand der Kampihandlunxeii vom Besuch der Feier- 'taxsandacht ausgeschlossen blieben.' Mancher hat um dieselbe Stunde, da wit auf dem Felde oder in verlassenem Mauerwerk. nur halb geschützt und von feindlichen Fliegern belästigt, der -.Pflicht gegen Gott zu genügen'versuchten, einige Kilometer entfernt, sein Blut vergossen, solche Fronterinnenitigen sind tut großen, gewaltigen, unauslöschlichen Geschehen des Krieges zunächst scheinbar bedeutuugsarin. aber sie erhalten Wert und werden zum Zeugnis, weil sie ganz, wahr darum, wie grolLdie deutsche Kameradschaft im ruhmreichen kaiserlichen Heere gewesen ist und wie vom obersten Kriegsherrn angefangen, dessen Gottesfurcht allbekannt ist. -jeder Vorgesetzte sich um das Wohl und die seelische Befriedigung der Mannschaft bemühte.; Ich denke an die Sommeschlacht. die vom Juli bis zum November 1916 tobte, von dem jetzt hochbetagteu General von Gailwitz mit höchstem Fcldherrntalent gelenkt und geleitet wurde und die schon damals übermächtigen Gegner — die Franzosen und Engländer — ihr Ziel nicht erreichen ließ. Exzellenz von Gallwitz. hat es damals ausgesprochen und mir geschrieben, mit welcher Genugtuung es ihn erfüllt habe, daß in der Stadt St.--Quentin allein 1600 jüdische Frontsoldaten sich-an unseren Feiertagen im dortigen Stadttheater zur Andacht versammeln konnten. Wenn ich von den wenigen Nörglern. die es auch bei der iechtenden Truppe gegeben hat. abselie. so waren alle 1600 herzlich erireut. weil ihre Quartiere vorbereitet waren: weil die Verpflegung — wir kochten seihst — ihnen mundete und ausreichte; weil sie gestärkt wurden,; an ihre Mission als Verfeidiger des deutschen Vaterlandes’zu glauben: weil sie einenäehrenvollen Frieden als den Lohn des ganzen Einsatzes ihrgraKräite erhofften; weil ihre Seelen für Deutschland und sein ijeclit erglühten. Die christlichen Kameraden haben auf unsere Veranstaltungen mit brüderlicher Liebe gesehen. Der junge sächsische Kronprinz lag damals in St Quentin. Mit wirklich gewinnender Art — dies ist ohne jede Liebedienerei ausgesprochen — hat er auf unsere Feiern gebückt und seine tiefreligiöse Natur, die sich ja später durch seinen Eintritt iii den Priesterstand erwiesen hat. hat sich schon damals dokumentiert. Von äluh lieber Sinnesrichtung war und ist ganz bestimmt der Befehlshaber unserer Heeresgruppe, der Kronprinz Rupprecht von Bayern, erfüllt. In einem kleinen und von ihm als Widmung entgegengenommenen Buche habe ich über diese Dinge und Ereignisse näher berichtet Heute kommt mir in diesem Zusammenhänge das Gedenken an seine bewundernswerte Unterhaltungsgabe in den Sinn, die über viele .Angelegenheiten mit sehr geschäritem Urteil und großer Lebenserfahrung zu berichten wußte. Kronprinz Rupprecht kannte die kleine.Synagoge iit St. Quentin, in der die französischen Juden ihre Andachten abhielten. Sie ist 1917 total zerschossen und zertrümmert worden, nachdem wir vorher die., Thorarollen von dort entfernt und als heilige Reliquien durch die ganze Kampfzeit initgeführt haben. Auf dem Rückzug, nach Abschluß des Waffenstillstandes, beim Nachtmarsch durch die Ardennen wurden sie uns gestohlen. Wer weiß von wem? AVer konnte davon einen Vorteil haben oder von solcher Untat Segen erwarten? — Kronprinz Rupprecht erzählte gern von seinen Reisen und berichtete auch von seinem Aufenthalt in Palästina: ..Ich habe dort von der großen Traube gegessen.“ sagte er, ..die in Ihrer Thora erwähnt wird und die die Kundschafter als Zeichen der Fruchtbarkeit dem Volke in der Wüste voriührten.” Als ich etwas ungläubig lächelte, bekräftigte er seine Erzählung: „Sie können mir das schon glauben, ich habe davon gekostet, aber große Trauben sind in der Regel bitter!“ Unter unseren Soldaten waren alle Berufe vertreten, also auch solche, die man bei den Juden im allgemeinen nicht vermutet und voraussetzt. Ich habe viele Handwerker und nicht wenige kleine Landwirte kennengelernt und eine ansehnliche Reihe aus dem Arbeiterstand. In der körperlichen Gewandtheit und der äußeren Erscheinung waren unsere Soldaten grundverschieden. Neben kleinen und schmächtigen, die aber über Ausdauer und große Kräfte verfügten, haben wir vorn an der Front, bei unseren kleinen Andachten in den Unterständen, wahre Ripsen angetröffen. In besonderer Erinnerung sind mir viele Leute vom Marinekorps an der flandrischen Küste, die in ihrem Wuchs und ihrer Forschheit geradezu das Erstaunen der Vorgesetzten erregten. Im übrigen dari man hier erzählen, daß die von der Welt nicht erreichte, geniale Ausbildung unserer Soldaten die Menschen erst richtig formte und über sielt selbst heraushob. Unsere Grabenräumer — manchem muß jetzt erklärt werden, welche Aufgaben diese Soldaten hatten — waren inihrer todesverachtenden Kühnheit Männer, von fast schreckenerregendem Mut. Da ich in dieser Erinnerung nur von jüdischen Soldaten des deutschen Heeres sprechen will (ich könnte einanderes Mal mich allgemeiner äußern), denke ich mit Ehrfurcht an diese Helden alle zurück. Zum Beispiel an die vielen, im Heeresbericht namentlich Erwähnten und Gelobten, die die höchsten Auszeichnungen erhielten, obgleich sie erst dein Unteroinzierstaiide angehörien. j An Noah und Heinsius denke ich. die imnier als erste in die feindlichen Gräben sprangen und dort auirollten, an unsere kühnen Flieger, die unter Entfaltung hohen Glanzes und von ihren Kameraden durch den Anflug ganzer Geschwader noch in der kurzen Viertelstunde der'Einscharrung geehrt wurden, während Generale trauernd den Hügel umstanden. Wer wirklich im Kriege war und an Schmerz und Freude, an furchtbarer körperlicher Qual und Hinsiechen_ unserer Tapferen, auch in den Feldlazaretten, bei den Sanitätskompagnien teilgenommen hat, der weiß und darf es mit der Stimme der Wahrheit, die bei jedem Frontkämpfer Widerhall findet, verkünden, daß unsere jüdischen. Menschen keine Auch-Soidaten waren, sondern in ihrem Heroismus allen Gliedern des besten Heeres der Welt gleichstanden. Ihre Verdienste wurden anerkannt und gewürdigt und werden auch im neuen Deutsch-, land der Gegenwart als Zeugnis unseres Blutes und unserer Ehre unvergänglich bleiben. Darum setze ich an den Schluß dieser Reminiszenzen, die ich leicht erweitern und vertiefen könnte, die mich im Geiste nach Peronne und Bapaume, nach Noyon — unsere vorschobenste Stellungsposition — hinausführen, die mich nach Cambrai, nach Vaienciennes bringen, als dort im Herbst 1918 schon alles drüber und drunter ging, ein Wort aus den Makkabäerbüchern. Dies hat mein verehrter Freund und Gönner, der hochverdiente General der Infanterie, Wichura als trefflicher Bibelkenner in Würdigung der Verdienste unserer Krieger mir geschrieben: „Nicht durch die Größe des Heeres kommt der Sieg im Kampfe, sondern vom Himmel wird die Stärke Verliehen.“ . ■ Wenn wir Israeliten in der Hoffnung auf. ein erbauliches neues Jahr vor Gott treten, dann leite uns die Zuversicht aus dem gleichen Buche, daß es nichts Höheres gibt, als., sein Leben einzusetzen iür seine Bruder — zu gestähltem Wollen! Der Gefallenen, der krank und schwerverwundet in die Heimat Zurückgekehrten und auch der Gesunden würdig zu sein, ist auch das Ideal der ehemaligen Feinde Deutschlands. Die gleiche Gesinnung erfüllt uns als Gelöbnis: sie ist der unverlierbare Besitz. Unser Selbstbewußtsein , verpflichtet uns, an dieser Ueberzeugung festzuhalten. _ . 2xunUim=7lacAdcfltw~ (Aufnahmen in diese Rubrik kostenlos.) Barmizwah: Insterburg. Herbert. Sohn des Herrn Leo Bruch und Frau Berta, geb. Zanders. Wilhelmstr. 17,. 16. 9. 1933. JÜDISCHE REFORM-GEMEINDE Kartenverkauf zu den Hohen Feiertagen Gottesdienste im Gotteshaus (Johannisstra^e 16) lind im Logentempel (Kleiststrafje 10) a) Hauptgottesdienst (Karlen zu RM 6,-) b) Parallelgotlesd. (K. z. RM 1,- u. RM 2,-) Kartenverkauf täglich von 9-2 Uhr Johannisstrafje 16 (D 1 Norden 5150), ferner am Sonntag 11-1 Uhr im Logenhaus, Kleiststrafje 10. Unterricht ENGLISCH bei geborener Engländerin,. Mrs. Kurth» Oxford Dipl. KurfOrstendamm 50 (Ecke SdilDterstraße) « Tel. Rlsm. 983 Zeitgemäße Preise Dame unterrichtet französisch, englisch, italienisch, ubers. alle Sprachen. Hamerling, Halentee, Joachim Friedrichair. 41 Tel. Hochmeister 5555 Zeitgem. Preise II Kurzschrift II auch Gabel,berger, geprüfte Lehrerin Fla<chs» Passauer Straße 31 Gute Existenzmöglichkcit im In- und Ausland-als . Kosmetikerin Gründl. Ausbild. unt. ärztlicher. 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