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Jüdisch-liberale Zeitung · 1933-09-15 · 12 (15.9.1933) · page 3

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
13 (1933)
Issue
12 (15.9.1933)
Date
1933-09-15
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Judentum, Staatsgesinnung, Obrigkeit. [ Von Rabbiner i. R. Dr. S. Samuel, früher in Essen. Co niederdrückend unsere gegenwärtige Lage im M Yaterlande sein mag, jsie darf uns den Willen zum ‘Wiederaufstieg, zu unserm Anteil an Deutschland nicht rauben. Wir halten der neuen Sturmflut stand und nehmen Maßnahmen schweigend hin, die als unerbittlich gerechtfertigt, ja [als maßvoll und human über uns verhängt werden. Zu öffentlichen Einreden und Gegenvorstellungen ist die Zeit nicht reif. In diesen Blättern sprechen wir zu unsern Glaubensbrüdern, mit ihnen suchen: wir Verständigung. Und ihnen möchten wir sagen, daß wir nicht gewillt sind, uns in-eine unfruchtbare Bußstimmung zu versenken, die von uns verlangt, daß wir Nein sagen zum Deutschtum, daß wir'verurteilen, was jwir l|nger als ein Jahrhundert erstrebt, durch mehrere. Generationen als ein Hochziel betrachtet haben. Wir) pflichten durchaus den Darlegungen Dr. Paul Ri ege rs (in No. 11 dieser Zeitung) bei, daß für den Fall eines abgestuften Bürgerrechts im neuen Deutschland, es uns nicht verwehrt sein kann, um das volle Reichsbürgerrecht zu kämpfen. Eine solche Haltung glauben wir uns als religiösen Juden schuldig zu sein. Denn Judentum gilt uns als unlösbar von treuer Staatsgesinnung und freudigem Gehorsam gegen die Obrigkeit. Es kann uns .nicht genügen, in absehbarer Zeit zwar; unbehelligt, aber in wichtigen Stücken minderen Rechts, im Vaterland nur geduldet zu sein, sofern wir nichts gegen die Gesetze unternehmen. Wir wollen als eine religiöse Gemeinschaft von vollgültigen Deutschen anerkannt sein, deren positive Staatsgesinnung keinem Zweifel unterliegt und deren wertvolle Mitarbeit in den Dienst des großen Ganzen gestellt wird.) Wir brauchen neben der uns' auch Heute gewährten Religionsfreiheit, -die wir dankbar anerkennen müssen, keine „Gruppenemanzipation“, | da wir solche, in Preußen seit dem 11. März 1812 besitzen. Was wir anstreben, ist Wiederaufnahme jedes einzelnen jüdischen Bürgers in seine Standesgruppe Und Berufsorganisation, sollten wir' mit dieser Forderung Iden Realpolitikern des Tages auch nur ein mitieidigesj Lächeln abgewinnen. Wir sind es ferner unserer Jugend schuldige daß wir ihr den Zugang .zu den Stätten, der allgemeinen Bildung offen zu halten bemüht sind, solange diese, wie wir -voraussetzen, den Geist echter ‘Gesittung nicht verleugnen. Wir gestehen damit, daß wir am Gestern orientiert sind; aber das ganze Judentum umfaßt Ewigkeitswerte von gestern, ja vorgestern, die ihre Verwirklichung auch vom. Morgen und Uebermorgen verlangen. Zu solchen gehören Staatsgesinnung und Treue gegen Gesetz und. Obrigkeit. ■ [■ Die historisch anerkannte jüdische Staatsgesinnung ist begründet in der hohen Bewertung bürgerlicher Ordnung, die uns als älter j und umfassender gilt, als selbst die religiöse. Nach jüdischer Auffassung ist es eine geschichtlich-irrationale Besonderheit, als Jude geboren und verpflichtet zu sein. Der Jude, der diese" aufgibt oder geringschätzt, hat Ulies allein vor seinem Gewissen und seiner Gruppe zu [verantworten. Mächtig unulutet ihn aber das Gewoge der übrigen Völker, zu denen er, nach Gemeinden geordnet, sich rechnen und an deren bürgerlicher und staatlicher Ordnung er teilnehmen muß. Für sie alle gilt der Staat als höchste Gesellschaftsform, in der allgemeine Gesittung sich entfaltet. Wer ihn also mißachtet oder verletzt, macht sich gegen die Gesamtheit schuldig, und setzt sich ihrer Aechtung aus. Bezeichnenderweise stellt die Bibel einem Mose, ja einem Abraham den Urvater Noa als Stammeshaupt der ursprünglich geeinten Mensehenfamilie voran, der allen ihren Rassen, Gruppen und Zweigen nach der sagenhaften Sintflut ein Urgesetz erteilt, um ihren Bestand als sittlicher Gesellschaft auf der neugewonnenen Erde zu gründen. Es trug noch manche primitiven Züge, Blutrache, Sklaverei, Polygamie. Aber er setzte voraus Arbeit und Eigentum, Gewerbe und Künste, vor allem Schutz des Lebens. Und es bestellte Richter, um dem Kampfe Allei; gegen Alle Einhalt zu tun. Von hier aus war der Weg des Judentums bestimmt. Verlangen Sie ausdrücklich - Gummiscliwämine Gummisauger - Wärmflaschen o. -Haashalt- Handscliühe SieselbsthabendadurchVorteilel Es ist wiederum bezeichnend, daß die Ueberlieferung der Bibel mindestens zwei mosaische Gesetzgebungen kennt. eine als Stammes-, eine; andre als Staatsverfassung. Außer Zweifel steht heute die eminente Befähigung semitischer Völker zur Staatenbildung und Rechtsverfassung. Der Spaten des Forschers hat uns das Gesetz des Hammurapi wiedergeschenkt, und wer den Eindruck einer altbabylonischen Königsresidenz empfangen will, braucht nur im Pergamon-Museum die Säle des. Ischtar-Tempels zu durchschreiten. Israel hatte um das Jahr 1050. v. Chr. die Epoche [hinter sich, da. „jeder tat, was recht war in seinen Augen“; Deutschland erlebte i im 13. Jahrhundert n. Chr. die „kaiserlose, die schreckliche Zeit“, und versagte seinen Kaisern auch fortan, ja bis zum Jahre 1806. .wesentliche Faktoren nationaler Machtenfaltung. - Nicht die Achtung vor dem Gesetz und dessen Herrschaft, sondern die Kodifizierung ist im Judentume späten Datums. Den Beinamen „Volkdes Gesetzes“ können[ wir getrost als Ehrennamen annehmen; Gegensatz zur, Gesetzlichkeit ist Anarchie. Es ist kein Zufall, daß Juda und Rom,- sonst starke Gegenspieler, die' umfangreichsten Rechtsaltertümer aufzuweisen haben;, beide verbindet 3er Begriff der Zivilisation. - Wie jede. sittliche Energie, so hat auch unsere Staatsgesinnung ihre; volle Größe erst in schweren Prüfungen . entfaltet. Den in das babylonische Exil verbannten Brüdern entbot der Prophet Jereinia das klassische Wort (29,7): „Suchet das Wohl [des Staates, in jden ich euch entführt habe, und betet für ihn zu Gott, denn sein Wohl ist euer Wohl.“ Die „Sprüche der Väter“ lehren: „Bete für [das Wohl der Regierung, denn wäre die Furcht vor ihr nicht, so würde einer den andern lebendig verschlingen.“ Man beachte beidemal die Aufnahme des Staates in das Heiligste, was der Mensch hat, in seine Zwiesprache mit Gott; und das zweite Mal hieß dieser; Staat Rom! Der berühmte Amoräer Mar Samuel erweiterte diese Forderung zu dem folgenschweren Lehrsatz: „Das Gesetz der Regierung ist Gesetz“, der bis auf den heutigen Tag in allen den religiösen Glauben nicht unmittelbar berührenden Dingen in' Geltung ist und das Einleben jüdischer Gemeinden in die fremdeste Umgebung erleichtert hat. Erwägen wir I die politisch fast durchweg den Juden ungünstige Lage in den meisten Staaten der Erde bis an die Schwelle des 19. Jahrhunderts, ja in Osteuropa weit darüber hinaus, so ist Staatsgesinnung unserer Vorfahren im Feuer erprobt; ein Wesenszug, den jedes Volk und jede [Regierung in Rechnung stellen sollte, wo immer es eine Judenfrage zu lösen gilt. [ ' * J . Der Staat verkörpert sich in seiner Obrigkeit. Wieviele Formen diese jeweils angenommen hat, wie grundverschieden sie sich heute noch manifestiert — sie ist schlechthin Obrigkeit. In seinem Werke „König- 'tum Gottes“ hat Martin Buber mit glänzendem Erfolge den Versuch ,unternoromea.^der.^Theokratie.des Judentums den geschichtlichen Ünterbauj und den ursprünglichen, wie den messianischen Sinn zurückzugewinnen. Aber auch die Generationen schlichter Bibel-, leser vor ihm waren sich darin einig1, daß alles Herrsxhertuni aus Gott st am mit,, der darum König der Könige, König aller Aeonen heißt. Nicht eine Beeinträchtigung, sondern eine Huldigung! war es, wenn sie den irdischen! Herrscher teilhaben ließen an der Herrlichkeit Gottes; nicht ihn diesem! gleichstellten, wohl aber den Maßstab für ihn bei Gott suchten: Wenn .Fürstentreue, verbunden mit Staatsgesinnung, einen Wertfaktor im Völkerleben bedeutet hat,[dann sind Juden als ihre Träger nicht zu üb^äehen. j Sie fand ihre einzige Grenze am Glauben. Sie versagte von Antiochus Epiphanes, als er das Zeusbild im Tempel errichtete. Sie erniedrigte sich nicht so Weit. Kaiserstandbilder zu dulden, denen göttliche Ehren gezollt werden sollten. Hier stand Gottes Gebot gegen den Befehl eines irdischen'Machthabers, und Widerstand rechnete mit Martyrium. Aber die Psalmen und Sprüche sind es, die das Herrschertum verklären; |und im Buche Daniel (4,14) ist es Gott, der „die Herrschaft verleiht, gelten die Ju- (Otto Stobbe), wem er will!“ Im deutschen Mittelalter den als. die „Schoßkinder der Fürsten“ in maurischen Staaten sind sie Berater und Minister der Kalifen; bis in unsre Tage stehen sie in der Nähe der Throne und Staatshäupter. Man erinnere uns nicht an Rußland. Noch Alexander II. galt der Judenheit als ein Gottgesandter, und die Gemeinden beteten für die letzten Romanows; aber es war nicht Schuldner russischen Juden, daß ihr Gebet zur Blasphemie wjurde. Aus jüdischem Geiste' ist auch das [13. Kapitel des Römerbriefes geflossen, das die Auffassung von Staat Was die J.-L.Z -CHRONIK diesmal zu berichten weiß: Feiertage draußen. Jin Brief erreichte uns: ..Wie oft'cche ich durch die Straüen von Paris. zermartere -mein Hirn und.grüble, warum alles \o Kommen mutltc. wie cs Kam. Dali ich, fünfzig Jahre meinem Hcimallande verbunden, vs verlassen mullte und’min zerrissenen Herzens in einem Land lebe, das mir fremd ist und das ich nicht verstehe. Wenn ich aber 'erst daran denhe. duli nun die Hohen Feiertage nahen nud ich sie auf frentUef~Efde erleben soll, fern von allem, was mir lieb und teuer war, dann steinen mir die Trauen in die Amten. Welche Tragik!" -Wahrlich, welche Tragik! Und wie schwer wird sie gerade jetzt wiegen, da wir alle den Alltag abstreiieu und uns zum Neujahrsfest, zum Versöhmiugstag rüsten. Mau soll uns nicht sagen, daß alle die. die’ Deutschland verließen, es leichten Herzens taten* Mochten sie auch die Möglichkeit haben, eine neue Existeuzbasis zu finden, war es ihnen auch gelungen. sich an alles das zu gewöhnen, was ihnen fremd schien an neuen Sitten und Gebrauchen. sie werden das Land, das sie verließen, nicht vergessen haben und nicht vergessen können. Wir hörten kürzlich von einem Ernntgeschehnis. das, wenn auch von einem Christen erlebt und von einem christlichen Feiertag handelnd, und das vielleicht, nach so laugen Jahren aus der Distanz gesehen, etwas rührselig anmutenmag. das aber doch packend aufzeigt. was Feiertage bedeuten, was Mehschen leiden, die sie in der Fremde erleben müssen. Ein deutscher Offizier ist mit seiner kleinen Truppe während des Weltkrieges' in die syrische Wüste verschlagen. Hunderte von Meilen fern aller menschlichen Behausung, liegt er mit seinen Leuten in einem kleinen Fort. Die Weihnachtszeit naht heran, und er schmückt, da ihm keine heimatliche Tanne zur Verfügung steht, einen alten, armseligen Besenstiel mit buntem Papier aus, um seinen Anteil zu haben an dem Fest, das man zuhause feiert. Als die Stunde da ist, in der mau dort den Baum anzündet, packt cs den Offizier mit vehementer Gewalt,-am hellen Tage — in Deutschland ist es Nacht — weint er, ein stattlicher Mann, weint wie ein Kind, und es fällt seinen Leuten sehr schwer, ihn zu beruhigen .... Paris, so wird vielleicht—der Leser sagen, ist die Stadt des Lichtes und keine syrische Wüste. Auch dort wohnen Juden, auch dort begeht mau. die Feiertage. Gewiß stehen überall an den Hohen Feiertagen die Synagogentüren offen, erklingen allerwärts die altehrwürdigcn Melodien. Aber doch spricht man eine andere Sprache, lebt in anderen Formen. Dem Zugewandertcu fehlt die innere Verbundenheit zum Lande, zum Einzelnen. ' Wir aber, die wir wissen, daß die draußen wehen Herzens die Festtage begehen, daß die draußen einsam sind und verlassen!, wollen ihnen unser Mitleid und unser Mitgefühl nicht versagen. Wollen, lastet auch noch so Schweres auf uns, nicht verkennen, was es bedeutet, in den Feiertagen, den erhebendsten Tagen unseres Judentums, in der Heimat ziHscin. HannsLoewenstein. J und Kirche, besonders im Protestantismus TtcherrscltL Auf die feineren Unterscheidungen, die sich beiderseits gebildet haben, braucht hier nicht eingegangen zii werden. Die von uns aufgewiesene Linie würde keine Aenderung erfahren. Wir glauben' gezeigt zu haben, daß Judentum „in unlösbarer Harmonie verbundenist mit Staatshoheit, Gesetz und Ordnung. Wir wollen hoffen und wirken, daß diese Ueberzeugung sich Bahn bricht und unsre Lage klärt. Eine Aasstellung jüdischer Geschicktswerke auf dem internationalen Historikerkongreß.. Anläßlich des 7. internationalen Historikerkongresses. der dieser Tage in_Warschau abgehalten wurde, wurde auch eine Ausstellung historischer Werke .veranstaltet. Das Jiddische Wissenschaftliche Institut hat auf dieser Ausstellung eine „jüdische Ecke" zusammengestellt, in der alle seit deitrvahre JUJ8 erschienenen Ncuausgahen von Büchern und sonstigen Schriften historischen Charakters ausgclegt sind. Aus technischen Ursachen sind einige der jüdischen Gelehrten, die ihre Teilnahme an diem Kongreß angekündigt hatten. dort nicht eingetroffen. Sie haben jedoch dem Kongreß die Referate, die sie zu halten beabsichtigten, eingesandt. Diese Referate, wurden nunmehr in den. vom Exekutivkomitee des- Kongresses herausgegebenen zwei Bänden „Resümees“-publiziert Professor Dubnow hat einen Beitrag über „Die Hegemoniezentren in der jüdischen Geschichte" geliefert, Jakob Lestschinsky stellte einen Aufsatz „Wanderungen_tmd Prnduktivierungsbewegung des jüdischen Volkes im letzten Jahrhundert“ bei, E. Tscherikower schreibt über „Die Anfänge der sozialistischen Bewegung unter den Juden Polens, Rußlands, Englands und Amerikas bis zum Jahre 1900“, Dr. Julius Brutzkus über „Die Chasaren“ und Rachel Wischnitzer-Bemstein über „Die hebräischen Buchschreiber des Mittelalters“.- In' allen Reisea n geleg en heii ten: WELTREISEBUREAU UMION Agentur von Thos.j COOK & SON, Ltd. BERLIN W, UNTER DEN LINDEN 11 Wir liefeun | Fahrkarten Bahn und Schiff, nach Palästina und nach allenj anderen Ländern zu Originalpreisen. Kosfenanschl., Reisepl., Berat, kosfenl. Spedition - Geldwechsel r— GEBR. HERTLING-i Internationale Spedition u. Möbeltruneport Berlin-Charlottenburg, Sophie-Charlotten-Straße 15 ‘ Telefons C0 Fraunhofer 0391 Verladungen II SpezIalverKehr nach |l Moderne Speicher n>A allen Plibtea || 1 || Versicherungen der Erde j| ■ aMlIlq || MartmrtM.Irtffr . CünsilDSle FracMialen / Besoldete Etnrlchtmoen Ittr-Ueberszeverpackimgea Auswanderer! Regelungen» Vertrxuenaeuftrlge» Verwaltungen. 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