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Jüdisch-liberale Zeitung · 1933-09-08 · Sondernummer (8.9.1933) · page 5

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
13 (1933)
Issue
Sondernummer (8.9.1933)
Date
1933-09-08
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
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13. Jahrgang Sondernummer Jfiöifft'lUietale Leitung Beilage 8. September 1933 Kioske, Zeitungshändler, Cafes und Restaurants in Groß-Berlin führen die »Jüdisch-liberale Zeitung“. Sie ist an allen Brennpunkten des Verkehrs zu haben. Auch im Reiche ist sie fast an allen Plätzen erhältlich. Lest diesen Roman aus dem Lebenl Der Schriftsteller [hat gar oft nicht nötig seine Phantasie walten zu lassen, er. braucht nur ein wahres Erlebnis zu kopieren, es! einfach zu erzählen, um einen Roman oder eine Novelle erstehen zu lassen. Ich will aus dem {wirklichen Leben eine kleine Geschichte erzählen, kunstlos ohne jede Retouche, einfach als Reporter. Ist sie nicht ein Roman?' Könnte ihn ein Schriftsteller wohl besser ausdenken? | Der Vorsteher einer jüdischen Wohltätigkeitsorganisation erhielt kürzlich ein Unterstützungsgesuch, in dem es hieß: „Ich bin in allerhöchster Not und bitte Sie herzlich, mir zu helfen! Was mich diese Bitte kostet, ahnen Sie nicht. Ich leide, unbeschreiblich |und liege seit Monaten unbeweglich auf einer Stelle. Es wird, so Gott will, wohl bald alles vorüber sein. Ich besitze noch 32 Pfennige, und die darf ich nicht einmal für mich verwenden.“ So erschütternd {dieser Brief auch war, besonders aufgefallen war sein Inhalt dem Empfänger nicht, denn die zahlreichen Gesuche in den verschiedensten Variationen, die er leider täglich zu lesen bekam, hatten ihn schon abgestumpft. Aufgefallen war ihm {nur eins, ein einziger Buchstabe: in der Unterschrift bei dem Wort Magdalena der bei einer Jüdin wohl etwas ungewöhnliche letzte kleine Buchstabe „a“: Magdalena! ■ j Der.Recherche dieses Falles widmete der Vorsteher daher seine besondere Aufmerksamkeit, und es entrollte sich ihm ein erschütterndes Lebensschicksal. — Der Bericht über den Besuch bei der Bittstellerin durch ein sehr zuverlässiges Vereinsmitglied lautete: „Das Martyrium der schwer leidenden Frau, das diese mit ergreifender Bescheidenheit trägt, läßt sich kaum beschreiben. Das schon sehr weit vorgeschrittene Leiden dürfte bald zu einer | Erlösung führen. Die verarmte Kranke legt sich anscheinend selbst Hungertage auf, um mit dem wenigen verfügbaren Geld auszukommen und um ihre Pensionswirtin nicht über ihre Lage aufklären zu müssen.“ Die weiteren Nachforschungen ergaben folgende Geschichte: In einer größeren Stadt des früher deutschen, jetzt polnischen Ostens war {die Stelle eines Chirurgen an dem jüdischen Krankenhause neu. zu besetzen. Sie wurde einem Berliner anerkannten Arzte übertragen, der mit Frau und Kind von Berlin in seinen! neuen Heimatsort einzog. Dort übte er eine sehr segensreiche ärztliche Tätigkeit aus, und er wurde bald eine hochgeachtete beliebte Persönlichkeit in der Stadt. Aber plötzlich wandte sich „die Gesellschaft“ von ihm ab. Es hatte sich herausgestellt, daß die Dame seines Hauses nicht sein angetrautes Eheweib war, sondern eine . katholische Krankenschwester, die schon in Berlin seine Assistentin gewesen war. Ueber den mitgebrachten Knaben schwebte ein mysteriöses Dunkel. | ' Der Uebertritt der Katholikin zum Judentum, eine formelle Eheschließung und die Annahme des Knaben an Kindesstatt hatten die Gemüter dann beruhigt. Der Sanitätsrat befestigte seine Stellung wieder in der Stadt, ja man machte sich eine Ehre aus dem beruflichen und gesellschaftlichen Verkehr mit dem großen Arzte. Glück und Harmonie herrschten im Hause, bis der historische Umschwung eintrat: der Verlust des bisher deutschen. Landes an [die Polen. Der Sanitätsrat vermochte es nicht, die polnische Staatsangehörigkeit anzunehmen. Er ging wieder nach Berlin zurück, begann ein neues Leben und erwarb sich eine .neue Praxis. — Da kam das Unglück über ihn und seine Familie. Eier Sohn entwickelte sich zu einem Verbrecher, der — man weiß nicht genau wie und wo — elendiglich zugrunde ging. \ Der Sanitätsrat wurde auf der Straße durch ein Autounglück getötet Die Frau, die frühere katholische Krankenschwester und spätere jüdische Sanitätsratsgattin liegt heute sterbenskrank im Besitze von 32 Pfennigen einsam und verlassen in einem kleinen Mietszimmerchen in Sorge um den nächsten Tag. Die jüdische Mildtätigkeit ist ihr einziger Hoffnungsschimmer. Bedari es noch ausschmückender Beigaben und der Stellungnahme zu psychologischer Problematik, um hier einen Roman zu erdichten?! Wie schrieb doch.einmal Edgar Wallace: „Ein Romanschriftsteller darf nur{ bis zu einem gewissen Grade den Zufall walten lassen — im wirklichen Leben dürfen die befremdendsten, unerwartetsten Dinge geschehen und werden anstandslos hingenommen.“ | Hat hier das wirkliche Leben nicht einen Roman geschaffen? | H e i n r i c h K u r.t z i g. Aus den Gemeinden Berlin. (Rep rasen ta n te n - Ve rsamml ung.) Die Repräsentanten-Versa'mmlung hielt am 24. August unter dem Vorsitz ihres Präsidenten, R.-A. Heinrich St,ern, eine Sitzung ab, in der zunächst geschäftliche Angelegenheiten besprochen wurden. Einer Mitteilung des Gemeindevorätandes ist zu entnehmen, daß ein neues Dezernat für Wirtschaftshilfe geschaffen worden ist, dessen Leitung dem Gemeindevorsteher Bruno Woyda unterstellt ist Ueber die Schulvorlage des Gemeindevorstandes berichtete Dr. Gut mann, der darlegte, daß der| Gemeindevorstand bemüht sei, allen herantretenden und in Zukunft zu erwartenden Anforderungen an das Schulwesen soweit irgend möglich, zu entsprechen. Nach einem Referat von Dr. Fleischer wurde beschlossen, dem jüdischen Schulverein| zum Zwecke des Erwerbes eines Grundstückes ein Darlehn zu bewilligen. Breslau. (Verälnderungen in den Gemeindekörperschafteni) ln Vorstand und Repräsentanz sind in. den letzten Wochen umfangreiche Personalveränderungen zu verzeichnen, Die Vorstandsmitglieder Justizrat Kalisch und Justizrat Dr. Martinj Goldschmidt (lib.) haben ihre Posten niedergelegt. An ihre Stelle treten die Gemeindevertreter Rechtsanwalt Erich Spitz und Dr. Ludwig Korn, die in der Gemeindevertretung durch Philipp Lachs (Fraktionsvorsitzender) und Erich Maschler ersetzt werden. Die von hier verzogenen Vorstandsmilglieder Zahnarzt Dr. Schachtel und Facharzt Dr. William Boß (zion.) werden durch Dr. Franz Meyer und Religionslehrer |Dr. Speier ersetzt Für den zurückgetretenen Maurermeister Perl (Wirtschaftspartei) tritt Glasermeister Spanier in den Vorstand ein. Rechtsanwalt Dr. Walter Lux (Zionist) wird fler Nachfolger des Rechtsanwalts Max Jacobsöhn als Gemeindevertreter, Fraktionsvorsitzender und 1. stellvertretenter Vorsitzender der Gemeindevertretung. Für Dr. Franz Meyer tritt Eugen Samson in die Repräsentantenversammlung ein. Noch zwei weitere, durch Verzug erledigte Repräsentanten-Mandate sind zu'besetzen. Tausend gleich Tausend. Von Oberstudiendirektor i. R. <Kans%o$&g. Mark gleich Mark“, das war die Formel, die inan damals in der Inflation und auch nachher, als die vielen " . Auiwertungsprobleme zum ersten Mal auftauchten, erfand. Von den Einen wurde diese Formel als Aussagesatz gesprochen, ja. man darf sagen, sie wurde als Glaubenssatz, Lehrmeinung und Dogma verkündet, und demgemäß wurde auch verfahren. Von den Andern wurde der Satz am Schluß mit einem Fragezeichen versehen, wurde ihnen geradezu zum Inbegriff der ganzen Problematik jener Zelt, die keinen festen Wert mehr anerkennen konnte noch wollte, weil tatsächlich allerorten Wertverschiebungen und Wertminderungen eintraten. Seif jener Zeit ist es üblich geworden, von einer „Umwertung aller Werte“ zu sprechen, und ganz besonders wir deutschen Juden empfinden es heute wieder, daß kein Ding von dauerndem Bestand ist. Aber der Eindruck des unmittelbar Erlebten bringt auch viele Gefahren mit sich, und überhaupt ist der Mensch ein unzulängliches Geschöpf. In ruhigen Zeiten vertieft er sich in die Weltgeschichte, aber er unterläßt es, das Gelernte auf sein eigenes Leben und die Zustände seiner Umwelt anzuwenden. Bricht aber Schicksal herein, so geht er mit seiner ganzen Zeit in die Weltgeschichte ein, aber er vergißt dabei wieder, nun selber geschichtlich zu denken, und meint, das Erlebte sei gänzlich Neues, aus dem ganz neue Erkenntnisse sich -gewinnen ließen. Konkret für uns Juden gesprochen: es läßt sich nicht leugnen, daß in den guten Tagen viele Glaubensgenossen die vieltausendiährige Leidensgeschichte der jüdischen Gemeinschaft kannten, aber sie lebten in dem Wahn, die jetzigen —i oder vielmehr damaligen — Verhältnisse seien beständig und die Gleichberechtigung in Deutschland, könne ihnen nie mehr -genommen werden. Umgekehrt sagen jetzt Viele, die Gestaltung der'’ Judenfrage im neuen Deutschland bedeute den endgültigen' Schiffbruch der Emanzipations-Ideologie.; Das Eine war und dies Zweite ist ein Trugschluß: beide Irrtümer basieren auf dem Mangel an geschichtlichem Denken:- Gerade weil 'das, was heute an uns deutschen Juden sich vollzieht, eine Wiederholung des stets Geschehenen ist, gerade deshalb lassen sich daraus auch keine neuen Erkenntnisse gewinnen. Keine wirklich neuen Erkenntnisse für die jüdische Gesamtheit und für die Klärung der „Judenfrage": der einzelne Men.sch kann natürlich jederzeit Dinge lernen, die er noch nicht gewußt hat. _! Das hier zu Lernende besteht zunächst in der Einsicht, daß, wäre die Emanzipations-Ideologie falsch, sic es nicht erst seit 1933 sein könnte: warum nicht [seit 1892 (Dreyfus- Affäre). warum nicht seit . 1492 (Austreibung aus. Spanien)? Es ließe sich jede andere Jahreszahl, hierhersetzen, denn an Verfolgung und Zurücksetzung der Juden! hat es niemals gefehlt und ganz gewiß auch nicht an Ereignissen-nun, es mag sein, daß wir das'von uns Erlebte als das Katastrophalste von allem empfinden: wie aber würden Wir die Dinge bewerten, steckten wir in der Haut jener. Unglücklichen, die in früheren Zeiten die grausigsten Verfolgungen und Pogrome erlitten? Nein, die letzten Monate haben nichts bewiesen, was nicht schon tausendmal bewiesen war. Höchstens haben sie dir etwas bewiesen; und an dem, was du gelernt hast oder gelernt zu haben meinst, zeigt sich deine höchst [individuelle Natur: oh nämlich du denken kannst oder ob;du kurzsichtig bist mit deinen Gedanken. Nur wenn es dir [neu ist. daß es ejn einheitliches Judenschicksal gibt, nur. dann gelangst du auch zu ganz neuen Schlußfolgerungen, die selbstverständlich allesamt falsch sein' müssen, weil, ihr Ausgangspunkt falsch ist: die Einheitlichkeit des Judenschicksals ist uralte geschichtliche Tatsache. j Judenschicksal, was heißt das? Das j ist die Geschichte einer Menschengemeinschaft, die als Volk begann, die dann aber hinausgetan und allen Völkern der Erde eingeschmolzen wurde, weil diese Gemeinschaft im Dienste einer höheren, göttlichen Idee steht, von der das einzelne Glied keineswegs immer weiß! Darum „murrt“ Israel immer wieder, wenn der Weg ins Gelobte Land der. messianischen Zukunft-einmal durch die Wüste führt, und ein Redner, der in einer Versammlung kürzlich davon sprach, daß „jeder Jude verantwortlich ist für das Kommen des Messias“, wurde von einem hochgebildeten Bankier mit dem Zwischenruf unterbrochen: „Wir sind doch keine Missionare!“ Allgemeine Heiterkeit, und keineswegs mit Unrecht: der einzelne Jude ist in der Tat nur äußerst selten Missionär des jüdischen Gedankens; je weniger von diesem Gedanken er wie iß, desto mehr leidet er dann unter dem jüdischen. Schicksal, das keinen verschont, weil es das Schicksal des jüdischen Gedankens ist. darum auch der jüdischen Gemeinschaft, die diesem Gedanken dient. j - Ist es nötig, in diesen Blättern von dem Gedanken des Judentums ausführlich zu sprechen? Nein; oder doch nicht jetzt: denn es wird ja doch nie [von etwas anderem gesprochen. Hier nicht und draußen in der Weit nicht. Das Christentum, das die; Jahrhunderte beherrscht. und ganz ebenso der Islam, beide fußen auf unserer jüdischen Bibel und damit auf der! Kultur des Juden- UerelnRniß für das liberale jhdentom E P. Einladung ' ,i - 2» einet: aaßecöaieaU.^Caapü^esaftUMtuHg. am Moi/dag-, 2. Oktolec 1933, nachmittags 6 Wie, imSBüeo-des Meten JlechtsaHwalt Qieinüdi Stern, SBettin SW 48, Uxiedcichstcafie 234. £inmgec Jhmkt dec Jagesoednung: 'Umwandlung des Hamens dee Vereinigung. Berlin, 6. September 1933. ' j Verelnlgmg für das liberale Judentum E.V. gez. Heinrich Stern (Rechtsanwalt) Vorsitzender. tunls (nicht aui einer „jüdischen Kultur": die gibt es nicht)'.) Wenn heute wieder Deutschland sich um Abrüstung und Frieden bemüht: unsere Propheten haben. dieses Lied gesungen: und sogar der Grund-Satz der nationalsozialistischen Wirtschaftspolitik: „Gemeinnutz geht vor Eigennutz" läßt sich unschwer als die Grundgesinnung der mosaischen Agrargesetzgebung und ungezählter Aussprüche der Propheten und ihrer Nachfolger erweisen. -:Aber es ist das Schicksal dieses Gedankens, daß er nur fm Widerspruch zur Welt sich durchsetzt: die Welt will ihn nicht und nimmt ilm doch, oder um-,- gekehrt: was sie abzuleimen vermeint, ist doch das, was' allein von ihr gesucht wird. Daß sie es ablclmt —: dies eben ist das besondere Judeuschicksal. die R ü c k s c b l ü.g e der Emanzipation; die aber dennoch sich.durchsetzen wird, weil der in aller Menschenkultur waltende Geist der Bibel sich durchsetzt und mit ihm auch die Emanzipation.. Deshalt; sei hier zunächst, ein Bild gebraucht und dann ein Wort aus letztem, tiefstem Ernst gesprochen. Das Bild ist dies: erst wenn der Messias .kommt, wird auch die Emanzipation vollendet sein, keinen Augenblick früher. — Und nun. ohne Gleichnis: wer aus Verzweiflung über Geschehnisse, deren Zeitgenosse er durch den Zufall seiner Geburt wurde, den Gedanken der Emanzipation verrät, der wird zum Verräter auch an der messianischen Idee und überhaupt am Gedanken des Judentums, an diesem Gedanken, der feststeht im Wandel der Jahrtausende, und keine noch so starke Brandung vermag diesen Felsen zu stürzen! Man muß unterscheiden lernen zwischen dem, was ewig, und dem. was vergänglich. 1 )ic Zustände in einem einzelnen Lande sind vergänglich, aber die Idee, die iu 'der Menschheit angelegt ist. ist ewig. So. wie die einzelnen Menschen sterben, die Gattung aber unsterblich ist. Darum weit dem, der, weil die Emanzipations-Idee in Deutschland eine' Niederlage erlitt, nun seine Hoffnung auf ein anderes Land, auf Palästina richtet; der ausweicht, statt zu kämpfen! Doch dies muß erklärt werden. Der Einzelne mag und soll, tun,' was er zur Erhaltung seines Lebens und des der Seinen tun muß. -Wir begrüßen cs, daß Palästina heute so , weitausgebaut ist. um- Vielen Zuflucht und Arbeitsstätte zu ' sein. Und wir deutschen Juden hätten alle die Jahre viel intensiver an diesem Werk gearbeitet, es könnte also viel weiter gefördert sein, wäre cs nicht belastet worden mit der unjüdischen Idee des Zionismus. Mit der es noch Immer weiter belastet wird. Denn das ist das Schlimme: nicht durch den Aufbau, nicht durch Siedlung, sondern durch den Zionismus entstehen dort neue Gefahren für die Juden. Aber davon erfährt man hier nur wenig. Die zionistische Presse bagatellisiert die Tatsache, daß England, das nicht antisemitisch ist, doch in seiner Palästina-Politik durchaus antizionistisch ist.-weil cs die Gefahren sieht. Die zionistische Presse schweigt über diese Gefahren. Zwar hat Herzl in seinen Büchern von einem innigen, liebevollen Zusammenarbeiten mit den Arabern gesprochen: zwar verwahrt sich heute die zionistische Presse gegen den Passus des French-Bcrichtes. der von dem Gegensatz zwischen der arabischen und der zionistischen Politik spricht — aber von den wirklichen Wünschen der Araber erfährt itt Deutschland kein Jude und kein Mensch. Palästina hat eine arabische Mehrheit, aber du kannst ganze Jahrgänge der zionistischen Zeitungen in Deutschland zuriickblüttem. ohne daß du ein Wort von den politischen und wirtschaftlichen Bewegungen der arabischen Bevölkerung etwas liest: nur wenn .die Flammen zum Dach herausschlagen wie bei den blutigen Unruhen 1929. dann läßt es sich nicht mehr verheimlichen. Upd, freilich, wenn-die Zionisten unter sich sind wie jetzt auf dem Kongreß, dann sprechen sie von der Gefahr, die der indischen Minderheit im arabischen Palästina. nicht weniger droht als derjüdischen Minderheit in ledern anderen Laride auch. ' ■ * Darum höre man auf. Hoffnungen zu .erwecken, die an den Abgrund führen! Tausend neue Einwanderungs-Zertifikate sind - eine herrliche Sache: wir jubeln, wenn tausend lebendige Menschen eine neue Existenz finden. Aber man höre auf. das als neuen Abschnitt der Weltgeschichte zu proklamieren. 1000 =■ 1000; der Satz gilt, und man frage einmal nach, wie vielen Menschen hier im Lande geholfen wurde—: cs sind mehr, als je nach Palästina gehen können. Die „Zentralstelle für jüdische Wirtschaftshilfe“ In Berlin, alle die Hand in Hand mit ihr arbeitenden Berufsberatun'gs- und Rechtshilfe-Organisationen, die Stellen bei ieder einzelnen jüdischen Gemeinde im Reich — vergißt man.'wievielep Tausenden von all diesen Stellen .geholfen, auch für die Dauer geholfen worden ist und noch Wird? Oder der neue „Kultur-, bund deutscher Juden“? Gewiß, nur äußere Gründe veranlaßten uns. ilm ins Leben zu rufen.- Aber nun er da ist: weiß man. wieviel Menschen allein ein Theater Existenz geben kann? Jüdische Bühnenarbeiter gab es bisher -nicht: nun werden aus ihrem bisherigen Beruf entwurzelte Glaubensbrüder diesen neuen Beruf erlernen und ausüben; dazu das. technische Personal - für. Beleuchtung, Heizung. Maschinen,' Kostüme; die Friseure, die Garderobiere beiderlei Geschlechts. das Büropersonal und nicht zuletzt die Künstler, Und das alles ist nur eine einzige der vielen, vielen Stellen, die helfen! , Ja. und nun wird man wieder sagen, dahinter stehe doch keine „Idee“, wird ironisch fragen, ob wir etwa das vom Kulturbund deutscher Juden zu errichtende-Theater mit seinen Friseuren. Kulissenarbeltern und Künstlern gegen Palästina auszuspielen gedenken, und sicherlichwird auch diese Frage wieder Heiterkeit erregen. Wer da mitlacht, der versteht schlecht. Es ist schon, vor Jahren der Witz gemacht worden, daß „gewisse Leute Groß-Gaglow gegen Palästina ausspielen“ wollen. Und es War damals so unangebracht wie heute. Versteht man denn noch immer nicht, daß wir gar nichts gegen Palästina, aber alles gegen den Zionismus . haben? Emanzipation ist nämlich auch in Palästina möglich: die. wirtschaftliche, gesellschaftliche .und politische Gleichberechtigung Derer vom jüdischen Glauben ist überall möglich: und es wäre ein Lehrbuch'zu schreiben über die Ubiquität der Emanzipation. Aber ein jüdischer Nationalismus —: welch Widerspruch In sich selbst und welch' Widerspruch der Juden gegen die Völker, unter denen sie wohnen!— Wer sich zum ..Andern“ macht, der wird als „Anderer“ behandelt: unter Arabern nicht anders als unter Deutschen. Wer aber

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