Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 13 (1933)
- Issue
- Sondernummer (8.9.1933)
- Date
- 1933-09-08
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Wer spielt mir die Orgel? in jüdisches Blatt in der Schwei?, hat neulich geschrieben, die Orgel sei noch immer ein Symbol des Unfriedens in unseren Gemeinden, und da ihr jubilierender Klang wenig 7.11 den Kümmernissen dieser Zeit passe, so solle man sie aus den Synagogen entfernen. Ma« sein, dall Oie Judenschaft der Schweiz zu manchen Dinget^. anders steht als wir in Deutschland; bei uns jedenfalls hat die Orgel längst auigehürt, ein Schiboleth zu sein, da ja die sie nicht benutzenden Orthodoxen mit den sich an ihr erfreuenden Liberalen einträchtig in einer Gemeinde miteinander hausen; die zahlenmäßig und geistig deich einflußlose Trennungs-Orthodoxie. kann hier außer Ansatz gelassen werden. Uns Liberalen aber ist die Orgel niemals ein1 Instrument des Jubels über irdisches Wohlergehen gewesen, sondern, wie es der Gottesdienst will, ist ihr Jubel nur Jubel der Gottesseligkeit, auch wissen wir von todestraurigen Weisen, mit denen sie-uns an die Vergänglichkeit alles Irdischen gemalmt. Und alles in allem: nur weil wir in Kunstautiassung lind ästhetischem Empfindenunserer abendländischen Kultur cingegliedert sind, machten wir das vollendetste musikalische Instrument des Abendlandes zum Werkzeug auch unserer jüdisch-religiösen Ausdrtrcksgestaltung. Das ist nun seit mehr als hundert Jahrenso. ‘ und mit der hier gekennzeichneten Mission hat die Orgel ihren Siegeszug in die Synagogen aller Länder 'abgetreten: selbst die orgellos gebliebenen Gottesdienste sind von dir beeinflußt, und kein Problem wohl dürfte weiter ah von den heutigen Geschehnissen liegen als das der Orgel. . ' So könnte man meinen. Und dennoch ist es nicht so, denn die Schuld der Eitern rächt sich heute au den Kindern. „Schuld" freilich in einem ganz andern Sinne, als jenes schweizerische Blatt meint; unsere Voreltern waren, als sie die Orgel entführten, ■ nämlich keineswegs zu liberal, sondern vielmehr immer noch zu orthodox. Nämlich so: das Religionsgesetz verbot, wenigstens nach der herrschenden Meinung, das Orgelspiel. Das' führte zu der wenig konsequenten Konsemieuz: Keiner darf die Orgel spielen, aber Orgel muß gespielt werden! Wem fällt hier nicht das Sprichwort ein: „Wasch mir den Pelz, aber mach ihn nicht naß!“ Mau hätte so leicht sich helfen' können, ist doch Orgelspiel zum Preise Gottes in keinem andern Sinne „Arbeit“, als es auch das Singen des Vorbeters und das Predigen des Rabbiners ist. Aber nein, zu solcher „Interpretation“ fand man nicht den Mut. solidem man nahm christliche Organisten, denen kein Religionsgesetz _das Spiel verbot, die aber doch andrerseits nicht — wie der~„Funktionär“ eities Gottesdienstes soll — ihre Seele darein geben konnten, weil die jüdische Religion und die hebräische Sprache ihnen fremd waren. Die synagogale Musik aber ist nicht allein aus sich selbst (technisch gesprochen: aus den Noten) zu verstehen, sondern gerade sie nimmt ihre Impulse aus den Worten des jüdischen Gebets, aus dem hebräischen Text. Ein nichtjüdischer Organist in der Synagoge, auch wenn er mit Hingabe die rein musikalische Seite seiner Aufgabe erfüllt, ist also nicht anders zu werten als etwa ein Vorbeter, der des Hebräischen unkundig wäre, den Text aber mechanisch auswendig lernte und dann die Musik. allerdings mit aller künstlerischen Hingabe im Gesang erklingen ließe — dieser Gesang könnte von Caruso selber sein,, jüdisches Gebet wäre er nimmer. So ‘hätten eigentlich sogar die Gegner der Orgel, die Orthodoxen, zu dem Ergebnis kommen müssen, dort, wo sie die Einführung der Orgel nicht verhindern können, wenigstens auf der Anstellung eines jüdischen Organisten zu bestehen. Zwei andere Gesichtspunkte kommen hinzu, bei denen Ideelles und Materielles ineinander greifen. Die Not ist — und war schon seit Jahren — groß. Da müßten Juden ihren Glaubensgenossen helfen, wo immer dies möglich. Ist es nicht wie ein Hohn, daß der jüdische Organist überall Anstellung finden Jtann, nur bei der jüdischen Gemeinde nicht! Und schädigen sich die Gemeinden nicht damit auch selbst? Denn kein Organist spielt nur die Orgel, er komponiert auch für sie. Und jüdische Künstler im Dienste jüdischer Gemeinden würden die jüdische Musik schöpferisch fortentwickeln. Die oft beklagte Stagnation auf dem Gebiete der synagogalen Musik geht zum großen Teil auf diese Halbheit zurück — man muß sich nur einmal erinnern, was alles an wahren künstlerischen Ewigkeitswerten auf dem . Gebiete christlicher Kirchenmusik dadurch entstanden ist daß die Kirche selbst das künstlerische Streben förderte. Ueher dies alles ist oft geschrieben worden. Mit wenigen rühmlichen Ausnahmen: vergeblich. Und es ist tief beschämend. daß wir Juden, wie so oft,.so auch in dieser Frage erst durch äußere Zurücksetzung zum Fortschritt gelangen. — Die Organisten der Synagogen sind nämlich meist auch Organisten der Kirchen. Da der jüdische Gottesdienst am Sonnabend, der christliche am Sonntag stattfindet, so haben sie Zeit dazu. Nur wenn einmal ein jüdischer Gottesdienst auf einen Sonntag fällt, oder wenn christliche und jüdische Feiertage zusamnienfallen, nur dann entstehen Schwierigkeiten. Aber keineswegs unüberwindliche. Denn die musikalische Gestaltung der christlicheil Gottesdienste ist meist relativ einfach. das Zusammenfällen der Feiertage ist lange vorher bekannt, und so läßt sich leicht ein Vertreter für die Bedienung der Orgel in der Kirche finden. Der Gottesdienst in der Synagoge dagegen, mit seinen musikalischen Abwandlungen au dem jeweiligen Sabbath. Neumond, Feiertag usw., mit seinen Einschaltungen und Auslassungen, wenn ein Feiertag zugleich Sabbath ist üsw„ — das alles ist derartig kompliziert. daß mir ein genauer Kenner der jüdischen Liturgie die Orgel fehlerfrei zu bedienen vermag und eine Vertretung des Organisten durch eine Hilfskraft schier unmöglich ist. So erklärt es sich, daß die Organisten mit den jüdischen Gemeinden meistens kontraktlich vereinbaren, beim Zusammenfallen jüdischer und christlicher Feiern sich in den letztgenannten vertreten zn lassen. Die technischen Notwendigkeiten erfordern das. irgendwelche „jüdische Arroganz“ liegt wahrhaftig nicht in dieser Regelung., und doch wird es wohl jeder als grotesk empfinden. Wenn der christliche Organist, wie es.vor einigen Jahren kalendermäßig sich ergab, am Karfreitag sich in der Kirche vertreten läßt, weil er gerade zum Peßachiest in der Synagoge spielen muß. Es liegt aui der Hand, daß diese Dingetsich heute gründlich-geändert haben. Und so sehr wir sonst den Umschwung beklagen, der sich in "bezug auf die Bewertung alles Jüdischen ergeben hat — hier geschieht Gutes. Es ist nicht unsres Amtes, darüber" zu urteilen, wieweit in der christlichen Kirche völkische und religiöse Gesichtspunkte einander durchdritigcu dürfen. Wenn aber heute christliche Kirchengcmeittden ihren Organisten das Orgelspiel in der Synagoge untersagen und die Lösung bestehender Kontrakte verlangen, so glauben wir. daß dies sowohl im christlichen wie itn jüdischen Interesse zu begrüßen ist. Die jüdischen Gemeinden geraten dadurch in Verlegenheit, aber im recht verstandenen jüdischen Interesse kann uns diese Verlegenheit nur freuen. Die jüdischen Orgelkünstler werden leben, werden — für sich und für uns — schaffen können, die jüdischen Gemeinden aber werden zum jüdischen Prediger, zum jüdischen Vorbeter, zu'den jüdischen Chorsängern und ihrem Dirigenten hinzu ihren jüdischen Organisten haben. Und das einzige, was einen peinlichen Nachgeschmack bei dieser Freude binterläßt. ist der Umstand, daß diese Selbstverständlichkeit erst von außen uns aufgezwungen werden mußte durch ein Geschick, so tragisch, daß niemand geglaubt hätte, es werde einfachste kultische Fragen aus dem Anfang des vergangenen Jahrhunderts neu aufrühren! Leopold Nathansohn. um im andern £atid" M Fortsetzung unseres Romans in Nr. 12 vom 15. September Sprechsaal Für diese Rubrik übernimmt die Schriftleitung lediglich die preQgcsetzliche Verantwortung.' Die jüdische Schule im neuen Staat. Von Studienrat Dr. F. Wachsner. Is man vor etwa hundert Jahren bei uns jüdische Schulen nach deutschem Muster gründete, verfolgte man den Zweck,, die Kinder der durch die Emanzipation erst zu Deutschen werdenden Juden in die deutsche Kultur einzuführen. Die Zahl dieser Schulen blieb gering, da es bald den Glaubensgenossen als Ideal erschien, ihre Kinder Seite an Seite mit denen der christlichen Volksgenossen aufwachsen zu sehen. Fanatiker importierten um die Jahrhundertwende den Zionismus. Ein künstlich konstruiertes jüdisches Volkstum suchten sie unserer Jugend aufzuschwatzen, das sie zum Deutschtum in Gegensatz brachte. Als Beamte drangen sie in die Gemeindeverwaltungen, als Lehrer in die vorhandenen jüdischen Schulen ein, neue Schulen gründeten sie, um unsere Kinder ihrer jüdischen Kultur zuzuführen.. Den Ernst der so geschaffenen Spaltung, die Unglück über unzählige Familien brachte, verkannten die Gemeindevertretungen, die humanitäre Seite des Zionismus blendete sie. Heute nun stellen wir vor der Tatsache, daß die Berliner jüdische Gemeinde Schulen unterhält, in denen die Kinder — gegen den Willen der oft ganz anders gesonnenen Eltern — im Turnunterricht Reigen auftühren, zu denen sie hebräische Texte singen müssen. Auch im Religionsunterricht macht sich das Bestreben unliebsam bemerkbar, das Neuhebräische vorzubereiten. um es eines Tages an Stelle der Gebetssprache einzuschmuggeln. Gewiß ist es erwünscht, daß die Kinder die den Wissenschaftlern geläufige sepliardische Aussprache kennen. Doch der Gottesdienst bedient sich bisher fast überall der askenasischen, und solange dies der Fall ist, darf sie allein im Religionsunterricht benutzt werden. Staatliche. Maßnahmen zwingen die Gemeinden zur Errichtung neuer jüdischer Schulen.'Weite Kreise der jüdischen und nichtjüdischen Bevölkerung betrachten das Vorgehen der Zionisten als überheblich. Sollen nun die neuen Schulen wieder jüdisclinationalen Charakter tragen, sollen ihn die alten behalten? Dem durch seine Sprachkurse bekannten „Bildungsverein deutscher .Juden e. V.“ gebührt das Verdienst, eine Entscheidung dieser Frage angebahnt zu tiaben. Gegenwärtig schweben Verhandlungen mit dem Berliner Gemeindevorstand. Es ist zu erwarten, daß der Verein entscheidenden Einfluß erhält auf Lehrplan und Lehrkräfte der geplanten neuen Volksschulkurse. . Sollten diese indessen nicht baldigst Zustandekommen, so dürfte man ihm wenigstens das Patronat über eine der bestehenden Schulen übertragen. Schon jetzt besitzt der Bildungsverein zahlreiche Zuschriften aus der’ Elternschaft, die beweisen, daß doch erhebliche Teile unserer Glaubensbrüder eine Schule wünschen, die es ihren Kindern ermöglicht, unbehelligt in den neuen Staat einzuwachsen. Die Gewinnung einer bewußt deutsch eingestellten Volksschule bedeutet erst den Anfang zu weiteren Umstellungen. Es muß gelingen, der Ueberfremdung den Garaus zu machen, die das jüdische Bildungswesen überwucherte. ‘Aus Gründen der Menschlichkeit mag man den hier doch in der Fremde lebenden Zionisten eine besonders zu kennzeichnende Schule zugestehen, wofern siesich bescheiden lernen und auf alle Aemter in der Gemeinde verzichten. Aller sonstiger Unterricht aber darf nur noch von Lehrkräften gegeben werden, deren deutsche Gesinnung über alle Zweitel erhaben ist, und die in diesem Sinne vor allem auch den Religionsunterricht erteilen. Ohne starke Eingriffe in die Stellenbesetzung wird freilich diese Rückkehr der Schule zu ihren alten Grundsätzen nicht möglich sein. Und diese Eingriffe dürften weit über den Kreis unbelehrbarer Lehrpersonen hinausgehen. Doch hüten wir uns vor unangebrachter Sentimentalität, die Zionisten haben sie uns gewiß auch niemals entgegengebracht. Die Zukunft des deutschen Judentums steht auf dem Spiel; wer sie bisher gefälirdete, hat endlich abzutreten. Wir wollen wieder ehrliche Deutsche jüdischen Glaubens werden und -unsern Kindern ein Leben unter Deutschen möglich machen! (Anschrift des „Bildungsvercins": Berlin N 24, Johannisstraße 16.) 2)ec tBcieföastm äec nJ.=t.Z.u Sportsmann. Der erste jüdische Boxer in neuerer- Zeit war Daniel Mendoza. Er trat im Jahre 1784 zum ersten Male auh und zwar in England. Dr. X in Y. Wir müssen uns auf das Entschiedenste gegen die Mciming verwahren, daß wir die emigrierten Glaubensgenossen vverhöhnt“ hatten. Unsere Artikel stellen ^eine wahrheitsgetreue, schon durch ihre Objektivität auch leidenschaftlose Schilderung der Zustände und,Möglichkeiten dar: sic sollten, gerade weil wir die trostlose Schwierigkeit des Emigrantendaseins sofort bei Einsetzen jener kopflosen Auswanderung erkannten, unsere Glaubensgenossen vor diesem Schritt warnen und sie 7.um Ausharren in der Heimat ermutigen. — Es ist uns unerfindlich, woraufhin Sie Ihre gegen uns erhobenen Vorwürfe gründen lind was Sie überhaupt von uns wollen. Als ein religiöses Blatt sind wir von der Verhöhnung Notleidender ebenso entfernt wie allerdings auch von imwahrhaitiger Schilderung, zu der Sie uns offensichtlich veranlassen wollen- Sollten Sie uns in dieser Sache nun noch einen vierten Briet senden, so werden wir ihn nicht mehr beantworten. Gretchen Z. in F. Wenn Du die letzte Nummer genauer gelesen hättest, wäre Dir die redaktionelle Notiz nicht entgangen. daß unsere Monatsbeilage „Das Wort der Jugend“ wegen der Hohen Feiertage diesmal Mitte des Monats erscheint. Also warte bis zum 15. September, und auch Dein „großer Bruder“ muß: warten. Frau Karollne B. Das war einmal ein freundlicher und fröhlicher Brief: vielen Dank. Aber leider: die- „Jüdischliberale Zeitung“ bringt seit vielen Jahren grundsätzlich keine Gedichte. Das hat ganz undurchbrechbare redaktionelle Gründe: wir bitten deshalb, keinen „Versuch“ zu machen —: Sie iiihren uns damit doch nicht in Versuchung. Wissen Sie schon, daß der bekannte jüdische Historiker Professor Simon Dubnow, der lange Zeit in Berlin lebte und jetzt im 73. Lebensjahre . steht, zu dauernder Niederlassung in Riga eingetroffen ist?, daß der langjährige und berühmte Breslauer Oberkäntor Borin k als Oberkantor an die Gemeinde Straßbürg gegangen ist? da# ebenso der bekannte Mannheimer Oberkantor Wolf Levi" einem Ruf als Oberkantor nach Birmingham gefolgt ist? daß zur Zeit in der Schweiz ein gerichtliches Verfahren ‘ schwebt, welches die berüchtigten „Protokolle der Weisen von Zion“ auf ihre Echtheit bzw. auf ihren Charakter als Fälschung prüft? daß der,kommissarische Bürgermeister von Rothenburg a. F. in einem Erlaß den Juden das Betreten des in „Adolf Hitler-Park“ umbenannten Schloßparkes verboten hat? daß die weltberühmte kulturgeschichtliche Bibliothek Warburg, die von Professor E. Warburg begründet und von der Familie Warburg unterhalten wird und jedermann zugänglich ist, von Hamburg nach London verlegt wird? daß die geplante Verfilmung der Novelle „Amokläufer“ von Stefan Zweig wegen erheblicher innen- und außenpolitischer Bedenken untersagt worden ist, weil Stefan Zweig auf der schwarzen Liste steht?: daß der Stadtrat von Quebec (Kanada) in einer einstimmig angenommenen Entschließung den Einwanderungsminister Gordon aufgefordert fiat, die Einwanderung von aus Deutschland vertriebenen Juden zu verhindern, weil „die Juden sich nur schwer einbürgern und einen Staat im Staate bilden“? Bücherschau .§ Dr. J. Bergmann (Rabbiner der Jüdischen Gemeinde in Berlin). Das Judentum.. Gedanke und Gestaltung. Berlin 1933. Buchhandlung Rubin Maß. Ohne weitausholende theoretisch-theologische Darlegungen führt Bergmann den Gedanken unserer Lehre durch die Gestaltung, die sie im Leben der Jahrhunderte gezeigt hat Aus dem Vollen schöpfend, stützt er seine, Sätze mit einer schier unübersehbaren Fülle von Belegen, die sich zu einem farbigen Gesamtbilde zusammenfügen und die Vielgestaltigkeit des Judentums aufzeigen. Mit vollem Bedacht .gibt er den einzelnen Kapiteln -Antithesen als Ueberschriften; das ist das Wesentliche, was Bergmann zeigt: das Judentum ist immer lebensstark geblieben, weil-es verstand. Gegensätzlichkeiten auszugleichen. Mit Recht weist Bergmann darauf hin, daß man das Judentum liebgewinnen muß, wenn man ihm nur mit liebevollem Verstehenwollen sich nähert Daran hat es allzu Vielen in den letzten Zeiten gefehlt; Neigung dafür ist unzweifelhaft heute im Wachsen, besonders bei der Jugend. Ihr .Sehnen wird jedoch nur gestilltwerden, wenn auch die Aelteren, schlecht Unterrichteten und daher abseits Stehenden, sich mit „Gedanke und Gestaltung“ des Judentums vertraut machen. Bergmanns Buch wird denen, die das erstreben, viel geben. Rabbiner Gustav Cohn, Leipzig. ffsriel Carlebach: „Exotische Juden“. Berichte und Studien. WeR-Verlag, Berlin. f Der Verfasser hat viel von der Welt gesehen, überall , mft jüdischen Augen. In dem vorliegenden — vornehm ausgestatteten— Werk führt er den Leser in fremde Lande, zum Teil in solche, aus denen nie eine Kunde von jüdischem Leben zu uns.herüberdrang. Er versteht nicht nur scharf zu beobachten, sondern das Gesehene und Gehörte so glanzvoll-packend darzustellen, daß sich sein Buch wie ein Roman liest! Unaufdringlich durchweht er es mit der Tendenz: Seid stolz auf eure Gemeinschaft, denn trotz betrübender Verfallserscheinungen lebt sie, und sie wird leben! In seinem Werk verschmilzt der träditionstreue, adelsstolze Jude mit dem ernsten Geschichtsforscher und dem scharf beobachtenden Journalisten zu angenehmer Einheit Von Seite zu Seite kündet er N e u e s; z. B. wenn er berichtet: bereits hundert Jahre vor der Vertreibung aus Spanien war den Juden das Hebräische so fremd geworden, daß man in Saragossa den Hauptgottesdienst in spanischer Sprache halten mußte. „Sie waren religiös-liberal“, stellt Carlebach ausdrücklich fest. „Sie sind bis auf den heutigen Tag Spanier jüdischen Glaubens geblieben — ein seltsam anachronistischer Volksstamm.“ Unser kundiger Cicerone weiß uns aber auch von jüdischen Höhlenbewohnern in Tripolis zu berichten, die einen Dialekt, sprechen, wie er vor 2000 Jahren unter den Bauern Palästinas gebräuchlich war. An Konservatismus werdendiese exotischen Juden nür von den Sephardim übertroffen. Diese haben es anscheinend unserem Verfasser angetan: in Adrianopel, in Sofia, in Bukarest, überall sucht er sie auf, überall studiert er sie. Durch den Vergleich ihrer Art des Judeseins mit den Sitten und Anschauungen hierzulande, zeigt er uns diese Glaubensgenossen — die bis vor etwa 200. Jahren die Majorität des jüdischen Bekennerstammes -gewesen sind — in neuem Lichte. Sie schmücken ihre Wohnungen mit den Bildern der — Stierkämpfer und suchen diesen (von ihnen nie gesehenen) Kämpfen das Odium der Grausamkeit zu nehmen, „weil Tiere ja keinen Schmerz empfinden". ' ■ ' Sehr ausführlich berichtet Carlebach über die Karäer, vor allem aber über die Marannen, in denen noch heute — trotz äußerlichen Bekenntnisses zur katholischen Kirche — die Stimme des Blutes nach Rückkehr zur jüdischen Volksgemeinschaft ruft. In ihrem Blute singt das Leid tausendjähriger Unterdrückung: ihr Gefühl ist das des Andersseins. Beim Ausbruch der portugiesischen Revolution (1908) ünd jüngst der spanischen waren die Marannen die Rufer im Streit gegen die Geistlichkeit. Der Bürgermeister von Caria, Caballero de Gatto, rühmt sich jedem Besucher gegenüber, wie er diese Herren eigenhändig zur Stadt hinaüstrieb. Eine Unzahl von Einzelheiten über jüdisches Leben in den Ländern des Südens — Marokko, Tunis. Türkei (bei den Dönntelts), Jemen — fesselt den Leser in hohem Grade. Ein Wort über Carlebachs schönes ethnographisches Werk: „Wo ilir’s packt, da ist es interessant!“ Professor Dr. Eugen Wölbe. Geschäftliche Mitteilungen. •Mrs. Kurth ist eine hervorragende Lehrerin für das tägliche'Englisch wie iür wissenschaftlichen Gebrauch der englischen Sprache. Zur Auskunft gern bereit Professor. Dr. Felix M. Gatz,, Bregenzer Stralie 3. Telefon: Oliva 3918. * .Wer sein Vermögen gut verwaltet wissen und gewinnbringend" anlegcnwill, der wende sielt an die Firma Echtersheimer & Aldcnrath, Charlottenburg. Hardenbergstraßc 9 a. Die Firma verfügt über langjährige Erfahrungen, und es stehen ihr beste Referenzen * zur Verfügung. Herausgeber: Hanns Loewenstein und Willi Tisch Verlag. Berlin SW 11. Verantwortlich für den Textteil: George Goetz, Berlin W 35: für den Inseratenteil: Willi Tisch, Berlin NW87. Druck: Berliner Spezial-Druckerei GmbH., Berlin NW 21, Alt-Moabit 105.