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Jüdisch-liberale Zeitung · 1933-09-08 · Sondernummer (8.9.1933) · page 3

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
13 (1933)
Issue
Sondernummer (8.9.1933)
Date
1933-09-08
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Werden es F Unser Haus brennt; allerorten sind wir mit Löschen beschäftigt; Verzweiflung in jüdischen Häusern: die jüdische Oeffentlichkeit, ihre Institutionen, ihre Menschen völlig in Anspruch genommen von der alles andere zurückdrängenden Pflicht der tätigen Hilfeleistung —: sind wir imstande, hinreichend gesammelt oder auch nur willens, die Hohen Feiertage zu empfangen, so|zu empfangen, wie es sich einem hohen Gast gegenüber ziemt? Schwer wird es sein; aber wem es gelingt, der wird den - Nutzen davon haben, den die Hinwendung auf das Ewige noch immer denen gebracht hat, die dieser Hinwendung fähig sind. Oder glaubt man, es [sei ein' Zufall, daß die Religion in den Kulturen aller Völker seit Jahrtausenden Herrscherstellung innehat? Oder verkennt man noch immer das Wesen der Religion und meint, sie hätte dem Leben nichts zu geben und „könne ja doch nicht lhelfen“? Sie kann; aber nur dem, der; von ihr sich helfen läßt. Wer aber von der Religion den rechten Gebrauch zu machen versteht, der weiß, daß sie keine lebensferne, abseitige [Angelegenheit, sondern daß die Gottesfrage die unmittelbar [praktischste aller Fragen ist Sage mir dein Verhältnis zu Gott, und ich will dir sagen, wie du lebst. Ja, wir löschen alle den ungeheuren Brand, der unser Haus ergriffen hat.. Damit tun wir, was überhaupt der Inhalt all unsrer Lebensfürsorge ist — auch in guten Tagen: wir suchen die Welt zu andern, suchen einzugreifen in all das, was als Stoff und Welt außerhalb von uns selbst sich uns darbietet, suchen die Dinge zu meistern, so daß sie zu unserm Nutzen, d. h. zur Aufrechterhaltung unsres Lebens sich uns fügen. — Daß muß der Mensch können; wer es nicht kann, geht zugrunde. Und jwas der Einzelne nicht kann, das muß die Gemeinschaft ihm leisten; oder vielmehr er selber leistet es durch seine Einordnung in die Gemeinschaft: noch immer gilt des Aristoteles Wort, daß der Mensch ein geselliges Tier ist; noch immer gilt das Wort der Bibel, daß es nicht gut sei, wenn der Mensch allein ist—: er kann nicht allein sein, kann allein nicht leben.’ j Daß wir die Dinge zwingen: davon haben wir unser. Leben. Aber kann das genügen? Wohl nicht, weil nämlich auch die Dinge uns zwingen, und zwar in doppeltem Sinne. Aeußer.lich: leben heißt gewinnen und wieder verlieren: heißt Erfolg haben |und Mißerfolg; heißt gesund sein und krank sein; und heißt, zum Schluß, sterben. Glück und Un-- glück sind immer gemischt, niemals und niemandem fehlt es an Unglück; und wie der Gewinn des Lebens, die Geburt, ■ am Anfang, so steht sein Verlust, Tod genannt, am Ende. Die Dinge zwingen uns. [ ■ Aber auch innerlich: wie das Glückuns wohltut, so tut das Leid weh. Woj die äußere Bewegung der Dinge, der Menschen, der Umwelt sich zu unserm Unglück fügt, da trägt auch, unsere Seele Leid; wir hadern mit Gott, mit dem Schicksal, geraten in Verzweiflung. Wir werden von den Dingen so beherrscht, daß wir 'die Herrschaft üher uns verlieren. Das darf nicht sein, und das braucht nicht zu sein. „Ich weiß, daß mein Erlöser lebt", spricht Hiob, und das bedeutet nicht, daß Gott ihn | von seinen Verlusten, seiner Krankheit, seinem Schmerz erlösen, ihm wiedergeben werde, was er verloren! Kein Gott bringt die Toten zurück, die dir die Liebsten waren, als sie Inoch lebten. Kein Gott erlöst oder entbindet dich von der Notwendigkeit, dereinst auch selbst durch das Tor des Todes zu schreiten. Gott hat der. Natur nicht ihre Gesetze gegeben, uni sie dir zuliebe zu durchbrechen," und du wirst die Dinge nicht ändern. Nun, so greife-nur fröhlich zu und ändere dich! Mach dich stark für das Leben, aber mach dich auch stärker als das Leben. Dann erst lebst du dieses Leben recht: stark auch im Unglück, erhaben über alle Feindschaft, bereit zur Hinnahme des dir bestimmten Schicksals. Doppelt bereit hierzu, wenn es dir uni deines Judeseins willen bereitet wurde. Und voll Liebe und Güte gegen deine Mitmenschen, auch gegen Üie, die dir Feind sind. Wer Gott gefunden hat, der hat sich selbst geändert. Aber mit seinem gewandelten Wesen setzt er Kräfte in dfe Welt, die auch die Dinge ändern: das Haus wird freundlicher und lichtvoll; der Beruf erträglich; die1 Menschen, mit denen man zu schaffen hat, fühlen den Strahl der Liebe, der auf sie trifft, und — alles wird anders. So wirkt Gott durch die ihm anhangenden Menschen auf alle Menschen und ihre Welt, sie zu seiner Welt zu machen. Versteht man nun, warum die Gottesfrage kein Gegenstand „gebildeter“ theoretischer Diskussion sondern aller Fragen die wichtigste ist? Und nun: ein Jahr des Leids liegt hinter uns, ein Jahr des Leides auch — [ alles spricht dafür — liegt vor uns. Du kannst die Dinge nicht ändern. Um so inniger aber fühlt wohl vertage sein? jeder den Wunsch, sich stark zu machen,! so stark, daß er tatsächlich unerschüttert bleibt in allem Leid, das ihm selber geschieht und das "seine Gemeinschaft trifft. Diese Kraft „lehrt“ nicht, sondern gibt das Judentum. Und es ist ganz gewiß, daß heute mehr als je diese Kraft gesucht wird. Wir wollen, daß unsere Häuser festlich und. fröhlich sind, trotz allem. Wir wollen unsere Menschen-, in ungebrochener Gesundheit des Leibes und der Seele.selmi. trotz allein. Wir wollen — oder doch Viele wollen: neu kennen lernen dieses Nichtgekannte. um dessentwillen sie das Schicksal traf; wollen erfahren, warum dieses ihr von ihnen selbst bisher nie beachtete Judentum mehr wert ist als alle Lebensgüter, denen sie-nachstrebten. Zu allen diesen solcherart Suchenden kommt unsere höchste Festeszeit, will „Frieden schaffen in uns und ganz Israel“. Ja, die Festeszeit will zu den Menschen, und die. Menschen wollen zu ihr, wollen erleben die Herzen befreiende., Herzen verwandelnde Zaubertat der Religion. Können sie finden, was sie suchen? Nur von den ernsthaft Suchenden jst hier die Rede; von denen, die finden könnten. Wie hätten gerade sie es nötig — da ja das Leben schwer genug — daß nun nicht auch noch die Religion es ihnen schwer mache. Gewiß, Iwir lieben die ehrwürdigen Formen," in denen unsere Religion uns überkommen:, aber ist sie nicht durch eben diese Formen Vielen fremd, schwierig, unzugänglich? Das Menschenherz ist unzugänglich, ja: aber dort, wo nun die Herzen erobert sind. Sehnsüchte geweckt und die Seelen bereitet sind: ists richtig, daß da nun die Religion ihrerseits Mauern türmt? Die Juden wurden anders: eine harte Zeit zwingt sie, wieder Juden zu sein. Dieser seelischen Rückwanderer sich anzunehmen, ist eine der obersten religiösen Pflichten. Difc Herzen sind dem Judentum wieder geöffnet, da muß auch das Judentum sich den Herzen öffnen, muß zu uns neuen Menschen — und wer wäre nicht neu geworden in diesem letzten Jahre? — auch in neuen Formen jsprechen: muß es verstehen, allen ihr wieder Zuströmenden den Segen der Religion bewußt zu machen. Kann sie das nicht, so verfehlt sie ihre Aufgabe, versäumt i h r e Stunde. Deshalb: nie war die Verantwortung unserer religiösen Führer größer als heute: nie war mehr Veranlassung, an Neuformung jüdisch-religiösen Gutes heranzugehen. Darum heute mehr als je: Fortsetzung des vor fünfundzwanzig Jahren von Bernhard Breslauer begonnenen Werkes: plaiir volle Arbeit unserer jüdisch-liberalen Gemeinschaften, Neugestaltung des jüdischen Gemeindelebens und der Gottesdienste in religiös-liberalem Sinne! Die Stunde ruft, die Arbeit muß getan werden. Sagt nicht. Jhr jüdischliberalen Führer, dazu fehle es an Zeit: sagt nicht, weil das Haus brennt, müsse alles nur löschen. Auch die Seelen brennen: sorgt, ihr F ü h rer, und tut das Eure, daß sie. nicht verlöschen! Aus der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums. In unserer Nummer vom 15. Juni 1933 haben wir einen Beschluß der Hörerschaft der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums mitgeteilt und kritisiert. Wie wir jetzt erfahren, hat. die Hörerschaft, um Mißverständnisse ihrer Entschließung aus dem Wege zu schaffen, nunmehr ihren damaligen Beschluß dahin abgeändert, daß sie die 'Dozenten bittet, der bisherigen Uebung entsprechend, wenigstens ein Kolleg in hebräischer Sprache zu halten, damit die Hörer Gelegenheit haben, sich weiter in dieser Sprache zu üben. Zulassung zur Familienforschung. Der Preußische Minister des Innern hat über die Einsichtnahme in Personenstandsregister einen besonderen Erlaß .herausgegeben. Soweit nicht Familienangehörigen oder anderen ein gesetzlicher Anspruch auf Einsicht;zusteht, ist die Benutzung der Personenstandsregister Dritten nur mit" besonderer Vorsicht zu gestatten. Ahnenaufstellungen oder ähnliche Nachforschungen sollen nur durch solche Personen durchgeführt werden, deren Eignung von dem Sachverständigen für Rasseforschungen beim Reichsminister des Innern anerkannt ist. In Zweifelsfällen ist die Frage der Eignung durch unmittelbare Anfrage des Standesbeamten bei dem Rassensachverständigen zu klären. Die Benutzung der Register durch unberufene Personen muß künftig ausgeschlossen sein. Einwanderungsmöglichkeiien nach Bolivien für Juden aus Deutschland. Der Warschauer Hnuorurkonsul der Republik Bolivien Herr Zsulkowski und der Handelsattache des Konsulats Harry Brown erörterten in eiiiem Gespräch mit dem Generalsekretär des vereinigten Hilfskomitees iür deutsche Juden in Polen Mark ’ Turkow Möglichkeiten der Einwanderung ''deutscher Juden nach Bolivien. Der bolivianische Konsul erklärte ff. a.: Die Regierung Boliviens hat im Hinblick aui die Lage der Juden in Deutschland beschlossen, einer größeren Zahl von. Juden aus Deutschland, die die Absicht haben, sieh in.Bolivien dauernd niederzulassen, Einreisevisa zu geben. Auch dem bolivianischen Konsulat in Warschau wurde die Weisung erteilt, eine gewisse-Zahl von Sichtvermerken jüdischen Auswanderern aus Deutschland, die "sich gegenwärtig aül'-poluiscliem Gebiet beiiudeii, zu erteilen. Konsul Zsulkowski fügte hinzu, die Möglichkeiten einer Einwanderung nach Bolivien seien sehr bedeutend, doch kämen selbstverständlich nur solche Elemente in Betracht, für die Aussicht besteht, daß sie sich in das dortige Wirtschaftsleben eiuiiigcu können. In erster Reihe kämen für die Einwanderung Aerzte in Frage; insbesondere Spezialisten für Tropcnkrank- Iteiten, Kinderkrankheiten und Hautkrankheiten, sowie Zahnärzte. ln größeren Städten könnte auch die Etablierung von .Röntgeninstituten und . bakteriologisch-chemischen Untersuchungsanstalten Erfolg.haben. Ferner bestünden Erwcrbsanssicliten für Ingenieure, insbesondere Bcrgbauingeiüenre, Spezialisten der metallurgischen Industrie. .Straßen-' und Brückenbauer, Architekten, Flugzeugkonstrukteure, Chemiker und Pharmazeuten, Agronomen u. a. m. Gesucht seien auch (nullifizierte Arbeiter und Handwerker verschiedener Kategorien. Dagegen sei es für Kaufleute, weint sie nicht über beträchtliches Kapital verfügen, schwer, in Bolivien eine Existenz zu gründen. Die Reisekosten -von Peilen nach Holmen betrügen etwa .2(111 Dollara Das Zentralhilfskomifee" bat sich auf Grund dieser- Aufklärungen des bolivianischen Konsulats au die "Gesellschaft HIAS mit dem Ersuchen gewandt, steh mit dem Vorschlag der" bolivianischen Regierung näher zu befassen und Untersuchungen darüber anzustcllcn, inwieweit Bolivien für eine umfangreichere Einwanderung von Juden aus Deutschland in Betracht käme. Vor einiger Zeit hat auch der bolivianische-Gesandte in . Berlin vor Pressevertretern erklärt, die Regierung Boliviens sei "bereit, eine umfangreichere Einwanderung von Juden aus Deutschfand nach Bolivien zu erleichtern, wünsche aber, daß eine solche Aktion einvernehmlich mit der deutschen Reichsregierung durchgeführt werde. " „ Gegenwärtig ist die jüdische Bevölkerung Boliviens sehr klein und hauptsächlich in der Hauptstadt La Paz konzentriert. Das Klima in den einzelnen Teilen des Landes ist sehr ver-’ schieden, in den Gebirgsgegenden trocken und gesund. Fast im ganzen Lande können die meisten Kulturpflanzen gezogen werden, in einzelnen Gegenden auch .tropische Gewächse. In den Monaten Mai bis" Oktober sind die Temperaturen sehr niedrig. Das Land umfaßt beinahe 1500 000 Quadratkilometer und wird von Uber zwei Millionen Menschen bewohnt. (Durchschnittlich 1,4 Menschen auf den Quadratkilometer.) Der Hauptteil der Bevölkerung gehört dem römisch-katholischen Glauben an. " Ein Erlaff. Bestimmungen über die jüdische Auswanderung. Der „Berliner Börscn-Courier“ vom 1. September "veröffentlicht den vollen Text einer vom Reichswirtschaftsminister erlassene Verordnung, in der auf Grund von Vereinbarungen mit interessierten jüdischen Kreisen die Möglichkeiten des Vermögenstransfers deutscher Juden nach dem Ausland geregelt werden- Der Runderlaß des Reichswirtschaftministers trägt die No. 54 und ist vom 28._Augus.t 1933 datiert. Er ist in folgende Abschnitte gegliedert: I. Vermögenstransler nach Palästina; 2. Auswanderung nach anderen Ländern. 3. Transferierung laufender Versorgungsbezflge (Uebersledlung von Nichtariern grundsätzlich als durch besondere persönliche Umstände gerechtfertigt anzusehen): 4. Wertpapierhesitz; 5. Zurückbleibende Guthaben der Auswanderer: 6. Prüfung von Gründungsplänen durch die Industriekammern; 7, Entsclieidungsberechtigung der Devlsenbewirtschaftungsstcllen; 8. Meldung über Auswandcrcranträge. . Mit diesem Erlaß ist eine Angelegenheit geregelt worden, über die bisher viel Unklarheit bestanden hat. M.KEMPINSKI feCO. BERLIN W8 Fasanenstraße 20 J 1 Bismarck 8300 Krausenstraße 72 A 2 Flora 0029 WEINSTUBEN WEINE - KAFFEE STADTKÜCHE B, 5. B. Bendows Bunte Bühne Kottbuser Sir. 6. F8 Oberb. 3500. ’ Täglich 8.15. Sonntag 3.30 Von der Reise zurück! Lustig« Reiserevue von Bertv.BIoem Musiki Günther Sdiweritolt Wilhelm Bendow Grefe Weiser, Else Ward Baby Gray, Fritz Lafon-, feine, Wolf v. Schwind, Sophie Lingen-Leslie Von 50 Pfennig an $ BACKEREI, CAFE UND CONDITOREI „ZUM WIENER" Versend feinster Kendlforweren Heuptgesch Alt: Berlin S 14, Kommendentenstr.'44a Telefon: F 7 Jannowitz 0602 Mitglied der JGdischen Gemeinde Filiale: Berlin W, Mariln-Luthersfr.fi Telefon: B 5 Barbarossa 6121 Werkstatt für die Dame POTSDAMERSTRASSE22b Damen-Manlel, Pelze. Helder aus eigener Werkstatt voni einfachsten bis elegantesten Genre. Anfert.auchnachMaß Hotel-Restaurant Wtfi&r ALHAMBRA K u R F Ü R s T E N D A M M 6 8 ™ - Nach vollkommener Renovierunc Nach vollkommener Renovierung unter neuer Leitung des Herrn Direktor Hassert wiedereröffnet | Erstklassige Küche, hervorragende Weine — bei zeitgemäßen Preisen Fernsprecher: J 1 Bismarck 9700 Wir verwalten und legen Ihr Vermögen gewinnbringend an, Mandelilcherhelt, lang/, Erfahrungen, beefe Referenz. Auf Wunech Konlrolllnetunz. ElGhterslielnier & AMeiiritl CharloRenburg, Hardenbergefr.Sa Telefon: Sielnptatz9063 I WIEN. 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