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Jüdisch-liberale Zeitung · 1933-09-01 · 11 (1.9.1933) · page 9

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
13 (1933)
Issue
11 (1.9.1933)
Date
1933-09-01
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
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13. Jahrgang Nummer 11 Jfiüifdi'Ubecafe Reifung 2. Beilage 1. September 1933 Nicht Reichsangehörigkeit, sondern Reichsbürgerrecht! Von Stadtrabbiner Dr. Tjie Einbeziehung der deutschen Juden in das'deutsche . Recht liegt nicht;zum wenigsten im Interesse deutscher Geltung. Eine objektive Behandlung der deutschen Judenfrage würde die deutsche Stellung überall neben. Es ist bezeichnend, daß auch die deutschen Minderheiten im Auslande die derzeitige Behandlung ■ der Judenfrage in Deutschland als für sich selbst erschwerend empfinden. Die Deutschen in der Tschechoslowakei, in Ungarn, Polen und in den Randstaaten haben auf diese Sachlage nachdrücklichst hingewiesen. Darum liegt jede Besprechung der zukünftigen Rechtsstellung der deutschen Juden im Interesse des neuen Deutschen Reiches. . i , Der vierte Artikel des nationalsozialistischen Programms lautet: „Staatsbürger kann nur sein, wer Volksgenosse ist. Volksgenosse kann nur sein, wer deutschen Blutes ist, ohne Rücksichtnahme auf Konfession. Kein Jude kann daher Volksgenosse sein.“ Das Programm lehnt also den Begriff des deutschen Staats- - bürgers jüdischen .Glaubens ab. Es erkennt den Juden lediglich die Reichsangehörigkeit im Sinne der Staatszugehörigkeit (Rosenberg) zu, spricht ihnen aber das Reichsbürgertum ab. Es bedeutet also das definitive Ende jeder Gleichberechtigung,' denn eine Erklärung . oder Rechtsumschaltung vom Semiten zum Arier ist ausgeschlossen. Die Ariereigenschaft ist durch keinen Gesetzesakt zu erlangen. Die Rechtsminderung ist blutgemäß verewigt. j Staatssekretär-Gottfried Feder erklärt diesen vierten Programmsatz dahin: „Die Juden haben nur dieselbe Stellung im -Staate wie die hier wohnenden Engländer, Italiener,' Japaner, Neger irgend einer Negerrepublik. Welchem Staate sie angehören wollen, ob den; zionistischen in Palästina, -ob dem des judenfreundliehen. Frankreich oder dem Herkunftslande der meisten von ihnen, Polen, das berührt uns nicht weiter, das ist ganz die Sache jedes einzelnen von ihnen.“ Wie diese Ueberführung der deutschen Juden in die vorgeschlagenen fremden Staatsbürgerschaften völkerrechtlich möglich ist, wird dabei] nicht erörtert; Tatsächlich ist eine solche Option völkerrechtlich kaum möglich. Vielleicht darf bei dem Hinweis auf den angeblich überwiegend polnischen Ursprung der deutschen Juden 3aut JUeqec, Stuttgart daran erinnert werden, daß diese polnischen Juden aus Deutschland in den Jahren 13-48—51 während einer furchtbaren Judenverfolgung hach Polen geflüchtet und hier inmitten; einer slawischen Umgebung in beispiel-. loser Treue iast 600 Jahre ihr Deutschtum und ihre deutsche Sprache so rein bewahrt iiaben. daß noch heute aus ihren Dialekten ihre jeweiligen deutschen Herkunftsländer erkennbar sind. Ihr Jargon ist. wie bedeutende Germanisten nachgewiesen haben, das Volksdeutsch des 14. Jahrhunderts. Es war für.die Soldaten des. deutschen Heeres im Weltkriege die größte Ueber- - raschung,.als sie sich im fernen Osten überall mit Hilfe der Juden verständlich machen konnten. Staatsrechtlich klarer als Feders Erklärung ist die Einstellung des Regierungspräsidenten Dr. H. Nicolai in seiner Schrift „Grundlagen der kommenden Verfassung“, . in der er die Rechtsstellung der Fremden, „die zur Zeit die Staatsangehörigkeit besitzen“, bespricht;und erklärt, daß diese ihre Staatsangehörigkeit behalten, aber keinen Anteil am deutschen Rechte haben, d. h. keine Staatsbürgerrechte ausüben. „Sic sind eben Fremde, Schutzverwandte, ... die bei uns ... wohnen, auch den Schutz des Staates genießen, aber sich den Anordnungen der Staatsgewalt zu fügen haben. Da sie keine Deutschen sind, so dürfen sie sich auch als Deutsche nicht bezeichnen ... Die fremden Reichsangehörigen sind ... einem besonderen Minderheitenrechte zu unterwerfen.“ Praktisch unterscheidet er dreierlei Gruppen von Fremden: die Juden, die Polen und die sonstigen Fremden. Die Pflichten und Rechte dieser drei Gruppen werden gesetzlich geregelt; werden. Zu ihren Rechten wird „insbesondere auch die Feststellung einer Autonomie . auf kulturellem Gebiete, gehören.“ So seltsam es klingt, so liegt bisher eine authentische Aeußerung der deutschen Judenheit zu dieser Lebens¬ und Schicksalsfrage, ob die Juden in Zukunft Reichsangehörige unter Fremdenrecht oder Reichsbürger sein sollen, noch nicht, vor. Der deutsche Staat wird, das ist allerdings der Glaube aller deutschen Juden, auch ihnen einen Lebensraum 'einräumen müssen, der ihnen ein ehrbares Leben in,Deutschland ermöglicht und ihnen die Einordnung in den deutschen Staat, die Mitarbeit am deutschen Aufbau verstattet. Die deutschen Juden, dürfen sich dabei auf das Wort aus des Reichskanzlers großer Friedensrede berufen: „Es ist nicht weise, die wirtschaftlichen Lebensmöglichkeiten einem Volke - zu entziehen, oluie Rücksicht darauf, daß die davon abhängige Bevölkerung daraui angewiesen ist. in diesem Gebiete .weiterhin zu; leben.“ Aber auch die bisherige verneinende‘Einwertung, daß die Juden fremdbürtig sind, wird, das ist die unerschütterliche Ueberzeugutigder deutschen Juden, der bejahenden weichen müssen, daß diese Fremden seit vielen Jahrhunderten in Deutschland leben und nutzbar in das Gefüge des deutschen Lebens einzureihen sind. Eine halbe Million Menschen ist nicht einfach zu verneinen. Das eigene Staatswohl, die Achtung vor den Gesetzen der Humanität und der Blick, auf die außerdeutsche Menschheit gebieten, den jüdischen Lebensraum so zu bemessen, daß er den Juden ein menschenwürdiges, ehrenhaftes Dasein sichert. Die deutschen Juden werden sich innerhalb dieses Lebensraumes häuslich einzurichten haben. Sie wurden hier ihre Arbeit zum Segen der Gesamtheit leisten. Es wird ihre Ehre sein.'-daß ihre Arbeit dem deutschen Laude zum Heil und ihrem Judentum zur Achtung gereicht. Fern von Anbiederung, in stolzer Vertretung des jüdischen Erbes, gefestigt durch religiöses Seibstbewußtsein, gestählt durch das Verantwortlichkeitsgefühl einer scharf beobachteten Minderheit werden sie Juden und Deutsche in idealem Einklang sein. Staatssekretär Pfundtner hat um 4. Juli ein Gesetz über die Verleihung des Reichsbürgerrechts in Aussicht gestellt, das nicht verschenkt.- sondern an die verliehen werden soll, die sicli durch ihre Dienste würdig erwiesen haben, als Reichsbürger am deutschen Reiche mitzuarbeiten. Die Erringung dieses Reichsbürgerrechts ist die Ehrenaufgabe der-deutschen Judcuheit. . Es wird aber nachgerade Zeit, daß die aus den jüdischen Landesverbänden hervorgegangene Reichsvertretung der deutschen Juden zu den bunten Vorschlägen über die Zukunft' der Juden -in Deutschland Stellung nimmt, ehe es zu spät ist. Ein sachlicher Einspruch gegen diese Pläne, der geschichtlich und rechtlich-ausreichend begründet ist, hätte nicht nur deklamatorische Bedeutung, sondern würde die Regierung von Entscheidungen fernhalten, die sich, einmal getroffen, katastrophal auswirken müssen. Selbst wenn die Regierung be^_ reits zu festen Entschlüssen Uber diu weitere Behandlung der Judenfrage in Deutschland' gekommen sein sollte, ist es die Pflicht der Reichsvertretung, die programmatische Aussprache zu eröffnen. Sie muß vor dem Gewissen der deutschen Welt eindeutig klar das ungebrochene geschichtliche und sachliche Anrecht der Juden auf das Reichsbürgerrecht aussprechen, das sie seither besessen und dessen sie sich durch ihre Arbeit-für Deutchland in Krieg und Frieden nicht unwürdig erwiesen -haben. Sie würden sich vor ihren Nachkommen Wir rufen Euch! Tretet ein in den KULTURBUND DEUTSCHER JUDEN (behördlich genehmigte Organisation zur Pflege des geistigen Lebens innerhalb des Judentums) Was wir wollen! Hunderten von entlassenen, zur Resignation neigenden Menschen Arbeit, Existenz, Lebensmut, Sammlung geben! Aus dem Bekenntnis zum Judentum In der Not ein stolzes Bewußtsein für bessere Zelten zimmern 1 - - Kunstwerke sehen und erleben! Musik hOren und begreifen! Den Geist am Geist Größerer stahlen! Hinstreben zu dem Ziel, ein erkennender, bescheidener Teil des großen Ganzen zu sein, als Einzelner der Gemeinschaft mit Fühlen und Handeln verpflichtet! | - ' So fassen wir den Sinn des Kulturbundes. Hier wollen, hier müssen wir alle Zusammengehen: ine Gemeinschaft - ein Wollen - ei ne Religion Ehrenpräsidium: , Buber — Ismar Elbogen — Arthur Eloesser — Georg Hermann — Leonid Kreutzer — Max Liebermann — Max Osborn — Franz Oppenheimer — Jacob Wassermann B u n d o s vo r s i t z e n d e r:. Dr. Kurt Singer^ Intendant |. . (Hier bitte Ausschneiden und einsenden I) EI n Bund Leo Baedc — Martin An den Kulturbund deutscher Juden ) Berlin-Charlottenburg 4, Mommsenstraße 56 i Hierdurch erkläre ich meinen Eintritt in den i j Kulturbund deutscher Juden für das Bandesjahr 7933/34 zum monatlichen Mitgliedsbeitrag von RM 2,50 (einmalige Einschreibegebühr RM 0,50). Hierfür hat das Mitglied </a» Recht, 3 Bundesveranstaltungen monatlich,,und zwar je eine Theatervorstellung (Schauspiel bzw. Oper), ein Konzert und einen Vortrag ohne weitere Zuzahlung zu besuchen. Der Zutritt zu den Veranstaltungen ist Name: Adresse: Telefon: nur Mitgliedern möglich (Bitte deutliche Schrift) DAS THEATER WIRD SCHAUSPIEL-UND OPER PFLEGEN Künsflerische Gesamtleifung: Dr. KURT SINGER vormals Intendant der Städtischen Oper Berlio. Im Programm sind bisher u. a. vorgesehen: SCHAUSPIEL Dramaturgische Leitung: JULlv/5 BAB (stellveflr. Schauspield(reklor) Regie: Oberreg. Dr. KARL LOEWENBERG (vorm. Schauspielhaus Frankfurt a. M.) KURT BAUMANN Gasiinszenlerungen: VICTOR BARNOWSKY u a. OPER Musikalische Oberleitung: _ ' Generalmusikdirektor JOSEF ROSENSTOCK (Mannheim) : (stellvertr: Operndlrekfor) Regie: Dr. KÜRT SINGER^ Gastinszenierungen prominenter Regisseure sind vo'gesehen Lessing: Nathan der Weise Shakespeare: Wie es euch gefällt Emil Bernhard: Die Jagd Gottes — (Erstaufführung) Mollöre: Der Mysanlhrop tseer-Hofmann: Jaäcobs Traum Mozart: Figaros Hochzeit Beethoven: Fidelio Donlzettl: Don Pasquale Mehull Josef in Ägypten Verdi: Rigoletto Tschalkowsky: Goldene Schuhe (E'lt.uffühiung BGhnenblld und KostOmwesen: HEINZ CONDELl (vorm. Ausslattungidi*f in Hannov.r) AliCSsts: Prot.E. STERN und WALTER AUERBACH Abteilungsleiter:, Prof. LEONID'KREUTZER Dr. HERMANN SCHILDBERGf R Dr. KURT SINGER KONZERTE Symphonische Werke und Konzerte von: * Handel, Haydn, Beethoven, Mozart, Schubert, Mendelssohn, Brahms, Mahler Kammermusik und Kammerchorkonzerte, öjrigenien: Komposilionsabendelabender jüdischer Musiker. MICHAEL TAUBE Unter Mitwirkung namhafter Instrumental-und Generalmuslkdlr. JOSEF ROSENSTOCK u a. Gesangssplisfen - VORTRÄGE Abteilung für Geisteswissenschalt: ' Leitung Dr. Leo Baeck Vortragende: Rabb. Dr. Leo Baeck — Prot. Dr. David Baumgart Rabb. Dr. Joachim Prinz — Prof. Dr. Erwin Strauss — Priv.-Dozent A. Herzberg Abteilung für Literatur und Theater: Leitung Julius Bab' Vortragende: Julius Bab — Arthur 'Eloesser — Kurt Waller Goldschmidt — Lutz Weltmann Rezitationsabende: Ludwig Hardt — Edith Herrnstadt-Oetlingen Abteilung für Musikwissenschaft: Dr. Anneliese Landau — Dr. Allred Einstein Abteilung für Kunstgeschichte: Dr. Max Osborn — Hedwig Fechheimer — Prof. E. Spiro Interessengemeinschaft mit der Freien Jüdischen Volkshochschule Auskünfte und Informationsmaferial gibt das Bundesbflro, Berlln-Charlottenburg 4, ' Mommsenstrafje 56, J 1 Bismarck 471

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